Zum 225. Todestag eines Romantikers
“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.
Er galt als hochsensibel, fast ein Ätherwesen. Nur ein Hauch von Leben. Ein Porträt zeigt ihn auffallend feminin. Die „blaue Blume“, romantisches Symbol unstillbarer Sehnsucht, geht auf sein Konto. Er führte eine rundum poetische Existenz, bis zum frühen Ende: Georg Philipp Friedrich von Hardenberg alias Novalis starb am 25. März 1801 an Schwindsucht. Vor genau 225 Jahren.
Untrennbar mit seinem Namen verbunden: Die virtuelle, aber tragische Liebe zu Sophie von Kühn. Beider Lovestory begann auf Schloss Grüningen, wo der 22jährige Dichter die Zwölfjährige erstmalig traf. Schnell funkte es zwischen beiden. Novalis versprach zu warten, bis Sophie das Alter zur Eheschließung erreicht habe. Ein Versprechen, das beide durch eine Verlobungsfeier bekräftigten. Aber Eheschließung war erst ab Sechzehn zulässig. Das hieß: Drei bis vier Jahre warten. In diesem Alter eine endlose Zeitspanne. Schlimmer noch: Sophie von Kühn sollte dieses Alter gar nicht erreichen. Bereits im Verlobungsjahr erkrankte sie an Leberentzündung und Lungentuberkulose. Fünfzehnjährig erlag sie dem Leiden. Damit war es auch um Novalis geschehen.
Der Poet, dessen Sprachkunst alles Irdische verzaubert hatte, sehnte sich nach dem Jenseits. Dort, wo Sophie wartete. So schrieb er seine „Hymnen an die Nacht“, eine Absage an den Tag mit seiner Geschäftigkeit, die ihm völlig entleert schien. In dem Gedicht „Sehnsucht nach dem Tode“ ließ Novalis seiner Melancholie freien Lauf:
„Gelobt sey uns die ewge Nacht,
Gelobt der ewge Schlummer.
Wohl hat der Tag uns warm gemacht,
Und welk der lange Kummer.
Die Lust der Fremde ging uns aus,
Zum Vater wollen wir nach Haus.“
Ermüdet sein. Nach Hause wollen. Darin erkannte Novalis den geheimen Antrieb menschlicher Erkenntnis:
Die Philosophie, so verstand er,„ist eigentlich Heimweh, ein Trieb, überall zu Hause zu sein.“
Bald erhob er seine verstorbene Liebe ins Mystische: „Ich habe zu Söfchen Religion – nicht Liebe.“ Der Name „Söfchen“ ist freilich doppeldeutig. Er steht für die Verstorbene, aber auch für Philosophie, der Liebe zur Weisheit. Für den Dichter war das kein Zufall:
„Mein Lieblingsstudium heißt im Grund wie meine Braut. Sophie heißt sie – Philosophie ist die Seele meines Lebens und der Schlüssel zu meinem eigensten Selbst.“
Zugegeben, im Zeitalter der Tinder-Datings wirkt so radikale Monogamie befremdlich. Man würde ihn zum Seelenklempner schicken. Allerdings bliebe es fraglich, ob moderne Therapie-Ansätze wie „Neurolinguistische Programmierung“ oder „Positive Psychologie“ dem Trauernden geholfen hätten. Ganz zu schweigen von Motivations-Workshops oder Optimierungs-Coachs. Nein, Novalis morbide Mystik ist subversiv, weil moderne Glücksversprechungen in ihr keinen Platz finden. Das immunisiert sein Leben und Werk gegen Vereinnahmung.
Im Jahr 2020 schlossen Politik und Virologie ein Bündnis. Gemeinsam erklärten sie Covid 19-Erreger zur zweiten Pest. Forscher wie Professor Christian Drosten empfahlen Maßnahmen, die vielfach zu wirtschaftlichem, physischem und psychischem Zusammenbruch führten. Jeder Einwand gegen die Maßnahmen galt als „unwissenschaftlich“. Ein großer Teil der Kulturschaffenden unterstützte die Lockdown-Politik, von Journalisten und Intellektuellen wie Slavoj Žižek, Jürgen Habermas oder Peter Sloterdijk ganz zu schweigen.
Für den November 2020 orderte das Marbacher Literaturarchiv bei besagtem Professor Drosten eine Festrede zum Geburtstag von Friedrich Schiller. Nein, das ist keine Satire! Drosten verortete die Aktualität des Dichters in der Verschmelzung von Pflicht und Freiheit: Um allen Bürgern maximale Freiheit zu ermöglichen, seien Einschränkungen notwendig. Aber Schiller habe den Einzelnen aufgefordert, nicht widerwillig, nicht aus purer Pflicht heraus zu agieren. Nein, ethisches Handeln sollte mit Lust und Neigung in Verbindung stehen. Die Aussage war überdeutlich: Trage die Maske. Aber nicht nur aus Pflichtgefühl. Nein, du sollst sie gefälligst gern tragen. Aus Neigung. Der Virologe suggerierte: Schiller hätte den Lappen gern getragen.
Zeitnah zur Vereinnahmung Schillers wühlte das linksgrüne Wochenblatt Die Zeit nach historischen Vorläufern der Querdenker. Tatsächlich präsentierte Literaturkritiker Volker Weidermann einen Übeltäter. Sein Name: Novalis. Begründung:
„Wie kein anderer verkörpert der Dichter die deutsche Romantik.“ Das macht ihn zweifach schuldig: „Schuld an der deutschen Impflücke, schuld an der weit verbreiteten deutschen Liebe zum Irrationalismus.“
Als oberflächlicher Schwärmer habe Novalis eine tiefe Einheit zwischen Mensch und Natur erträumt. Ganz nach dem Grundsatz: „Lieber die Welt verzaubern, als sie tätig zu verbessern, lieber die Ferne verherrlichen, als die Nähe auszuhalten, die Wissenschaft nur nutzen, um sie dichterisch zu verklären. Für alle Impfgegner von heute ist das schon genügend lyrisches Material, um Karl Lauterbach zahlreiche Talkshows lang Paroli zu bieten.“ Au weia. Was für ein Vergleich: Die Querdenker als Träumer, während Lauterbach als Rationalist, Realist und Tatmensch durchgeht. Es kommt noch schlimmer: Novalis „Liebe zum Tod ist in all ihrer dichterischen Schönheit bis heute ein deutsches Verhängnis.“ Soll wohl heißen: Querdenker verweigern die Corona-Maßnahmen, weil Todessehnsucht sie treibt. Weil sie so gerne an Corona sterben wollen.
Nun blieb der meisterhafte Artikel nicht unwidersprochen. Schon damals nicht. Autor und Zeit-Redakteur Peter Neumann sprang als erster in die Bresche: Nein, Novalis wäre kein Impfgegner gewesen. Im Gegenteil: Der „hätte sich längst kreuzweise boostern lassen.“ Preisfrage: Was ist schlimmer, das Bild vom Querdenker Novalis oder das vom Booster-Fan?
Für die kommenden Wochen hat die Novalis-Gesellschaft ein Kulturprogramm zum 225. Todestag geplant. Man darf mit Spannung die neusten Aktualisierungsversuche der Mainstream-Journalisten erwarten...
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Novalis - Bild von Meyers Lexicon Büchern in deutscher Sprache.
Bildquelle: Nicku / Shutterstock
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