Die Angst-Konkurrenz

Wer ist böser: Virus oder Russe?

Von Uli Gellermann.

Mit Angst lässt sich gut regieren: Wer starr vor Angst ist, dem fehlt die Kraft zur Opposition. Hofft die Herrschaft. Wer Angst um sein Leben hat, der ist schon froh, dass er überhaupt lebt. Da ist die Frage nach dem Wie des Lebens zweit-oder gar drittrangig. Zwar steigen die Preise kräftig, aber von Tarif- und Lohnkämpfen ist nicht viel zu hören. Den DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann kennt kaum jemand. Ja, wenn der was zum Virus sagen würde, dann hätte er ein Medien-Publikum. Auch wenn er endlich seine Angst vorm Russen bekennen würde: TV-Sender und Zeitungen würden gern berichten. Denn Angst macht Medien-Umsatz.

Corona-Meldung könnte sich als regierender Angstfaktor abnutzen

Die alltägliche Corona-Meldung könnte sich als regierender Angstfaktor abnutzen. Das lässt Politprofis wie Olaf Scholz nicht ruhen, er will eine „Verletzung europäischer Grenzen“ nicht hinnehmen. Zwar gibt es zur Zeit keine wirklichen Grenzverletzer, aber der Pawlowsche Medien-Konsument weiß schon, um wen es geht: Um den Russen. Der wird in deutschen Medien geradezu angebettelt, er möge doch endlich mal die Grenze zur Ukraine verletzen. Bitte! Schließlich hat die Tagesschau, das ultimative Organ der Vorkriegszeit, berichtet: „Die NATO-Staaten bereiten sich auf einen möglichen Einmarsch Russlands in die Ukraine vor.“ Das machen die Russen jetzt seit Monaten: Den Einmarsch in die Ukraine vorbereiten. Nicht wirklich, aber in den deutschen Medien.

Omicron-Virus: „Stay Calm, Don’t Panic“

Der Russe hat einen echten Angst-Nachteil gegenüber dem Virus: Er ist dinglich, Teil der materiellen Wirklichkeit. Man könnte ihn im Notfall auf Satellitenbildern erkennen. Und auf diesen Bildern tut sich nichts. Was machen die deutschen Medien? Noch regelmäßiger Corona-Inzidenz-Zahlen melden. Die sind komplett virtuell. Außer, wenn sich die Chefin der South African Medical Association, Dr. Angelique Coetzee, zum Omicron-Virus meldet: „Stay Calm, Don’t Panic“. So viel Englisch kann sogar Annalena Baerbock: Frau Coetzee warnt vor Hysterie und Überreaktion, das Virus sei nichts besonderes: “don’t hype it up”. Was macht der deutsche Redakteur in diesem tragischen Fall? Er bringt die Nachricht einfach nicht.

Ukrainischer Botschafter fordert deutsche Führungsrolle

Für irgendwelche medizinischen Ausländer hat der deutsche Redakteur weder Zeit noch Platz. Er muss unbedingt Zeit und Platz für den ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk einräumen. Denn der fordert eine „deutsche Führungsrolle“ und Waffen im Ukraine-Konflikt. Ja, wenn diese Frau Coetzee dem Herrn Lauterbach eine Führungsrolle anbieten und gute deutsche Spritzstoffe anfordern würde. Aber die Sitten in Südafrika sind streng: Man würde dort der Medizinerin dringend zu einer Psycho-Therapie raten und sie ablösen. So bleibt uns der untherapierte Herr Lauterbach erhalten und der deutsche Spritzstoff geht weiter in deutsche Arme.

Man hält Putin für blöd

So verbissen wie die Medien gute Nachrichten aus Südafrika verbieten, so gern verbeissen sie sich in schlechte Nachrichten aus der Ukraine. Lässt doch die Sendung „tagesthemen“ den notorischen ukrainischen Botschafter tatsächlich eine Beitrittsperspektive seines Landes für die EU fordern: “Das würde auch Putin nicht provozieren, das ist ein Wirtschaftsbündnis.“ Man hält Putin für blöd. Denn im Artikel 42 des Lissabon-EU-Vertrags ist unmissverständlich formuliert: „Die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik (der EU) ist integraler Bestandteil der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik.“ Man schreibt sogar, dass die EU-Truppen auch „Missionen außerhalb der Union“ durchführen können. Aber wahrscheinlich kann Putin nicht lesen und kennt auch keinen, der das kann.

