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EU-Erweiterung ohne Konsens – Ideologie ersetzt politische Vernunft | Von Günther Burbach

EU-Erweiterung ohne Konsens – Ideologie ersetzt politische Vernunft | Von Günther Burbach

Wie ein potenzieller Ukraine-Beitritt die inneren Bruchlinien der Europäischen Union freilegt

Ein Meinungsbeitrag von Günther Burbach.

Die Europäische Union steht vor einer Entscheidung, die größer ist als die Frage eines weiteren Mitgliedstaates. Der mögliche Beitritt der Ukraine ist kein gewöhnlicher Erweiterungsschritt, sondern ein politischer Kipppunkt. Er berührt die Grundstruktur der EU, ihre ökonomische Tragfähigkeit, ihre institutionelle Funktionsweise und ihren inneren Zusammenhalt. Dennoch wird diese Debatte zunehmend nicht mehr als offene politische Abwägung geführt, sondern als moralische Selbstverpflichtung. Genau darin liegt das Problem.

Erweiterung war historisch immer ein politisches Projekt mit klaren Bedingungen. Staaten wurden aufgenommen, wenn sie institutionell, wirtschaftlich und rechtlich anschlussfähig waren. Der Prozess war langwierig, konfliktreich und von gegenseitigen Anpassungen geprägt. Erweiterung war kein Akt der Solidarität, sondern ein Tausch: Marktzugang, Stabilität und politische Einbindung gegen Reformen, Anpassung und Souveränitätsverzicht. Dieser Mechanismus bildete die Grundlage für die Handlungsfähigkeit der Union.

Im Fall der Ukraine verschiebt sich dieser Rahmen grundlegend. Der Beitritt wird nicht mehr primär als politisch-ökonomisches Projekt diskutiert, sondern als historisch-moralische Notwendigkeit. Der Krieg fungiert dabei als argumentative Abkürzung. Wer Bedenken äußert, riskiert, nicht als Kritiker eines konkreten Projekts wahrgenommen zu werden, sondern als Gegner von Solidarität oder sogar als politisch illoyal. Damit verengt sich der Diskursraum. Politische Fragen werden moralisch überformt.

Diese Moralisierung hat konkrete Folgen. Sie verdrängt zentrale Sachfragen aus der öffentlichen Debatte: Wie soll eine Union mit über 35 Mitgliedstaaten noch handlungsfähig bleiben? Wie sollen Haushaltsmittel verteilt werden, wenn ein wirtschaftlich stark belasteter Großstaat hinzukommt? Welche Auswirkungen hätte der Beitritt auf Agrarpolitik, Arbeitsmärkte, Strukturförderung und Binnenmarkt? Diese Fragen werden zwar in Fachgremien gestellt, erreichen aber kaum die politische Öffentlichkeit.

Stattdessen dominiert ein Narrativ der Alternativlosigkeit. Der Ukraine-Beitritt wird als logische Konsequenz eines europäischen Selbstverständnisses dargestellt, das sich aus Werten speist. Doch Werte ersetzen keine Institutionen. Solidarität ersetzt keine Finanzierung. Moral ersetzt keine Governance. Die EU ist kein Bündnis symbolischer Gesten, sondern ein komplexes Regelwerk mit begrenzten Ressourcen und fragiler innerer Balance.

Diese Balance ist bereits heute angespannt. Die Union kämpft mit wirtschaftlicher Stagnation, divergierenden nationalen Interessen, ungelösten Fragen der Fiskalpolitik und einer zunehmenden Entfremdung zwischen Zentrum und Peripherie. Erweiterung in dieser Situation ist kein neutraler Akt, sondern ein Krafttest. Er verschärft bestehende Konfliktlinien und bringt neue hinzu.

Besonders deutlich wird dies in der Haltung einzelner Mitgliedstaaten. Während Regierungen in Westeuropa den Beitritt rhetorisch unterstützen, äußern andere Staaten offen Zweifel oder Widerstand. Diese Positionen werden häufig als Blockade oder Egoismus dargestellt. Tatsächlich spiegeln sie strukturelle Sorgen wider. Länder mit geringerer wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit oder spezifischen sektoralen Interessen fürchten, in einer erweiterten Union weiter an Einfluss zu verlieren.

