Wir Wissenschaftsleugner | Von Roberto J. De Lapuente (Podcast)

Ein Kommentar von Roberto J. De Lapuente.

Mit der Pandemie ist es wie mit dem Klimawandel: Man kann die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht einfach durchboxen – eben weil der menschliche Kosmos mehr ist als in die Tat umgesetztes Wissen. Sagen darf man das allerdings nicht. Sonst ist man ein Leugner.

Die Sache klärt sich also, wir wissen nach und nach was zu tun ist. Ganz am Anfang der Pandemie wusste man ja gar nichts. Mit Nelken gespickte Zwiebeln waren als Maßnahmen gegen Corona ungefähr genauso erfolgversprechend wie Maskenpflicht, Abstände oder Versammlungsverbote. Jetzt erahnen wir besser, wie das Virus funktioniert. Wohlgemerkt: Wir erahnen es – Wissen ist manchmal nicht mehr. Und die eben genannten Maßnahmen, sie sind ja auch nicht der absolute Schutz, sondern Erschwernisse – meist für die Menschen. Das Virus findet ja oft genug trotzdem einen Weg. Dass Viren so sind, wussten wir schon vor Corona.

Da man aber jetzt weiß, wie wir es dem Ding schwerer machen können, müssen wir dieses Wissen nur radikal anwenden. Überall. Immer. Klar, oder? Wie kann man sich dagegen wehren wollen? Die einen tun das laut in den Gassen, andere verschämt im Privaten, wenn sie die Vorgaben sabotieren. In Mikrofone oder Umfragenprotokolle diktieren sie indes das Gegenteil. Das ist einfacher – und an Selbstreflexion mangelt es schon seit Urzeiten ohnehin. Trotzdem hocken die so Beteuernden gleich mit vier Freundinnen im Wohnzimmer, essen Kuchen und heben ein Proseccolein. Kurz und gut: Wissenschaftliche Erkenntnisse hin oder her, man ist halt nicht durchrationalisiert. Warum? Die Erklärung ist recht simpel: Weil man Mensch ist.

Einfach aufhören mit dem, was uns schadet?

Man muss gar keine hochtrabenden Beispiele auswählen. Dass zum Beispiel das Rauchen nicht gerade gesunde Nebeneffekte hat, wissen wir mit großer Sicherheit. Mit Alkohol ist es dasselbe. Dennoch pflegen wir den Konsum solcher Genussmittel. Nicht nur heimlich, wie bei Cannabis, sondern ganz offen und ungeniert. Wenn nicht gerade Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen angeordnet wird. Natürlich gibt es Gesundbeter, die stets darauf hinweisen, welchen Schaden man sich und der Solidargemeinschaft da antut – aber Vernunftgründe sind immer nur dann relevant, wenn man in vernünftiger Stimmung ist. Das ist man aber nicht immer.

Als wir im letzten Jahr, lange vor Corona – die Älteren unter uns erinnern sich noch – über den Klimawandel sprachen, war es nicht so viel anders. Uns war ja allen klar, dass wir so nicht weitermachen können. Fossile Energien seien kein Zukunftsmodell mehr, hieß es. Ganz richtig eigentlich. Die Hardliner von Friday For Future, die Gretanisten, hatten zuweilen ganz unkomplizierte Ansätze: Aufhören, rieten sie. Einfach nur ein Aufhören damit. Und zwar jetzt. Unmittelbar. Kein Auto mehr fahren, die Automobilindustrie abwickeln. Dann flutscht die Zukunft wie von selbst. Kindliche Gemüter ahnen ja nicht, wie Menschheit geht.

Ohne jetzt eine Bundesregierung in Schutz nehmen zu wollen, die ganz sicher nicht aus wissenschaftlichen Vernunftgründen an einer Automobilbranche festhält, die nur noch durch Betrug sowas wie fortschrittliche Abgaswerte generierte, muss man aber schon klarstellen: Es ist ja nicht falsch, nicht gleich alles auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Wir wissen zwar was richtig wäre für unsere Erde, nämlich CO2 einzusparen, wo immer möglich – und dennoch können wir es nicht einfach so mir nichts dir nichts umsetzen. Daran hängt zu viel. Arbeitsplätze sicher auch. Aber eben auch Lebensstil. Gewohnheit. Genuss und Sehnsucht. Die Hoffnung auf ein Leben, in dem man mobile Freiheiten hat.

