Wenn die Finanzblase platzt, sollen wieder Arbeitnehmer zahlen
Ein Kommentar von Rainer Rupp.
Hunderte Milliarden Dollar an Schulden, undurchsichtige Geschäfte zwischen KI-Firmen und immer neue Rechenzentren: Der IWF warnt vor gefährlichen Abhängigkeiten. Während Investoren auf historische Produktivitätssprünge wetten, geraten bereits Pensionsgelder in den Risikobereich. Wer zahlt, wenn die Rechnung nicht aufgeht?
Eine Blase, die „kurz vor dem Platzen“ steht
Die künstliche Intelligenz soll die Weltwirtschaft revolutionieren. Doch hinter den glänzenden Versprechen wächst ein Schuldenberg, der selbst erfahrene Finanzaufseher nervös macht. Ein Bericht des Open Markets Institute und des Americans for Financial Reform Education Fund vom 16. Oktober warnt vor einer KI-Finanzblase, die „kurz vor dem Platzen“ stehe. Die Gefahr treffe nicht nur Spekulanten, sondern gerade jene Menschen, die vom Börsenrausch wenig haben: die Pensionsfonds der Beschäftigten, Rentner und letztlich wie die Steuerzahler, die das System vor dem Kollaps retten müssen.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) teilt die Sorge vor einer gefährlichen Korrektur, auch wenn er keinen Crash als Gewissheit betrachtet. Sein Finanzstabilitätsbericht vom Oktober 2026 beschreibt jedoch steigende Verschuldung, konzentrierte Anlagen und ein besonders schwer durchschaubares Geschäftsmodell: die zirkuläre Finanzierung.
Wenn Investoren ihre eigenen Kunden finanzieren
Das Prinzip ist verblüffend einfach. Ein Technologiekonzern investiert in ein KI-Unternehmen. Dieses verpflichtet sich, mit dem erhaltenen Geld Rechenleistungen, Chips, oder andere Dienstleistungen gerade beim Geldgeber einzukaufen. Beim Investor erscheinen Umsätze; beim KI-Unternehmen wächst die Finanzierung. Ob dahinter genügend unabhängige, zahlende Endkunden stehen, bleibt häufig unklar.
Die beiden oben genannten amerikanischen Organisationen warnen deshalb, das System erschwere es Außenstehenden,
„zu erkennen, wie viel echte Umsätze die Technologie hervorbringt“. Es könne „den falschen Eindruck einer starken Nachfrage erwecken“.
Solche Vereinbarungen sind nicht automatisch illegal. Gefährlich werden sie, wenn ein großer Teil des Wachstums auf gegenseitigen Zahlungsversprechen statt auf dauerhaft rentabler Nachfrage beruht.
Der IWF hat dazu eine bemerkenswerte Rechnung vorgelegt: 14 öffentlich bekannte
Transaktionen seit 2023 umfassen rund 300 Milliarden Dollar Eigenkapital, 650 Milliarden Dollar Schulden und 1,4 Billionen Dollar an künftigen Umsatzverpflichtungen.
Diese Größen sind unterschiedliche Kategorien und dürfen nicht zu einem einzigen Schuldenstand zusammengerechnet werden. Zusammen zeigen sie aber, wie eng Geldgeber, Infrastrukturbetreiber und KI-Entwickler miteinander verflochten sind.
Die Kreditmaschine läuft auf Hochtouren
Die fünf großen Rechenzentrumsinvestoren Oracle, Microsoft, Meta, Amazon und Alphabet sollen laut dem KI-Finanz-Analysten Bret Jensen bereits mehr als 1,3 Billionen Dollar bilanzielle Schulden tragen. Er nennt außerdem rund 3 Billionen Dollar außerbilanzielle Zuordnungen und Verpflichtungen.
Diese zweite Zahl ist jedoch keine gleichartige, überprüfte Schuldenposition; sie muss gesondert bewertet werden.
Noch drastischer fällt eine aktuelle Schätzung aus: Nach einer Reuters-Meldung vom 19. Oktober rechnet S&P Global damit, dass sechs führende Infrastrukturkonzerne zwischen 2025 und 2030 mehr als 7 Billionen Dollar Ausgaben für KI-bezogene Anlagen planen. Zugleich warnte eine Ratingagentur vor möglicherweise unzureichend erfassten Schulden außerhalb der Konzernbilanzen.
Das Geld fließt in Rechenzentren, Stromanschlüsse, Kühlung und Chips, die teuer sind und technisch rasch veralten können. Doch mit steigender Verschuldung werden Zinsen zum Problem: Schon ein zusätzlicher Prozentpunkt Finanzierungskosten bedeutet bei 100 Milliarden Dollar verzinslicher Schulden rechnerisch eine Milliarde Dollar mehr Zinsaufwand pro Jahr – sofern die gesamten Schulden entsprechend neu bepreist werden.
Die großen Konzerne verdienen – die KI-Labore verbrennen Geld
Es wäre falsch, sämtliche KI-Unternehmen als Verlustbetriebe zu bezeichnen. Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta erzielen erhebliche Gewinne in ihren bestehenden Geschäftsfeldern. Der IWF betont ausdrücklich die Stärke dieser Kerngeschäfte. Zugleich schrumpfen ihre frei verfügbaren Geldüberschüsse durch die Investitionswelle.
