Lyrische Beobachtungsstelle

„No other choice" | Von Paul Clemente

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Tragikomödie über marktradikalen Familienvater 

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Yoo Man-su platzt vor Stolz. Feierlich legt er den Aal auf seinen Gartengrill. Diese Delikatesse war ein Geschenk. Von seinem Arbeitgeber. Einer US-Firma, die in Südkorea ihre Niederlassung errichtet hatte. Hergestellt wird Papier. Und Yoo Man-su hatte sie als Manager zum Erfolg geführt. 

Ja, für den Mittvierziger hat der Globalismus gut gesorgt: Eine sexy Ehefrau, großes Haus mit Grünanlage plus Kinder, deren Sport- und Musiktalente kräftig gefördert werden. Und als Krönung: zwei drollige Hunde, Spielgefährten für die Kids. Und jetzt noch die Anerkennung in Form eines Bratfisches. Was kann ein Mensch mehr wollen? Ja, Leistung lohnt sich. Glücklich umarmt Yoo Man-su seine Familie.

Am nächsten Tag, in der Papierfabrik: Die kalte Dusche. Nicht nur er hatte das Fisch-Präsent erhalten. Schlimmer noch: Dieses Geschenk war keine Anerkennung. Auch nicht als Ansporn gedacht – sondern als Trost. Für die Einsparung seines Arbeitsplatzes. Kurzum, Yoo Man-su ist seinen Job los.

Freilich will der Konzern die Gefeuerten nicht in die Mutlosigkeit entlassen. Der Glaube an den Markt darf nicht wanken. Deshalb sponsert man den Unglücklichen neben der Abfindung noch eine Gruppentherapie. Eine junge Therapeutin versucht den Abgeschossenen ein „positives Denken“ zu vermitteln. Durch Lehrsätze wie „Ich finde wieder einen Job“, „Meine Familie fängt mich auf“ und weiteren Blödsinn. 

So beginnt „No other Choice“, der neue Film des südkoreanischen Starregisseurs Park Chan-wook. Der reflektiert den kapitalistischen Wahnsinn nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch Vorführung grotesker Situationen. Er propagiert auch keine „linke“ Alternative. Schließlich ist Südkorea ein Sozialstaat. Alle Einwohner haben ein Anrecht auf finanzielle Deckung ihres Existenzminimums. Bricht der Job weg, gibt es staatliche Stütze. Nur: Für den Helden des Filmes, dem gefeuerten Manager Yoo Man-su, ist das kein Trost. Die Fallhöhe ist einfach zu groß. 

Was ihn besonders wurmt: Er muss sein Haus verkaufen. Dass die Maklerin regelmäßig Interessenten durch die Räumlichkeiten jagt, reibt ihm zusätzliches Salz in die Wunde: Denn diese potenziellen Käufer, allesamt Upper Class-Dumpfbacken, machen ihm klar: Nicht Fähigkeit oder Engagement entscheiden über Einkommenshöhe und Rang in der Hackordnung. Der Kapitalismus sagt: Alles liegt an Dir, an deiner Leistung! Aber wie kommt es dann, dass die gröbsten Trottel maximal absahnen?! 

Die Abfindung, die Man-so erhält, erlaubt eine kurzfristige Fortsetzung des gewohnten Lebensstandards. Seine Ehefrau sucht sich derweil eine Teilzeitstelle, erstellt eine Liste für künftiges Einsparen: Der Musik- und Reitunterricht für die Kinder? Entfällt. Auch die beiden Hunde kommen in Verwahrung. Der Trost-Slogan für die trauernden Kleinen: „Bald hat Papa wieder Arbeit. Dann holen wir sie zurück.“ 

Dann, nach vielen Anläufen, endlich, lädt man Yoo Man-su zu einem Vorstellungsgespräch. Nur – er ist nicht der einzige Bewerber, sondern hat hochqualifizierte Konkurrenz. Seine Frau feuert ihn an: Er solle die anderen Bewerber vernichten. Und Yoo Man-su folgt ihrem Rat. Nimmt ihn sogar wörtlich. Zwar mordet der Familienvater nur ungern, aber er hat „No other Choice“

Mittels einer Fake-Annonce erfährt er Identität und Wohnort der Konkurrenten... Nein, der Film serviert keine brutalen Schlacht-Szenen. Die Morde sind mit einer hohen Dosis schwarzen Humors durchtränkt: Als Yoo Man-su vom Balkon seinen Mitbewerber mit einem Blumentopf erschlagen will, kommt er ins Grübeln: Ist das Wurfobjekt schwer genug? Er vergleicht es mit anderen Pflanzenkübeln, bleibt unentschlossen. Ja, Mörder haben wirklich kein leichtes Leben.