Glauben, Hoffen, Sehnen, Genießen – Wissen

Wissenschaft ist eine ausgezeichnete Sache. Mit ihr versteht man Abläufe besser. Oder versteht sie überhaupt erst. Sie ist aber nicht die Strukturgestalterin menschlicher Wirklichkeiten alleine. Das wäre auch langweilig. Da sind noch viele andere Entitäten: Die Wirtschaft natürlich. Das Kunst- und Kulturbedürfnis. Der Drang nach Entertainment. Familiäre Bezüge. Religion immer noch. Liebe natürlich. Und Liebe. Und – ach ja! – Liebe. Alles Dinge, die nicht oder aber nur schwer wissenschaftlich erfahrbar sind – die man zuweilen zwar verwissenschaftlicht, aber dann nicht mehr genießen kann. Wer Liebe nur als chemische Reaktion begreift, bleibt wahrscheinlich ungeliebt. Anders gesagt: Wer die Wissenschaft anführt, um zu einen Verhalten zu drängen, der begreift offenbar nicht, wie der Mensch tickt.

Denn der ist als solcher irrational. Empfänglich für wissenschaftliche Einsichten zwar, aber nicht dafür gemacht, sich strikt an ein Protokoll zu halten, das nicht seinem Naturell entspricht. Der Mensch ist zu facettenreich, zu triebgesteuert, zu vergnügungssüchtig. Kein Mensch kann das einem anderen Menschen zum Vorwurf machen, denn letztlich sind alle auf die eine oder andere Weise denselben Wirkmechanismen unterworfen.

Das ist das größte Problem innerhalb des Pandemie-Komplexes gewesen. Und zwar von Anfang an. So zu tun, als könne man mit einer reinen Vernunftshaltung, mit einer klaren Strukturierung nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und der dazugehörigen Neuorganisation des öffentlichen Lebens die Folgen der Pandemie abmildern, war in dem Sinne unmenschlich. Es durchzuexekutieren: Mensch, das müsse doch jeder einsehen! Jeder verstehen! Ja, das müsste doch jedem Menschen ein Anliegen sein. Zumindest jedem mit Verstand. Schnell zeigte sich, dass es aber Menschen gab – und gibt -, die trotzdem die Maßnahmen beanstandeten und dagegen demonstrierten. Ein wichtiges Argument aus den Reihen dieser Kritiker lautet: Gesellschaft ist mehr als Abstand halten und daheim bleiben.

Der Leugner: Einer, der sagt, wie es ist

Sie muss mehr sein. Leben nämlich. Nicht nur Überleben. Letztlich muss sie mehr sein auch aus medinzinischen Gründen. Aus psychologischen Betrachtungen heraus quasi. Die Maßnahmen verursachen da mehr Schaden als die Infektion. Das ist der Versuch, die Vernunftschiene der Wissenschaft gegen jene sich verselbständigende offizielle Vernunftschiene aufzufahren. Damit liegen diese Kritiker durchaus richtig. Wahr ist aber auch, dass menschliche Gesellschaft wie gesagt nicht nur Überleben darstellt, sondern verschiedene, die vorher genannten Wirklichkeitsebenen beansprucht. Sie brachliegen zu lassen, als seien sie nur Kür, keine Pflicht, entspricht nicht der conditio humana.

Daher überschreitet man ja stets jene Vorgaben, die zum reinen Überleben konstruiert wurden. Diejenigen, die das offen zugeben, es bei Demonstrationen gar zur Schau stellen, erleben die Aberkennung ihres Verstandes in aller Öffentlichkeit. Selbst jene, die sie gewählt haben, attestieren ihnen Boshaftigkeit und Dummheit. Man nennt sie Leugner. Früher war ein Leugner jemand, der eine Wirklichkeit als Erfindung abgetan hat. Klar leugnen manche den Virus. Solche Leute gibt es immer. Aber der Großteil der Kritiker leugnet nicht im klassischen Sinne. Was diese Leute »leugnen« ist, dass der Staat Allmacht haben sollte oder dass es reicht, die Gesellschaft wissenschaftlich auszurichten, ohne die Gefühlsebenen gleichberechtigt aufrechtzuerhalten.

Insofern ist der moderne Leugner ein Begriff, der nicht mehr mit dem korreliert, was wir früher als Leugner verstanden. Er negiert ja keine Wirklichkeit, sondern weist eher darauf hin, dass die Wirklichkeit der menschlichen Wahrnehmung, des humanen Kosmos, aus viel mehr Facetten besteht, als aus reiner Fixierung auf Forschungsergebnisse. Man mag zwar für einen kurzen Zeitraum darauf fokussiert sein und es auch durchhalten. Aber langfristig scheitert so ein Konzept. Weil wir Menschen sind – noch. Auch das wird sich vielleicht in Zukunft ein klein wenig ändern.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 16. Dezember 2020 auf dem Blog der Neulandrebellen

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Bildquelle: everything possible / shutterstock

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