Der Agrarsektor ist ein besonders sensibles Beispiel. Die Ukraine verfügt über enorme landwirtschaftliche Produktionskapazitäten. Ein Beitritt würde die gemeinsame Agrarpolitik grundlegend verändern. Subventionsverteilungen, Marktmechanismen und Preisstrukturen gerieten unter Druck. Für viele Mitgliedstaaten ist dies keine abstrakte Frage, sondern eine existenzielle. Dennoch wird sie im politischen Diskurs kaum thematisiert, weil sie dem moralischen Narrativ widerspricht.

Ähnlich verhält es sich mit der Haushaltsfrage. Die EU verfügt über keinen unbegrenzten finanziellen Spielraum. Bereits heute stehen sich massive Ausgabenforderungen gegenüber: Verteidigung, Klimapolitik, Infrastruktur, soziale Kohäsion. Der Beitritt eines wirtschaftlich stark belasteten Landes würde diese Konkurrenz verschärfen. Entweder müssten Beiträge erhöht oder Ausgaben umverteilt werden. Beides ist politisch hochsensibel. Beides wird jedoch kaum offen diskutiert.

Stattdessen wird der Erweiterungsprozess entpolitisiert, indem er als historischer Automatismus dargestellt wird. Die Botschaft lautet: Die Geschichte verlangt diesen Schritt, politische Einwände sind zweitrangig. Damit verschiebt sich die Rolle demokratischer Entscheidungsprozesse. Parlamente, nationale Öffentlichkeiten und sogar europäische Institutionen geraten unter Rechtfertigungsdruck, wenn sie Fragen stellen.

Diese Dynamik ist gefährlich. Sie untergräbt das Prinzip politischer Verantwortung. Wenn Entscheidungen als moralisch alternativlos gelten, entziehen sie sich demokratischer Kontrolle. Kritik wird nicht widerlegt, sondern delegitimiert. Der politische Raum verengt sich auf Zustimmung oder Schweigen. Für eine Union, die sich als demokratisches Projekt versteht, ist das ein problematischer Zustand.

Hinzu kommt eine strategische Dimension. Der Ukraine-Beitritt wird häufig als geopolitisches Signal interpretiert. Die EU positioniert sich als Gegenpol zu Russland, als Schutzraum und als politische Heimat. Diese Symbolik ist wirksam, aber sie ersetzt keine Strategie. Geopolitische Entscheidungen haben materielle Konsequenzen. Sie binden Ressourcen, verschieben Prioritäten und schaffen Abhängigkeiten. Auch diese Aspekte werden im öffentlichen Diskurs oft überlagert von der moralischen Aufladung des Themas.

Die Erweiterungspolitik wird so zu einem Instrument der Außenpolitik, ohne dass ihre innenpolitischen Folgen ausreichend reflektiert werden. Die EU agiert nach außen entschlossen, nach innen jedoch unvorbereitet. Die institutionellen Reformen, die eine solche Erweiterung erfordern würden, bleiben vage. Fragen der Entscheidungsfindung, der Vetorechte, der Mehrheitsbildung werden vertagt oder ausgeklammert.

Dabei ist offensichtlich, dass eine Union mit deutlich mehr Mitgliedern andere Mechanismen benötigt. Schon heute blockieren nationale Interessen zentrale Entscheidungen. Mit jedem zusätzlichen Mitglied wächst die Komplexität. Ohne tiefgreifende Reformen droht eine weitere Lähmung. Der Ukraine-Beitritt könnte diese Lähmung verstärken, wenn er nicht von einer institutionellen Neuordnung begleitet wird.

Doch genau diese Neuordnung ist politisch heikel. Sie würde Machtverschiebungen erfordern, nationale Kompetenzen einschränken und bestehende Privilegien infrage stellen. Solche Reformen sind konfliktreich und schwer vermittelbar. In einer Zeit wachsender politischer Fragmentierung scheuen viele Regierungen diesen Schritt. Der Beitritt wird daher vorangetrieben, ohne die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen.

