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Cui bono? - Jeffrey Epstein | Von Anna Zollner

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Apolut 20260209 SP Montag
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Jeffrey Epstein und die Frage, die niemand stellt: Cui bono?

Über Kompromat, Machtarchitekturen und die Kunst, ein Imperium parteiübergreifend auf Kurs zu halten.

Ein Standpunkt von Anna Zollner.

Bevor Jeffrey Epstein 2008 erstmals verurteilt wurde, hatte er bereits seit den frühen 1990er-Jahren über mehr als ein Jahrzehnt hinweg Zugang zu politischen, wirtschaftlichen und sicherheitsnahen Eliten aufgebaut – unbehelligt, dokumentiert, institutionell geduldet.

Epstein „wirkte“ lange, bevor er juristisch auffällig wurde.

In den 1990er-Jahren taucht er als Gastgeber, Vermittler und Fixpunkt gesellschaftlicher Events auf. In dieser Zeit entstehen stabile Routinen und belastbare Netzwerkstrukturen. Warnungen gab es zuhauf, wurden aber immer folgenlos zu den Akten gelegt. Als es in den 2000er-Jahren zu Hausdurchsuchungen in Epsteins Manhattan-Townhouse kommt, ist das kein Anfang, sondern nur ein Einschnitt in ein etabliertes System. Ein vorläufiger Einschnitt.

Material wird beschlagnahmt, katalogisiert – und anschließend von den ermittelnden Behörden selbst entschärft. Keine Kettenreaktion, kein Flächenbrand. Stattdessen staatliche Vertuschung. Diese Vorgehensweise hält bis heute an.

Jeffrey Epstein war nie der Kern der Geschichte. Er war das Fenster. Allerdings ein verspiegeltes Fenster. Wem es gelingt, hinter dieses Fenster zu blicken, erkennt eine Machtarchitektur, die sich selbst so diszipliniert hat, dass sie ohne sichtbare Befehle funktioniert. Wer Epstein daher als isolierten Sexualstraftäter liest, verpasst den eigentlichen Befund. Nicht, weil Epsteins Verbrechen zweitrangig wären, sondern weil sie in ihrer jahrelangen Straflosigkeit, ihrer institutionellen Duldung und ihrer auffälligen politischen Folgenlosigkeit erklärungsbedürftig sind.

Diese Straflosigkeit war kein Fehler, sondern ein organisiertes Wegsehen. Anzeigen versandeten, Zuständigkeiten wechselten, Verfahren wurden verschleppt. Hier existierte offensichtlich eine schützende Hand im Hintergrund, was sich spätestens ab 2008 nicht mehr leugnen lässt.

Der Deal von 2008 markierte nämlich einen Präzedenzfall: Epstein verbüßte seine Strafe wegen organisierter Prostitution von Minderjährigen nicht unter regulären Haftbedingungen, sondern erhielt Sonderkonditionen – eine Art Belohnung. Er durfte das Gefängnis tagsüber verlassen, außerhalb arbeiten und abends zurückkehren. Dieses sogenannte „Work-Release“-Regime war außergewöhnlich. Parallel blockierte ein Nichtverfolgungsabkommen die Bundesebene und schloss mögliche Mitbeschuldigte ausdrücklich ein. Ohne korrigierende Kraft im Hintergrund ist das nicht zu erklären.

Offiziell verantwortlich war der damalige Bundesstaatsanwalt Alexander Acosta, der später in die US-Regierung aufstieg. Auf Nachfragen erklärte er Jahre später, man habe ihm signalisiert, Epstein gehöre zu „wichtigen Leuten“. Was genau damit gemeint war, blieb offen.

Alexander Acosta verschwand nach dem Epstein-Deal nicht aus dem System. Im Gegenteil. Unmittelbar nach 2008 folgte kein Bruch, keine Sanktion, keine juristische Überprüfung, sondern ein nahtloser Aufstieg.

Von 2009 bis 2017 amtierte Acosta als Dekan der Florida International University College of Law – eine akademische Spitzenposition, die institutionelles Vertrauen signalisiert, nicht Zweifel. 

