Der Künstler heute – Domestik des Neofeudalismus | Von Bernd Lukoschik

Der Künstler im Feudalismus war gar kein Künstler. Von uns aus gesehen wohl, weil er „Kunstwerke schuf“ – aber „Kunstwerke schuf“ ist selbst eine Begrifflichkeit, die von uns herrührt.

Ein Kommentar von Bernd Lukoschik.

Der „Künstler“ damals war bloß ein einfacher Dienstmann, ein Domestik,sonst nichts, zugegeben mit besonderer Qualifikation.

Der Musiker oder Komponist etwa war ein ganz einfacher Handwerker, der nicht „Kunstwerke schuf“, sondern „akustische Gebrauchsgüter herstellte“.

Als Domestik und Inventar des fürstlichen Hofs war er natürlich völlig auf seinen Dienstherrn ausgerichtet. Ein Treueverhältnis band ihn an Letzteren. Und das Treueverhältnis und damit sein Einkommen, das hieß: Der Herr hatte immer recht, und der Kunsthandwerker hatte sein Möglichstes dazu beizutragen, dass mit seinem Produkt der Dienstherr großartig vor dessen Kollegen dastand: Der Musiker verschönerte das Fest des Fürstenhofs, der Komponist stellte Musikstücke für die besonderen repräsentativen Ereignisse des Herrn her, er begriff sich als musikalisches „Sprachrohr“ seines Herrn.

Wie gesagt, im Nachhinein, für uns, erscheint es dann so, als ob der Komponist Kunstwerke für die Ewigkeit schuf.

Anne-Sophie Mutter

Eine Künstlerin der Gegenwart ist die eminente Geigerin Anne-Sophie Mutter.

Und da wir uns mit großen Schritten hin in den Neofeudalismus bewegen – mit den Geldgrößen und Oligarchen als neuen Fürsten – oder dort gar schon angekommen sind, ist es kein Wunder, dass sich solche „Künstler“ auch nicht mehr nur als Geiger begreifen, sondern ganz zwanglos die klassische Feudalrolle des Domestiken einnehmen. So übernimmt Anne-Sophie Mutter gesellschaftliche Verantwortung (1):

„Ja, ein Künstler muss aufgrund seiner Vorbildfunktion gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.“

Das hört sich doch eigentlich vorbildlich und toll an, fast schon politisch interessiert und politisch engagiert: Im Sinne von: Künstler, raus aus eurer Künstlerbubble (s. Steinmeiers Terminologie) in den Konzertsälen, raus auf die Straße! Was soll daran feudalistisch-domestikenhaft sein?

Interessant wird es, wenn man sich ansieht, in welchem Sinne da die Mutter Verantwortung übernimmt und für wessen Interessen die Musikerin als Sprachrohr dienen will.

„Als Künstler ist man ein Sprachrohr und kann vielleicht diejenigen motivieren, die einen letzten Schubs benötigen, um sich für andere einzusetzen.“

Man erinnert sich: Der erste Mann im Staate forderte neulich das träge Volk auf, endlich mal sozial aktiver zu werden, Solidarität zu üben, zu verzichten usw. Dafür brauchen der Mann und seine Feudalschicht den Motivator, kurz: den Schubser.

Und hier nun schließt sich der Kreis zur Mutter. Sie sieht sich als Schubserin aus den höheren Sphären.

Unterschied zwischen Feudalismus und Neofeudalismus

Haydn, der berühmte Musiker und Komponist im Feudalismus, war Domestik. Aber das war er auch ungebrochen. Er komponierte nicht nur für den Herrn, sondern es war ihm ganz selbstverständlich, auch in anderen Bereichen des Hofes mit anzupacken. Er hielt sich also nicht für etwas Besseres, sondern begriff sich wirklich nur als Fachmann und Handwerker in Sachen Musik, dem kein Zacken aus der Krone fiel, wenn er auch andere Domestikenarbeit am Hofe leisten musste. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, als Musiker zu meinen, er müsse sich nicht in die niederen Arbeitssphären begeben.

Anders Anne-Sophie Mutter. Und damit kommen wir zu einem besonderen Zug des heutigen Neofeudalismus. Sie hält sich – ganz im Sinne des romantischen Künstlerimage eines Liszt oder Paganini und Geniekults der frühbürgerlichen Kunstszene – für etwas ganz Besonderes und aufgrund ihres höheren Ursprungs und Seins automatisch für Motivations-, Management- und Führungspositionen qualifiziert.

Sie will schubsen, damit andere arbeiten. Den letzten ideologischen Kick geben, damit die da unten praktische Solidarität üben.

