Die Macht liegt nicht immer dort, wo sie sichtbar wird. BlackRocks Aladdin steuert die Investmentprozesse großer Finanzinstitutionen, Palantirs Gotham verknüpft Daten von Polizei, Militär und Nachrichtendiensten. Doch beide Systeme stehen auf einem Fundament, das ihnen nicht gehört: der Cloud-Infrastruktur amerikanischer Technologiekonzerne. Amazon, Microsoft und Google kontrollieren rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Wer aber die Rechenleistung bereitstellt, bestimmt auch die technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Der dritte Teil der Reihe legt die bislang kaum beachtete Grundschicht digitaler Macht frei – und stellt die Frage, wie souverän Europa tatsächlich sein kann, solange das Fundament seiner digitalen Infrastruktur in fremden Händen liegt.
Ein Meinungsbeitrag von Michael Hollister.
Wer die Rechenleistung stellt, auf der die anderen laufen
Am 01. Dezember 2025 teilte BlackRock mit, seine Investmentplattform Aladdin künftig auch auf den Rechenzentren von Amazon laufen zu lassen. Der größte Vermögensverwalter der Welt nannte es eine Erweiterung der Wahlfreiheit für seine Kunden, Amazon sprach von sicherer, skalierbarer Infrastruktur, und Sudhir Nair, der bei BlackRock das Aladdin-Geschäft verantwortet, sagte den Satz, auf den es ankommt: Die Plattform sei „gebaut, um multi-cloud zu sein“. Als erster großer Nutzer wird Amazons eigene Finanzabteilung genannt; die allgemeine Verfügbarkeit für US-Kunden ist für die zweite Jahreshälfte 2026 angekündigt.
Fünf Jahre früher, im April 2020, war dieselbe Software schon einmal umgezogen - auf die Cloud von Microsoft. Und im selben Jahr beschrieb Microsoft-Chef Satya Nadella auf einer Bühne in Bengaluru, was sein Konzern mit dieser Cloud eigentlich vorhat. Er sagte: „Wir bauen Azure zum Computer der Welt.“
Zwei Sätze, fünf Jahre auseinander, dieselbe Grundfigur. Aladdin, das Betriebssystem der Finanzmärkte, läuft nicht auf eigenem Blech. Es mietet seine Rechenleistung - erst bei Microsoft, jetzt zusätzlich bei Amazon. Und damit ist es nicht allein.
Unter den privaten Betriebssystemen der Macht, die diese Reihe bisher kartiert hat, liegt eine dritte Schicht, die in den Debatten über digitale Souveränität selten vorkommt: die Rechenleistung selbst. Die beiden ersten Teile haben beschrieben, was diese Systeme tun und wem sie gehören - BlackRocks Aladdin, das die Investmentprozesse von über tausend Institutionen trägt, und Palantirs Gotham, das die sensibelsten Daten von Polizei, Militär und Nachrichtendiensten verknüpft. Was beide Teile offengelassen haben, ist die Frage, worauf diese Systeme physisch laufen. Wer sie stellt, die Maschinen und die Netze, stellt den Boden, auf dem alles andere steht. In Europa gehört dieser Boden fast durchweg amerikanischen Konzernen - und das ist kein Nebenaspekt der Souveränitätsdebatte, sondern ihr Fundament, über das am wenigsten gesprochen wird.
Die Frage, die unter den anderen liegt
Die Frage dieses dritten Teils ist einfacher gestellt als beantwortet: Wer stellt die Rechenleistung, auf der die privaten Betriebssysteme der Macht laufen - und was folgt daraus, wenn diese Grundschicht in wenigen Händen liegt und einer fremden Rechtsordnung untersteht?
Teil 3 A beschreibt die Schicht und ihre Eigentümer. Er bleibt zunächst bei den beiden Systemen, die diese Reihe kennt, und fragt, worauf sie technisch ruhen. Teil 3 B wird den Schritt nach Deutschland machen und zeigen, was geschieht, wenn ein Staat seine eigene Verwaltung auf genau diese Schicht baut und die Hülle darüber „souverän“ nennt. Die Trennung ist nicht willkürlich. Sie folgt dem Bau der Sache selbst: zuerst die Ebene, auf der gerechnet wird, dann die Ebene, auf der ein Gemeinwesen entscheidet, wem es sie überlässt.