2017 wurde Acosta von Donald Trump zum US-Arbeitsminister nominiert und vom Senat bestätigt. Sein Ressort umfasste ausgerechnet jene Bereiche, die im Epstein-Komplex zentral waren: Arbeitsrecht, Gewerkschaften, Arbeitsschutz und Menschenhandel. Von 2017 bis 2019 diente Acosta als Secretary of Labor. Die Ironie ist offensichtlich: Der Mann, der Jeffrey Epstein einen bundesweiten Nichtverfolgungsdeal gewährte, wurde Bundesminister mit Zuständigkeit für Ausbeutung und Schutz von Arbeitnehmern.

Erst 2019, nach Epsteins erneuter Festnahme und öffentlichem Druck, trat Acosta zurück.

Zurück zu Epstein. Jeffrey Epstein lebte nicht wie ein erfolgreicher Investor. Er lebte wie ein Mann, der als Honigfalle inszeniert wurde. Privatjet, Insel, Townhouse, Kunst, Personal. Das alles wirkte nur oberflächlich wie extremer Reichtum; es erfüllte vor allem eine Funktion: Status zu simulieren, um Räume zu öffnen, in denen niemand Fragen stellt, aber alle Eingeladenen belastet werden können. Der Veblen-Effekt, sprich: zur Schau gestellter Luxus, diente weniger dem Angeben als vielmehr als soziale Lizenz. Entscheidend war nicht, wie viel Epstein besaß, sondern wer sich aufgrund seiner „Großzügigkeit“ in seiner Nähe aufhielt.

Auffällig ist die Passgenauigkeit dieses Luxus. Keine laute, protzige Sichtbarkeit, sondern diskrete Exklusivität. Orte, die abschirmen, sprich: keine Paparazzi von außen. Die versteckten Kameras wurden bereits vorinstalliert: auf Inseln, in Stadthäusern, Privatjets. Luxus als Infrastruktur. Nicht zum Genießen, sondern zum Arrangieren von Situationen, die später gegen die Gäste benutzt werden können.

Worüber die klassischen Systemmedien nie reden, ist der Umstand, dass der Reichtum Jeffrey Epsteins nicht von ihm selbst geschaffen wurde. Die unzähligen Millionen wurden ihm übergestülpt wie eine Tarnkappe und stammten von Leslie Wexner. Wexners Vermögen wiederum stammt aus dem Aufbau eines US-Einzelhandelsimperiums, unter anderem der Marke Victoria’s Secret. Wexner war ein Milliardär, dessen finanzielle Förderung Epstein zu einem gesellschaftlichen Akteur machte, ohne den betreuenden Spender selbst sichtbar werden zu lassen. Wexner blieb in Deckung. Er agierte als Legitimationsgarant. Wer von Wexner kam oder von ihm unterstützt wurde, galt in der High Society als geprüft. So funktioniert Elite-Ökonomie. Man vertraut nicht auf Fakten, sondern auf Proxy-Vertrauen.

Wexner ist dabei nicht irgendein Philanthrop. Er hat selbst eingeräumt, dass sein Engagement einen klaren Fokus besitzt. Dieser Fokus liegt auf Israel – kulturell, politisch, institutionell. Das ist dokumentiert. Entscheidend ist nicht die Bewertung dieses Engagements, sondern seine Wirkung: Wer aus diesem Umfeld stammt, wird politisch ernst genommen, nicht als neutraler Geschäftsmann, sondern als verlässlich. Philanthropie fungiert hier als Reputationsmaschine.

In diesem Licht erhält die Überschreibung seines Manhattan-Townhouses an Epstein eine andere Bedeutung. Es geht nicht um Großzügigkeit, sondern um das gezielte Erschaffen eines konspirativen Treffpunkts. Epstein verfügte dank Wexner plötzlich über Immobilien, Personal und Liquidität in einem Umfang, der für einen durchschnittlichen Trader erklärungsbedürftig bleibt. Öffentliche Nachweise außergewöhnlicher Marktgewinne fehlen – bis heute. Die naheliegende Frage lautet daher nicht, ob Epstein reich war, sondern wem dieser Reichtum funktional diente.

Epstein nutzte dieses Vertrauen, um Connections aufzubauen, ein Netz zu spannen, eine Falle aufzustellen. Er organisierte Begegnungen, Reisen, Abgeschiedenheit. Er war offiziell einfach ein äußerst umgänglicher und weltgewandter Gastgeber.

