El Menchos Tod und Amerikas neue Doktrin für seinen Hinterhof
Ein Meinungsbeitrag von Michael Hollister.
I. Der Aufmacher: Die brennende Hütte
Guadalajara, Sonntag, 22. Februar 2026. Eine 78-jährige Frau namens Margarita verlässt ihr Haus, um Fleisch zu kaufen. Auf der Straße sieht sie ein ausgebranntes Auto. Ihre Sonntagsmesse war fast leer gewesen. Sie geht zurück in ihre Wohnung und schließt ab. Draußen liegt eine Stadt, die in vier Monaten Schauplatz der Fußball-Weltmeisterschaft sein soll - und die sich gerade in einen Kriegsschauplatz verwandelt.
In den Bergen von Tapalpa, rund 80 Kilometer südwestlich, ist in den frühen Morgenstunden etwas passiert, das Mexiko verändern wird. Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho", 59 Jahre alt, Gründer und Chef des Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG), wird bei einer Militäroperation verwundet und stirbt noch während des Hubschraubertransports nach Guadalajara. Einer der meistgesuchten Kriminellen der Welt, auf den die USA eine Belohnung von 15 Millionen Dollar ausgesetzt hatten, ist tot.
Was folgt, ist keine Siegesfeier. Innerhalb von Stunden riegeln CJNG-Mitglieder weite Teile Mexikos ab. 250 Straßenblockaden in 20 Bundesstaaten. Brennende Busse, geplünderte Supermärkte, beschossene Fahrzeuge. 25 Nationalgardisten sterben bei Vergeltungsangriffen. Guadalajara steht still. „Der Teufel ist los", sagt Margarita, als sie schließlich doch noch kurz vor die Tür tritt.
Die internationale Presse schreibt von einem historischen Erfolg der mexikanischen Sicherheitskräfte. Mexikanische Souveränität. Nationaler Triumph. Der tapfere Schlag des mexikanischen Militärs gegen das mächtigste Kartell der westlichen Hemisphäre.
Aber stimmt das wirklich?
Oder war das, was sich in den Bergen von Jalisco abspielte, etwas anderes: der erste öffentliche Testlauf einer neuen US-amerikanischen Doktrin für Lateinamerika? Eine Operation, bei der Mexiko zwar abgedrückt hat - aber Washington das Ziel geliefert hat, die Munition bereitgestellt hat und die juristische Legitimation längst vorbereitet hatte?
Die Diskrepanz zwischen dem, was wir sehen (Chaos), und dem, was wir verstehen sollten (Kalkül), ist der eigentliche Kern dieser Geschichte.
II. Die offizielle Erzählung: Mexikos großer Triumph
Claudia Sheinbaum, Mexikos Präsidentin, hatte über Monate hinweg eine klare Linie vertreten: keine US-amerikanischen Soldaten auf mexikanischem Boden, keine gemeinsamen Operationen, keine Einmischung. México decide - Mexiko entscheidet. Angesichts des massiven Drucks aus Washington, der unter Trump bis hin zu Drohungen mit Militärschlägen auf mexikanischem Territorium gereicht hatte, war diese Haltung innenpolitisch existenziell.
Nach El Menchos Tod hält Sheinbaum diese Linie aufrecht. Die Operation sei souverän durchgeführt worden. Mexikanische Kräfte, mexikanische Entscheidung. Die Bevölkerung solle ruhig bleiben.
Verteidigungsminister Ricardo Trevilla Trejo liefert in einer Pressekonferenz die operative Darstellung: Am 20. Februar 2026 identifizierten Armeespezialisten einen Vertrauensmann, der eine der sentimentalen Partnerinnen El Menchos nach Tapalpa, Jalisco, begleitete. Die Frau traf sich dort mit dem Kartellchef. Die mexikanische Armee baute einen Kordon in den Nachbarstaaten auf - bewusst nicht in Jalisco selbst, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Am Morgen des 22. Februar rückten Spezialeinheiten vor, unterstützt von sechs Helikoptern und Luftunterstützung der Luftwaffe. El Mencho versuchte ins bewaldete Gelände zu flüchten, wurde verwundet, ein Militärhubschrauber musste nach Treffern notlanden. El Mencho und zwei seiner Leibwächter starben noch im Helikopter. Aus Sicherheitsgründen wurde der Flug nicht nach Guadalajara, sondern nach Morelia umgeleitet.