Es lohnt, bei der Beschreibung genau zu sein, denn die Grundschicht ist unauffällig. Niemand sieht sie im Alltag. Ein Fondsmanager, der mit Aladdin arbeitet, ein Ermittler, der eine Palantir-Oberfläche bedient, ein Sachbearbeiter in einer Behörde - sie alle sehen die Anwendung, nicht das Rechenzentrum, in dem sie läuft. Gerade diese Unsichtbarkeit macht die Schicht interessant. Wo nichts auffällt, wird auch nichts verhandelt.
Zwei Betriebssysteme, eine Erinnerung
Der erste Teil dieser Reihe hat Aladdin beschrieben, die Technologieplattform des Vermögensverwalters BlackRock. Über tausend Organisationen weltweit - Pensionsfonds, Versicherer, Zentralbanken, konkurrierende Vermögensverwalter - betreiben ihre Investmentprozesse auf derselben Software, mit einer Bindungsrate von 98 Prozent über drei Jahre. BlackRock selbst verwaltet rund 13,9 Billionen Dollar, Stand März 2026. Der Begriff, mit dem dieser erste Teil schloss, war kein Bild: Aladdin ist ein Betriebssystem, die Grundschicht, auf der Investmentprozesse laufen, und die Wechselkosten steigen mit jeder Schnittstelle, die eine Institution daran anpasst.
Der zweite Teil hat dieselbe Logik an einem anderen Ort gefunden, im Zwangsapparat des Staates: bei Palantir, dessen Plattform Gotham polizeiliche, nachrichtendienstliche und militärische Daten verknüpft. Das Bundesverfassungsgericht hat Gotham in der englischen Fassung seines Urteils vom 16. Februar 2023 ausdrücklich ein „operating system“ genannt. Auch hier entsteht der Lock-in nicht in erster Linie aus Verträgen, sondern aus dem Umstand, dass die Plattform in die Arbeitsabläufe einer Institution einwächst und sich nicht ohne Weiteres wieder herauslösen lässt.
Wie tief dieses System bereits im deutschen Sicherheitsapparat sitzt und wie umstritten es ist, hat der erste Palantir-Teil gezeigt: Während die bayerische Polizei mit der Plattform rund 39 Millionen Personendatensätze durchsucht, wies die Bundeswehr dieselbe Software als untragbares Sicherheitsrisiko zurück. Zwei Behörden desselben Staates, dieselbe Firma, zwei entgegengesetzte Urteile. Der Streit drehte sich um das Betreibermodell, um eingebettete Ingenieure, die die Plattform warten und dabei potenziell Einblick in das haben, was auf ihr läuft. Was in jener Debatte unausgesprochen blieb, ist die Ebene darunter: Welche Rechenzentren diese Systeme tragen, war kein Thema, obwohl es dieselbe Frage in verschärfter Form ist. Wer Einblick in eine Plattform fürchtet, müsste erst recht fragen, wessen Maschinen sie ausführen.
Der Lock-in ist in beiden Fällen operativ, nicht vertraglich. Er entsteht, weil die Plattform in das Betriebsgefüge einer Institution einwächst, geschulte Mitarbeiter bindet, Datenhistorien und Schnittstellen auf ihre Formate kalibriert und die täglichen Abläufe prägt. Wie schwer der Ausstieg ist, zeigte sich, als die Schweizer Großbank UBS im Juli 2025 einen von der übernommenen Credit Suisse geerbten Aladdin-Vertrag kündigte und Hunderte Fonds auf hauseigene Systeme migrieren musste - der seltene Beweis, dass ein Ausstieg möglich, aber ein Großprojekt ist. BlackRock vermarktet seine Plattform als „Whole Portfolio“-System, als eine einzige Infrastruktur für öffentliche und private Märkte, Analyse, Handel und Berichtswesen. Je vollständiger diese Infrastruktur die Arbeit einer Institution trägt, desto weniger ist sie zu ersetzen.
Zwei Systeme, dieselbe Architektur, derselbe Begriff. Das eine verarbeitet Geld, das andere verarbeitet Verdacht. Beide führen zusammen, was vorher getrennt lag, beide legen ein Modell über die Rohdaten, beide sind Blackboxen für ihre Nutzer. Und beide haben eine Eigenschaft, die der Vergleich im zweiten Teil gestreift, aber nicht ausgeleuchtet hat: Sie besitzen die Maschinen nicht, auf denen sie rechnen. Sie laufen auf etwas. Dieses Etwas ist der Gegenstand dieses Teils, und es ist die am wenigsten sichtbare und zugleich am schwersten ersetzbare Ebene des ganzen Gebildes.