Gastgeber besitzen Macht. Nicht die Macht, zu befehlen, sondern die Macht, Situationen zu schaffen, in denen Menschen sich selbst kompromittieren. Ob das absichtlich geschah oder aus narzisstischem Spieltrieb, ist sekundär. Entscheidend ist, dass permanent belastendes Material erstellt wurde.

Videos, Gesprächsprotokolle, Zeitpläne, dokumentierte Besuche. Offen bleibt die zentrale Frage: Für wen wurde über Jahre akribisch aufgezeichnet?

Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Kompromat existierte. Das ist banal. Die Frage ist: Wann wird es eingesetzt, wofür und von wem?

Und hier beginnt das Muster, über das kaum gesprochen wird – die Meta-Story. Die Epstein-Affäre zeigt keine wahllose Sammlung von Opfern. Sie zeigt eine Auffälligkeit in den höchsten politischen Rängen, insbesondere dort, wo amerikanische Außenpolitik, Sicherheit und Narrative ineinandergreifen. Der Name Ehud Barak ist hier kein weiterer Eintrag. Er ist ein einsamer Ausreißer. Der ranghöchste ehemalige israelische Regierungschef, der nach Epsteins Verurteilung private Besuche fortsetzte. Nicht erklärbar durch Zufall, nicht erklärbar durch Unwissen. Barak ist der rauchende Colt, der am Tatort aufgefunden wird. Barak steht für staatliche Anschlussfähigkeit, für die Brücke zwischen privatem Netzwerk und der Macht eines ausländischen Geheimdienstes.

Was macht ein ehemaliger israelischer Regierungs- und Militärchef nach 2008 in einem privaten Geschäftshaus eines bereits verurteilten Sexualstraftäters? Diese Frage zielt nicht auf Moral, sondern auf Funktion. In Sicherheitsapparaten ist „privat“ selten privat. Selbst ohne formalen Auftrag entsteht politischer Mehrwert – aber für wen?

Die Epstein-Affäre ist keine Geschichte über Sex und Verbrechen allein. Sie ist eine Geschichte über Agenda-Management. Über die Fähigkeit, politische Prioritäten regierungswechselresistent zu machen. In Demokratien wechseln Parteien, aber nicht alle Interessen. Manche Interessen sind so tief eingebettet, dass sie den Wahlakt überleben. Sie werden moralisiert, institutionell verankert, ökonomisch rückgekoppelt und narrativ abgesichert. Kritik wird nicht widerlegt, sondern delegitimiert.

Auffällig ist dabei die parteiübergreifende Konstanz der US-Außenpolitik im Nahen Osten. Präsidenten wechselten, aber Linien blieben. Republikaner wie Demokraten folgten denselben Grundannahmen. Unter Donald Trump wurden diese Linien symbolisch zugespitzt: die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, die Anerkennung israelischer Ansprüche auf die Golanhöhen, die Benennung einer Siedlung als „Trump Heights“. Parallel blieb die Linie gegenüber Iran konfrontativ, flankiert von militärischer Drohkulisse, während der Gaza-Krieg politisch marginalisiert wurde. Das ist keine Spekulation, sondern dokumentierte Politik.

Epstein schuf extrem belastbares Material, das nur einen Zweck zu erfüllen hatte: politische Leistungsträger auf Kurs zu halten.

Vor diesem Hintergrund wirken die vermeintlich zufälligen Epstein-„Kunden“ erstaunlich relevant. Unter den belegten Kontakten finden sich ehemalige und amtierende US-Präsidenten beider politischer Lager, ebenso wie Milliardäre und Technologieführer, deren Einfluss weit über klassische Politik hinausreicht. Für Bill Clinton existieren dokumentierte Flugprotokolle aus den frühen 2000er-Jahren mit wiederholten Flügen auf Epsteins Privatjet. Für Donald Trump sind gesellschaftliche Kontakte und gemeinsame Auftritte bereits in den 1990er-Jahren belegt. In beiden Fällen gilt: Kontakt ist dokumentiert, Straftat nicht. Der Befund ist nicht juristisch, sondern strukturell. Die Nähe ist real, die Folgen politisch folgenlos. Die offene Frage bleibt: Wer kontrolliert die Aufzeichnungen?