Das ist die Geschichte, die beide Seiten brauchen. Trump braucht den Fentanyl-Erfolg - einen konkreten Beweis, dass sein Druck auf Mexiko Früchte trägt. Sheinbaum braucht die Souveränität - den Beweis, dass Mexiko seine eigenen Probleme lösen kann, ohne amerikanische Stiefel auf eigenem Boden zu dulden. Was wir erleben, ist politisches Theater für zwei Innenpolitiken gleichzeitig. Ein perfektes Arrangement. Fast zu perfekt.
III. Die dokumentierte Wahrheit: Die unsichtbare Hand
Was die offizielle Erzählung verschweigt, sickert in den Stunden nach der Operation durch mehrere unabhängige Quellen durch.
Die Washington Post berichtet unter Berufung auf zwei US-Beamte in Washington, die mit der Sache vertraut sind: CIA-Informationen waren instrumental - entscheidend - für die Lokalisierung El Menchos. Die New York Times bestätigt dasselbe, ebenfalls mit zwei unabhängigen US-Quellen. Die CIA und andere US-Geheimdienste lieferten Informationen an mexikanische Behörden, die die Operation überhaupt erst ermöglichten. US Deputy Secretary of State Christopher Landau feiert die Operation noch am Sonntag öffentlich auf X: El Mencho sei „einer der blutigsten und rücksichtslosesten Drogenbosse" gewesen. Das US-Verteidigungsministerium bestätigt, dass eine „interagency task force eine Rolle gespielt hat."
Doch wer oder was ist diese Task Force?
The Intercept enthüllt die Antwort: Im Januar 2026 gründete das US-amerikanische Northern Command (USNORTHCOM) die Joint Interagency Task Force Counter Cartel, kurz JIATF-CC. Hauptquartier: Fort Huachuca, Arizona - eines der größten Militärgeheimdienst-Ausbildungszentren der USA, unmittelbar an der mexikanischen Grenze gelegen. Befehlshaber: Air Force Brigadier General Maurizio Calabrese. Calabrese beschreibt die Mission seiner Einheit in einem Interview gegenüber Reportern explizit: Er vergleicht sie mit den targeted killing campaigns - den gezielten Tötungskampagnen - die die USA nach dem 11. September gegen Al-Qaida und den Islamischen Staat geführt haben. Die Drogenkartelllbedrohung, sagt Calabrese, sei in ihrer Größenordnung möglicherweise noch umfangreicher. Ein ehemaliger US-Beamter bestätigt gegenüber The Intercept: Washington hatte ein detailliertes Target Package auf El Mencho zusammengestellt - und es an SEDENA, das mexikanische Verteidigungsministerium, übergeben.
Wie man einen Mann wie El Mencho findet
Für Leser ohne Geheimdiensthintergrund lohnt ein kurzer Blick darauf, was ein solches Target Package eigentlich bedeutet - und warum Mexiko das alleine nicht kann.
Professionelle Zielverfolgung moderner Geheimdienste kombiniert drei Quellen. HUMINT - Human Intelligence - sind menschliche Quellen vor Ort: In diesem Fall die Überwachung des Vertrauensmannes, der die Partnerin nach Tapalpa fuhr. Dahinter stecken Monate der Netzwerkanalyse, des Aufbaus von Informanten, der Pattern-of-Life-Beobachtung - wer bewegt sich wie, wann, mit wem. SIGINT - Signals Intelligence - ist die elektronische Überwachung: Metadaten von Mobiltelefonen, Standortdaten, Kommunikationsprofile, Bewegungsspuren digitaler Geräte. Und Drohnenaufklärung liefert das visuelle Bestätigungsbild: Bewegungsprofile aus der Luft, Identifikation von Fahrzeugen und Personen in Echtzeit.
Erst wenn alle drei Quellen dasselbe Bild ergeben, wird ein Target Package freigegeben. Das ist keine mexikanische Spezialeinheit, die zufällig auf den meistgesuchten Kriminellen Mexikos stößt. Das ist Industrieüberwachung - und Mexiko besitzt diese Kapazitäten in dieser Form schlicht nicht.
Den Beweis dafür liefert ein Ereignis von 2019: Mexikanische Kräfte versuchten in Culiacán, Ovidio Guzmán López - El Chapos Sohn, einen Sinaloa-Kartellführer - festzunehmen. Das Ergebnis: Das Sinaloa-Kartell mobilisierte innerhalb von Minuten Hunderte schwer bewaffneter Kämpfer, die Stadt wurde lahmgelegt, sechs Menschen starben. Nach drei Stunden ließ die mexikanische Regierung Ovidio wieder frei - zu gefährlich, die Lage zu halten.