Aladdin auf fremder Rechenleistung
Am 07. April 2020 gaben BlackRock und Microsoft eine strategische Partnerschaft bekannt: Die Aladdin-Infrastruktur sollte künftig auf der Cloud-Plattform Microsoft Azure betrieben werden. Rob Goldstein, damals und heute Chief Operating Officer von BlackRock, begründete den Schritt mit erweiterten Fähigkeiten für die Aladdin-Kunden; Judson Althoff von Microsoft sprach davon, Aladdin in die Cloud zu bringen. Der genannte Zweck war nüchtern und einleuchtend: mehr Rechenkapazität, um die Entwicklung der Plattform zu beschleunigen, und die weltweiten Rechenzentren von Azure, um den lokalen Anforderungen der Kunden zu genügen, ohne die eigenen Standards für Ausfallsicherheit und Sicherheit aufzugeben. Hosting bedeutet dabei nicht, dass irgendwo ein Server mietweise bereitsteht und sonst alles bleibt, wie es war. Es bedeutet, dass Rechenlast, Datenhaltung und Ausfallabsicherung in die Rechenzentren des Anbieters wandern, dass dessen Dienste, Werkzeuge und Schnittstellen zur Umgebung werden, in der die Plattform wächst, und dass jede Weiterentwicklung auf dieser Umgebung aufsetzt. Ein solcher Umzug ist keine Logistikfrage, sondern eine Entscheidung darüber, wessen Technik das eigene Produkt künftig atmet.
Was in dieser Meldung technisch klingt, ist eine Richtungsentscheidung. Eine Plattform, von der zu diesem Zeitpunkt bereits ein großer Teil der institutionellen Investmentwelt abhing, verlagerte ihr Fundament zu einem einzigen amerikanischen Technologiekonzern. BlackRock blieb Eigentümer der Software, der Modelle, der Ontologie seiner Finanzwelt. Aber die Maschinen, auf denen all das läuft, gehörten fortan jemand anderem. Das Jahr ist dabei kein Zufall. 2020 war das Jahr, in dem Nadella Azure den Computer der Welt nannte; es war auch das Jahr, in dem eines der mächtigsten privaten Finanzsysteme überhaupt auf diesen Computer zog. Die Technologiesparte, zu der Aladdin gehört, setzte 2025 rund zwei Milliarden Dollar um, ein Viertel mehr als im Vorjahr - ein Geschäft, das wächst, und das dennoch auf fremder Rechenleistung aufsetzt.
Fünf Jahre später kam die zweite Hälfte der Bewegung. Am 01. Dezember 2025 schloss BlackRock die Partnerschaft mit Amazon Web Services, dem größten Cloud-Anbieter der Welt. Aladdin sollte nun auch auf AWS laufen; Sudhir Nair nannte den Schritt einen Schlüssel zur Multi-Cloud-Fähigkeit der Plattform. Als erster Anwender wurde Amazon Treasury genannt, die Abteilung, die Amazons eigenes globales Anlageportfolio verwaltet. In der Mitteilung von AWS taucht Microsoft Azure an keiner Stelle auf, und das ist kein Zufall der Pressearbeit. Es ist die Logik der Sache. Wer sein Betriebssystem auf zwei Hyperscaler verteilt, macht sich von keinem einzelnen abhängig - und bleibt doch im selben Kreis amerikanischer Anbieter. Die Wahlfreiheit, die BlackRock seinen Kunden verspricht, ist eine Wahl zwischen Seattle und Redmond.
Man kann diese Verteilung auf zwei Anbieter auch als das Gegenteil von Abhängigkeit lesen, und diese Lesart gehört benannt. Wer seine Plattform multi-cloud aufstellt, macht sich von keinem einzelnen Anbieter erpressbar; fällt der eine aus oder zieht die Preise an, kann der andere einspringen. Nair verkauft die AWS-Partnerschaft genau so: als Wahlfreiheit, als offene, flexible Plattform. In der Logik des einzelnen Vertrags ist das richtig. In der Logik der Gesamtstruktur verschiebt es nichts. Die Wahl besteht zwischen zwei amerikanischen Hyperscalern, beide demselben Rechtsraum zugehörig; sie mindert das Risiko eines einzelnen Ausfalls, nicht die Abhängigkeit von einem Kreis.