Hinzu kommen Akteure, deren Macht nicht aus Ämtern, sondern aus Systempositionen resultiert. Bill Gates, einer der größten privaten Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation, traf Epstein nach dessen erster Verurteilung mehrfach. Gates tritt öffentlich als Befürworter globaler Gesundheitsprogramme und von Geburtenkontrolle auf, unter anderem über Impf- und Gesundheitsinitiativen in Entwicklungsregionen. Unabhängig von der Bewertung dieser Programme ist der strukturelle Punkt entscheidend: Hier begegnen sich privates Kapital, globale Governance und informelle Netzwerke jenseits demokratischer Kontrolle.

Ähnliches gilt für Elon Musk, Betreiber des größten privaten Satellitennetzwerks der Welt. Starlink bedeutet nicht nur Kommunikation, sondern globale Datenströme, Bewegungsprofile, Infrastrukturhoheit. Wer Satelliten kontrolliert, kontrolliert nicht nur Märkte, sondern Krisen, Kriege und Narrative. Auch hier gilt: kein strafrechtlicher Vorwurf, sondern Systemrelevanz. In einer datengetriebenen Ordnung ist Informationsmacht politische Macht.

Der gemeinsame Nenner all dieser Namen ist nicht Ideologie, sondern Funktion. Präsidenten, Milliardäre, Tech-Architekten – sie alle sitzen an neuralgischen Punkten moderner Macht: Politik, Kapital, Daten, Narrative. Genau dort, wo Kompromittierung nicht laut eingesetzt werden muss, sondern leise wirkt. Nicht als Erpressung, sondern als stille Disziplinierung.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht, wer „Kunde“ war, sondern wer Zugriff auf die Aufzeichnungen hatte, wer sie verwaltete und wessen Interessen durch jahrzehntelange politische Folgenlosigkeit stabilisiert wurden. Die Öffentlichkeit kennt nur vereinzelte Namen, Fotos, Fluglisten. Was sie nicht kennt, sind die Archive – und wer sie bis heute nutzt.

Wir halten fest: In diesem System ist Kompromat ein Notfallhebel. Er wird nur gezogen, wenn das, was ohnehin läuft, zu kippen droht. Genau deshalb bleibt er unsichtbar. Seine Wirksamkeit liegt im Nicht-Einsatz, im Wissen um seine Existenz. Das ist die stille Disziplinierung einer Elite, die sich für souverän hält.

Die Journalistin Whitney Webb hat den Epstein-Komplex über Jahre hinweg systematisch recherchiert und in einem rund 600-seitigen Werk dokumentiert. Auffällig ist nicht der Umfang der Recherche, sondern ihre mediale Isolation. Große Leitmedien haben Webb kaum oder gar nicht interviewt. Das Buch erschien außerhalb klassischer Verlagshäuser. Der Befund ist nüchtern: Tiefe Recherche existiert, breite Bühne nicht.

Warum also der Schutz Epsteins über Jahre? Warum die milde Behandlung 2008? Warum die Fragmentierung der Ermittlungen? Wer ist so mächtig, dass er diesen ganzen Sumpf bis heute vor Austrocknung bewahrt?

Der überraschende „Selbstmord“ Epsteins als Kronzeuge in einem Hochsicherheitstrakt beendete die Möglichkeit, diese Ebenen in einem Verfahren zusammenzuführen. Epstein saß im Metropolitan Correctional Center (MCC) in New York, einer Einrichtung für besonders sensible Gefangene. In der Nacht seines Todes schliefen die beiden zuständigen Wärter ein und unterließen die vorgeschriebenen Kontrollgänge. Die Kameras im unmittelbaren Zellenbereich funktionierten nicht bzw. lieferten keine verwertbaren Aufnahmen. Der Zellengenosse war kurz zuvor verlegt worden, Epstein befand sich entgegen vorheriger Praxis allein in der Zelle.

Eine Verkettung von Regelverstößen, Ausfällen und „Pannen“, die jeweils für sich erklärbar sein mögen, in ihrer Gesamtheit jedoch genau eines bewirkten: den endgültigen Abbruch der juristischen Aufklärung auf der höchsten Ebene. Zufall?

Zurück blieb eine personalisierte Ersatzdebatte: Trump gegen Clinton, rechts gegen links, Lager gegen Lager. Die strukturelle Frage verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung. Nicht, weil sie beantwortet war, sondern weil ihr wichtigster Zeuge tot war. So etwas passiert.

