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Der taumelnde Hegemon | Von Dirk Ellerbrock

Der taumelnde Hegemon | Von Dirk Ellerbrock

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Es gibt einen Moment, an dem eine Führungsschicht aufhört, Politik zu machen, und beginnt, nur noch zu reagieren. Dieser Moment lässt sich an der US-Iran-Konfrontation der vergangenen Wochen exemplarisch ablesen – nicht als Ausdruck besonderer Bösartigkeit, sondern als Symptom eines strukturellen Unvermögens: Washington ist nicht mehr in der Lage, die geopolitische Realität, in der es sich bewegt, überhaupt korrekt zu erfassen. Dieser Erkenntnisausfall ist nicht zufällig. Er ist systemisch produziert – durch eine außenpolitische Blase, die seit dem Ende des Kalten Krieges nur noch sich selbst bestätigt, durch Think Tanks, die Auftragsanalysen liefern, und durch Geheimdienstberichte, die das Bild des Feindes so lange zurechtschleifen, bis es ins eigene Raster passt. Die Überraschung über Irans Resilienz ist keine operative Panne, sondern ein epistemologischer Betriebsunfall. Was von außen wie ein kohärentes Eskalationsprogramm aussieht, ist bei genauerem Hinsehen die Aneinanderreihung gescheiterter Versuche, mit den Instrumenten einer vergangenen Weltordnung eine Gegenwart zu bearbeiten, die längst nach anderen Regeln funktioniert.

Am deutlichsten zeigt sich das im doppelten Versuch, die Führung der iranischen Revolutionsgarden über Hinterkanäle – einmal über Pakistans Feldmarschall Asim Munir, einmal über die kurdische Autonomieregion im Nordirak – direkt zu kaufen. Das Modell dahinter ist erkennbar: dasselbe, das in Venezuela funktioniert hat, dort, wo eine klientelistisch organisierte Elite sich traditionell über materielle Anreize steuern lässt. Doch die IRGC ist keine Armee im westlichen Sinne, sondern eine parallele Staatsstruktur mit eigener Ökonomie, eigener Außenpolitik und einem Gründungsmythos, der sich nicht aus Gehältern, sondern aus dem „Widerstand gegen die globale Arroganz" speist. Wer diese Formation kaufen will, muss nicht Geld, sondern Bedeutung anbieten – und das kann Washington nicht, weil es selbst nicht versteht, was Bedeutung in diesem Kontext heißt. Dass der Versuch scheitert, ist kein Zufall, sondern die Konsequenz eines Kategorienfehlers: Man verwechselt eine Gesellschaftsformation mit einer anderen, weil man außerhalb der eigenen historischen Erfahrung nichts anderes zu erkennen vermag.

Dieselbe Unfähigkeit zur Lageeinschätzung zeigt sich auf der ökonomischen Ebene. Die neue Strategie, den Iran über eine vollständige Kappung der Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten wirtschaftlich zu ersticken, ignoriert, dass dieselbe Führung in Abu Dhabi wenige Tage zuvor Bargeld und Gold nach Teheran verschifft hat. Die öffentliche Bruchgeste und die diskrete Kontinuität existieren nebeneinander, weil die Golfstaaten längst gelernt haben, gegenüber einem unberechenbaren Hegemon eine Frontstellung zu performen, ohne die eigenen Interessen tatsächlich aufzugeben. Washington aber liest die Proklamation als Erfolg – und übersieht, dass sein eigener Vasall es längst nicht mehr für nötig hält, ihm die Wahrheit zu sagen.