Der Befund ist unspektakulär und gerade deshalb bemerkenswert. Das Betriebssystem der Finanzmärkte besitzt seine Rechenleistung nicht. Es mietet sie, bei Microsoft und bei Amazon. Die Reichweite, die der erste Teil beschrieben hat - über tausend Institutionen, Billionen an Vermögen, eine Bindungsrate, die kaum jemand wieder verlässt - ruht auf den Rechenzentren zweier Konzerne, die mit Vermögensverwaltung nichts zu tun haben und deren Geschäft es ist, die Grundlast der digitalen Welt zu stellen. Je mehr Institutionen ihre Investmentprozesse über Aladdin abwickeln, desto mehr Rechenlast der Weltfinanz landet auf genau diesen beiden Infrastrukturen.
Palantir und die Schicht, die jede Umgebung erreicht
Bei Palantir liegt der Fall anders und führt am Ende zum selben Punkt. Der Konzern verkauft seine Software nicht als fertiges Produkt, sondern betreibt sie in der Umgebung des Kunden, oft in abgeschotteten Rechenzentren ohne Internetverbindung. Man könnte annehmen, ein System, das mit den sensibelsten Daten des Staates arbeitet, stünde auf eigenem, eingemauertem Blech. Teilweise stimmt das. Der größere Teil stimmt nicht.
In einem technischen Text aus dem eigenen Haus beschreibt Palantir, wie seine Plattformen tatsächlich laufen. „Die große Mehrheit der Installationen“, heißt es dort, werde „in AWS oder Azure gehostet“. Palantir betreibt seine Software also auf denselben beiden amerikanischen Clouds, auf die auch Aladdin gezogen ist. Dieselben zwei Namen tauchen auf, sobald man unter die Oberfläche beider Betriebssysteme schaut - das ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Enge des Marktes, aus dem Rechenleistung überhaupt zu beziehen ist.
Für den amerikanischen Staat hat der Konzern dafür eigene, zertifizierte Umgebungen aufgebaut. Im Dezember 2024 erhielt Palantir die FedRAMP-High-Freigabe, die höchste Sicherheitsstufe für Cloud-Dienste der US-Bundesregierung; sie erlaubt die Verarbeitung besonders sensibler, nicht öffentlicher Regierungsdaten in der Cloud. Daneben existieren die abgeschotteten Installationen für Verschlusssachen, die ohne Internetverbindung in gesicherten Rechenzentren laufen - genau das Betriebsmodell, das der erste Palantir-Teil für Bundeswehr und Verfassungsschutz als Streitpunkt beschrieben hat, bei dem eingebettete Ingenieure die Plattform warten. Aber das Rückgrat des Geschäfts, die große Masse der Installationen, liegt in der kommerziellen Cloud zweier amerikanischer Konzerne.
Der eigentliche Punkt ist jedoch ein anderer, und er hat einen Namen: Apollo. Palantirs vierte Plattform ist kein Analysewerkzeug, sondern eine Verwaltungsschicht über allen anderen. Apollo, so die eigene Dokumentation, verwalte Software „zentral über unabhängige Umgebungen hinweg, unabhängig von deren Standort“, und unterstütze „alle großen Cloud-, On-Premises- und abgeschotteten (air-gapped) Umgebungen“. Ein technischer Text des Hauses nennt Apollo den „Puppenspieler“ der gesamten Flotte: Die Administratoren legen zentral fest, welche Softwareversion und welche Konfiguration gelten soll, und Apollo sorgt dafür, dass jede einzelne Installation - ob in der Cloud, im Rechenzentrum oder hinter einem Luftspalt - diesen Stand erreicht. Dabei verbindet sich Apollo nicht in jede Umgebung hinein; vielmehr holen sich die lokalen Instanzen ihre Aufgaben von Apollo ab, was die Steuerung auch über getrennte und zeitweise verbundene Netze hinweg erlaubt. Apollo „verwaltet die gesamte Flotte“ der Gotham- und Foundry-Installationen.
Damit entsteht eine zweite Schicht über der Rechenleistung. Die erste ist die Cloud, auf der Palantir läuft; die zweite ist die Kontrollinstanz, die bestimmt, welche Software diese Cloud ausführt. Beide sind amerikanisch, und die zweite ist es doppelt: Apollo ist selbst ein Produkt eines US-Konzerns und untersteht derselben Rechtsordnung wie die Clouds, die es orchestriert. Eine Behörde, die Palantir in einer abgeschotteten Umgebung betreibt und glaubt, damit außerhalb jeder fremden Reichweite zu stehen, bezieht die Aktualisierung dieser Umgebung weiterhin aus einer Schicht, die sie nicht kontrolliert.
