Lyrische Beobachtungsstelle

Neuverfilmung "Der Fremde" | Von Paul Clemente

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„Es war die Sonne“

Albert Camus Novelle „Der Fremde“ wurde neu verfilmt.

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Welcher emotionale Klebstoff hält eine Gruppierung, eine Gesellschaft zusammen? Ganz vorne steht ein homogenes Reaktionsprogramm. Man freut sich oder empört sich über gleiche Anlässe. Man beweist so, dass man die gleichen Werte hochhält. Das geht über politische Grabenkämpfe weit hinaus. Wer beispielsweise beim Tod eines Kindes in schallendes Gelächter ausbricht, erzeugt Irritation und Wut. Selbst ein stoischer Gesichtsausdruck, das bloße Verweigern einer Mitleidsmiene würde als „Kälte“ oder „Herzlosigkeit“ interpretiert. Solche Coolness gilt als unheimlich. Dem folgt moralische Verurteilung. Sein Umfeld spekuliert: Was für ein schrecklicher Mensch muss das sein!?

Da haben Soziopathen es wesentlich leichter. Auch denen geht echtes Mitgefühl ab. Aber sie haben in früher Kindheit die Bedeutung korrekter Reaktionen begriffen, haben die Verhaltensweisen von Erwachsenen kopiert. Deren Reaktionen auswendig gelernt. So wie Schulkinder ihre Vokabeln pauken. Soziopathen tragen Masken auf Lebenszeit. Und alle Welt fällt drauf rein. Im Alltag ist das harmlos. Aber was Soziopathen in hohen Ämtern anrichten: Das musste die Welt mehr als einmal erfahren. 

Kehren wir zurück zu den Unmaskierten, den Personen, die nicht spielen. Die mit ewig gleichgültigem Gesicht. Damit landen wir direkt bei Albert Camus. 

Der verzichtet auf psychologische Erklärungen. Seine Protagonisten haben keinen Seelendefekt. Nein, eine philosophische Erkenntnis ist es, die sie aus dem performativen Konformisten entlässt. Die Erkenntnis, dass die Welt „absurd“ ist. Dass sie keinen Sinn ergibt. Dass sie ein blödsinniges Spiel ist. Dass sie ermüdet. Eine Einsicht, die laut Camus jeden Menschen überfallen kann. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Beispiel: Ein Arbeiter schuftet jahrzehntelang in einer Fabrik. Urplötzlich überfällt ihn die Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“ Ohne jede Ankündigung. Einfach so. Jede Sinngebung, die er nie hinterfragte -  plötzlich hat sie verloren. Danach bleiben dem Betroffenen nur zwei Optionen: Er verdrängt seine Erkenntnis und macht weiter wie gehabt. Oder: Die Verdrängung funktioniert nicht. Dann überkommen ihn Depressionen und Ekel. Im schlimmsten Fall begeht er Suizid.

Camus schrieb eine Reihe von Dramen und Novellen über „absurde Existenzen“. Darunter das Drama „Caligula“: Durch den Tod seiner Schwester versteht der junge Kaiser den Irrsinn menschlichen Daseins. Er greift zur Gegenwehr. Aber nicht zur Verdrängung, sondern zur Überbietung: er etabliert ein Regime, das die Absurdität, das Chaos und die Willkür des Lebens nochmal übertrifft. Ein Höhepunkt des Dramas: Weil Rom lange von Seuchen verschont blieb, ernennt Caligula sich zum „Pest-Ersatz“: Er lässt ebenso willkürlich morden wie der schwarze Tod seine Opfer befällt. 

Eine konträre Richtung beschreitet der Arzt Rieux' in Camus Roman „Die Pest“: Der spürt inmitten von Leichenbergen die Übermacht des Todes. Gegen die Ausbreitung des Erregers ist er machtlos. Dennoch: Mag Rieux noch so oft versagen: Er gibt nicht auf. Er trotzt dem Absurden. Er postuliert, dass man „sich wehren muss, ohne zu wissen, wofür“. Um sein Mensch-sein nicht zu verlieren, muss er gegen den biologischen Irrwitz revoltieren. 

Besonderen Ruhm erlangte die bereits erwähnte Novelle „Der Fremde“. Wie in „Caligula“ führt die Erfahrung des Absurden zum destruktiven Nihilismus. 1942, während der Besatzungszeit publiziert, avancierte das Werk zu einem literarischen Hit. Nachwirkungen? - Bis heute. 1980 schrieb die Gothic-Band The Cure den Song „Killing an Arab“ in Anlehnung an Camus Novelle. 2013 erschien eine Adaption als Graphic Novel. Außerdem wurde „Der Fremde“ zweifach verfilmt. Die erste Version entstand 1967. Regisseur war Luchino Visconti. Hauptrolle: Marcello Mastroianni. Im Januar 2026 startet die Neuverfilmung. Diesmal vom Star-Regisseur Francois Ozon. 

