„Titanic“-Ausstellung in Potsdam
“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.
Das Riesenschiff versank in Rekordzeit: Zwischen 0:05 Uhr bis 2:20 Uhr. Aufgeschlitzt wie eine Blechbüchse. Vom dunklen Eiswasser verschlungen. Stattdessen hallten Schreie durch die Nacht. Von Überlebenden, Verzweifelten, zusammengekauert in ihren Nussschalen. In der Nacht zum 15. April 1912 war nicht bloß ein Schiff, sondern ein Mythos versunken. Bis dahin galt die Titanic als „unsinkbar“. Aber das war bloßer Vorschusslorbeer. Auf ihrer Jungfernfahrt reichte ein Eisberg, um ihn zu widerlegen. Die Katastrophe war nicht bloß grausig, sondern auch blamabel.
Schließlich sollte der Ozeanriese das unbegrenzte Potenzial westlicher Technologie demonstrieren. Schon der Name „Titanic“ verriet das Programm: Titanik, das kommt von Titanen, den urzeitlichen Riesen der griechischen Sagenwelt. Deren Intelligenz und Kraft wurde selbst den Göttern gefährlich. Der berühmteste Titan, Prometheus, widersetzte sich sogar dem Willen des Göttervaters Zeus. Titanen stehen für Selbstermächtigung. Deshalb bezeichnete der Schriftsteller Ernst Jünger die technisierte Gegenwart als „titanisches Zeitalter“. Inzwischen hat sich die High-Tech-Aristokratie vollständige Digitalisierung, Transhumanismus und Kolonialisierung des Weltalls auf die Festplatte geschrieben. Vorhaben, die irgendwann auch ihren Eisberg finden werden.
Katastrophen mit hoher Opferzahl beenden regelmäßig einen kollektiven Mythos. Im 18. Jahrhundert riss das Erdbeben in Lissabon nicht nur Menschen, sondern auch die Vorstellung einer gerechten Weltordnung in den Abgrund. Mit den Twin Towers am 11. September 2001 brach auch Francis Fukuyamas Phantasie vom „Ende der Geschichte“, in sich zusammen. Marktkonforme Demokratie als globales Zukunftsmodell? Ausgeträumt.
Die durchschlagende Wirkung solcher Katastrophen ist ihre Plötzlichkeit und Kürze. Niemand kann sie aufhalten. Weil keiner sie erwartet, keiner mit ihnen gerechnet hat. Bevor jemand kapiert, was gerade läuft, ist es bereits Vergangenheit.
Raten Sie doch mal, wann der erste Titanic-Film entstanden ist? Gar nicht so leicht. Gegenwärtige Filmproduzenten nehmen sich reichlich Zeit, bevor sie reale Katastrophen für die Leinwand aufbereiten. Über ein Jahr nach Einsturz der Twin Towers kam der Episodenfilm „11′09″01 – September 11" in die Kinos. Und 5 Jahre vergingen bis zum Start von Oliver Stones „World Trade Center“. So skrupulös waren damalige Filmemacher keineswegs: Wenige Wochen nach dem Ende der Titanic kamen erste Filmversionen auf die Leinwand. Im April versank das Schiff und im August war bereits Premiere. Der frostige Titel: „Nacht und Eis“. Schon dieser 40minütige Stummfilm enthielt eine Lovestory. Gedreht wurde in einem Berliner Hinterhof, in Hamburg und Cuxhafen.
Auch die Amis schliefen nicht. Noch früher als „Nacht und Eis“, nur 30 Tage nach dem Unglück, kurbelten US-Filmemacher „Saved from the Titanic“ (1912). Highlight des Streifens: Dorothy Gibson, Überlebende des realen Titanic-Untergangs, spielte die Hauptrolle. Ihr Gesicht prangte auf den Werbeplakaten jener Jahre. Seitdem versuchen Filmproduzenten regelmäßig Neuauflagen. Das Einzige, was dabei wechselt, sind die Love-Stories. Heiße Liebesschwüre auf einem untergehenden Schiff: Das packt. 1929, zu Beginn des Tonfilms, startete eine deutsch-britische Version unter dem Titel „Atlantik“ in den Lichtspielhäusern.