Das ist die eigentliche Pointe der Grundschicht. Palantir läuft nicht nur auf amerikanischer Rechenleistung. Der Konzern hat selbst eine Kontrollschicht gebaut, die quer über alle Umgebungen hinweg bestimmt, was auf ihnen läuft - und die nötig ist, weil die Welt der Rechenzentren, in der Palantir operiert, längst nicht mehr aus einer einzigen Maschine besteht, sondern aus einem Flickenteppich aus Clouds, abgeschotteten Inseln und Behördensystemen. Wer diesen Flickenteppich beherrschen will, braucht eine Schicht darüber. Apollo ist diese Schicht. Auch das Sicherheits-Betriebssystem ruht damit auf einer Infrastruktur, die amerikanisch ist - und steuert sich über eine Ebene, die amerikanischem Recht untersteht.
Die beiden Systeme kommen von entgegengesetzten Seiten zum selben Ergebnis. Aladdin mietet offen bei zwei Hyperscalern und nennt es Wahlfreiheit. Palantir verkapselt seine Installationen bis in den luftdicht getrennten Serverraum hinein und behält über Apollo doch die Fäden in der Hand. Das eine ist Abhängigkeit durch Miete, das andere Abhängigkeit durch Steuerung. Was sie teilen, ist die Herkunft der Schicht, auf die es am Ende ankommt.
Der Welt-Computer
Der Satz, mit dem Nadella 2020 Azure beschrieb, war kein Marketing im üblichen Sinn. Er war eine Zustandsbeschreibung mit Ansage. Nadella begründete ihn vor seinem Publikum in Bengaluru mit zwei Zahlen: 50 Milliarden vernetzte Geräte bis 2030 und eine Vervierfachung der erzeugten Datenmenge auf 175 Zettabyte bis 2025. Eine Welt, die so viel rechnet und so viel speichert, brauche eine Infrastruktur, die das trägt - und Azure, sagte er, werde zu dieser Infrastruktur gebaut, zum verteilten Rechenwerk, das wie ein einziger Computer funktioniert.
Microsoft, Amazon und Google bauen seit anderthalb Jahrzehnten an genau dieser Infrastruktur, die nicht mehr ein Produkt unter vielen ist, sondern die Voraussetzung, unter der andere Produkte überhaupt entstehen. Rechenleistung wird zum Strom aus der Steckdose - man bezieht sie, man misst sie, man zahlt nach Verbrauch. Und wie beim Strom entscheidet nicht die Frage, wer gerade welche Lampe anschaltet, sondern wem das Netz gehört, an dem alle hängen.
In Europa ist die Antwort eindeutig. Nach Zahlen der Marktforscher von Synergy Research halten die europäischen Cloud-Anbieter zusammen rund 15 Prozent ihres eigenen Heimatmarktes. Amazon, Microsoft und Google kommen gemeinsam auf etwa 70 Prozent. Noch 2017 lag der Anteil der europäischen Anbieter bei etwa 29 Prozent; seither hat er sich nahezu halbiert und verharrt seit 2022 bei rund 15 Prozent. Die Bewegung ist bemerkenswert, weil sie sich nicht in einem schrumpfenden Markt abspielt. Der europäische Cloud-Markt wächst kräftig, und auch die europäischen Anbieter wachsen - ihr Umsatz hat sich in den Jahren bis 2024 verdreifacht. Nur wächst der Markt insgesamt schneller, und er wächst vor allem für die drei amerikanischen Konzerne. Die Europäer legen an Umsatz zu und verlieren zugleich an Anteil. Es ist ein Wachstum im Schatten: Man wird größer und zugleich kleiner, gemessen an dem, der neben einem steht.
Das ist die Grundschicht, von der dieser Teil handelt. Nicht die Software, die man sieht, nicht die Oberfläche, mit der ein Sachbearbeiter oder ein Fondsmanager arbeitet, sondern die Ebene darunter: die Rechenzentren, die Netze, die Dienste, aus denen heraus alles andere bereitgestellt wird. Aladdin läuft darauf. Palantir läuft darauf. Und in Europa stellt diese Ebene zu mehr als zwei Dritteln ein Oligopol dreier Unternehmen, die alle demselben Rechtsraum angehören. Wer in Europa heute etwas Digitales von Gewicht betreibt - eine Bank, eine Behörde, einen Konzern -, trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann auf einen dieser drei Namen, nicht als eine Option unter vielen, sondern als die Voraussetzung, an der kaum vorbeizukommen ist.
