Wer Trumps Pläne verstehen will, muss seine Sicherheitsstrategie lesen.
Ein Standpunkt von Thomas Röper.
Die Aufregung um Trumps Aktionen ist groß und sie wächst fast täglich, dabei kommen sie nicht überraschend. Wer seine Sicherheitsstrategie vom November verstanden hat, der kann nicht überrascht sein - und kann sich denken, was noch kommen dürfte.
Viele glauben immer noch, Trump habe keine Strategie, gehe chaotisch vor, ändere ständig seine Meinung und so weiter. Ich habe das nie gedacht und auch oft gesagt, dass ich der Meinung bin, dass Trump sehr genau weiß, was er tut, und dass er einer festgelegten Strategie folgt. Man darf nicht allen seinen Erklärungen vor der Presse und Posts auf TruthSocial allzu viel Bedeutung beimessen, denn seine Erklärungen und Posts wirken in der Tat chaotisch.
Aber das ist seine Verhandlungsstrategie: Er will seine Gegner und Verhandlungspartner verunsichern und ihnen auch Angst machen, weil er dann in Verhandlungen mehr erreichen kann. Viele seiner Erklärungen und Posts sind eher als Psychoterror gegen seine Gegner und Verhandlungspartner zu verstehen.
Wer diese, oft wirr erscheinenden Erklärungen und Posts aber ausblendet und nur auf das schaut, was Trump tatsächlich tut, der kann eine recht klare Linie in seiner Politik erkennen.
Es steht alles in Trumps Sicherheitsstrategie
Und diese Linie hat Trump in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie vom November zu Papier bringen lassen. Ich habe bereits in einem Artikel erklärt, dass weder Trumps Vorgehen bei Venezuela noch seine Sanktionen gegen EU-Bürger wegen Zensur von amerikanischen Internetplattformen überraschend kamen, denn beides konnte man Wochen vorher mehr oder weniger deutlich in seiner Sicherheitsstrategie nachlesen.
Bei Europa war Trump in der Sicherheitsstrategie besonders deutlich, denn darin hieß es unmissverständlich:
„Die USA werden ihre Souveränität unmissverständlich verteidigen. Dies schließt ein, deren Aushöhlung durch transnationale und internationale Organisationen sowie Versuche ausländischer Mächte oder Akteure zu verhindern, unsere Meinungsäußerung zu zensieren oder die Meinungsfreiheit unserer Bürger einzuschränken.“
Da Trump die EU in der Sicherheitsstrategie als eine der „größeren Herausforderungen für Europa“ bezeichnet hat, weil sie „die politische Freiheit und Souveränität“ unter anderem durch „die Zensur der Meinungsfreiheit und die Unterdrückung der politischen Opposition“ untergrabe, konnte wahrlich niemand überrascht sein, als die Trump-Regierung Ende Dezember die ersten EU-Bürger wegen „Zensur der Meinungsfreiheit“ zensiert hat. Das wurde in der Sicherheitsstrategie mehr als offen angekündigt.
Auch bei Venezuela brauchte niemand überrascht sein, denn Nord- und Südamerika, die in den USA als „westliche Hemisphäre“ bezeichnet werden, wurde in der Sicherheitsstrategie als die für die Trump-Regierung wichtigste Region der Welt genannt, die Trump wieder unter die Kontrolle der USA zu bringen will, weshalb er sich ausdrücklich auf die Monroe-Doktrin beruft. In der Sicherheitsstrategie konnte man nachlesen, dass Trump die Monroe-Doktrin wieder aufleben lassen will, in der die USA vor 200 Jahren festgeschrieben haben, dass die beiden Amerikas ihr Hinterhof sind, in dem sie schalten und walten, wie sie wollen, und aus dem sich alle anderen Länder der Welt fernzuhalten haben.
Dass es ihm damit ernst ist, hat er in Venezuela gezeigt. Dass er Venezuela unter die totale Kontrolle der USA bringen will, war also absehbar. Auch die Tatsache, dass die Trump-Regierung von Venezuela nun fordert, die dort anwesenden Berater aus Russland und China auszuweisen, kommt daher nicht überraschend, denn die Monroe-Doktrin will jeden Einfluss anderer Mächte in der “westlichen Hemisphäre” unterbinden.
Die Frage war nicht, ob Trump Venezuela unter seine Kontrolle bringen würde, die Frage war nur, wann und mit welchen Mitteln er das umsetzen würde. Andere Länder der Region, die die US-Regierung kritisieren und sich ihr widersetzen, sollten sich nun ernsthafte Gedanken machen, ich erinnere nur an Trumps Ambitionen auf Kanada oder den Dauerstreit mit Kuba.
Und ganz wichtig: Zur „westlichen Hemisphäre“ gehört für die USA auch Grönland. Es sollte sich also in Europa niemand Illusionen machen, ob Trumps Rhetorik zu Grönland ernst gemeint ist. Die ist sehr ernst gemeint und die Europäer können nur noch entscheiden, ob sie nachgeben und einen gesichtswahrenden Ausweg finden wollen, aber dass die USA die Kontrolle über Grönland übernehmen werden, ist in meinen Augen beschlossene Sache. Die Frage ist auch hier nicht, ob, sondern die Frage ist nur noch, wann und wie.
Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels.
Was bedeutet das für die NATO?