Die Bilanz: Vertuscht wird nicht, weil das System versagt hat, sondern weil es zu effektiv ist, um aufgegeben zu werden. Welche US-Medien zum Beispiel sollten darüber ergebnisoffen berichten? Dieselben, die seit 9/11 offensichtliche Widersprüche totschweigen, statt sie zu benennen? Seit September 2001 hat sich die US-Außenpolitik im Nahen Osten nicht in ihrem Fokus verändert, sondern in Tempo und Aggressivität. Staaten werden schneller markiert, schneller destabilisiert, schneller abgeräumt – auffällig oft solche, die in israelischen Sicherheitsnarrativen seit Jahren als problematisch gelten. Schon wieder Israel.

Das ist keine Verschwörung, sondern Konvergenz. Dieselben Bedrohungsrahmen, dieselben Prioritäten, dieselbe Immunität gegen offensichtliche Fragen. Wie bei 9/11 wird alles berichtet – nur nicht der klar erkennbare Profiteur.

Die Antwort ist unbequem, weil sie nicht justiziabel ist. Epstein war nur ein Werkzeug für ein Machtarrangement, in dem Kapital, Organisation, Datenhoheit und staatliche Anschlussfähigkeit so verschränkt sind, dass globale Eliten synchronisiert werden müssen, sollen sie einem übergeordneten Ziel dienen. Epstein war das Tool. Ein Fenster. Und wie bei allen Fenstern gilt: Man sieht nur das, was man sehen kann, wenn die Lichtverhältnisse stimmen. Der Raum hinter Epstein bleibt aber dunkel, denn niemand findet den Lichtschalter.

Cui bono?

Dass im Epstein-Komplex theoretisch Akteure aus nahezu allen 192 Staaten hätten kompromittiert werden können, aber nur Personen auftauchen, die strukturell Israel nützen, ist die provokanteste Erkenntnis dieser Affäre. Sie erklärt, warum darüber kaum gesprochen wird – auch in Deutschland nicht. Wer sollte es tun? Medien? Parteien? In einem Umfeld, in dem bestimmte außenpolitische Positionen zur Staatsräson erklärt wurden, wird Analyse selbst zum Risiko.

Das Schweigen über diese Meta-Ebene ist daher kein Zufall. Es ist die eigentliche Leitung der sogenannten Aufklärung.

Die Epstein-Affäre endet nicht mit einem toten Täter, sondern mit einer Klarstellung. Von 192 Staaten ist im inneren Machtkern dieses Netzwerks faktisch nur Israel dauerhaft präsent. Nicht beiläufig, nicht zufällig, sondern strukturell. Israel erscheint nicht als Thema, sondern als Konstante. Als Bezugspunkt. Als Nutznießer.

Leslie Wexner, Jeffrey Epstein und Ehud Barak bilden kein loses Umfeld, sondern eine funktionale Kette zugunsten Israels: Kapital, Zugang, staatliche Anschlussfähigkeit. Philanthropie, Organisation, Sicherheitsapparat. Was sie eint, ist keine Meinung, sondern Parteinahme mit Wirkung. In keinem anderen geopolitischen Kontext verdichten sich Geld, Kompromittierung und staatliche Nähe in dieser Form.

Entscheidend ist nicht Moral, sondern Zweck. Wer verfügt über kompromittierende Informationen über US-Präsidenten, Kongressabgeordnete, Wahlkampfspender, Medien- und Tech-Eliten? Und welcher Staat hätte aus genau diesen Informationen den größten strategischen Ertrag? Die Antwort lautet Israel. Nicht als Behauptung, sondern als Ergebnis der personellen Wiederkehr, der politischen Folgen und der auffälligen Asymmetrie.

Diese Asymmetrie erklärt alles: den jahrzehntelangen Schutz Epsteins, die Fragmentierung der Ermittlungen, das Schweigen der Leitmedien, die parteiübergreifende Stabilität der US-Nahostpolitik. Israel ist hier nicht ein Akteur unter vielen. Israel ist der Fixpunkt, um den sich das System organisiert.

Und doch ist dieses System anders.

Ja, es wurde im großen Stil mit Erpressung gearbeitet. Das Neue liegt nicht in der Erpressung, sondern im Rollenwechsel: Ein Vasall kontrolliert sein Imperium. Nicht offen, sondern intelligent. Er bindet das Imperium strukturell – durch irreversible Entscheidungen, durch politische Abhängigkeit und moralische Selbstverpflichtungen, die regierungswechselresistent sind. Das ist das eigentliche Ziel.

