Vom Hindukusch ins Südchinesische Meer | Von Rainer Rupp

Ein Kommentar von Rainer Rupp.

Deutschlands Sicherheit ist in Gefahr. Denn sie wird jetzt nicht mehr am Hindukusch verteidigt. Feige, in einer Nacht- und Nebelaktion hat sich unsere großer Bruder USA in Afghanistan vom Acker gemacht. Die Amis können sich mit der Sicherheit sowas leisten. Sie wohnen weit weg und ein ganz großer Teich trennt sie von Afghanistan. Aber was ist mit uns? Mit unserer Sicherheit? Jetzt, wo auch die Bundeswehr nicht mehr Wacht am Hindukusch hält?

Über 50 Bundeswehrsoldaten mussten in Afghanistan für unsere deutsche Sicherheit ihr Leben opfern. Tausende andere leiden den Rest ihres Lebens an den körperlichen oder seelischen Verstümmelungen. Und die vielen Milliarden Euro, die unsere Bundesregierungen Jahr für Jahr, über fast zwei Jahrzehnte ausgegeben haben, für Fahrzeuge, Schießzeug, Munition und andere operative Kosten der Kleinkriegführung gegen die bösen Teile der afghanischen Bevölkerung; alles um Deutschlands Sicherheit am Hindukusch zu schützen. Selbst Frauen und Kinder aus den afghanischen Dörfern gehörten zu den Zielscheiben deutscher Sicherheitsoffiziere am Hindukusch.

So hat sich zum Beispiel der seither in Deutschland weit bekannte Bundeswehroberst Klein vorbildhaft verhalten. Ohne Rücksicht auf Verluste, immer die deutsche Sicherheit im Blick, hat er in seiner Funktion als hoher NATO-Offizier einem amerikanischen Jagdbomberpiloten den Befehl gegeben, eine Ansammlung von Zivilisten in der Nähe eines afghanischen Dorfes zu bombardieren.

Es war heller Tag. Selbst der amerikanische Pilot bekam Skrupel, als er sah, was das geschah. Ein mit Benzin beladener Tanker war in einem Tal stecken geblieben. Die beiden Taliban-Kämpfer, die den Wagen geklaut hatten, waren offenbar bereits abgehauen, denn das halbe Dorf, Bauern, Frauen und Kinder war mit Schüsseln und Töpfen gekommen, um von dem kostbaren, weil sonst schwer erhältlichen, Treibstoff was abzuzapfen.

Die Tonbandaufnahmen des Wortwechsels zwischen dem US-Piloten und dem Oberst Klein sprechen für sich. Der US-Pilot war wiederholt im Tiefflug über den Tanker geflogen, um sich zu überzeugen, dass er richtig gesehen hatte. Der Tiefflug des Jagdbombers störte die Treibstoffsammler am Boden nicht, denn sie dachten nicht im Entferntesten daran, dass ein krankes deutsches Gehirn in ihrer Tätigkeit eine Gefahr sah, die den Tod verdiente. Ähnlich sah das der Pilot.

Der Pilot berichtete über Funk an Oberst Klein, da unten seien sehr viele Zivilisten, Frauen und Kinder, mit Eimern und Töpfen. Er sehe da keine Gefahr. Oberst Klein in seinem Hauptquartier sah das anders. Er befahl: Bombardieren! Der Pilot hinterfragte den Befehl nochmals und nochmals und schließlich bombardierte er. Über Hundert Menschen starben sofort, viele andere erlitten schwere Verbrennungen. Trotz etlicher Versuche, ihn vor Gericht zu bringen, wurde Oberst Klein nie zur Verantwortung gezogen.

Im Gegenteil: Als er einige Zeit später in den Ruhestand ging, wurde er wohl wegen besonderer Verdienste zum General befördert.

Aber nun haben wir keine Soldaten mehr in Afghanistan. Als die Amis weg waren, ist auch die Bundeswehr mit dem Schwanz zwischen den Beinen wie ein geprügelter Hund zurück in Annegrets Körbchen, wo sich jetzt die stolzen Afghanistan-Krieger wegen des gefühlten unehrenhaften Rückzugs die seelischen Wunden lecken. Die toten Kameraden, die durchlebten Todesängste und Anstrengungen, die Hitze, der Schweiß, der Sand zwischen den Zähnen, all die vielen Opfer für Deutschlands Sicherheit am Hindukusch! Soll das alles für die Katz gewesen sein?

War das alles umsonst?

Politisch inkorrekte Fragen dieser Art hört man in den letzten Tagen vermehrt, sogar in hinreichend bekannten Qualitätsmedien wie ARD und ZDF. In der Regel ist die Antwort auf die Frage, ob die „Afghanistan Mission“ umsonst war, jedoch höchst unbefriedigend. Denn die Schlussfolgerungen orientieren sich messerscharf an der altbewährten Richtlinie, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Mit einem Wirrwarr von Ausflüchten, bei denen natürlich wiederholte Erwähnung vom Erfolg der Mädchenschulen unter der Obhut deutscher Soldaten nicht fehlen dürfen, soll von dem politischen und moralischen Desaster des 15 Jahre dauernden, deutschen Kampfeinsatzes am Hindukusch abgelenkt werden. Dabei wäre eine korrekte Antwort auf die Frage, ob das „alles umsonst war“, doch so einfach.