Tapalpa 2026: Ein kurzes, präzises Gefecht. Kein Rückzieher. El Mencho tot. Der Unterschied ist nicht mexikanische Entschlossenheit. Der Unterschied ist das amerikanische Targeting.
IV. Der juristische Pflug: Die FTO-Designation als AUMF für Mexiko
Die militärische Dimension dieser Geschichte ist spektakulär. Die juristische ist mindestens ebenso bedeutsam - und wurde von der internationalen Presse weitgehend übersehen.
Die Chronologie eines Paradigmenwechsels
20. Januar 2025, Trumps erster Amtstag: Executive Order 14157. Kartelle und andere Organisationen werden als „Foreign Terrorist Organizations" und „Specially Designated Global Terrorists" eingestuft. Die Order erklärt, Kartelle „funktionierten als quasi-staatliche Entitäten" und stellten eine nationale Sicherheitsbedrohung dar, „die über gewöhnliche organisierte Kriminalität hinausgeht." 6. Februar 2025: Außenminister Marco Rubio trifft die formale Bestimmung. 20. Februar 2025: Veröffentlichung im Federal Register, Inkrafttreten. Betroffen: CJNG, Sinaloa-Kartell, Cártel del Noreste (ehemals Los Zetas), Gulf Cartel, La Nueva Familia Michoacana, Carteles Unidos, MS-13 und Tren de Aragua.
Das ist kein symbolischer Akt. Es ist die Aktivierung eines juristischen Werkzeugkastens.
Drei Hebel, die alles verändern
Erstens: Material Support als Bundesstraftat. Nach 18 U.S.C. §2339B ist es für jede Person, die US-amerikanischer Jurisdiktion unterliegt, eine Bundesstraftat, einer designierten FTO wissentlich „materielle Unterstützung oder Ressourcen" zukommen zu lassen - strafbar bis zu 20 Jahren Haft, bei Todesfolge bis lebenslänglich. Der Begriff „materielle Unterstützung" ist dabei extrem weit gefasst: Er umfasst nicht nur Geld und Waffen, sondern auch Güter, Dienstleistungen, Transport, Unterkünfte, Ausbildung und fachkundige Beratung. Ein mexikanisches Transportunternehmen, das dem CJNG Schutzgeld zahlt - derecho de piso, wie es in Mexiko genannt wird –, könnte theoretisch in den USA wegen Unterstützung einer Terrororganisation angeklagt werden. Attorney General Pam Bondi erließ am 5. Februar 2025 ein Memorandum, das die Anwendbarkeit der Terrorismus-Straftatbestände auf Kartellverfahren explizit bestätigt.
Zweitens: Extraterritoriale Wirkung. Das Gesetz greift nicht nur für US-Bürger und US-Unternehmen. Es hat extraterritoriale Anwendung - das bedeutet: Auch nicht-amerikanische Akteure können ins Visier geraten, wenn eine Verbindung zu US-Interessen besteht. Ein mexikanischer Avocado-Exporteur, ein kolumbianischer Kokalinlieferant, eine europäische Bank mit Mexiko-Geschäft - alle stehen unter potenziellem rechtlichem Risiko. Die Kanzlei WilmerHale warnt in einer Analyse explizit: „Die Befolgung ausländischen Rechts und ausländischer Regierungsanweisungen ist möglicherweise kein sicherer Hafen" - denn die Executive Order erklärt, viele Kartelle hätten sich in ausländische Regierungen infiltriert. Die Sekundärsanktionen treffen zusätzlich ausländische Finanzinstitute, die wissentlich mit FTO-Mitgliedern Geschäfte machen.
Drittens: Zivilklagen und Vermögenseinzug. Jeder US-Bürger, der durch einen „Akt des internationalen Terrorismus" einer FTO geschädigt wurde, kann auf dreifachen Schadensersatz klagen - auch gegen Unternehmen, die der Unterstützung der Täter beschuldigt werden. Alle Vermögenswerte mit FTO-Bezug in den USA oder im Besitz von US-Personen werden eingefroren. Der Fall Camarena v. Caro-Quintero, eingereicht wenige Wochen nach der FTO-Designation direkt gegen das Sinaloa-Kartell, gilt als Vorgeschmack auf eine Welle ähnlicher Klagen.
