Lyrische Beobachtungsstelle

Guten Appetit am Erfahrungstisch der Unendlichkeit | Von Anna Zollner

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“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Anna Zollner.

Wenn das Leben ein Schachspiel ist, dann nicht, um bekannte Partien zu wiederholen. Es ist da, um eine eigene zu spielen. Nicht, weil Originalität ein moralischer Wert wäre, sondern weil nur im eigenen Zug Erfahrung entsteht. Nachgespielte Siege bleiben an der Oberfläche. Sie bestätigen Regeln, aber sie verändern nichts. Erkenntnis entsteht dort, wo man das Ergebnis nicht kennt, wo ein Zug misslingen kann, wo Verlust möglich ist. Der eigentliche Gewinn liegt nicht im Punktestand, sondern in der Perspektive, die sich nur im Wagnis der eigenen Partie öffnet.

Dieses Prinzip lässt sich weiter fassen als individuelle Lebensführung. Es beschreibt eine Struktur des Lebens selbst. Ein Pol erzwingt seinen Gegenpol. Einheit erzeugt Trennung, wie Einatmen das Ausatmen erzwingt. Stillstand wäre kein Frieden, sondern Tod. Bewegung entsteht aus Spannung. Wo alles vollkommen abgeschlossen wäre, gäbe es nichts mehr zu erfahren. Vollkommenheit, die ruht, hebt sich selbst auf.

Darum ist Unvollkommenheit kein Defekt, sondern eine Bedingung. Sie ist nicht der Makel am Sein, sondern seine Funktion. Nur wo Mangel möglich ist, kann Erfahrung entstehen. Vollkommenheit kann keinen Mangel hervorbringen. In sich selbst ist sie geschlossen. Erst durch ihren Gegenpol wird sie lebendig. Erfahrung ist nicht das Ziel des Prozesses, sondern sein Mittel.

Der Mensch ist in diesem Modell nicht der Besitzer von Erfahrungen, sondern ihre Oberfläche. Erfahrungen werden nicht gemacht, um ein individuelles Konto zu füllen, sondern damit sie gemacht worden sind. Sie müssen durchlebt werden, damit sie im Ganzen verfügbar bleiben. Nicht als Information, sondern als gelebte Qualität. Erfahrung ist kein Datensatz. Sie ist Geschmack.

Hier hilft ein alltägliches Bild. Alte Kochrezepte können vollständig, präzise und bewährt in einer Schublade liegen. Sie sind als Möglichkeit vorhanden. Doch solange sie nicht gekocht werden, produzieren sie keinen Geschmack. Kein Geruch erfüllt die Küche, kein Gaumen erinnert sich, keine Variation entsteht. Das Rezept ist richtig, aber leblos. Erst der Vollzug erzeugt Wirklichkeit. Und erst der Genuss der Mahlzeit, am besten in Gemeinschaft, lädt das Essen mit erhöhter Qualität der verbrachten Zeit auf.

So verhält es sich mit Erfahrung. Vollkommenheit besitzt alle Rezepte. Sie ist der vollständige Vorrat aller Möglichkeiten. Aber Besitz allein erzeugt keine Welt. Erst das Kochen bringt Hitze, Zeit, Fehler, Abweichungen, Gelingen und Misslingen hervor. Erst dann entsteht Geschmack. Erfahrung ist das Kochen der Möglichkeiten.

Rezepte, die zu lange nicht gekocht werden, verblassen. Nicht weil sie falsch werden, sondern weil Erinnerung ohne Vollzug an Kraft verliert. Geschmack muss immer wieder erzeugt werden. Wird er vergessen, entstehen Erinnerungslücken. 

Darum ist Wiederholung notwendig, aber nicht als identische Version. Es geht nicht um die exakte Reproduktion desselben Gerichts, sondern um die Wiederkehr seiner Qualität in neuer Form, in neuem Umfeld. Alles muss immer wieder gemacht werden, damit es lebendig bleibt. Damit es am Leben bleibt. Nichts währt ewig, auch nicht die Ewigkeit. Denn Ewigkeit ohne Erneuerung wäre Stillstand. Und Stillstand wäre das Ende der Erfahrungsfähigkeit.

In diesem Sinn ist Leben kein Weg zur Vollkommenheit, sondern der Mechanismus, durch den Vollkommenheit sich selbst erhält. Nicht weil ihr etwas fehlt, sondern weil sie sich immer wieder selbst erfahren muss, um nicht zu erstarren. Die Möglichkeit der Unvollkommenheit ist nötig, damit Vollkommenheit sich überhaupt als Bewegung zeigen kann. Eine Art Sog. Dieser Prozess endet nie.