„… die einen letzten Schubs benötigen, um sich für andere einzusetzen.“

Man höre in die Worte hinein und spüre die unsägliche sonderbare Mischung aus Arroganz und Unterwürfigkeit der Neuzeitdomestikin heraus:

Anmaßung/Unterwürfigkeit Nr. 1: Mutter weiß, da „benötigt“ jemand einen Schubs – benötigt, weil es also nötig ist. Woher weiß sie, dass es nötig ist, wo sie doch nur eine Fachkraft in Sachen Geigen ist. Sie weiß es, weil sie auf ihren Dienstherrn starrt und dessen Vorgaben blindlings übernimmt, eben wie es sich für den Domestiken gehört.

Anmaßung/Unterwürfigkeit Nr. 2: Mutter übernimmt das Feudalweltbild des „die da oben, die da unten, ich dazwischen“. Und „sie dazwischen“ hat den Job, denen da unten den nötigen Schubs zu verabreichen. Als Domestikin tut sie den Job natürlich gehorsam.

Anmaßung/Unterwürfigkeit Nr. 3: Mutter hinterfragt nicht, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass plötzlich – eigentlich schon seit Längerem – die einen unten verstärkt sich für die anderen unten einsetzen müssen bzw. einsetzen zu müssen scheinen. Sie fragt keinen Moment nach. Wieder starrt sie auf ihren Fürsten und plappert als sein Sprachrohr und Verstärker einfach alles nach.

Und zu guter Letzt …

Benefizkonzerte wie ihr Auftritt für die Ukraine seien zwar „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, so die Musikerin, „aber das ist besser als nichts.“

Das ist eine Frage, die eigentlich zu Anfang gestellt werden sollte: Warum kann ein Benefizkonzert überhaupt einen Schubser geben? Wie kann Musik zur Ukrainehilfe motivieren? Ist Musik die geeignete Sprache, einen Krieg mit der Lieferung von Waffen und der Verhängung von Sanktionen aufrechtzuerhalten? Denn darauf läuft doch bei uns heutzutage ein Auftritt „für“ die Ukraine hinaus!

Quelle:

(1) Anne-Sophie Mutter: Künstler haben Verantwortung, Zeit online (abgerufen am 4.8.2022)

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Liv Oeian / shutterstock

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Kommentare (11)

11 Kommentare zu: “Der Künstler heute – Domestik des Neofeudalismus | Von Bernd Lukoschik

  1. Andreas I. sagt:

    Hallo,
    Künstler sind ein Teil der Gesellschaft (wie Mediziner, wie Juristen auch Teile der Gesellschaft sind).
    Wenn die Gesellschaft normopathisch ist, dann sind Künstler genauso normopathisch, d.h. die Psyche funktioniert nur sehr eingeschränkt, aber wenn das "bei allen" (bei der Mehrheit) so ist, wird das als normal angesehen.
    (wie Mediziner, wie Juristen … )

  2. wasserader sagt:

    Die Kunst ist instrumentalisiert wie zu Sovietzeiten.
    Da wird die falsche Moral an den Pranger gestellt oder der Künstler, wenn er sich den politischen Vorgaben nicht unterwirft er an den Pranger gestellt wird.
    Finanziert wird was der Ideologischen Zielsetzung dient und der angediente Künstler wird dann noch in dieses perfide "(gratis!) arbeiten für das Gute" gedrängt.
    Aktuell ist die auch von Künstlern erzwungene Distanzierung von Putin ein gutes Beispiel für den makaberen Zustand von Politik & Kultur.
    Nicht zufällig hängen von Kunstuniversitäten Plakate mit "Kampf gegen Rechs" oder "we stand with Ukraine".
    Von einer seit der Renaissance mühsam errungen Freiheit der Kunst ist noch in schönen Reden zu hören aber in der Realität existiert diese Freiheit der Kunst nicht (mehr).

  3. Ursprung sagt:

    Lukoschik hat gefuehlt historisch Recht. Fuer Ukraine-Nazis ein "Benefiz-Konzert" zu geben, wenn es tatsaechlich sowas gab, ist der Gipfel einer Verbloedung. wie es Spezialistenhirnen ja oefter passieren soll.
    Ich fragte mal einen befreundeten Kumpel, der sich auch mit Grafiken und Malereien nebenbei durcha Leben schlug, warum er so grell rot nachcoloriere. Was er damit meine?
    Gar nix, meinte er, er koenne rot und gruen halt schlecht auseinanderhalten.
    Wie er das dann als gelegentlicher Kfz-fahrer mache, fragte ich ihn. Antwort: rot haengt woanders als gruen.
    Er hatte sich noch weit vor Ende senes Lebens eine wertvolle und bar bezahlte Segelyacht zusammengemalt. Vorher war das sein Lebenstraum gewesen. Wenn Kuenstler zugleich Lebenskuenstler sind und mit Blick fuers moralisch Angemessene sind, ist das total o.k.
    Bei dieser Frau Mutter auch?

