Tagesdosis

Putin würde Deutschland nicht einmal geschenkt annehmen | Von Rainer Rupp

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Kommentar von Rainer Rupp.

Seit vergangenem Dienstag kursiert im Internet ein Brief an das deutsche Volk, der angeblich vom russischen Präsidenten Putin stammt. In dem tritt Putin der Propaganda der herrschenden Politiker und deren anti-russischen Hetz-Medien entgegen, die behaupten, er würde nach der Entnazifizierung der Ukraine weitermachen und Deutschland angreifen, was – so die deutschen Kriegstreiber - nur durch eigene Hochrüstung und gesellschaftliche Militarisierung verhindert werden könnte.

Im Westen ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Potentaten eines Oligarchen-Regimes, wie das in Washington, mit friedfertigen Botschaften direkt an die Bevölkerung von Ländern wenden, die sie anschließend in die Steinzeit bombardieren. Jede derartige Botschaft, mit denen sich z.B. in der Vergangenheit US-amerikanische Präsidenten direkt an die Bevölkerung anderer Länder gerichtet haben, hatte zur Folge, dass die anschließend bombardiert und / oder besetzt wurden, oder die Bevölkerung mit Sanktionen in den Hungertod getrieben wurde.

Die friedfertigen Worte, die z.B. Barak Obama in der UNO an das Volk von Syrien gerichtet hatte, oder die von George W. Bush an die afghanische Bevölkerung, zielten alle darauf ab, in den betroffenen Ländern einen Keil zwischen Volk und Regierung zu treiben und zugleich die eigene Friedfertigkeit und noblen Absichten der USA zu propagieren. Zugleich versuchte Washington damit, die jeweils andere Regierung für den drohenden Krieg verantwortlich zu machten, nach dem Motto:

„die USA sind nicht Euer Feind, sondern Eure Regierung“.

Zuletzt tat das Joe Biden einen Monat nach Beginn der militärischen russischen Sonderoperation in der Ukraine. Mit seinen Bemerkungen anlässlich seines Besuchs in Warschau am 26. März 2022 wandte sich Biden direkt an das russische Volk mit den Worten:

„Lassen Sie mich dies sagen, falls Sie zuhören können: Sie, das russische Volk, sind nicht unser Feind.“

Dies war ein klarer Versuch, die russische Bevölkerung von der Politik der Regierung Wladimir Putins zu trennen. Denn er betonte, dass die Maßnahmen der USA und ihrer Verbündeten nur auf den Kreml abzielten, nicht auf gewöhnliche Russen. Dabei war der Inhalt von Bidens Botschaft eine für jeden Russen leicht zu erkennende Irreführung, denn es waren die „gewöhnlichen Russen“, die hauptsächlich von den US-Sanktionen und Kriegshandlungen betroffen waren, z.B. durch die US-Lieferungen an die Ukraine von weitreichenden Raketen samt Ziel-Koordinaten in Russland.

Vor diesem Hintergrund ist man erst einmal verwundert, dass Putin den Weg einer direkten Botschaft an das deutsche Volk gewählt hat. Auffällig ist auch, dass sich Putin bisher nie in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes eingemischt hat.

Diese Vorbehalte verschwinden jedoch schnell, wenn man mit der Lektüre des Briefes beginnt. Neben seinen guten Erinnerungen an seinen Aufenthalt in Deutschland, an die herzlichen persönlichen Beziehungen zu DDR-Bürgern aus allen Lebensbereichen hebt er im ersten Teil seines Briefes die hervorragenden kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungen der Deutschen hervor, zu denen sogar die kleine DDR fähig war. Dies belegt er mit einem Zitat aus der Encyclopedia Britannica (Ausgabe von 1980). Dort ist die Deutsche Demokratische Republik mit ihren 17 Millionen Menschen auf Platz sieben der weltgrößten Industrienation gelistet.