So wurde z.B. eine der wichtigsten Forderungen des Qualitätsnachrichtenmagazins „Der Spiegel“ erfüllt. Der hatte am 19, November 2006 auf seiner Titelseite gefordert (1):

„Die Deutschen müssen das Töten lernen“.

Und in der Einführung zum Artikel hieß es:

„Ernstfall für die Bundeswehr: Die Taliban rücken vor, fast täglich sterben Soldaten der internationalen Truppen. Fünf Jahre nach dem Einmarsch drohen irakische Verhältnisse. Berlin verweigert sich dem lauter werdenden Ruf nach einem deutschen Kampfeinsatz – wie lange noch?“

Wie wir wissen, konnte sich Berlin den Forderungen der NATO-Komplizen nicht länger widersetzen und die Deutschen haben nicht nur wieder das Töten gelernt, sondern – wie das Beispiel Oberst Klein zeigt – sie haben auch vor einem Massaker an Zivilisten nicht zurückgeschreckt. Naja. „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, heißt es in solchen Fällen.

Aber auch für die deutsche Rüstungswirtschaft war die Afghanistan-Mission (ISAF) nicht umsonst. Laut offizieller Angaben der Bundesregierung auf zwei parlamentarische „Kleine Anfragen“ (2, 3)beliefen sich die „Einsatzbedingten Zusatzausgaben der Bundeswehr für ISAF“ im Zeitraum von 2001 bis 2018 insgesamt auf 9.76 Milliarden Euro. Davon flossen 4,3 Milliarden Euro mehr oder weniger direkt in die Taschen des deutschen Militärisch-Industriellen Komplexes in Form von militärischer Beschaffung von Gerät und Reparaturen und für militärische Anlagen in Afghanistan.

Da haben also etliche Leute gut verdient an der Afghanistan Mission, weshalb diese stattliche Summe Steuergelder nicht umsonst ausgegeben wurde.

Und da hätten wir natürlich auch noch die unschätzbar wichtigen Erfahrungen, welche die Bundeswehroffiziere endlich mal in einem echten Krieg sammeln konnten und dabei auch die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen aus den anderen Staaten der Nordatlantischen Terrororganisation NATO in Vorbereitung auf den großen Ernstfall verbessert haben. Dafür gab es Orden und Beförderungen und eine Verbesserung des Solds. Also auch hier war die Afghanistan Mission nicht umsonst.

Gleiches gilt für die Politiker, wie z.B. den unseligen SPD-Kriegsminister Struck, von dessen Misthaufen die idiotische Formel von der Verteidigung der Sicherheit Deutschlands am Hindukusch stammt. Politiker dieses Schlages konnten aus der Afghanistan-Mission viel Honig saugen, denn sie gab ihnen jede Menge Möglichkeiten, sich beim großen Bruder in Washington einzuschleimen und zu Hause ihre Position zu festigen. Das ist der Stoff, aus dem deutsche Helden gemacht sind.

Also, insgesamt kann gesagt werden, umsonst war der deutsche Kampfeinsatz in Afghanistan nicht, wenn auch auf Grund des fluchtartigen Rückzugs der NATO-Krieger wegen der Entwicklungen am Hindukusch nun unsere deutsche Sicherheit wieder gefährdet ist. Da diesbezüglich keine neue Afghanistan-Mission zur Heilung dieses gefährlichen Zustandes in Sicht ist, hatte unsere aktuelle Kriegsministerin, die unschlagbare Annegret K-K eine geniale Erleuchtung, die sogar den Geniestreich von Struck in den Schatten stellt:

Die AKK-Losung heißt: Wir vergessen den Hindukusch und kümmern uns nun ums Südchinesische Meer und verteidigen dort an der Seite der Amis unsere deutschen Werte gegen China.

Anlässlich der Verabschiedung der Fregatte „Bayern“ in den Indo-Pazifik letzte Woche sagte die Ministerin:

„Es ist gut, über unsere Werte zu reden, noch besser ist es, konkret etwas dafür zu tun. Heute läuft die Fregatte ‚Bayern‘ in Richtung Indo-Pazifik aus – ein Zeichen für Stabilität, Wohlstand und eine regelbasierte, multilaterale Ordnung.“

„Gemeinsam mit unseren Wertepartnern in der Region zeigt Deutschland mit der Fregatte ‚Bayern‘ Präsenz im Indo-Pazifik und setzt ein Zeichen der Solidarität.“

Na, dann mal viel Spaß!

Quellen:

  1. https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2006-47.html
  2. https://dserver.bundestag.de/btd/19/152/1915234.pdf
  3. https://dserver.bundestag.de/btd/17/020/1702026.pdf

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:     Michal Knitl / shutterstock

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