Um herauszufinden, was das für die NATO bedeutet, habe ich mir Trumps Sicherheitsstrategie noch einmal angeschaut, und zwar habe ich nachgeschaut, ob und wie oft und in welchen Zusammenhang die NATO darin erwähnt wird. Die Antwort war sogar für mich überraschend, denn auf den 33 Seiten ergibt der Suchbegriff „nato“ nur sechs Treffer, wobei ein Treffer auf das Wort „discriminatory“ verweist, also nichts mit der NATO zu tun hat.
Die NATO, einst das wichtigste außen- und machtpolitische Instrument der USA, wird in Trumps neuer Nationalen Sicherheitsstrategie also nur fünf Mal erwähnt. Und auch damit nicht genug, denn wenn wir uns jetzt anschauen, in welchem Zusammenhang die NATO erwähnt wird, wird deutlich, wie unwichtig sie für Trump ist.
Die ersten beiden Male wird die NATO in einem Satz auf Seite 12 der Sicherheitsstrategie erwähnt. Dort lobt sich Trump selbst dafür, dass er die NATO-Länder dazu verpflichtet hat, künftig 5 Prozent des BIP für Rüstung auszugeben. Dabei ging es darum, dass die Europäer diese Gelder an US-Rüstungskonzerne bezahlen, was bedeutet, dass Trump die NATO nur als Instrument ansieht, um den Europäern mehr Geld aus dem Kreuz zu leiern.
Das ist keine Übertreibung von mir, denn einen anderen Sinn hat die NATO in Trumps Sicherheitsstrategie nicht.
Die nächsten zwei Erwähnungen der NATO finden sich in diesem Absatz oben auf Seite 27 der Sicherheitsstrategie:
„Langfristig ist es mehr als plausibel, dass spätestens in einigen Jahrzehnten bestimmte NATO-Mitglieder mehrheitlich nicht-europäisch sein werden. Daher ist es eine offene Frage, ob sie ihre Rolle in der Welt oder ihr Bündnis mit den USA weiterhin so sehen werden wie die Unterzeichner der NATO-Charta.“
Hier werden also klare Zweifel an der Zukunft der NATO geäußert, weil Trumps Regierung der Meinung ist, dass vor allem die westeuropäischen Staaten wegen der Massenmigration „in einigen Jahrzehnten“ keine mehrheitlich von Europäern bewohnten Staaten mehr sein werden, die mit den USA gemeinsame kulturelle Wurzeln verbinden, sondern dass dort dann die muslimischen Migranten aus afrikanischen und arabischen Ländern die Bevölkerungsmehrheit stellen werden, die eine andere Mentalität haben und sich kulturell weniger dem Westen als Arabien oder Afrika zugehörig fühlen werden.
Daran sieht man, dass Trump keineswegs kurzfristig denkt, sondern sehr langfristig und strategisch. Wenn die westeuropäischen Staaten in 20 Jahren ohnehin von ihrer Mentalität her nicht mehr zum Westen, sondern zu Arabien oder Afrika gehören werden, macht es aus geostrategischer Sicht, also langfristig, keinen Sinn mehr, noch auf diese Länder als Verbündete zu setzen, denn sie werden ohnehin irgendwann abspenstig.
Das letzte Mal wird die NATO in Trumps Sicherheitsstrategie unten auf der gleichen Seite 27 erwähnt, als die Prioritäten der Politik der USA in Bezug auf Europa aufgelistet werden. Über die NATO steht dort:
„Das Beenden des Eindrucks und die Verhinderung der Realität der NATO als ständig expandierende Allianz“
Im Klartext ist das eine klare Absage an weitere NATO-Erweiterungen, es soll sogar der Eindruck verhindert werden, die NATO könne sich weiter ausdehnen.
Das war’s, mehr steht in Trumps Nationaler Sicherheitsstrategie nicht über die NATO. Trump sieht die NATO als Instrument dafür, von den Europäern möglichst viel Geld für amerikanische Waffen zu bekommen, ansonsten sieht er in der NATO keine langfristige Zukunft mehr und er spricht sich folgerichtig gegen weitere NATO-Erweiterungen aus.
Mit anderen Worten: Die NATO ist für Trump schon tot, und er will nur noch so viel Geld wie möglich aus den NATO-Ländern herauspressen, solange das noch geht.
Das erklärt auch, warum Trump mit seinen kompromisslosen Forderungen nach der Annexion von Grönland den Fortbestand der NATO riskiert: Er will das strategisch aus mehreren Gründen wichtige Grönland bekommen – und wenn daran die NATO zerbricht, dann ist das eben so, denn langfristig ist die NATO sowieso erledigt, weil große Teile Europas, also Westeuropa, sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten so verändern werden, dass die NATO sich dann von selbst erledigt.
Dass Trump das so sieht, kann man auch an folgender Priorität von Trumps Sicherheitsstrategie ablesen:
„Aufbau der gesunden Nationen in Mittel-, Ost- und Südeuropa durch Handelsbeziehungen, Waffenverkäufe, politische Zusammenarbeit sowie Austausch in Kultur und Bildung.“
Merken Sie was? Westeuropa erwähnt Trump hier nicht, das hat er offensichtlich abgeschrieben. Er setzt durchaus noch auf andere Teile Europas, aber eben nicht mehr auf Westeuropa, weshalb die NATO automatisch hinfällig wird.
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Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Dieser Beitrag erschien am 08. Januar 2026 auf dem Blog anti-spiegel.
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Bild: Kerzen zum Gedenken und zur Solidarität. Dunkler Hintergrund mit kurzer Tiefe von Feld für Trauer und Beileid.
Bildquelle: Gudrun Muenz / shutterstock
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