Es gehört zur Redlichkeit, die Gegenseite dieses Befunds zu benennen. Die Marktbeherrschung der Hyperscaler ist kein Komplott, sondern das Ergebnis von Größenvorteilen, die real sind. Wer weltweit Rechenzentren betreibt, kann Leistung billiger, zuverlässiger und schneller anbieten als ein nationaler Wettbewerber, und Behörden wie Konzerne haben gute betriebswirtschaftliche Gründe, dieses Angebot zu nutzen. Dass die amerikanischen Anbieter führen, liegt auch daran, dass sie früher und entschlossener investiert haben als alle europäischen Mitbewerber. Der Punkt dieses Textes ist nicht, dass dies verwerflich wäre. Der Punkt ist, dass daraus eine Abhängigkeit folgt, deren Reichweite die betriebswirtschaftliche Entscheidung überschreitet.
Warum die Grundschicht die eigentliche Macht ist
Die bisherigen Teile dieser Reihe haben den Lock-in auf der Anwendungsebene beschrieben: die Ontologie, in die eine Behörde ihre Arbeit gießt, die Risikoarchitektur, in der ein Vermögensverwalter denkt. Die Grundschicht liegt darunter, und der Lock-in dort ist von anderer Art. Er betrifft nicht, mit welcher Software jemand arbeitet, sondern ob die Maschinen überhaupt rechnen.
Wer die Rechenleistung stellt, setzt die Bedingungen. Er bestimmt die Preise, und er kann sie ändern. Er bestimmt, welche Dienste wie lange verfügbar bleiben und welche er abkündigt. Er bestimmt, welche technischen Standards gelten und wie teuer der Wechsel zu einem anderen Anbieter wird. Und er untersteht einer Rechtsordnung, die ihm Pflichten auferlegt, über die der Kunde nicht mitentscheidet.
Die beiden Betriebssysteme der Macht sitzen auf dieser Schicht wie ein Haus auf einem gemieteten Grundstück. Solange der Pachtvertrag gilt und niemand ihn kündigt, merkt man den Unterschied zum Eigentum nicht; der Alltag im Haus ist derselbe. Er wird erst sichtbar, wenn der Eigentümer des Grundstücks etwas will, was der Mieter nicht will - oder wenn eine Obrigkeit, der der Eigentümer untersteht, ihm etwas befiehlt, was den Mieter trifft. Dann zeigt sich, dass das Haus nie dem gehörte, der darin wohnte, sondern dem, dem der Boden gehört.
Dieser Vergleich ist kein rhetorischer Schmuck, sondern verweist auf eine konkrete Rechtslage. Microsoft, Amazon und Google unterliegen dem amerikanischen CLOUD Act, der US-Anbieter verpflichten kann, Daten herauszugeben, gleichgültig, wo auf der Welt diese Daten physisch gespeichert sind. Ob und wann dieser Hebel gegen europäische Kunden gezogen wird, ist eine Frage, die der nächste Teil an konkreten Fällen prüft. Hier genügt der strukturelle Befund: Der Hebel existiert, er ist an die Grundschicht gebunden, und keine Vertragsklausel auf der Anwendungsebene hebt ihn auf.
Ob er ihn benutzt, ist eine andere Frage, und dieser Text entscheidet sie nicht. Dokumentiert ist die Fähigkeit, nicht die Absicht. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Microsoft, Amazon oder Google ihre Stellung gegen europäische Kunden ausgespielt hätten, um Aladdin oder Palantir zu steuern, und es wäre unredlich, aus der bloßen Möglichkeit eine Tat zu machen. Bemerkenswert ist die Struktur, nicht ein Vorfall: dass die beiden Systeme, deren Reichweite in den ersten beiden Teilen beschrieben wurde, auf einer Ebene ruhen, die noch konzentrierter und noch eindeutiger amerikanisch ist als sie selbst.
Cui bono - wem nützt es - ist hier keine Unterstellung, sondern eine Ordnungsfrage. Jede weitere Verlagerung in die Cloud verschiebt Rechenleistung, Daten und Abhängigkeit weiter in denselben Kreis von drei Konzernen. Es ist das Geschäftsmodell dieser Konzerne, dass dieser Kreis sich schließt, und es ist nichts Anrüchiges daran, ein Geschäftsmodell zu verfolgen. Anrüchig wäre es, so zu tun, als sei die Grundschicht neutral - als könne man die Rechenleistung beziehen, ohne die Hand mitzubeziehen, die sie bereitstellt, und die Rechtsordnung, der diese Hand gehorcht.