Propagandistisch dick aufgeladen ist die deutsche Verfilmung von 1943. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte den Film bestellt. Sein Vorhaben: Die „Titanic“ sollte Stimmung gegen Großbritannien verbreiten. Im fertigen Film bedrängen englische Großkapitalisten den Kapitän: Er möge alle Gefahren ignorieren und auf Volltempo fahren. Nur ein Geschwindigkeitsrekord könne die Reederei vor dem Bankrott retten. Der Kapitän gehorcht und das Unheil nimmt seinen Lauf… Aber zu Goebbels großem Frust wirkte der fertige Film wie eine Parabel auf das untergehende Deutschland. Vorführungen hierzulande wurden untersagt. Der Regisseur, Herbert Selpin, saß bereits im Gestapo-Knast. Vorwurf: Er habe die deutsche Wehrmacht beschimpft. Bald darauf starb er in seiner Zelle. Angeblich Selbstmord...
Nach einer Hollywoodverfilmung von 1953 und einer britischen von 1958 reanimierte James Cameron die Tragödie im Blockbuster-Format. Als dreieinviertelstündigen Schmachtfetzen, vergleichbar mit Melodramen wie „Vom Winde verweht“. Das Drehbuch enthielt alle Zutaten des Populärfilms: Tragische Liebe, sexuell motivierte Überwindung von Klassenschranken und eine technisch perfekte Katastrophen-Szene.
Egal, wie man Cameron als Regisseur bewertet: Die Inneneinrichtung des Luxusdampfers wurde mit großer Detailtreue rekonstruiert. Und diese Ausstattung hat sich jetzt verselbständigt: In der Metropolis-Halle, beim Filmpark Potsdam-Babelsberg, gastiert bis Ende Februar eine Titanic-Ausstellung.
Wer es authentisch mag, kann 200 Original-Artefakte aus dem Riesenschiff begutachten. Wer den Luxus einer versunkenen Epoche inhalieren will, kann durch nachgebaute Gänge, Zimmer und dem Aufenthaltsraum lustwandeln. Sich zurückversetzen in eine Zeit, wo Ornamente triumphierten: Überall Schnörkel, Verzierung und Kunstgewerbe. Ein Zeitgeschmack, der zwei Jahre nach dem Titanic-Crash ebenfall versank: In den Blutströmen des Ersten Weltkriegs.
Die Titanic war als Mikrokosmos angelegt, als schwimmende Stadt. Kein Gast musste auf häuslichen Luxus verzichten. Damit antizipierte das Riesenschiff nicht nur heutige Kreuzfahrtkähne, sondern auch sämtliche Resort-Hotels. Beider Motto: Reisen ohne Verzicht aufs Gewohnte. Durch fremde Gewässer kurven? Gerne, aber bitte mit Salon, Bar und Animationsprogramm. Die exotische Umgebung? Lässt sich vom Deck aus gut betrachten. So bleibt der Tourist auf Distanz, wird zum Voyeur. Und das bereiste Land zum Kinobild.
Noch eine Trigger-Warnung an die Fans des Cameron-Films: Das Betreten der Schiffsräume kann Melancholie auslösen. So wie Theaterkulissen eines Stücks, das längst abgespielt ist. Oder wie eine Geisterstadt. Hier lebt nichts mehr. Immerhin: Liebespaare können sich auf dem nachgebauten Schiffsbug stellen und die ikonische Szene nachspielen, wo Kate Winselt, umarmt von Leonardo DiCaprio, ihre Arme ausbreitet und vom Fliegen träumt. Allerdings ohne Sonnenuntergang, kitschigem Delphin-Ballett und pathetischen Soundtrack. Das alles wurde digital hinzugefügt.
Wird man eine ähnliche Ausstellung auch über das World Trade-Gebäude machen? In 80 Jahren?. Wenn das Unglück hundert Jahre zurück liegt. Mit Trümmerteilen in Vitrinen, einer nachgebauten Büroetage, Hintertreppe und Fahrstuhl?
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Titanic
Bildquelle: AMINEDOTCOM / shutterstock
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