Geht er oder bleibt er? Das ist die Schicksalsfrage der ungarischen Parlamentswahlen am 12. April. Doch diese Kraftprobe trägt eine weitaus schwerere außenpolitische Last als je zuvor. Es geht um die fundamentale Entscheidung: Sichert die Linie von Ministerpräsident Viktor Orbán oder der Kurs der Opposition Ungarn den größeren Handlungsspielraum? Orbáns Triumph oder Sturz wird das europäische Kräftemessen zwischen Patrioten und Souveränisten auf der einen und liberalen Globalisten auf der anderen Seite massiv beeinflussen. Das enorme internationale Interesse ist kein Zufall. Ebenso wenig überrascht es, dass politische Schwergewichte hinter den Lagern Aufstellung nehmen. Während Donald Trump, Marco Rubio und Wang Yi die eine Seite flankieren, zeigen Ursula von der Leyen, Manfred Weber und Donald Tusk auf der Gegenseite Präsenz. Das Signal ist eindeutig: Orbáns internationale Legitimation wiegt schwerer – ein Pfund, das in dieser unsicheren Welt alles andere als nebensächlich ist.
Ein Meinungsbeitrag von Gábor Stier – aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli.
Parlamentswahl in Ungarn 2026: Orbáns Außenpolitik im Fokus
Diese Wahl ist so stark auf Viktor Orbán zugeschnitten wie keine zuvor. Während für die Opposition der nackte Wunsch nach seiner Ablösung alles andere überlagert, zentriert das Regierungslager den gesamten Wahlkampf auf seine Person. Orbán inszeniert sich an der Seite der Außenminister Chinas und der USA oder eben mit Donald Trump. Er präsentiert sich als Staatsmann, der Ungarn führt und in einer immer stürmischeren Welt Stabilität garantiert.
Man mag sich fragen: Warum ist diese internationale Legitimation so entscheidend, wenn Wahlen doch meist durch innenpolitische Themen entschieden werden? Doch in der aktuellen globalen Instabilität bricht die Außenpolitik – entgegen jeder Routine – direkt in die Innenpolitik ein. Das internationale System ist im Umbruch. Der Zerfall der alten Weltordnung hat eine Ära der Krisen und Konflikte eingeleitet.
Wer in dieser Lage strategisch fehlgreift, zahlt einen hohen Preis. Geopolitische Erschütterungen bestimmen heute die Zukunft ganzer Nationen und damit die Lebensqualität jedes Einzelnen. Das verlangt Führungsstärke und strategische Weitsicht. Für ein kleines Land wie Ungarn steht besonders viel auf dem Spiel. Man kann Orbán für Korruption, die Wirtschaftslage oder seinen Regierungsstil kritisieren – doch eines bleibt unbestreitbar: Er beherrscht das globale Parkett und seine Einschätzungen dort treffen regelmäßig ins Schwarze.
Tisza-Partei vs. Fidesz: Die Programme von Magyar und Orbán im Vergleich
Die ungarischen Wähler müssen nun entscheiden, wem sie zutrauen, die Interessen des Landes mit geopolitischem Weitblick zu verteidigen und im Ernstfall harte Konflikte durchzustehen. Wer ist derjenige, der auf dem internationalen Parkett „nicht zum Frühstück verspeist“ wird? Wer erkämpft Ungarn den größeren Spielraum?
Das 240-seitige Wahlprogramm der Tisza-Partei liefert hierzu keine echten Antworten. Die Ziele bleiben eine unausgegorene Sammlung von Allgemeinplätzen. Dennoch ist die Stoßrichtung klar: Unter der Führung der Tisza-Partei würde das Land „Europa wählen“. Das hieße: Feste Verankerung im Westen, bedingungslose Stärkung der Bündnisse und die Wiederherstellung des Vertrauens in EU und NATO. Ein außenpolitischer Experte der Partei – ein überzeugter Euro-Atlantiker – brachte es auf den Punkt: Man wolle eine Speiche im Rad sein, kein Stock, der es blockiert.
Doch was die Tisza-Partei heute unter „dem Westen“ versteht, bleibt im Nebel. Sie ignoriert die Tatsache, dass der Euro-Atlantismus knirscht und vor unseren Augen zerbröckelt. Es fehlt zudem jedes schlüssige Konzept, wie man die Position des Landes in der NATO ohne die USA stärken will. Trotz der Spannungen innerhalb der NATO ist die politische Resonanz zwischen Washington und Budapest so stark wie seit langem nicht mehr – ein Machtfaktor, den ein Regierungswechsel leichtfertig verspielen würde.
Während das Brüsseler Machtgefüge sichtbare Risse zeigt und Europas Nationalstaaten vor gewaltigen sozialen wie politischen Umbrüchen stehen, offenbart sich ein Paradoxon: Der innenpolitisch zweifellos ermüdete Orbán verkörpert den geopolitischen Aufbruch, während die Tisza-Partei einem Europa von gestern verhaftet bleibt und damit einem absterbenden Trend folgt.
Ungarns Geopolitik: Budapest zwischen Peking, Moskau und Washington
Die außenpolitische Dynamik der letzten Wochen untermauert diesen Befund eindrucksvoll. Während Herausforderer Péter Magyar den Beifall des globalistischen Mainstreams suchte – jener Kräfte, die beharrlich die Überlegenheit des Westens und die ungebrochene Stärke Europas beschwören –, empfing Viktor Orbán in Budapest die Chefdiplomaten Chinas und der USA. Nur wenige Tage später folgte sein Flug nach Washington zur Sitzung des Friedensrates.