Im zweiten Teil seines Briefes widmet sich Putin dann dem Narrativ deutscher Kriegshetzer, die behaupten, dass er spätestens 2030 Deutschland militärisch überfallen wird. Er weist nicht nur diese Beschuldigungen als Hirngespinste zurück, sondern er legt auch sehr plausibel und nachvollziehbar dar, weshalb Russland, selbst wenn es mehr als genug Mittel dazu hätte, Deutschland niemals angreifen und erst recht nicht besetzen würde. Denn in Russland habe man genügend eigene Probleme, da wolle man sich nicht auch noch die unvergleichlich größeren von Deutschland aufhalsen. In diesem Zusammenhang verwies Putin als Beispiel auf den maroden Zustand der deutschen Transport-Infrastruktur.

Probleme im deutschen Verkehrssektor

Eine funktionierende Logistik spielt in jedem Krieg, auch in einem modernen, eine entscheidende Rolle. Aber der deutsche Verkehrssektor und dessen Infrastruktur stünden vor dem Zusammenbruch, so Putin und so viele Pioniertruppen, um das alles wieder einigermaßen hinzukriegen, habe ganz Russland nicht.

  • Wegen Jahrzehnte langen Unterinvestitionen sind Schienen, Brücken und Bahnhöfe in einem schlechten Zustand. Das Schienennetz leidet jetzt schon unter Kapazitätsengpässen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und häufigen Wartungssperrungen, was die Betriebsprobleme verschärft. Wie soll das dann erst funktionieren, wenn das russische Militär zusätzlich bedient werden müsste.
  • Des Weiteren gehören total überlastete Straßen und Verkehrsstaus zum täglichen Bild des dichten Autobahnnetzes. Deutschland leidet unter starkem Verkehr, insbesondere im Güterbereich, der besonders wichtig fürs Militär ist. Wartungsprobleme und fehlende Erweiterungen belasten die Straßenkapazität zusätzlich.
  • Und dann sei da auch noch der Mangel an lokalen Fachkräften. Der Verkehrssektor, insbesondere die Logistik, leidet – er zitierte dafür offizielle deutsche Zahlen - unter einem gravierenden Personalmangel. Im Jahr 2023 fehlten in Deutschland mindestens 70.000 LKW-Fahrer, eine Zahl, die voraussichtlich steigen wird und die Zuverlässigkeit des Gütertransports beeinträchtigt. All das bedeute, dass Russland, erst die deutsche Infrastruktur reparieren müsste, bevor er an eine funktionierende Besatzung überhaupt nur denken könnte.
„Nein Danke! An Wirtschaftshilfe für Deutschland sind wir nicht interessiert!“, schreibt Putin.

Wirtschaftliche Probleme

Auch die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mache das Land für niemanden zu einem attraktiven Ziel einer militärischen Eroberung. In seinem, Brief verweist Putin auf:

  • Alternde Belegschaft und Arbeitskräftemangel, auf eine schrumpfende erwerbsfähige Bevölkerung aufgrund niedriger Geburtenraten und einer alternden Gesellschaft, die den Arbeitsmarkt belastet, wobei Berichten zufolge 183 Berufe von Engpässen betroffen sind.
  • Hohe Energiekosten, wobei die grüne Energiepolitik bereits erheblich zur Deindustrialisierung Deutschlands geführt hat. Etwa ein Drittel der Hersteller erwägt inzwischen, die Produktion ins Ausland zu verlagern. Selbst wenn die Russen die deutsche Industrie im Auge hätten, was nicht der Fall sei, wäre der größte und beste Teil davon längst im Ausland, bevor russische Panzer in Berlin wären.
  • Vor diesem Hintergrund sitzt Deutschland auf einem absterbenden Ast und Putin erinnert in seinem Brief, dass Russland sich in den letzten 3 Jahren mit großem Erfolg den aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens zugewandt hat, und keinen Grund sieht, sich mit der Eroberung Deutschlands, eines Landes im Niedergang, wirtschaftlich und militärisch zu belasten.