  4. Gründe, warum man das Selenskij-Regime nicht mit Geld, Waffen und militärischer Ausbildung unterstützen sollte:

    – weil es den Krieg provoziert hat, indem es die Ostukraine stark bombardiert hat und indem es die russischsprachigen Ukrainer diskriminiert hat.
    – weil das westukrainische Militär zum Teil aus russenhassenden Nazis besteht.
    – weil es mittels Wehrpflicht die Ukrainer in einen aussichtslosen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner zwingt, d.h. seine Soldaten unnötig verheizt.
    – weil es auf Kosten Deutschlands Wirtschaftskrieg gegen Russland führen will und z.B. Kanada aufgefordert hat, ein wichtiges Ersatzteil für die Nordstream-1-Pipeline nicht wieder herauszugeben.
    – weil es die ukrainische sozialistische Oppositionspartei, die sich für Frieden eingesetzt hat, verboten hat.
    – weil es oppositionelle Medien verboten hat.
    – weil die Ukrainische Armee auch zivile Objekte beschossen hat oder ins Visier genommen hat wie z.B. Brücken, Ölplattformen und zivile Objekte als Schutzschild missbraucht hat.
    – weil es nicht Frieden und Deeskalation beabsichtigt.
    – weil man mit mehr Waffen keinen Krieg deeskaliert, sondern vielmehr Öl ins Feuer gießt.

    Leider wissen dies die meisten nicht, da die meisten Massenmedien dies verschweigen/verdecken.

  5. smihca sagt:

    Bitte beziehen Sie wenn dann alles einzig und allein auf Frau Mutter, wenn nötig. Ich kenne den Hintergrund für ihr Verhalten nicht, aber auf uns alle Künstler so einen Quatsch zu kleben ist eine Frechheit und Unsinn. Es ist wie auf die Tapete starren und Gesichter zu erkennen.

  6. Reinhardas sagt:

    Ich fühle mich in die Propaganda- Zustände der DDR zurückversetzt.
    Nach der nächsten Wende wird diese Künstler niemand mehr hören wollen.
    Ich persönlich schon jetzt nicht.

    • Pexus sagt:

      Zu DDR-Zeiten hätten die Namen der folgenden Künstler auf der Liste #ichhabemitgemacht notiert gewesen sein müssen:
      Pudys, Karat, Monika und Klaus-Dieter Henkler, Kurt Masur, Peter Schreyer, Werner Tübke und unzählige weitere Künstler. Nach der unsäglichen Konterrevolution und dem bereitwilligen Überlaufen der meisten der DDR-Bürger unter westdeutsche Knute wurden die Werke obengenannter Künstler von den Meisten weiter kritiklos konsumiert.

  7. Pexus sagt:

    Was wurde sich über die Künstler in der DDR aufgeregt, diese seien staatshörig und heulten mit den Wölfen. Und nun? Grönemeyer – heult mit den "Corona"-Stuss-Zeit-Wölfen. Und von der Sorte Grönemeyer gibt es noch viele "Künstler" mehr. Eigentlich soll Kunst und sollen die Künstler _nicht_ mit den Staats-Wölfen heulen, mit dem selbsternannten Establishement. Doch sie tun's und das finde ich kriminell. Diese Künstler sind verantwortungslos und im Grunde genommen auch nur Narzissten, allerdings welche mit einer (pseudo-)künstlichen Ader.

  8. Parkwaechter sagt:

    Es ist traurig, dass die Kunst gerade jetzt, wo wir sie so dringend bräuchten, dermaßen versagt.

    Wie auch immer, es gibt sie schon auch, die echte Kunst. Man findet sie abseits aller Scheinwerfer.

    • smihca sagt:

      Sehen Wie, schon sind Sie von diesem unnötigen Artikel angesteckt und behaupten ganz lose und einfach dass die "Kunst dermaßen versagt". Überlegen doch bitte nocheinmal ob das überhaupt stimmt. Vielleicht versagt dieser oder jener Künstler weil man ihn auf einem göttlichen Podium glaubte, aber die Kunst und Künstler versagen ganz gewiss nicht. Wenn es so wäre, befänden Sie sich in einem sehr anderen Zustand der Armut. Es ist aber nicht so. Sehen Sie nur genau hin. Auch für diese Seiten, die ich schätze und fast immer wohlwollend unterschreiben könnte, gilt: selbst denken und dann urteilen. Nicht nachsagen weil es aus einer geliebten Quelle kommt.

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