Anders sieht es bei manchen Entwicklern großer KI-Modelle aus. OpenAI und Anthropic werden als hochdefizitär beschrieben. Ein Common-Dreams-Artikel behauptet unter Berufung auf Reuters sogar,
Anthropic habe allein im ersten Halbjahr 2026 80 Milliarden Dollar Nettoverlust verbucht und strebe zugleich einen Gang an die Börse an mit einer außerirdischen Bewertung von 1,5 Billionen Dollar.
Bei all dem bleibt jedoch die entscheidende Frage: Wann werden aus den enormen Zahlen von KI-Nutzern ausreichende KI-Gewinne für die Unternehmen, um die gigantischen Kosten für den Bau der Anlagen, den enormen Energieverbrauch, für die superteuren neusten Chips und deren Ersatz und nicht zu vergessen, den Schuldendienst zu hohen Zinsen zu finanzieren?
Was passiert, wenn die versprochene KI-Produktivitätsrevolution ausbleibt?
Der Ökonom Dean Baker, Mitbegründer des Center for Economic and Policy Research, zweifelt an den euphorischen Erwartungen.
„Bis heute gibt es keine Belege dafür, dass KI den erhofften außergewöhnlichen Produktivitätsschub auslösen wird“.
Bisher verlaufe das Produktivitätswachstum bestenfalls im bisherigen Trend.
Seine Warnung ist drastisch: Bleiben die „gewaltigen Produktivitätsgewinne“ aus, dann drohe „mit ziemlicher Sicherheit ein Börsencrash“. KI könne durchaus wirtschaftlichen Nutzen bringen. Aber
„zwischen nützlicher Technologie und rentabler Investition liegen oft Billionen Dollar – und viele Jahre“,
so Baker.
Jetzt geraten auch die Renten in Reichweite
Besonders heikel wird der Boom dort, wo er auf Altersvorsorge trifft. Es gibt belastbare Hinweise auf Risiken für Pensionsfonds, allerdings keinen Beleg dafür, dass alle KI-Firmen nun gezielt und unmittelbar die Rentenkassen anzapfen. Die Finanzierung läuft häufig indirekt über Infrastruktur- und private Kreditfonds, an denen institutionelle Anleger beteiligt sind.
Die Europäische Zentralbank warnte 2026, dass Verluste bei privaten Kreditinvestitionen auch Versicherer und Pensionsfonds treffen könnten. In einem schweren Stressszenario wurden bei Pensionsfonds mögliche Wertverluste von fünf bis sechs Prozent genannt – für den betroffenen Anlagebereich, nicht als Vorhersage eines allgemeinen Rentenverlusts. Am 22. Oktober forderte die britische Rentenaufsicht die Verantwortlichen ausdrücklich auf, versteckte KI-Risiken in ihren Portfolios durch Stresstests zu prüfen.
Damit könnte ein Platzen der Blase Menschen treffen, die niemals eine KI-Aktie gekauft haben. Verluste könnten über Altersvorsorge, Arbeitsplätze und die allgemeine Konjunktur weitergereicht werden.
Keine Neuauflage der Bankenrettung von 2008
Maya Jenkins, Mitautorin des amerikanischen Warnberichts, bringt die soziale Gefahr auf den Punkt:
„Wenn sich nichts ändert, werden die arbeitenden Menschen für einen KI-Crash einen hohen Preis zahlen.“
Ihr Kollege Matthew Scherer warnt, Beschäftigte könnten ihre Stellen verlieren und Familien ihre Altersersparnisse dahinschmelzen sehen.
Die Autoren verlangen deshalb, gescheiterte KI-Unternehmen nicht wie Banken nach dem Immobiliencrash 2008 mit Steuergeld künstlich am Leben zu erhalten. Hilfen sollten an Arbeitnehmer, Haushalte und betroffene Gemeinden gehen – nicht an Manager und Geldgeber, die das Risiko eingegangen sind.
Das ist die entscheidende politische Frage hinter dem technischen Zukunftsrausch: Wer kassiert die Gewinne, wenn die Billionenwette aufgeht? Und wer bezahlt die Rechnung, wenn sie scheitert?
Eine Produktivitätsrevolution, die erst mit fremdem Geld finanziert und anschließend mit den Renten und Steuern der Bevölkerung abgesichert werden muss, wäre vor allem eine Revolution der Risikoverteilung.
Quellen und Anmerkungen
- Brad Reed, Common Dreams, „Working People Will Pay a High Price“: https://www.commondreams.org/news/ai-bubble-no-bailout
- Brad Reed, Common Dreams, „IMF Warns of Debt-Fueled AI Spending“ (13. Oktober 2026): https://www.commondreams.org/news/ai-bubble-imf-warning
- IWF, Global Financial Stability Report, Oktober 2026: https://www.imf.org/en/Publications/GFSR/Issues/2026/10/13/global-financial-stability-report-october-2026
- IWF, Kapitel 1, Finanzierungsverflechtungen: https://www.elibrary.imf.org/display/book/9798229055673/CH001.xml
- Reuters, S&P-Warnung vom 19. Oktober 2026: https://www.reuters.com/business/top-hyperscalers-likely-have-more-ai-linked-debt-than-now-known-sp-global-warns-2026-10-19/
- Reuters, britische Rentenaufsicht, 22. Oktober 2026: https://www.reuters.com/legal/legalindustry/uk-regulator-urges-pension-trustees-stress-test-over-ai-concentration-risk-2026-10-22/
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: KI-Technologie-Blasenkonzept Chip Börsencrash künstliche Intelligenz Chip in einer Blase mit Börsenkarte
Bildquelle: jira pliankharom / Shutterstock.com
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