Auch die materielle Ebene entzieht sich der imperialen Zugriffslogik. Die Diesel- und Kerosinknappheit, die inzwischen vor allem Europa trifft, ist keine politisch verhandelbare Blockade, sondern die Folge einer technischen Kopplung: Bestimmte Raffinerien sind für eine bestimmte, schwefelhaltige Golf-Rohölsorte gebaut und lassen sich nicht beliebig umstellen. Eine Führungsschicht, die geopolitische Konflikte in erster Linie als Verhandlungs- und Drohszenarien denkt, hat keine Kategorie für eine Krise, die sich aus der schlichten Physik von Infrastruktur ergibt – und wird von ihr überrascht, obwohl sie im April bereits angelegt war. Weil die materielle Sphäre nicht mehr verhandelbar ist, flüchtet sich die Politik in die einzige Sphäre, die ihr noch vertraut ist: die der reinen Machtdemonstration.

Wo die politischen und ökonomischen Hebel versagen, bleibt die Drohung mit taktischen Atomwaffen als letztes verfügbares Register. Dass diese Option in informellen Kreisen des Weißen Hauses überhaupt diskutiert wird, ist weniger Ausdruck von Stärke als von Erschöpfung des eigenen Instrumentenkastens: Wenn Bestechung scheitert und Aushungern nicht greift, bleibt nur noch die Drohgebärde – und die Tatsache, dass sie ernsthaft erwogen wird, zeigt, wie weit sich die Führungsebene von jeder rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung bereits entfernt hat.

Selbst die eigenen Bündniskonstruktionen tragen diese Rissigkeit in sich. Der sunnitische Verteidigungspakt, den Riad als regionales Absicherungsinstrument gedacht hatte, erweist sich als das Gegenteil eines automatischen Beistandsmechanismus: Pakistan und die Türkei signalisieren unmissverständlich, dass sie sich nicht in Saudi-Arabiens selbstverschuldeten Jemen-Konflikt hineinziehen lassen – während sich dieselbe Türkei zugleich in einer möglichen Konfrontation mit Israel wiederfindet, bei der ausgerechnet Pakistan Beistand signalisiert. Damit bestätigt sich, was sich bereits in Syrien, in Libyen und am Horn von Afrika abzeichnet: Die Ära fester Blockbindungen ist vorbei. Selbst formelle Verteidigungspakte werden heute als Optionen gehandelt, nicht als Verpflichtungen. Washington aber denkt noch in Kategorien von 1955 – und verrechnet sich deshalb systematisch bei der Mobilisierung seiner „Partner".

All das ergibt in der Summe kein Bild strategischer Absicht, sondern eines fortschreitenden Kontrollverlusts über die eigene Wahrnehmung. Ein Hegemon, der Klientelbeziehungen mit Souveränität verwechselt, öffentliche Rhetorik mit realer Faktenlage und verhandelbare Drohgesten mit belastbaren Bündnissen. 


Dieser Hegemon taumelt nicht, weil ihm die Mittel fehlen – er taumelt, weil er die Landkarte verloren hat, auf der sich Mittel überhaupt sinnvoll einsetzen ließen. Und wer keine Landkarte mehr besitzt, irrt nicht nur; er wird irgendwann nicht einmal mehr bemerken, dass er längst im Kreis geht – und hält die eigenen Spuren für die des Feindes.

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Bildquelle: Andreas von Mallinckrodt / shutterstock

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Quellen:

  • The New York Times: Berichterstattung zur US-iranischen Pattsituation, Juli 2026.
  • Carnegie Council for Ethics in International Affairs: Analyse zum Vergleich der Sanktionsresilienz im Iran und in Venezuela, Juni 2026.
  • Jerusalem Post: Strukturanalyse der Revolutionsgarden (IRGC) als parallele Staatsformation, Juli 2026.
  • la diaria (Uruguay): Interview mit Iran-Experte Ali Alfoneh zur Militarisierung des iranischen Systems, Juli 2026.
  • Neue Zürcher Zeitung: Bericht zur Aussetzung des Handels mit den VAE und zur Rolle Abu Dhabis, Juli 2026.
  • Arms Control Association / The Guardian: Berichte zur Debatte über taktische Atomwaffen im Pentagon, Juni/Juli 2026.

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