Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Extremistische Fanatiker erkennt man nicht nur an der Radikalität ihrer Mittel, sondern vor allem an der Struktur ihrer Wahrnehmung: Jede Information, die die eigene Position stützt, wird verarbeitet; jede, die sie erschüttert, wird gar nicht erst registriert. Außenminister Johann Wadephul liefert dafür derzeit das Lehrbuchbeispiel – nicht als Ausnahme, sondern als Symptom einer Regierungsklasse, die dieselbe Wahrnehmungsstruktur teilt.
Am 6. September 2026 wählte Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Das Ergebnis war ein Erdbeben: Die AfD verdoppelte ihren Stimmanteil auf 43,8 Prozent, ihren höchsten Wert bei einer Landtagswahl überhaupt. Die CDU stürzte auf ein historisches Tief von 17,2 Prozent – halbiert gegenüber der letzten Wahl. Die Wahlbeteiligung lag bei rekordverdächtigen 77,8 Prozent. Das ist kein Randphänomen und keine Verirrung einzelner Wählerschichten, sondern ein deutliches Urteil derjenigen, die überhaupt noch zur Wahl gehen.
Ein Ergebnis dieser Größenordnung müsste eigentlich zur Selbstprüfung zwingen: Hat die eigene Politik – Kriegskurs, Aufrüstung, sinkender Lebensstandard – etwas mit diesem Votum zu tun?
Genau diese Frage taucht im Wahrnehmungsapparat der Regierenden nicht auf. Stattdessen, so Wadephul im Ronzheimer-Podcast (9.9.2026), habe der russische Außenminister Sergej Lawrow seine Äußerungen zu angeblichen deutschen Kriegsabsichten – im Zusammenhang mit dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle – bewusst am Wahltag platziert, um „für weitere Verunsicherung zu sorgen".
Und weiter: Russland verfolge ein „Muster", Deutschland zu verunsichern – mit Sendern wie RT, mit Bots, mit Cyberangriffen.
Die Möglichkeit, dass 43,8 Prozent der sächsisch-anhaltinischen Wähler ihre Stimme aus eigener, nicht verunsicherter Überzeugung abgegeben haben könnten, existiert in dieser Logik schlicht nicht. Es wird nur Manipulation von außen unterstellt, nicht Resonanz auf eine Politik, die im Inneren zunehmend als lebensfeindlich empfunden wird.
So offenbart sich ein Betriebssystem, das diese Klasse trägt und das in vier Schritten arbeitet:
Spaltung der Welt in Regierende, die per definitionem im Recht sind, und Wähler, die es noch nicht verstanden haben oder – schlimmer – manipuliert wurden;
Bewertung jeder abweichenden Informationsquelle, ob RT oder AfD, als potenziell verfassungsfeindlich oder hybride Bedrohung;
Legitimation der eigenen Deutungs- und Sanktionsmacht aus eben dieser Bewertung heraus; und schließlich die
Sanktionierung selbst – RT-Diffamierung, Kontensperrungen, Verbotsprüfungen, ein neu zugeschnittenes Geheimdienstgesetz – als konsequente Fortsetzung. Jeder Schritt bestätigt den vorherigen, keiner wird von außen korrigiert.
Ein geschlossenes, selbstimmunisierendes System moralischer Gewissheit, wie man es sonst bei Sekten oder militanten Bewegungen erwartet.
Wie selbstverständlich dieses System inzwischen operiert, zeigt sich an zwei weiteren Passagen desselben Podcast-Auftritts. Zum einen die Rüstungslogik: Deutschland leiste viel militärische Unterstützung für die Ukraine, erwarte im Gegenzug aber, dass bei deutschen Rüstungskonzernen gekauft werde – zur Sicherung der „deutschen Wertschöpfung", damit sich die Hilfen vor den Steuerzahlern rechtfertigen ließen. Eine Klasse, die am Krieg verdient, muss ihre Beteiligung als nationalen Wohlstandsgewinn verkaufen – der Krieg ernährt eine Klasse, und so formuliert sie die Bedingungen ihrer eigenen Bereicherung als Solidaritätspflicht des Bündnispartners.
Zum anderen die Forderung, Deutschland besitze über Aufenthaltsstatus und Sozialleistungsbezug Daten wehrfähiger ukrainischer Männer im Exil und könne helfen, diese zu kontaktieren und zur Rückkehr – de facto: zur Front – aufzufordern. Der Zugriff auf fremde Körper über die eigene Verwaltungsmaschinerie wird zur selbstverständlichen Verhandlungsmasse, sobald man sich moralisch im Recht wähnt.
Der wesentliche Unterschied zwischen dieser Klasse und klassischen Fanatikern liegt darin, dass sie über den Staatsapparat verfügt. Ihre selektive Wahrnehmung betrifft deshalb keine Randgruppe, sondern wird zur Verwaltungsgrundlage einer ganzen Republik. Wer die eigene Politik nicht mehr korrigieren kann, weil ihm die Fähigkeit fehlt, ein Rekordwahlergebnis überhaupt als Kritik wahrzunehmen, dem bleibt am Ende nur die immer offenere Repression – nicht als neue Wendung, sondern als letzte verbliebene Steigerungsstufe eines Systems, das sich selbst jede andere Rückmeldung verboten hat.
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Bildquelle: EUS-Nachrichten / shutterstock
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Quellen:
RT DE (9.9.2026); t-online, „Wadephul an Lawrow: Ausdruck von Verzweiflung" (8.9.2026); ZDFheute, „Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD liegt klar vor CDU" (6.9.2026); Wikipedia, „Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026"
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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