Epstein war dabei nicht der Architekt, sondern das Interface. Ein Werkzeug zur Synchronisierung konkurrierender Eliten, die durch eine deutlich kleinere Hyper-Elite benutzt werden. Ziel: globale Governance bei verdeckter Nutzung eines imperialen Systems, abgesichert durch gegenseitige Verwundbarkeit. Alle kompromittierten Eliten sitzen im selben Boot, nicht freiwillig, sondern funktional. Kontrolliert wird dieses Boot durch das stets begleitende U-Boot, das gar nicht auftauchen muss, um den Kahn auf Kurs zu halten. Es reicht, wenn der leitende Offizier ab und an das Sehrohr erkennen lässt.

Die veröffentlichten Namen im Epstein-Komplex sind jeder für sich ein ordentlicher Fang, aber nur im Verbund wird der eigentliche Wert erkennbar. Alle relevanten Ebenen sind abgedeckt. Die eigentliche Macht liegt im Zusammenspiel dieser Ebenen, über das Hyper-Netzwerk. Deshalb bleibt jede Aufklärung auch nur fragmentarisch und immer hübsch an der Oberfläche.

Das System ist so effektiv, dass es sich selbst vor Analyse schützt. Medien dürfen über vereinzelte Fakten berichten, sie haben Blitzableiterfunktion, vermeiden aber konsequent die sich aufdrängenden Fragen nach dem großen Ganzen. Das erinnert stark an den 11. September 2001. Wem nützt das alles am Ende des Tages?

Fazit

Wer hätte heute überhaupt die Macht, dieses System aufzubrechen? Theoretisch nur jemand an der Spitze des Imperiums selbst: ein Präsident mit Zugriff auf Akten, Geheimdienste und Justiz. Einer, der Transparenz verspricht und sich als Gegner des „Deep State“ inszeniert. Genau das hat Donald Trump getan. Er hat es angekündigt. Er hat es versprochen.

Und genau hier schließt sich der Kreis.

Denn derselbe Trump, der Aufklärung versprach, bewegte sich über Jahre im Umfeld Jeffrey Epsteins. Gesellschaftlich, öffentlich, dokumentiert. Kein strafrechtlicher Vorwurf – aber Nähe. Und Trump war nie der Außenseiter, als den er sich inszenierte. Als seine Casino- und Schuldenkrisen Anfang der 1990er-Jahre eskalierten, war es Wilbur Ross, Restrukturierungsspezialist aus dem Rothschild-nahen Finanzmilieu, der an entscheidenden Stellen Lösungen mitverhandelte, die Trumps Marke und Kreditfähigkeit retteten.

Politisch wurde Trump später maximal großzügig gestützt von Sheldon Adelson, einem der einflussreichsten pro-israelischen Megaspender der US-Politik. Adelson sicherte Trumps Lager über Wahlzyklen hinweg mit zweistelligen Millionensummen ab – nicht aus Ideologie, sondern aus strategischem Interesse.

Und in der Trump-Administration saß der Architekt der Nahostlinie gleich mit am Tisch: Jared Kushner, Schwiegersohn, Senior Adviser, zentraler Akteur der Abraham-Abkommen. Diese Abkommen brachten keinen Frieden, sondern eine machtpolitische Normalisierung zugunsten Israels – ohne palästinensische Beteiligung, ohne Gegenleistung, ohne Lösung des Kernkonflikts.

Heute bezeichnet ausgerechnet dieser Trump die Epstein-Files als „Hoax“. Nicht als unvollständig. Nicht als manipuliert. Sondern als Fiktion.

Damit ist die Bilanz eindeutig:

Aufklärung scheitert nicht an fehlender Macht, sondern an Verstrickung. Wer theoretisch aufklären könnte, war selbst Teil des Systems – lange genug, um keinen sauberen Schnitt mehr setzen zu können.

Epstein ist tot. Das Modell lebt.

Dieses System klärt sich nicht selbst auf, weil es genau dafür gebaut wurde, Aufklärung zu vereiteln.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

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Bild: Jeffrey Epstein

Bildquelle: Shutterstock AI /shutterstock


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