Die AUMF-Parallele
Wer die Logik dieser Maßnahme verstehen will, muss zurückschauen auf den 18. September 2001. Eine Woche nach den Anschlägen auf das World Trade Center verabschiedete der US-Kongress die Authorization for Use of Military Force - die AUMF. Ein Satz, 60 Wörter, der dem Präsidenten erlaubte, gegen jede Organisation militärisch vorzugehen, die an den Anschlägen beteiligt war oder solche Gruppen unterstützte. Aus diesem einen Satz wurden zwei Jahrzehnte Kriegsführung in Afghanistan, Irak, Syrien, Somalia, Pakistan und darüber hinaus - ohne dass der Kongress je erneut abstimmen musste.
Die FTO-Designation der Kartelle funktioniert nicht juristisch identisch mit der AUMF - aber sie funktioniert politisch und strategisch analog. Sie verwandelt Kriminelle in „feindliche Kämpfer", Drogenbekämpfung in Terrorismusbekämpfung und öffnet damit eine völlig andere Werkzeugkiste. Das Center for Strategic and International Studies schreibt, die Designation habe „eine Suite von Werkzeugen für die Exekutive freigeschaltet." Das Corporate Compliance Insights Magazin warnt Unternehmen explizit: Krisenmanagementpläne sollen „nicht nur Erpressung und Diebstahl antizipieren, sondern potenzielle Militäroperationen oder unilaterale US-Vollzugsmaßnahmen in Mexiko" - und verweist direkt auf die Maduro-Entführung als Präzedenzfall.
Der Congress Research Service - der offizielle Forschungsdienst des US-Kongresses - hält fest, dass einzelne Kongressmitglieder bereits prüfen, ob Gesetzgebung erforderlich sei, um Militäreinsätze gegen FTO-designierte Kartelle explizit zu autorisieren oder zu verbieten. Das Fenster steht offen.
El Menchos Tod als Aktivierung
Sein Tod ist nicht das Ende eines Kapitels. Er ist der erste spektakuläre Schlag, der beweist, dass die neue Doktrin funktioniert. Und die Gegengewalt des CJNG in den Stunden danach - 250 Straßenblockaden, brennende Fahrzeuge, Angriffe auf Nationalgardisten - liefert die Rechtfertigung im Nachhinein frei Haus: Seht her, wie gefährlich diese Terroristen sind. Unser harter Kurs war richtig.
V. Die CIA und ihre langen Schatten: Kein historisches Waisenkind
Wer das, was sich in Tapalpa abspielte, einordnen will, braucht zwei historische Datenpunkte – nicht als Verschwörungstheorie, sondern als dokumentierten Präzedenzfall.
Der erste: Kiki Camarena. DEA-Agent, ermordet 1985 in Guadalajara – ausgerechnet Guadalajara. Das Guadalajara-Kartell war der Täter. Die mexikanische Dirección Federal de Seguridad, damals die wichtigste CIA-Partneragentur in Mexiko, war nach späteren Untersuchungen in die Entführung verwickelt. Camarena hatte zu tief in Verbindungen zwischen CIA-Operationen in Mittelamerika und mexikanischen Drogennetzwerken gestochert – Netzwerken, die für die Contra-Finanzierung relevant waren. Sein Tod ist der direkteste historische Beleg dafür, dass CIA und mexikanische Drogenwelt nicht immer auf gegenüberliegenden Seiten der Barrikade standen.
Der zweite: Afghanistan. Im Jahr 2000 verhängte das Taliban-Regime ein striktes Anbauverbot für Schlafmohn. Die Opiumproduktion kollabierte um 94 Prozent – in einem einzigen Jahr. 2001 marschierten die USA ein. Was folgte: Die Produktion stieg unter NATO-Besatzung von 185 Tonnen auf knapp 9.000 Tonnen – ein Anstieg von über 4.700 Prozent. Nach dem US-Abzug 2021 verhängten die Taliban erneut ein Verbot. Die UNODC bestätigte: Von 233.000 Hektar Anbaufläche 2022 blieben 2023 noch 10.800 Hektar. Man kann das mit Kriegschaos erklären. Man kann nicht erklären, warum ein autoritäres Taliban-Regime in zwei Jahren erreichte, was die USA in 20 Jahren nicht schafften – wenn man ernsthaft annimmt, dass Opiumbekämpfung in Afghanistan je eine echte Priorität war.
Beide Fälle dokumentieren dasselbe Muster: Kontrolle und Vernichtung sind zwei sehr unterschiedliche Ziele. Wer dieses Muster kennt, liest El Menchos Tod anders.
Eine ausführliche Timeline verdeckter CIA-Verstrickungen in den globalen Drogenhandel findet sich in meinen Analysen „US-Krieg gegen die Drogen“ und „CIA & Drogenhandel“ auf www.michael-hollister.com.