Man kann sich das Gebilde als dreistöckiges Haus denken. Im obersten Stock die Anwendungen, mit denen Menschen arbeiten, die Masken und Oberflächen. Im mittleren die Betriebssysteme der Macht, Aladdin und Gotham, die ordnen, was im obersten Stock geschieht. Und im Keller, von dem aus das Haus mit Energie versorgt wird, die Grundschicht: die Rechenzentren der Hyperscaler. Die öffentliche Debatte über digitale Souveränität spielt fast ausschließlich in den oberen Stockwerken. Sie fragt, welche Software eine Behörde einsetzt, welchem Konzern ein Datensatz gehört, welche Analyseplattform gekauft wird. Sie fragt selten, wer den Keller besitzt. Dieser dritte Teil kehrt die Blickrichtung um: Er beginnt im Keller, weil dort die Leitungen zusammenlaufen, die alles andere versorgen.
Es kommt ein weiterer Gedanke hinzu, der die Grundschicht von der Anwendungsebene unterscheidet. Auf der Anwendungsebene kann ein Kunde wenigstens theoretisch das Produkt wechseln; die UBS hat gezeigt, dass es geht, wenn auch mühsam. Auf der Grundschicht ist der Wechsel ungleich schwerer, weil es kaum einen Ort gibt, an den man wechseln könnte. Wer Microsoft verlassen will, landet bei Amazon oder Google; wer alle drei verlassen will, findet in Europa ein Angebot, das 15 Prozent des eigenen Marktes trägt und in vielen Diensten nicht an die Breite der Hyperscaler heranreicht. Die Abhängigkeit ist tiefer, weil die Alternative dünner ist.
Damit ist die Frage geöffnet, die den zweiten Teil dieses dritten Kapitels tragen wird. Sie lautet nicht mehr, wer die privaten Betriebssysteme betreibt, sondern was es bedeutet, wenn ein Staat seine eigene Verwaltung auf dieselbe Grundschicht stellt - und ob die Hülle, die er darüberlegt und „souverän“ nennt, mehr ist als ein Wort.
Befund
Unter dem Betriebssystem der Finanzmärkte und unter dem Betriebssystem des Sicherheitsstaates liegt dieselbe Ebene: die Rechenleistung, auf der beide laufen. Aladdin wanderte 2020 auf Azure und 2025 zusätzlich auf AWS. Palantir betreibt den größten Teil seiner Installationen in AWS oder Azure und steuert sie über eine eigene Kontrollschicht, die jede Umgebung erreicht. Und der Markt, aus dem diese Rechenleistung kommt, gehört in Europa zu rund 70 Prozent drei amerikanischen Konzernen.
Das dritte Betriebssystem der Macht ist deshalb kein viertes System neben den beiden anderen. Es ist der Boden unter ihnen. Wer diesen Boden stellt, besitzt keinen Schalter in einem einzelnen Haus, sondern das Grundstück, auf dem die Häuser stehen. Das ist, für sich genommen, noch kein Urteil über Absichten. Es ist eine Ortsbestimmung - eine Antwort auf die Frage, wo die Macht liegt, von der diese Reihe handelt.
Dieser Befund trägt kein moralisches Vorzeichen. Dass Unternehmen Rechenzentren bauen und ihre Leistung vermieten, ist ihr Geschäft, und dass Kunden sie nutzen, ist vernünftig. Die Beobachtung ist nüchterner und härter zugleich: Die Macht, von der diese Reihe handelt, ist nicht dort am größten, wo man sie vermutet - nicht in der Software, die man bedient, nicht einmal in den Konzernen, deren Namen die Schlagzeilen füllen -, sondern eine Ebene darunter, bei denen, die den Strom liefern, aus dem alles andere seine Energie zieht.
Die zweite Hälfte dieser Ortsbestimmung führt dorthin, wo aus der privaten Infrastruktur eine staatliche Frage wird. Ein Land, das die digitale Souveränität zu seinem Leitbegriff erhoben hat, baut seine Verwaltung auf genau dieser Schicht - und kauft die Souveränität als Aufschlag auf die Rechnung desselben Konzerns, von dem es loskommen wollte. Davon handelt Teil 3 B.