Diese Asymmetrie zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck eines politischen Klimas, in dem symbolische Handlungsfähigkeit wichtiger geworden ist als reale Steuerungsfähigkeit. Der Ukraine-Beitritt bietet eine Bühne für europäische Selbstvergewisserung. Er erlaubt es, Einheit zu demonstrieren, ohne innere Konflikte offen auszutragen. Doch diese Konflikte verschwinden nicht. Sie werden lediglich verschoben.

Die Folgen: Wenn Erweiterung zur inneren Belastungsprobe wird

Die Frage, ob die Ukraine der Europäischen Union beitreten soll, ist längst nicht mehr nur eine außenpolitische oder solidarische. Sie wirkt wie ein Katalysator für innere Spannungen, die bereits zuvor existierten, nun aber offen zutage treten. Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen der EU und Russland oder zwischen Befürwortern und Gegnern der Ukraine, sondern innerhalb der Union selbst. Der Beitrittsprozess legt offen, wie begrenzt die Fähigkeit der EU ist, große politische Entscheidungen demokratisch, kohärent und nachhaltig zu verarbeiten.

Eine der zentralen Folgen dieser Erweiterungslogik ist die weitere Verschiebung von Entscheidungsprozessen weg von nationalen Öffentlichkeiten. Je größer und komplexer die Union wird, desto mehr Entscheidungen werden in Gremien getroffen, die sich der direkten politischen Kontrolle entziehen. Der Ukraine-Beitritt würde diese Entwicklung beschleunigen. Entscheidungen über Haushalt, Agrarpolitik, Strukturförderung und Arbeitsmärkte würden noch stärker technokratisiert. Nationale Parlamente hätten weniger Einfluss, obwohl die Auswirkungen dieser Entscheidungen vor allem national und lokal spürbar wären.

Diese Entkopplung zwischen Entscheidungsebene und Betroffenheit erzeugt politische Frustration. Bürger erleben Politik zunehmend als etwas, das „über sie hinweg“ geschieht. Der Ukraine-Beitritt wird dabei nicht als Ergebnis eines transparenten Aushandlungsprozesses wahrgenommen, sondern als vorentschiedene Entwicklung. Zustimmung wird erwartet, nicht erarbeitet. Wer Zweifel äußert, findet sich schnell in der Defensive wieder. Das untergräbt Vertrauen, nicht in die Ukraine, sondern in die europäischen Institutionen.

Ein weiterer Effekt ist die Verschärfung innerer Verteilungskonflikte. Die EU ist kein homogener Raum, sondern ein Gefüge sehr unterschiedlicher Volkswirtschaften. Erweiterung bedeutet immer Umverteilung: von Haushaltsmitteln, Fördergeldern, politischen Einflussmöglichkeiten. Der Beitritt eines großen, wirtschaftlich geschwächten Landes würde diese Konflikte intensivieren. Regionen, die bereits heute um Mittel konkurrieren, müssten mit weiteren Kürzungen rechnen. Solidarität wird so zur Nullsummenfrage.

Diese Dynamik trifft besonders jene Mitgliedstaaten, die selbst mit strukturellen Problemen kämpfen. Für sie bedeutet Erweiterung nicht mehr Chancen, sondern zusätzliche Konkurrenz um begrenzte Ressourcen. Dass diese Sorgen politisch kaum artikuliert werden können, verstärkt den Eindruck, dass europäische Politik an den Lebensrealitäten vieler Menschen vorbeigeht. Populistische Bewegungen profitieren von dieser Diskrepanz. Sie greifen reale Verteilungskonflikte auf, die im offiziellen Diskurs tabuisiert sind.

Auch institutionell gerät die EU unter Druck. Die Entscheidungsfähigkeit der Union ist bereits heute eingeschränkt. Vetorechte, nationale Sonderinteressen und komplexe Abstimmungsverfahren führen regelmäßig zu Blockaden. Eine weitere Erweiterung ohne gleichzeitige Reform der Entscheidungsstrukturen würde diese Probleme verschärfen. Die Union riskiert, handlungsunfähig zu werden, nicht aus Mangel an Willen, sondern aus struktureller Überforderung.