VI. Cui Bono: Wem nützt El Menchos Tod wirklich?
Die entscheidende Frage in der geopolitischen Analyse lautet nicht: Was ist passiert? Sondern: Wem nützt es?
Trumps Innenpolitik: Wahlkampfmunition
Die Fentanyl-Krise tötet in den USA jährlich über 70.000 Menschen. Es ist die größte Drogenepidemie in der amerikanischen Geschichte - und Trumps innenpolitisch stärkste Karte. El Menchos Tod ist der größte Anti-Drogen-Erfolg seit der Auslieferung Joaquín „El Chapo" Guzmáns an die USA im Jahr 2017. Für Trumps Basis ist er ein direktes, konkretes Ergebnis von „America First"-Druck auf Mexiko: Wir haben Mexiko unter Druck gesetzt, und Mexiko hat geliefert.
DEA-Direktor Derek Maltz wird von Trump unmittelbar nach der Operation öffentlich zitiert. Das ist keine Drogenbekämpfung aus humanistischen Motiven. Das ist Wahlkampfmunition - produziert auf Bestellung.
Mexiko als Druckmittel: Das stille Konto
Sheinbaum bekommt innenpolitisch einen Triumph. Mexiko hat seinen meistgesuchten Kartellchef eliminiert - ohne US-Soldaten auf eigenem Boden dulden zu müssen. Das ist real und wertvoll für ihre politische Stellung.
Aber sie zahlt den Preis anderswo. Das stille „Du schuldest uns was" sitzt jetzt auf dem Verhandlungstisch. Migrationskontrollen, Grenzsicherung, Extraditionstempo, gemeinsame Operationen - Washington hat eine Schuldenlast aufgebaut, die es eintreiben wird. Ironischerweise macht El Menchos Tod Mexiko kurzfristig widerstandsfähiger gegen US-Forderungen nach unilateralen Drohnenangriffen: Einige US-Beamte sagten The Intercept explizit, die Operation stärke Mexikos Position. Sheinbaum kann jetzt sagen: Wir liefern Ergebnisse. Ihr braucht keine eigenen Soldaten. Das ist ein Deal, keine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Die strategische Flanke: Der große Kontext
Im Dezember 2025 veröffentlichte die Trump-Administration zwei Dokumente, die kaum internationale Aufmerksamkeit erhielten, aber den strategischen Rahmen für alles definieren, was wir seither beobachten: die neue National Security Strategy und die National Defense Strategy. Beide sind unmissverständlich: Russland ist nicht mehr der primäre Feind der USA. Der Indo-Pazifik ist der neue Hauptschauplatz. Die Einhegung Chinas ist das strategische Ziel der nächsten Dekade.
Wer sich auf China konzentrieren will, braucht gesicherte Flanken. Venezuela ist bereits adressiert: Operation Absolute Resolve, 3. Januar 2026 - US-Spezialeinheiten drangen in ein Präsidentengebäude in Caracas ein und brachten Nicolás Maduro in US-Gewahrsam, wo er sich seither vor einem New Yorker Bundesgericht wegen Narko-Terrorismus verantworten muss. Das Land ist für Washington unter Kontrolle - und seine Ölreserven, die größten der Welt, sind wieder zugänglich. El Menchos Tod ist der nächste logische Schritt in derselben Sequenz: die Südgrenze befrieden, Mexiko als verlässlichen Partner einbinden, den Kopf frei machen für das eigentliche Ziel.
El Menchos Tod ist kein isoliertes Ereignis. Er ist Haushaltskonsolidierung vor dem großen Spiel.
CJNG als Industriestandard: Das strategische Problem
Und dann ist da noch eine Überlegung, die in der Berichterstattung komplett fehlt.
Das CJNG unter El Mencho war kein gewöhnliches Kartell mehr. Die Organisation operiert in über 40 Ländern, unterhält rund 90 semi-autonome Fraktionen in einem Franchise-Modell, erzielt Jahresumsätze in Milliardenhöhe, betreibt eigene Drohneneinheiten, unterhält Verbindungen nach Australien, China und ganz Südostasien. Das ist keine Kriminellenorganisation. Das ist ein Parallelstaat mit eigener Außenpolitik, eigener Logistik, eigener Gewaltstruktur - und zunehmend eigener geopolitischer Logik.
in Gebilde dieser Größe und Eigenlogik wird für Washington zu einem strategischen Risiko, das sich der Kontrolle entzieht. Fragmentierung - die Zerschlagung in kleinere, konkurrenzfähige, leichter infiltrierbare Einheiten - ist aus US-Perspektive möglicherweise nicht der Kollateralschaden dieser Operation. Es ist ihr kalkuliertes Ziel.