+++
Anmerkungen und Quellen
Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik - jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Unternehmens- und Technologiequellen
BlackRock, Pressemitteilung „BlackRock partners with AWS to deliver Aladdin on secure, scalable cloud infrastructure“ (01. Dezember 2025): https://www.blackrock.com/aladdin/discover/press-release/press-release-blackrock-partners-with-aws-to-deliver-aladdin-cloud-infrastructure
Amazon / AWS, Pressemitteilung „BlackRock Partners with AWS to Deliver Aladdin on Secure, Scalable Cloud Infrastructure“ (01. Dezember 2025): https://press.aboutamazon.com/aws/2025/12/blackrock-partners-with-aws-to-deliver-aladdin-on-secure-scalable-cloud-infrastructure
Microsoft / BlackRock, Pressemitteilung „BlackRock and Microsoft Form Strategic Partnership to Host Aladdin on Azure“ (07. April 2020): https://news.microsoft.com/source/2020/04/07/blackrock-and-microsoft-form-strategic-partnership-to-host-aladdin-on-azure-as-blackrock-readies-aladdin-for-next-chapter-of-innovation/
Microsoft News India, „Building Azure as the world's computer“ - Satya Nadella, Future Decoded Tech Summit Bengaluru (Februar 2020): https://news.microsoft.com/en-in/features/building-azure-as-the-worlds-computer-satya-nadella/
Palantir, Apollo-Dokumentation, Core Introduction (zentrale Verwaltung über Umgebungen hinweg, Cloud / On-Premises / air-gapped): https://www.palantir.com/docs/apollo/core/introduction/index.html
Palantir Engineering Blog, „A sky full of clouds“ (Mehrheit der Installationen in AWS oder Azure; Apollo als Verwaltung der gesamten Flotte): https://blog.palantir.com/a-sky-full-of-clouds-218b9db3f735
Palantir, Pressemitteilung „Palantir Granted FedRAMP High Baseline Authorization“ (03. Dezember 2024): https://web.archive.org/web/20241203214704/https://www.businesswire.com/news/home/20241203054493/en/Palantir-Granted-FedRAMP-High-Baseline-Authorization
Markt- und Strukturdaten
Synergy Research Group / DatacenterDynamics, „European cloud providers hold 15% of local market share“ (27. Juli 2025): https://www.datacenterdynamics.com/en/news/european-cloud-providers-hold-15-of-local-market-share-synergy-research/
Gerichtsdokument
Bundesverfassungsgericht, Urteil des Ersten Senats vom 16. Februar 2023, 1 BvR 1547/19 und 1 BvR 2634/20, englische Fassung (Verwendung des Begriffs operating system): https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/EN/2023/02/rs20230216_1bvr154719en.html
Eigene frühere Analysen dieser Reihe
Michael Hollister, Das Betriebssystem der globalen Finanzmärkte - Wie BlackRocks Aladdin zur privaten Infrastruktur wurde (BlackRock/Aladdin, Teil 1): https://www.michael-hollister.com/de/2026/07/31/das-betriebssystem-der-globalen-finanzmaerkte-wie-blackrocks-aladdin-zur-privaten-infrastruktur-wurde/
Michael Hollister, Was BlackRock an der Politik des Kanzlers verdient (BlackRock/Aladdin, Teil 2): https://www.michael-hollister.com/de/2026/08/02/was-blackrock-an-der-politik-des-kanzlers-verdient/
Michael Hollister, Das zweite Betriebssystem der Macht - Wie Palantir Deutschlands Sicherheitsbehörden verbindet und spaltet (Palantir, Teil 1)
Michael Hollister, Das zweite Betriebssystem der Macht - Teil 2 - Wer das Betriebssystem besitzt (Palantir, Teil 2)
+++
Michael Hollister – Weiterveröffentlichung ausdrücklich erwünscht.
Ich freue mich, wenn meine Artikel, Beiträge und Analysen auf Interesse stoßen und weiterverbreitet werden. Die vollständige oder auszugsweise Übernahme, Weitergabe und Veröffentlichung meiner Texte auf anderen Websites, Blogs oder in sonstigen Publikationen ist ausdrücklich gestattet und erwünscht. Eine vorherige Genehmigung ist nicht erforderlich.
Einzige Voraussetzung: Michael Hollister muss als Autor namentlich und deutlich erkennbar genannt werden. Zusätzlich ist ein gut sichtbarer, anklickbarer Link zur Originalwebsite www.michael-hollister.com zu setzen. Ohne Autorennennung und Verlinkung ist eine Weiterverwendung nicht gestattet.
+++
Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
+++
Bild: Eingang des BlackRock-Hauptsitzes in New York
Bildquelle: Tada Images / shutterstock
+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:
Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark
oder mit
Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin
Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/
+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.
+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/
+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut