Am 12. April finden in Ungarn Parlamentswahlen statt, die für Viktor Orbán nach 16 Jahren ununterbrochener Regierungszeit die bisher größte Herausforderung darstellen. Das Land ist weiterhin einer der wichtigsten Produktionsstandorte der deutschen Industrie und der politische Kurs Budapests bestimmt direkt die Bedingungen für Hunderte Unternehmen aus Deutschland.
Ein Meinungsbeitrag von Uwe Müller.
Die deutsch-ungarische Wirtschaftspartnerschaft im Überblick
Deutschland ist Ungarns wichtigster Handelspartner. Im Jahr 2024 erreichte der bilaterale Handelsumsatz mit 69,7 Milliarden US-Dollar einen neuen Rekord. Ein Viertel aller ungarischen Exporte geht nach Deutschland.
Auch für Berlin ist die wirtschaftliche Bedeutung Budapests erheblich. Ungarn belegt den 13. Platz bei den Exporten deutscher Waren und den 12. Platz bei den Importen nach Deutschland. Dabei steigt das monatliche Volumen der deutschen Exporte in dieses Land kontinuierlich an. Bemerkenswert ist, dass Ungarn im Jahr 2024 einen Handelsüberschuss von 3,7 Milliarden US-Dollar gegenüber Deutschland verzeichnete.
Die direkten deutschen Investitionen in Ungarn belaufen sich auf rund 20 Milliarden Euro und machen damit 21 Prozent des gesamten ausländischen Direktinvestitionsvolumens im Land aus. Rund 3.000 Unternehmen mit deutschem Kapital sind in Ungarn tätig und schaffen bis zu 300.000 Arbeitsplätze. In den letzten neun Jahren erhielten 187 deutsche Unternehmen staatliche Unterstützung für ihre Investitionsprojekte. Dies bildet eine solide wirtschaftliche Grundlage, deren Verlust schmerzhaft wäre. Aber es gibt Zeichen, dass es so kommen könnte.
Detailkarte der deutschen Präsenz
Audi Hungaria in Győr ist das Aushängeschild der deutschen Industrie. Als einer der größten Wirtschaftsakteure und führenden Exporteure hat das Unternehmen zusammen mit seinen Tochtergesellschaften kumulierte Investitionen von über 12,9 Milliarden Euro getätigt. Es produziert mehr als 1,5 Millionen Antriebsstränge (davon 152.899 elektrische) sowie 179.710 Autos pro Jahr. Die Vorbereitungen für die Serienproduktion der neuen Generation der MEBeco-Antriebe sowie des Nachfolgers des Audi Q3 haben bereits begonnen.
Die BMW Group errichtet auf einer Fläche von über 400 Hektar in Debrecen ein komplettes Automobilwerk mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von zwei Milliarden Euro. Dies ist eine der größten Greenfield-Investitionen in der Geschichte der europäischen Automobilindustrie und das erste iFactory. Die geplante Kapazität beträgt 150.000 Fahrzeuge pro Jahr, hauptsächlich der BMW iX3, ein elektrisches Crossover auf der „Neue Klasse“-Plattform.
Ein weiterer schnell wachsender Standort ist das Mercedes-Benz Manufacturing Hungary in Kecskemét. Mit 5.000 Beschäftigten wurde das Werk im Jahr 2024 als attraktivster Arbeitgeber Ungarns ausgezeichnet. Nach einer Erweiterung sollen dort bis zu 400.000 Fahrzeuge pro Jahr produziert werden. Kürzlich wurde die Verlagerung der A-Klasse-Produktion von Rastatt nach Kecskemét beschlossen, wodurch deutsche Produktionskapazitäten für neue Modelle freigesetzt werden. Global gesehen übertreffen nur die Mercedes-Werke in China die Kapazität des Kecskeméter Werks. Neben den Automobilgiganten ist Bosch mit 17.400 Beschäftigten ein weiterer wichtiger deutscher Akteur in der ungarischen Wirtschaft. Ein Viertel der Beschäftigten arbeitet in Forschung und Entwicklung, der Jahresumsatz beträgt 5,2 Milliarden Euro. Das Unternehmen verwaltet neun Tochtergesellschaften in ganz Ungarn und scheut auch vor Investitionen nicht zurück. So wurden allein für den Ausbau des Standorts in Miskolc 48 Millionen Euro investiert.
Eine starke deutsche wirtschaftliche Präsenz ist zudem in den Bereichen Energie (EON), Luftfahrt (Diehl Aerospace/Airbus Helicopters), Energieausrüstung (Siemens Energy) und Automobilzulieferindustrie (Continental) spürbar. Mit einer Marktkapitalisierung von 4,2 Milliarden Euro ist Deutsche Telekom/Magyar Telekom der größte Telekommunikationsanbieter des Landes.