Es gibt noch eine Dimension, die in der internationalen Berichterstattung vollständig fehlt. Manzanillo, der strategisch wichtige Pazifikhafen unter CJNG-Kontrolle, ist nicht zufällig der Haupteingangskanal für chinesische Chemikalien zur Fentanyl-Produktion. Das CJNG unterhält nach Angaben des US-Finanzministeriums aktive Verbindungen zu chinesischen Geldwäschenetzwerken - Chinese Money Laundering Networks, kurz CMLNs - und bezieht Vorläuferchemikalien direkt aus China und Indien. Wer El Mencho eliminiert und die CJNG-Struktur fragmentiert, unterbricht damit nicht nur eine mexikanische Lieferkette. Er unterbricht eine chinesisch-mexikanische Logistikachse. In der Vorbereitung auf eine strategische Auseinandersetzung mit Peking ist das kein Kollateralschaden. Es ist ein kalkulierter Vorlauf.
VII. Nach El Mencho: Das Machtvakuum und seine Erben
El Menchos Tod hinterlässt eine der gefährlichsten Konstellationen im mexikanischen Drogenkrieg: ein extrem mächtiges, extrem zentralisiertes Kartell ohne erkennbaren Nachfolger.
Die gebrochene Erbfolge
Der natürliche Erbe war Rubén Oseguera González, genannt „El Menchito". El Menchos Sohn hatte das CJNG jahrelang als Nummer zwei geführt und war der designierte Nachfolger. Doch im März 2025 wurde er in den USA zu lebenslänglicher Haft plus 30 Jahren verurteilt - und zu einem Vermögensverfall von über 6 Milliarden Dollar. Die Erbfolge ist amputiert.
El Menchos Bruder Abraham sitzt seit Februar 2025 in mexikanischer Haft. Bruder Antonio, genannt „El Tony Montana", wurde bereits 2022 in der Metropolregion Guadalajara festgenommen. Eine weitere Schwester sowie mehrere Schwäger der Familie González Valencia - die finanzielle Rückseite des Kartells - befinden sich ebenfalls in US-amerikanischer oder mexikanischer Haft.
Das CJNG war extrem vertikal strukturiert. El Mencho hatte bewusst keinen designierten Nachfolger benannt - eine klassische Autokratenstrategie zur Verhinderung interner Putsche. Diese Struktur war seine Stärke. Jetzt ist sie sein Vermächtnis als Schwäche.
Fünf Kandidaten für die Nachfolge
Der mexikanische Sicherheitsexpert Víctor Manuel Sánchez Valdés und das Analysenetzwerk InSightCrime identifizieren fünf Figuren, die in den kommenden Monaten entscheidend sein werden:
Juan Carlos Valencia González - „El 03": El Menchos Stiefsohn ist der einzige Kandidat mit dynastischer Legitimität. Er leitet das Grupo Élite, den militärischen Sonderoperationsarm des CJNG - verantwortlich für gezielte Tötungen, Gebietseroberungen, Hochwertziel-Operationen. Die amerikanische Seite weist ihn als de facto Nummer zwei aus, das US-Außenministerium hat 5 Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Das Pikante dabei: El 03 wurde in Kalifornien geboren. Er ist US-amerikanischer Staatsbürger. Der mögliche künftige Chef der größten FTO-designierten Verbrecherorganisation der westlichen Hemisphäre ist Amerikaner.
Audias Flores Silva - „El Jardinero": Der Regionale. Flores Silva kontrolliert Territorium in fünf Bundesstaaten - Jalisco, Michoacán, Nayarit, Zacatecas, Guerrero. Vom US-Finanzministerium sanktioniert, gilt er als Architekt der CJNG-Allianz mit der Chapitos-Fraktion des Sinaloa-Kartells gegen eine rivalisierende Sinaloa-Fraktion - ein diplomatischer Coup im mexikanischen Unterwelt-Schachspiel. In der Welt der Kartelle kommunizieren Führungsfiguren nicht per Pressemitteilung. Sie kommunizieren per Narcocorrido. Ein Corrido aus dem Jahr 2022, „El Sucesor", beschreibt Flores Silva als designierten Nachfolger. 2025 erschien eine weitere Hymne auf ihn: „Mein Zeichen und Losungswort steht in der Presse: Dass ich der Nachfolger der Firma bin." In dieser Welt sind solche Texte keine Kunst. Sie sind Kommunikation.
