Niveauregulierung – eine Kolumne (35)

von Bernhard Loyen.

Vor gut zwei Wochen kam es zu den nicht überraschenden Ereignissen in Hamburg, rund um den G-20 Gipfel. Diverse Gemüter beruhigen sich weiterhin nur langsam. Die Archivschubladen wurden jedoch schon geöffnet. Es wird abgeheftet und gespeichert. Immer wieder liest man jedoch in neuen Resümees und Aufarbeitungen über einen vermeintlich anhaltenden Schock, über die ausgeuferte Aggressivität der beteiligten Gruppierungen. Ist bzw. war das wirklich so neuwertig in der Erfahrung?

Nach grober statistischer Wertung, liegt dabei das Mitgefühl für die Opfer der sogenannten Krawalle, zumindest in den Leitmedien und den tausenden Foren- Beiträgen, eindeutig bei der Polizei.

Opfer bei Demonstrationen sind immer bedauerlich, aber nie zu vermeiden. Verletzte auf beiden Seiten gehören schon immer zum Ergebnisbild, wenn kritische Bürger auf kritische Staatsmacht treffen. Die für mich neue und überraschende Qualität liegt aber bei der Inszenierung, die Staatsmacht, also die Polizisten und Polizistinnen, als die Hauptopfergruppe anzusehen.

Seit Tagen kursieren sehr genaue Zahlen über Verletzte und Opfer, jedoch nur für die Polizei und ihren Kollegen von den SEKs. In Bezug auf die Bürger, gibt es bis dato nur schwammige Andeutungen. Unbekannt, grobe Schätzung, ungefähr, noch nicht endgültig bekannt. Warum?

Die Darstellung des gesamten Wochenendes wird auf die Ereignisse an einer Straßenecke, sowie einem auffällig einsamen und ungestörten Randalespaziergang reduziert. Dies medial immer wieder im Wiederholungsloop komprimiert, bleiben als die herausragenden Ereignisse in Hamburg, nachhaltig in den Köpfen.

In der Sendung Maischberger vom 12.07.2017,sprach die Bundesfamilienministerin Katarina Barley überraschende Sätze. Trotz einer intensiven 18 monatigen Vorbereitung, sei man über die Gewalt auf Seiten der Demonstranten, des sogenannten schwarzen Blocks, überrascht und schockiert gewesen. Auf der Mediathek Seite wird sie wie folgt zitiert: “Die schrecklichen Ausschreitungen seien insbesondere auch von Gewalttätern begangen worden, die aus ganz Europa eingereist seien, sagt die frisch gekürte Familienministerin. ‘Wieso konnten trotz vorliegender Erkenntnisse so viele Gewalttäter aus den Nachbarländern nach Deutschland einreisen?’, fragt Katarina Barley.”

Ich möchte sie auf einen Spiegel Artikel hinweisen, den ich gefunden habe und Absätze zitieren:

“Der Tag danach: Behörden und Veranstalter geben sich erschüttert über die Bilanz der rohen Gewalt. Bei einer der schwersten Straßenschlachten der vergangenen Jahre wurden fast tausend Menschen verletzt. Autonome und Polizei hatten sich stundenlang härteste Auseinandersetzungen geliefert.

Es waren Szenen rohen Hasses: Vermummte Radikale lieferten sich mit der Polizei eine der heftigsten Straßenschlachten, die das Land in den vergangenen zwanzig Jahren gesehen hatte. Autonome schleuderten Steine, Knüppel und Flaschen in die Reihen der Polizei, behelmte Ordnungshüter stürmten immer wieder gegen die Demonstranten. Stundenlang tobte auf den Straßen der Mob, steigerte sich in eine Orgie der Gewalt.

Heute heißt es von Seiten der Polizei, auf Seiten der Autonomen hätten sich viele Ausländer beteiligt. Polizeisprecher Axel Falkenberg zufolge waren unter den 125 festgenommenen Demonstranten aus dem Autonomen-Block Bulgaren, Österreicher, Japaner, Schweden, Spanier, Franzosen und Russen.

Zahlreiche Polizisten hatten sich offenbar erst nach Ende des Einsatzes am Hafen als verletzt gemeldet, sagte der Polizeisprecher. Sie hatten vor allem Reizungen durch Gas und Rauch erlitten.”

Ein Artikel aus dem Jahre 2017, den Ereignissen in Hamburg? Knapp daneben. Dieser Artikel erschien im Spiegel des Jahres 2007. Die geschilderten Ereignisse betrafen den G8 Gipfel in Rostock.

Hamburg, Juli 2017. Alles neu, noch nie dagewesen? Gewalt gegen Polizei wie noch nie erlebt? Da wären wir in den angesprochenen Tiefen der Archive. Der Mensch vergisst schnell. Wer sich vermeintlich 18 Monate vorbereitet hat und das auch noch intensiv, sollte auch existierende Archive nutzen, wenn jemals dazu eine Absicht vorhanden war.

Am 13.07.2017 erhielten ausgesuchte Polizisten und Polizistinnen ein Gratiskonzert in der Hamburger Elbphilharmonie. Organisiert von der Stadt, dem Bürgermeister und dem Konzerthaus. Das Konzertmotto lautete: “Respekt!” Respekt für den Einsatz der Beamten, aber auch der Appell an die Gesellschaft, Respekt zu üben.

Ich möchte mir eine Frage erlauben, mit der ich mir wahrscheinlich wenige Freunde machen werde: Wo bleibt das Gratiskonzert für die Bürger, den Normalo Hamburger? Wo bleibt der Respekt für die Opfer von Polizeigewalt nach Ausübung eines Grundrechts, dem des Protestes gegen eine fragliche Politik, geschützt durch eine martialisch ausgerüstete Polizei?

Einseitig Respekt üben?  So wird Politikverdrossenheit auch gefördert.

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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