Diese neue Dynamik in den ungarisch-US-amerikanischen Beziehungen sorgt im Lager der Demokraten für sichtbare Irritation. Bezeichnend dafür ist die fast schon kraftlose Attacke der ehemaligen US-Außenministerin Hillary Clinton. In einem BBC-Interview warf sie Orbán vor, nicht für Ungarn, sondern für die Interessen Donald Trumps zu agieren. Ihre Wortwahl – „Wäre ich eine Durchschnittsungarin, würde ich jemanden wählen, der für Ungarn da ist, und keine Marionette von Donald Trump“ – weckt Erinnerungen: Mit nahezu identischen Phrasen wurde bereits versucht, das Verhältnis zwischen Orbán und Putin zu diskreditieren.
US-Außenminister Marco Rubio in Budapest: Signal für die Regierung Orbán
Obwohl der Besuch von Marco Rubio in Budapest keine hochemotionalen Ankündigungen oder bahnbrechenden Abkommen hervorbrachte, wäre es ein Fehler, ihn als unbedeutend abzutun. Dass nach einer langen Durststrecke wieder ein US-Außenminister in Budapest Station macht, spricht für sich. Es ist das klare Signal, dass das Verhältnis zwischen der Trump-Administration und der Regierung Orbán eine völlig neue Qualität erreicht hat – weit jenseits der frostigen Jahre unter der Vorgängerregierung. Für den Wahlkampf ist diese Visite Gold wert: Sie stützt das Bild Orbáns als verantwortungsbewusster, international geachteter Staatsmann und lässt Péter Magyar im Vergleich dazu als unberechenbaren Akteur erscheinen, der nicht nur politisch orientierungslos wirkt, sondern mittlerweile tief in eine pikante ‚Bettlaken-Affäre‘ sowie Skandale um ein zwielichtiges Nachtleben und angebliche Drogen-Partys verstrickt ist.
Die diplomatische Krönung steht jedoch noch bevor: Ende März wird Donald Trump in Budapest erwartet. Es wäre eine Zäsur. Zuletzt besuchte 2006 mit George W. Bush ein amtierender US-Präsident Ungarn – damals als Geste für das militärische Engagement in Afghanistan und im Irak. Ein Besuch Trumps im Jahr 2026 hätte eine völlig andere Dimension. Es wäre die ultimative Demonstration politischer Rückendeckung und persönlicher Verbundenheit. Damit würde Washington unmissverständlich klarmachen: Die USA setzen darauf, dass in Budapest ein verlässlicher Partner an der Macht bleibt.
Ungarn als regionaler „Türöffner“ nach Washington
In der gesamten Region gibt es kaum ein Land von der Größe Ungarns, das eine derart austarierte Balance zwischen den USA, Russland, der Türkei und China hält. Diese Multivektoren-Politik trägt bereits Früchte: Dass der Mineralölkonzern Mol bedeutende Anteile am serbischen Ölriesen NIS erwerben konnte, ist ein direktes Resultat dieser Strategie und erweitert Ungarns regionalen Spielraum massiv. Inmitten der transatlantischen Spannungen gewinnt Mitteleuropa an Gewicht – vor allem, weil viele westeuropäische Regierungen der Politik Trumps mit offener Ablehnung begegnen.
Ungarn punktet in dieser Konstellation nicht mit militärischer oder wirtschaftlicher Masse, sondern mit politischem Scharfsinn und strategischem Know-how. Als eines der prägenden Gesichter der europäischen Patrioten-Familie bringt Viktor Orbán seinen regionalen Einfluss in die US-amerikanischen Konzepte ein. Die enge Achse zwischen Washington und Budapest strahlt längst auf Nachbarn wie Tschechien, die Slowakei oder die Westbalkanstaaten aus. In der Region gilt die ungarische Regierung mittlerweile als der entscheidende „Türöffner“ zur US-Administration.
Die Allianz zwischen Donald Trump und Viktor Orbán: Hintergründe
Hinter dieser spektakulären Renaissance der ungarisch-amerikanischen Beziehungen stehen zwei entscheidende Faktoren. Der erste ist die persönliche Ebene: Die Bindung zwischen Orbán und Trump ist kein Produkt der letzten Monate. Bereits im Wahlkampf 2016 war der ungarische Ministerpräsident der einzige Regierungschef eines EU-Staates, der offen für Trump Partei ergriff. Diese Geste wurde in Washington nie vergessen. Seitdem ist die Beziehung von einer Intensität geprägt, die innerhalb des westlichen Bündnissystems ihresgleichen sucht.
Die zweite Säule ist die ideologische Kongruenz. Insbesondere im Kontext des Ukraine-Krieges deckt sich Trumps Kommunikation fast deckungsgleich mit dem Kurs der ungarischen Regierung. Beide betonen unmissverständlich, dass ein europäischer Sieg gegen Russland ohne direkte militärische Beteiligung der NATO-Staaten kaum realisierbar ist. In der Konsequenz plädieren beide beharrlich für einen Verhandlungsfrieden. Es ist diese seltene Mischung aus persönlichem Vertrauen und strategischer Geistesverwandtschaft, die das heutige Fundament dieser Allianz bildet.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Viktor Orbán (Ministerpräsident Ungarns)
Bildquelle: Cristi Dangeorge / shutterstock
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