Angst lohnt sich.

Die Frage „Wer ist böser, der Russe oder das Virus?“ ist nicht entschieden. Die Frage für was und wen deutsche Medien arbeiten, ist längst beantwortet: Der Umsatz auf dem deutschen Pharmamarkt belief sich 2020 auf rund 49,5 Milliarden Euro. Der Rüstungshaushalt der Bundesrepublik wird in diesem Jahr auf 50,3 Milliarden steigen. Er wird ungeschmälert der Rüstungsindustrie zugute kommen. Angst lohnt sich.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Dieser Artikel erschien zuerst am 25. Januar 2022 auf dem Blog Rationalgalerie.

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Bildquelle: Haris Mm / shutterstock

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Kommentare (4)

4 Kommentare zu: “Die Angst-Konkurrenz

  1. Ich freue mich täglich über Russland und seine Großartigkeit einen dummen Stier klug an den Hörnernzu packen. Meine Hoffnung: Mittels einer global bewirkten JewSA/NATO-Flugverbotszone, vorbeugende russische Notwehr, kommen bald die Unterschriften unter das Ultimatum.

  2. Peter Wuttig sagt:

    Da ging ja in den letzten Tagen viel hin und her in der Ukraina-Frage. Die Behauptung, die monatelang aufrecht erhalten wird, dass Russland die Ukraine angreifen wolle und das plötzliche statement des ukrainischen Verteidigungsministers, dass es keine Gefahr seitens Russlands geben würde, haben mich stutzig gemacht. Ich denke, man hat seitens der Ukraine erwogen eine Großoffensive gegen den Donbass zu starten. Das hätte wohl zur folge gehabt, dass Russland nicht tatenlos zusieht. Um das zu verhindern, hatte man eine Kampagne gestartet mit den wohlbekannten anschuldigungen gegen Russland um vorbeugen ausschließen zu wollen, dass Russland in den damit entstehenden Konflikt eingreift, Russland hätte dann die Wahl gehabt, entweder denen, die das behauptet haben, Recht zu geben und damit auch die Weltgemeinschaft gegen sich aufzubringen, einen 3. WK zu riskieren oder die Füße still zu halten. Nun gab es aber vor einigen Tagen ein Telefonat zwischen Putin und Biden, in dem Putin klar gemacht hat, dass seine Atomraketen auch nur 5 min benötigen um die USA zu erreichen, falls US amerikanische in der ukraine stationiert werden sollten – das muss wohl Eindruck gemacht haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass die USA die Ukraine zurück gepfiffen hat, was eben auch das plötzliche Statement des ukrain. Außenministers erklären würde – wenn es einen Plan der Ukraine gab den donbass anzugreifen, so denke ich, ist er kürzlich gecancelt worden.

    • Das wäre ja schön fast zu schön, um wahr zu sein.

      Irgendwann in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres hat der chinesische Verteidigungsminister angeboten, mal einen US-amerikanischen Flugzeugträger zu versenken., weil die USA nur die Sprache der Stärke verstehen. Hat er so gesagt.
      Seitdem habe ich nichts mehr von militärischen Drohgebärden der Amerikaner im Gelben Meer gehört.

      Zwischenzeitlich habe ich aber den Präsidenten der Russischen Föderation insgeheim angefleht, seinem amerikanischen Amtskollegen mal einen atomaren Erstschlag zu offerieren, damit vielleicht endlich auch hier Ruhe im Karton einkehrt.
      Herr Putin hat anscheinend nicht nur mein Flehen erhört, sondern auch den klügsten Weg gewählt, die Botschaft zu übermitteln…

      Vielen Dank, Herr Wuttig, für die gute Nachricht! Ich möchte nichts lieber glauben als dies!

  3. Das Leben heute ist zu leicht, keine Herausforderung, keinen Sinn für die Meisten und produktive Ängste sind Erfundenen gewichen.
    Evolution funktioniert aber noch, sie braucht halt Zeit.

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