Religionen, Mythen und Philosophien haben diese Struktur als Grundbedingung der sich stets verändernden Schöpfung in unterschiedlichen Bildern beschrieben. Kreisläufe, Wiederkehr, Fall und Rückkehr, Tod und Auferstehung, Samsara und Erlösung. Formal sprechen sie von Zielen, strukturell beschreiben sie Bewegung – auf allen Ebenen. Nie ist vom endgültigen Stillstand die Rede. Immer nur vom Ende einer Form. Denn ein Pol ohne Gegenpol wäre bedeutungslos. Er wäre gar nicht existent.

Der Mensch lebt den Gegenpol der Einheit. Nicht als Strafe und nicht als Prüfung, sondern als Funktion. Er erfährt Trennung, Zeit, Verlust und Begrenzung, damit Erfahrung entstehen kann. Dadurch wird Einheit nicht verraten, sondern ermöglicht. Erfahrung ist der Weg, auf dem Vollkommenheit sich von außen begegnet. Nicht als Konzept, sondern als gelebte Wirklichkeit.

Das verlangt Unvoreingenommenheit gegenüber persönlich Neuem. Wer nur bekannte Partien spielt, bestätigt das Regelwerk, aber erzeugt keine neue Erfahrung. Wer nur nachkocht, was andere bereits perfektioniert haben, gewinnt vielleicht Anerkennung, verliert aber die Möglichkeit einer eigenen Perspektive. Erkenntnis entsteht nicht im sicheren Sieg, sondern im Vertrauen auf den eigenen Zug. Oder nüchterner: in der Bereitschaft, sich der eigenen Bestimmung anzuvertrauen.

Diese Bereitschaft ist kein heroischer Akt. Sie ist schlicht die Öffnung für Erfahrung. Sie akzeptiert, dass Niederlagen Teil des Spiels sind und dass ihr Wert nicht im Scheitern liegt, sondern in dem, was dadurch erfahrbar wird.

Das Ego handelt im Auftrag der Seelen, geparkt in der Ewigkeit.

So verstanden ist Leben kein Projekt der persönlichen Optimierung. Es ist auch kein moralischer Auftrag. Es ist eine Funktion im großen Haushalt der Möglichkeiten. Ein Kochen am Erfahrungstisch, bei dem nichts endgültig gelingt und nichts endgültig misslingt. Alles wird gemacht, vergessen, wieder gemacht. Nicht aus Zwang, sondern aus Notwendigkeit. Neues Leben lauert in den möglichen Varianten des Lebens. Das Ego als Facelift der Seele.

Guten Appetit am Erfahrungstisch heißt dann: nicht sammeln, sondern improvisieren. Nicht nur bewahren, sondern neu vollziehen. Nicht permanent rezitieren, sondern neu erfahren. Die Rezepte sind da. Der Herd ist heiß. Aber Bewegung entsteht nur, wenn jemand den Topf aufsetzt und den Löffel rührt, bevor er ihn irgendwann abgibt – an einen Nachfolger.

Vor diesem Hintergrund wird sichtbar, warum der Traum von technischer Unsterblichkeit kein spiritueller Fortschritt sein kann, sondern Sabotage am Ur-Konzept.

Der Transhumanismus, der die Unsterblichkeit zum Ziel erklärt, ist so natürlich wie Plastik im Wald. Wer die Erfahrung des Todes nicht macht, wer die Endlichkeit des Individuums umgeht oder technisch suspendiert, trägt nichts zur Vollkommenheit bei. Er konserviert, statt zu erfahren. Er kocht nur für Gäste, die bereits da sind – nicht für jene, die erst kommen werden, irgendwo, irgendwann.

Der Tod ist kein Fehler, sondern eine notwendige Erfahrung. Er ist der Punkt, an dem das Individuum seine Begrenzung vollständig durchlebt. Wer nicht stirbt, liefert keine neue Qualität an Erfahrung. Er färbt Bekanntes nur künstlich ein. Aus der Sicht der Schöpfung eine Fehlfunktion. Eine Fehlfunktion, die verschwinden wird.

Zudem ergibt sich aus der möglichen Meta-Idee des Transhumanismus eine unbequeme Frage: Bedeutet die im Transhumanismus, oft in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz, angestrebte drastische Verkleinerung der Menschheit zugleich eine Verkleinerung jener Erfahrungsflächen, die für die Ewigkeit notwendig sind? Weniger Menschen, weniger Sterben, weniger Übergänge – weniger Erfahrung? Wird der Erfahrungsraum selbst verengt?