Diese Überforderung hat sicherheitspolitische Konsequenzen. Der Ukraine-Beitritt wird häufig als sicherheitspolitisches Signal verstanden. Doch Sicherheit entsteht nicht allein durch Bündnisse, sondern durch belastbare Strukturen. Eine EU, die intern zerstritten und institutionell gelähmt ist, gewinnt durch Erweiterung keine zusätzliche Stabilität. Im Gegenteil: Sie setzt sich neuen Risiken aus, ohne über die Mittel zu verfügen, diese zu managen.

Hinzu kommt eine demokratische Schieflage. Der moralische Druck, dem Beitritt zuzustimmen, reduziert den Raum für politische Alternativen. Referenden, parlamentarische Debatten oder differenzierte Positionen gelten schnell als störend. Demokratie wird zur Formalität, nicht zur Auseinandersetzung. Diese Entwicklung ist gefährlich, weil sie langfristig die Akzeptanz europäischer Politik untergräbt. Entscheidungen, die nicht mehr als gestaltbar wahrgenommen werden, verlieren ihre Legitimität.

Der Ukraine-Beitritt wirkt so wie ein Brennglas. Er macht sichtbar, dass die EU sich in einem Spannungsfeld befindet: zwischen geopolitischem Anspruch und innerer Fragilität, zwischen moralischer Rhetorik und institutioneller Realität. Die Entscheidung für eine Erweiterung ohne Konsens ist keine Geste der Stärke, sondern ein Zeichen politischer Unentschlossenheit. Sie verschiebt Konflikte, statt sie zu lösen.

Langfristig stellt sich die Frage, welches Europa hier entsteht. Eine Union, die immer größer wird, ohne ihre Grundlagen zu festigen, riskiert, an innerer Kohärenz zu verlieren. Erweiterung ohne Integration führt nicht zu mehr Einheit, sondern zu mehr Fragmentierung. Der Ukraine-Beitritt könnte diesen Prozess beschleunigen, wenn er nicht von einer ehrlichen Debatte über die Zukunft der EU begleitet wird.

Diese Debatte müsste unangenehme Fragen stellen: Wie viel Integration ist die EU bereit zu leisten? Welche Kompetenzen müssen zentralisiert werden, um handlungsfähig zu bleiben? Welche nationalen Interessen können und müssen zurückgestellt werden? Und welche Rolle soll die EU in einer zunehmend multipolaren Welt spielen? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, bleibt der Beitritt der Ukraine ein politisches Symbol, mit realen, aber unklaren Folgen. 

Quellen und Anmerkungen

EU-Kommission: Ukrainischer Pfad zur EU-Zugehörigkeit – Status, Screening und Fortschritte
https://commission.europa.eu/topics/eu-solidarity-ukraine/ukraines-path-towards-eu-accession_en

Ukraine, Moldau und weitere Kandidaten
https://www.europaimunterricht.de/erweiterung-beitrittskandidaten

Wikipedia – Accession of Ukraine to the European Union: Verhandlungsstand und Blockaden
https://en.wikipedia.org/wiki/Accession_of_Ukraine_to_the_European_Union

Ungarn verstärkt Widerstand gegen EU-Beitritt der Ukraine, Orbán kritisiert Zeitplan
https://www.theguardian.com/world/live/2026/jan/30/europe-ukraine-russia-eu-zelenskyy-latest-news-updates?utm_source=chatgpt.com

Deutschland bezweifelt Zieljahr 2027 für ukrainischen EU-Beitritt
https://en.yenisafak.com/world/german-chancellor-rejects-2027-as-target-date-for-ukraines-eu-accession-3713870

Ungarn blockiert positive EU-Erklärung zur Erweiterung – zeigt Spannungen in der Union
https://www.nau.ch/politik/international/wegen-ukraine-ungarn-blockiert-erklarung-zu-eu-erweiterung-67077422

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Flagge der Ukraine neben der der EU
Bildquelle: abdullah.jvd / shutterstock


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