Hugo Mendoza Gaytán - „El Sapo": Der Institutionalist. Zuständig für Rekrutierung, Ausbildung, Kontrolle bewaffneter Zellen und Hafenlogistik - insbesondere im strategisch wichtigen Hafen Manzanillo, dem Haupteingangstor für Chemikalien aus China zur Fentanyl-Produktion. El Sapo versteht die Organisationslogik des Kartells. Sein Führungsstil würde weniger spektakuläre Gewalt bedeuten - aber stabilere, institutionelle Kontinuität. Das CJNG würde nicht weniger gefährlich, es würde institutioneller.
Ricardo Ruiz Velasco - „El Doble R": Der Stadtmensch. Guadalajara ist mehr als eine Stadt für das CJNG - es ist der historische Ursprungsort, die Logistikzentrale, das Nervensystem des Kartells. El Doble R kontrolliert die urbane Infrastruktur: interne Sicherheit, Finanzlogistik, Koordination der Zellen in der Metropolregion. Ohne Guadalajara verliert das CJNG seine Kohäsion.
Heraclio Guerrero Martínez - „Tío Lako": Der Regionalfürst. Spezialisiert auf Huachicol - den Kraftstoffdiebstahl aus Pipelines –, eine Einnahmequelle, die das CJNG zu einem der größten Energiediebe Mexikos gemacht hat. Eher Fragmentierungskandidat als Gesamtnachfolger: Sollte das Kartell auseinanderbrechen, würde er seinen Bereich autonom führen.
Der El-Chapo-Vergleich: Ein schlechtes Omen
Als Joaquín „El Chapo" Guzmán 2016 festgenommen und 2017 in die USA ausgeliefert wurde, übernahmen seine Söhne - die Chapitos - das Sinaloa-Kartell. Aber selbst diese vermeintlich geordnete Dynastienachfolge löste einen internen Bürgerkrieg aus: Die Chapitos-Fraktion gegen die Fraktion von Ismael „El Mayo" Zambada. 2024 eskalierte dieser Konflikt zu offener Kriegführung in Culiacán. Hunderte Tote.
Das CJNG hat keine Dynastieoption mehr. Die wahrscheinlichste Entwicklung ist keine geordnete Nachfolge. Sie ist eine Phase brutaler Gewalt zwischen den Lagern, Gebietskämpfe zwischen Fraktionen, mögliche Abspaltung regionaler Warlords unter eigener Flagge.
Und diese Phase der Fragmentierung und des Chaos liefert genau den Rahmen, den die FTO-Designation für weitere Eingriffe braucht.
VIII. Ausblick: Wer regiert wen?
Die offizielle Version lautet: Mexiko hat gesiegt. Die Souveränität ist intakt. Der Rechtsstaat hat funktioniert.
Die dokumentierte Version sieht anders aus: Washington lieferte die Geheimdienstinformationen, JIATF-CC koordinierte das Target Package, die CIA lieferte die entscheidende Lokalisierung - und Mexiko drückte ab. Wie souverän ist ein Staat, wenn die entscheidende Intelligenz aus Fort Huachuca, Arizona, kommt?
Die FTO-Designation ist der juristische Pflug. El Menchos Tod hat das Feld umgepflügt. Was wird als nächstes gesät?
Und die vielleicht unbequemste Frage zum Schluss: Wenn das erklärte Ziel die Vernichtung der Kartelle wäre - warum endet jede US-Intervention in Mexiko historisch mit mehr Fragmentierung, mehr Gewalt und neuen Fraktionen, die das Feld besetzen? Warum wächst der Drogenhandel überall dort, wo die CIA operiert? Und warum schrumpft er überall dort, wo autoritäre Verbote konsequent durchgesetzt werden - von den Taliban 2001 bis zu den Taliban 2022?
Vielleicht, weil Kontrolle und Vernichtung zwei sehr unterschiedliche Ziele sind.
Und vielleicht, weil ein kontrolliert fragmentiertes Mexiko - mit konkurrierenden, schwächeren Kartellen, die alle auf US-Intelligence angewiesen sind, um zu überleben - für Washington nützlicher ist als ein Mexiko, das sein Drogenproblem wirklich gelöst hat.