Wer nicht mehr stirbt, bleibt in der Unvollkommenheit gefangen wie in einem Zoo. Er konserviert das Individuum, statt ihm die Möglichkeit zu wachsen zu erlauben. Er schließt sich selbst aus der Vollkommenheit aus, aus der er entsandt wurde, um Erfahrungen für sie zu machen. Nicht als Opfer, sondern als Beitrag.

Physische Unsterblichkeit wäre dann kein Fortschritt, sondern eine Verweigerung des letzten und entscheidenden Rezepts. Ohne Tod kein neuer Geschmack. Ohne Ende kein neuer Anfang. Ohne Übergang keine Bewegung.

Und damit kein Leben.

Diese Logik ist nicht neu. Sie ist älter als jede Technologie und älter als jede Maschine.

In dieses Bild fügt sich eine alte Geschichte mit erschreckender Aktualität. Herodes wollte Jesus verhindern, noch bevor dieser überhaupt öffentlich werden konnte. Nicht durch Argumente, nicht durch Diskurs, sondern durch einen radikalen Eingriff in die Möglichkeit selbst: den Befehl, alle neugeborenen Knaben in seinem Herrschaftsbereich töten zu lassen. Nicht die Tat war das Ziel, sondern das Ausschalten der Option. Maria und Josef entkamen durch Flucht. Die Möglichkeit entzog sich der Kontrolle.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Mordbefehl, sondern das, was folgte. Die ersten rund dreißig Jahre im Leben Jesu sind der Öffentlichkeit weitgehend entzogen. Keine Chroniken, keine Berichte, keine gesicherten Erzählungen. Erst die letzten etwa drei Jahre werden sichtbar – und selbst diese sind gefiltert, redigiert, von Mächtigen geformt, bevor sie den Massen zugänglich gemacht wurden. Das Entscheidende bleibt verborgen, das Wirksame wird kanalisiert.

Überträgt man dieses Muster auf die Gegenwart, drängt sich eine unbequeme Analogie auf. Die gezielte Reduktion von Menschen, die Steuerung von Fruchtbarkeit, die Idee, zukünftiges Leben nur noch selektiv „freizuschalten“, könnte von einem ähnlichen Motiv getragen sein. Nicht aus Fürsorge, sondern aus Kontrolle über Möglichkeiten. Weniger Menschen bedeuten weniger Übergänge, weniger Leben bedeuten weniger Tod, weniger Tod bedeutet weniger Erfahrung.

In dieser Perspektive wäre Transhumanismus nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein präventives. Ein Versuch, bestimmte Möglichkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Das prophezeite Comeback des Auferstandenen – verstanden nicht als einzelne Figur, sondern als wiederkehrende Qualität – soll im Ansatz verhindert werden. Nicht das Ereignis wird bekämpft, sondern seine Voraussetzung.

Doch auch das greift zu kurz. Denn wenn Vollkommenheit tatsächlich alle Möglichkeiten bereits enthält, dann ist auch diese Vermeidungsstrategie Teil ihres Repertoires. Jede Umgehung ist mitgedacht. Jede Blockade erzeugt einen neuen Gegenweg. Herodes scheiterte nicht, weil er falsch handelte, sondern weil Handlung selbst immer schon in einem größeren Möglichkeitsraum steht.

Was verhindert werden soll, findet andere Formen. Was unterdrückt wird, verschiebt sich. Was abgeschnitten scheint, taucht an anderer Stelle wieder auf. Die Vollkommenheit lässt sich nicht austricksen, weil auch der Trick zu ihr gehört.

Herodes 2.0 mag versuchen, den Erfahrungsraum zu verengen. Doch gerade diese Verengung wird selbst zur Erfahrung. Sie wird gespeichert, erinnert, irgendwann wieder gekocht. Kein Rezept lässt sich endgültig aus der Küche entfernen.

Der Versuch, Zukunft zu kontrollieren, produziert nur neue Varianten von Vergangenheit. Und der Tod, den man vermeiden will, bleibt weiterhin das Tor, durch das Erfahrung ihren Geschmack gewinnt.

Auch diese Partie ist bereits möglich gewesen.

Und sie wird nicht gewonnen, indem man weniger spielt.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

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Bild: Illustration des Vaters, der seinem Sohn das fehlende Rätsel gibt, Opferkonzept

Bildquelle: fran_kie /shutterstock


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