„No other choice“ ist bereits die zweite Verfilmung von Donald E. Westlakes Roman „The Ax“. Die erste Version entstand 2005. Ihr Titel: „Jobkiller – Eine mörderische Karriere“ Regisseur war Constantin Costa-Gavras. Auch damals, vor 20 Jahren, herrschte Krisenstimmung. Vor allem in Deutschland. Zur Erinnerung: In dem Jahr etablierte SPD-Kanzler Gerhard Schröder die Hartz-Gesetze, um jeglichen Widerstand gegen Billiglohn-Jobs zu brechen. 

Zweifellos ist der globale Markt ein gigantisches Haifischbecken: Betrug, Tricksereien, Zwangsverkäufe, Monopolbildung, Spekulation auf Nahrungsmittel, Kinderarbeit: All das ist im höchsten Maße kriminell, zerstört Menschenleben, psychisch wie physisch. Ist aber trotzdem legal. Denn es befeuert den wirtschaftlichen Erfolg. Alternative Mordwerkzeuge wie Blumentöpfe hingegen sind strafbar. Nach dem Film „No other Choice“ erscheint diese Grenze als willkürlich: Wieso ist das Erzeugen von Hungersnot und Kinderarbeit legal und Yoo Man-su 's Methoden nicht?

Regisseur Park Chan-wook, Mitglied einer sozialdemokratischen Partei in Südkorea, genießt inzwischen den Ruf eines internationalen Spitzenregisseurs. Seine Filme thematisieren das Irrewerden am gesellschaftlichen Regelwerk. Im Fokus stehen  Verlorene, Durchgeknallte, Marginalisierte. Im Neo-Noir-Film „Die Frau im Nebel“ verfällt der Kommissar einer Mordverdächtigen, so dass er Beweise ihrer Schuld vernichtet. Der Nebel steht im buchstäblichen Sinne für die Unmöglichkeit von Weitblick. Wenn man etwas erkennt, ist es schon zu nah. Dann gibt es kein zurück mehr.  

Vierzehn Jahre vor Corona und Lockdown-Politik drehte Park Chan-wook den Horrorfilm „Durst“: Darin gerät ein Viren-Experiment aus dem Ruder. Resultat: Eine Vampirseuche breitet sich aus. Den Transhumanismus thematisierte Park Chan-wook in „I am a Cyborg, but that’s okay“. Der gilt inzwischen als Kultfilm. Eine junge Frau erklärt sich selbst zum Cyborg. In die Psychiatrie eingewiesen, lehnt sie jegliches Essen ab. Das sei schädlich für ihr Getriebe, Stattdessen verlangt sie einen Stromanschluss, um ihren Akku aufzuladen. 

In „No other choice“ hat der Horror die mittelständischen Normalos erreicht. Schließlich gerät auch deren Existenz aus der Balance. Im Interview mit der Tageszeitung Die Welt erklärte Park Chan-wook: „Unternehmen werden von ausländischen Firmen gekauft, Entscheidungen fallen außerhalb des Landes – und Menschen verlieren plötzlich ihre Arbeit. Früher geschah so etwas meist innerhalb nationaler Grenzen. Heute greifen Länder und Unternehmen weltweit ineinander, und diese globalen Verflechtungen wirken sich unmittelbar auf das Leben einzelner Menschen aus. Die Hauptfigur Yoo Man-su arbeitet jahrzehntelang in einem Unternehmen und wird von einem Moment auf den anderen entlassen – ausgelöst durch eine amerikanische Firma. Sein Weltbild, seine gesamte Lebensordnung, bricht zusammen.“ Kurzum, die Absturzangst der Prekarier hat den Mittelstand erreicht. Der Held aus „No other choice“ begegnet dem mit Radikalisierung. Indem er die Spielregeln des Marktes bis zum Äußersten treibt.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: London, Großbritannien - 15. Oktober 2025: Park Chan-wook und Lee Byung-hun nehmen an einer Vorführung von "No Other Choice" während des 69. BFI London Film Festivals in der Royal Festival Hall teil.

Bildquelle: Fred Duval / Shutterstock 


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