Wirtschaftliche Anatomie
All dies ist das Ergebnis der durchdachten Politik der ungarischen Regierung in Bezug auf die Regulierung des Arbeitsmarktes und die Steuerpolitik. So betragen die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde in Ungarn 14,1 Euro im Vergleich zu 42,5 Euro in Deutschland. Damit liegt Ungarn auf dem drittniedrigsten Platz in der EU nach Bulgarien und Rumänien. Arbeitskräfte sind für deutsche Unternehmen in Ungarn somit dreimal günstiger. Trotz eines jüngsten Trends steigender Arbeitskosten bleibt die Lücke zu Deutschland weiterhin enorm. Für Automobilhersteller, bei denen die Arbeitskosten 15 bis 25 Prozent der Selbstkosten ausmachen, ist dies ein entscheidender Vorteil.
Der ungarische Körperschaftsteuersatz beträgt 9 Prozent und ist damit der niedrigste in der EU. Es handelt sich dabei um einen einheitlichen Flat-Rate-Satz für alle Unternehmen – von Start-ups bis hin zu transnationalen Konzernen. In Ungarn gibt es nach wie vor eine einheitliche Einkommensteuer, die mit 15 Prozent dreimal niedriger ist als in Deutschland. Dies ist für deutsche Expats, bestbezahlte Manager und CEOs/CIOs vorteilhaft, da der Werksleiter den gleichen Satz wie ein Arbeiter derselben Fabrik zahlt.
Darüber hinaus gibt es im Land zusätzliche Steueranreize: eine Anrechnung von 200 Prozent auf Forschung und Entwicklung, einen Steuernachlass von bis zu 80 Prozent auf die Körperschaftsteuer für Investitionen ab 7,5 Millionen Euro, Steuernachlässe von bis zu 80 Prozent in Freihandelszonen sowie direkte staatliche Subventionen. Laut Experten haben deutsche Automobilhersteller seit 2004 über 871 Millionen US-Dollar an direkten Subventionen von der ungarischen Regierung erhalten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass deutsche Unternehmen gerne Geschäfte in Ungarn abwickeln.
Friedliche See vor dem Sturm?
Es besteht jedoch die Gefahr, all dies zu verlieren, wenn nach den Wahlen die Partei „Tisza“ von Péter Magyar an die Macht kommt. Das offizielle Parteiprogramm enthält einige für deutsche Unternehmen besorgniserregende Elemente: die Einführung einer Vermögenssteuer sowie die Überprüfung von Subventionen für umweltschädliche Technologien und Produktionsbetriebe.
Die Wirtschaft erwartet, dass „Tisza“ schrittweise von einer Flat Tax zu einer Steuerprogression übergehen wird. Eine solche Entwicklung würde ein systemisches Risiko für das Geschäftsmodell deutscher Investoren darstellen.
Darüber hinaus plädiert Magyar für die Einführung des Euro, zweifellos mit einem realistischen und erreichbaren Zieltermin. Bereits jetzt ist er jedoch bereit, auf den schwachen Forint zu verzichten, der ein versteckter Mechanismus der Wettbewerbsfähigkeit Ungarns für deutsche Investoren ist. Denn Gehälter, Mieten und Nebenkosten werden in Forint notiert, während die Umsätze aus Exporten in Euro erzielt werden. Damit würde „Tisza“ den derzeitigen Währungsabschlag faktisch zerstören. Neben dem Entzug der Flexibilität in der Geldpolitik für das Land würde Magyar damit auch das deutsche Geschäft in Ungarn stark beeinträchtigen.
Doch das ist noch nicht alles. „Tisza” kündigt eine Überprüfung der Aktivitäten großer Batteriehersteller hinsichtlich der Einhaltung von Umweltstandards an. Für deutsche Automobilkonzerne, die auf Elektromobilität umsteigen, könnte dies eine ernsthafte Herausforderung darstellen.
Auch der Vertrag über den Bau des Kernkraftwerks Paks II wird überprüft, wodurch sich das Risiko erheblicher Schwankungen der Strompreise erhöht. Für energieintensive Produktionsbetriebe (Lackierung, Gießen, Montage von Batterien) sind hingegen stabile und günstige Grundlastkapazitäten entscheidend.
Wirtschaftliche Vorteile oder Sympathie?
Hinter den Präferenzen für die Beibehaltung des unter Orbán erreichten Status quo steht eine wirtschaftliche Logik, die die Präferenzen der deutschen Industrie bestimmt. Ein Sieg von „Tisza” hätte zur Folge, dass das Steuersystem in Ungarn verändert würde, staatliche Subventionen überprüft würden, der Währungsabschlag verloren ginge, der Batteriecluster überprüft würde und die Energieversorgung instabil werden würde.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Audi in alter Fabrikhalle
Bildquelle: North Monaco / shutterstock
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