Im Gegensatz zur ersten Version drehte Ozon in Schwarzweiß. Das ermöglicht glatte, karge Bilder. Der Himmel, das Meer, die Bäume: all die Symbole des Lebens und des Wohlbefindens: Hier sind sie farblos. Und damit ein Seelenspiegel des Protagonisten. 

Schauplatz ist Algier. Die Novelle beginnt mit dem Satz: „Heute ist Mama gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“ Ein Satz wie ein Skalpell: Der führt direkt ins Innenleben des Ich-Erzählers Meursault. Ozon übersetzt ihn ins Visuelle: Meursault sitzt am Frühstückstisch, öffnet einen Brief. Der enthält die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Achtlos legt er das Schreiben beiseite, trinkt weiter an seinem Kaffee. Ebenso teilnahmslos absolviert er die Totenwache am Sarg der Verstorbenen. Und so auch bei der Beerdigung: Meursault spielt mit. Revoltiert nicht. Aber macht keinerlei Hehl aus seinem Desinteresse. Gleiches gilt für den Umgang mit seiner Freundin: Sie haben Sex, aber ohne Tiefe. Liebe? Heirat? Meursault hält beides für sinnlos. Als sein Arbeitgeber ihm eine Versetzung nach Paris anbietet, reagiert er mit solcher Lustlosigkeit, dass der Vorgesetzte ihn mahnt: So ein Mangel an Ehrgeiz töte jedes Unternehmen. 

Nur mit seinem Nachbarn, dem Zuhälter Raymond, verbindet den Büroangestellten eine kühle Freundschaft. Dass der seine Frau schlägt, stört Meursault überhaupt nicht. Dafür stört es einen anderen um so mehr: Dem Bruder der Geschlagenen. Der droht dem Zuhälter.

Als Meursault dem Bruder am Strand begegnet, hält der zwar ein Messer, zeigt aber keine Aggression. Dennoch zieht der Angestellte seine Knarre und erschießt den jungen Mann. Jagt ihm noch vier weitere Kugeln in den Leichnam. Weshalb? Nein, es gibt keinen rationalen Grund. Meursault ist weder Angstmensch noch Rassist. 

Vor Prozessbeginn erklärt ihm sein Anwalt: Den Mord an einem Araber werde die Kolonialjustiz ihm kaum ankreiden. Wohl aber, dass der Tod seiner Mutter ihn kalt gelassen hatte. Und so kommt es: Meursaults Desinteresse sorgt beim Staatsanwalt und den Geschworenen für Verwirrung. Sein Verteidiger versucht der Jury ein nachvollziehbares Motiv zu verkaufen. Aber Meursault spielt nicht mit. Auf die Frage, weshalb er getötet habe, lautet die Antwort: „Es war die Sonne“. Skandal. Das Publikum tobt. Niemand kann ihn nachvollziehen. Auch seine Freundin nicht. Die verzweifelt am mangelnden Selbsterhaltungswunsch des Geliebten. Dass er sich ohne Gegenwehr zur Enthauptung verurteilen lässt.  

In der Todeszelle erhält Meursault Besuch von einem Priester. Er winkt ab, will keinen Beistand. Aber der ungebetene Gast lässt sich nicht verjagen. Entschlossen kämpft er um das Seelenheil des Verurteilten. Doch Meursault erwidert nur: Es sei ihm gleichgültig, ob er im Alter von 30 Jahren oder als 70jähriger stürbe. Das Leben endet so oder so. Die Vergänglichkeit entwertet alles Leben, macht es zur Absurdität. 

Vergleicht man Viscontis Verfilmung von 1967 mit Ozons Neuauflage, erscheint die aktuelle Version durchweg überzeugender. Das liegt vor allen an den Hauptdarstellern. Marcello Mastroianni in der Erstverfilmung ist einfach kein „absurder Mensch“. In der Rolle des Meursault wirkt er wie ein Lebemann und Müßiggänger. Er bleibt der Womanizer Rubini aus „La dolche Vita“, der mit Anita Ekkberg in den Trevi-Brunnen springt. Mastroianni spricht zwar Camus Sätze, aber man glaubt sie nicht. Sie decken sich nicht mit seiner Ausstrahlung. Anders bei Benjamin Voisin im Remake. Der erscheint als ultraglatt und inhaltsleer wie männliche Models für Rasierschaum oder Duschgel. Das Lächeln dieses Schönlings wirkt wie ein KI-Produkt. Fernab vom Lebendigen. Ein Android. Womit der Film eine neue Deutungs-Ebene offeriert... 

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: SCHWEDEN - CIRCA 1990: Eine in Schweden gedruckte Briefmarke zeigt Albert Camus, Nobelpreis für Literatur 1957, 1957, circa 1990

Bildquelle: neftali / shutterstock 


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