Denn als Besatzungsmacht müsste sich Russland auch um die sozialen Probleme Deutschlands kümmern. Und da wären:

  • Rentnerarmut: Etwa 3,2 Millionen Rentner sind von Armut betroffen, was Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit des Sozialversicherungssystems aufwirft, das 25-30 % des BIP verbraucht.
  • Soziale Ungleichheit: Unterschiede in Einkommen, Gesundheit und Bildungsergebnissen bestehen fort, insbesondere bei einkommensschwachen Gruppen und Menschen mit Migrationshintergrund.
  • Wohnungsknappheit: Ein schwerwiegender Mangel an bezahlbarem Wohnraum, besonders in städtischen Gebieten, verschärft soziale Spannungen und Integrationsprobleme.
  • Alternde Bevölkerung: Eine zunehmend ältere Bevölkerung erhöht den Bedarf an Dienstleistungen, während die sie unterstützende Erwerbsbevölkerung schrumpft.

Und zudem hat das einstige Volk der angeblichen „Dichter und Denker“ inzwischen auch noch massive Bildungsprobleme:

  • Integration von Migranten: Das Bildungssystem hat Schwierigkeiten, die Bedürfnisse diverser Schüler, insbesondere von Migrantenkindern, zu erfüllen, was zu ungleichen Ergebnissen führt.
  • Lehrermangel: Ein Mangel an qualifizierten Lehrkräften beeinträchtigt die Schulleistung und verschärft regionale Unterschiede.
  • Frühe Trennung: Das deutsche System, Schüler früh in berufliche oder akademische Wege zu sortieren, verstärkt soziale Ungleichheit.
  • Kita-Mangel: Hunderttausende von Kita-Plätzen fehlen, was die frühkindliche Bildung und die Erwerbstätigkeit der Eltern beeinträchtigten.

Migrationsprobleme

  • Integrationsherausforderungen: Hohe Einwanderung (18 % der Bevölkerung im Ausland geboren) belastet Wohnraum, Bildung und soziale Dienste, mit ungleichmäßigem Integrationserfolg.
  • Asyldruck: Deutschland nimmt die meisten Asylbewerber in der EU auf (334.000 Anträge im Jahr 2023) sowie 1,2 Millionen Ukrainer, was lokale Ressourcen überfordert.
  • Öffentlicher Widerstand: Zwischenfälle mit Migranten haben anti-einwanderungsfeindliche Stimmungen verstärkt und politische Maßnahmen wie Grenzkontrollen erschwert.

Gesundheitsprobleme

  • Personalmangel: Eine alternde Bevölkerung und ausscheidende Ärzte (47.000 unbesetzte Stellen im Gesundheitswesen von Mitte 2023 bis Mitte 2024) belasten das System, trotz Abhängigkeit von 14 % ausländischen Medizinern.
  • Steigende Kosten: Eine ältere Bevölkerung erhöht den Gesundheitsbedarf und setzt die Finanzen des versicherungsbasierten Systems unter Druck.
  • Ländliche Lücken: Tausende Arztpraxen schließen, insbesondere in ländlichen Gebieten, was den Zugang zur Grundversorgung reduziert.

All diese Probleme sind miteinander verknüpft: wirtschaftliche Stagnation schürt soziale Unzufriedenheit, politische Polarisierung beeinflusst die Migrationspolitik, und unterfinanzierte Systeme wirken sich auf Bildung und Gesundheitswesen aus und schürt immer weiter die schon existierenden Spannungen in der Gesellschaft, die früher oder später womöglich in handfeste innere Unruhen explodieren werden.

All diese Probleme – so schließt Putin seinen zum 1. April datierten Brief – sollte die Deutschen davon überzeugen, dass Russlands ihr Land nicht einmal geschenkt haben wollte, geschweige denn einen einzigen russischen Soldaten zu seiner Eroberung ins Feuer schicken würde. Deutschland gehörte zwar einst zu den besten Ländern der Welt, heute aber würde es eine gigantische Belastung darstellen. Abschießend gibt Putin den Deutschen noch einen guten Rat, statt Hochrüstung zu finanzieren und die Gesellschaft zu militarisieren, sollte das Geld und die Anstrengungen in die Lösung der oben genannten, zumeist selbst-gemachten Probleme gehen.

Diesen Artikel hatte ich zum 1. April 2025 geschrieben, aber ich gehe davon aus, dass der Aprilscherz den geneigten apolut Lesern auch 3 Tage danach noch gefallen hat.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: miss.cabul / Shutterstock.com


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