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Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik - jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Quellen:
Primärquellen
Federal Register: Foreign Terrorist Organization Designations (FR Doc. 2025-02873, 20. Februar 2025) https://www.federalregister.gov/documents/2025/02/20/2025-02873/
Executive Order 14157: Designating Cartels and Other Organizations as Foreign Terrorist Organizations and Specially Designated Global Terrorists (20. Januar 2025) https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/01/designating-cartels-and-other-organizations-as-foreign-terrorist-organizations-and-specially-designated-global-terrorists/
U.S. Department of State: Designation of International Cartels (20. Februar 2025) https://www.state.gov/designation-of-international-cartels/
SEDENA: Pressekonferenz Verteidigungsminister Ricardo Trevilla Trejo, 23. Februar 2026
Medienberichte
Washington Post / Union Leader: CIA intelligence helped Mexican forces track down slain cartel boss (23. Februar 2026) https://www.unionleader.com/news/world/cia-intelligence-helped-mexican-forces-track-down-slain-cartel-boss/
The Intercept: Task Force Including ICE and FBI Helped Mexico Kill El Mencho (24. Februar 2026) https://theintercept.com/2026/02/24/el-mencho-mexico-fbi-task-force-counter-cartel/
Small Wars Journal / Arizona State University: Mexican Cartel Strategic Note No. 39 (23. Februar 2026) https://smallwarsjournal.com/2026/02/23/mexican-cartel-strategic-note-no-39-cjng-leader-el-mencho-killed-in-shootout-in-jalisco/
Wikipedia: 2026 Jalisco Operation https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Jalisco_operation
CNN: Will the killing of El Mencho set off turf wars? (23. Februar 2026) https://www.cnn.com/2026/02/23/americas/jalisco-cjng-sinaloa-mexico-cartels-war-intl-latam
Rechtliche Analyse
Library of Congress / Congressional Research Service: Designating Cartels as Foreign Terrorists: Recent Developments https://www.congress.gov/crs-product/IN11205
WilmerHale: Implications of EO 14157 and Recent FTO/SDGT Designations (April 2025) https://www.wilmerhale.com/en/insights/client-alerts/20250422-implications-of-eo-14157-and-recent-foreign-terrorist-organization-and-specially-designated-global-terrorist-designations
Corporate Compliance Insights: A Year After Designation of Cartels as Terrorists, What Is the Risk Landscape? https://www.corporatecomplianceinsights.com/year-after-designation-cartels-risk-landscape-mexico/
CSIS: When Crime Becomes Terror: Rethinking the FTO Designation (Januar 2026) https://www.csis.org/analysis/when-crime-becomes-terror-rethinking-fto-designation
American University / School of Public Affairs: The Potential Policy Impacts of Classifying Cartels as FTOs (Juni 2025) https://www.american.edu/spa/news/classifying-cartels-as-ftos-06202025.cfm
Nachfolge und Kartellstruktur
InSightCrime: What's Next for Mexico's CJNG After the Killing of 'El Mencho'? (23. Februar 2026) https://insightcrime.org/news/whats-next-for-mexicos-cjng-after-the-killing-of-el-mencho/
Infobae México: Quiénes son los posibles sucesores de "El Mencho" (23. Februar 2026) https://www.infobae.com/mexico/2026/02/23/quienes-son-los-posibles-sucesores-de-el-mencho-para-liderar-el-cartel-jalisco-nueva-generacion/
Proceso: Tras la muerte del "Mencho" estos son sus posibles sucesores en el CJNG (22. Februar 2026) https://www.proceso.com.mx/nacional/2026/2/22/tras-la-muerte-del-mencho-estos-son-sus-posibles-sucesores-en-el-cjng-368948.html
Historischer Kontext
McCoy, Alfred W.: The Politics of Heroin: CIA Complicity in the Global Drug Trade (1972, aktualisiert 2003)
CIA Inspector General Report: Allegations of Connections Between CIA and the Contras in Cocaine Trafficking to the United States (1998) https://www.cia.gov/readingroom/document/06974496
UNODC Afghanistan Opium Survey 2001, 2017, 2023 https://www.unodc.org/documents/crop-monitoring/Afghanistan/
Eigene Analysen des Autors
Hollister, Michael: US-Krieg gegen die Drogen - oder wenn die CIA ruft „Haltet den Dieb" https://www.michael-hollister.com/de/2026/02/01/us-krieg-gegen-die-drogen/
Hollister, Michael: CIA & Drogenhandel: Eine Timeline verdeckter Verstrickungen (1960–2026) https://www.michael-hollister.com/de/2026/01/25/cia-drogenhandel/
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Bild: Claudia Sheinbaum Pardo, Präsidentin von Mexiko
Bildquelle: Octavio Hoyos / shutterstock
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