Wir haben die Verpflichtung zur Verbundenheit mit allem Lebendigen

Von Dirk C. Fleck

„Irgendwann,“ schrieb Peter Handke, „habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und alles neu ist und alles unentdeckt. Und das hilft mir auf die Sprünge. Es ist noch nichts erzählt.“ 

Genau. Waschen wir uns den Schmutz von der Seele, den wir in dieser ruhig gestellten Gesellschaft angesammelt haben. Machen wir uns immer wieder klar, dass wir hier nur zu Gast sind, dass es Millionen von Parallelwelten auf diesem Globus gibt, sowohl in der Tier- als auch in der Pflanzenwelt. Und dass jede dieser Welten in einem eigenen Gefühlskosmos lebt und mit einem ureigenen Kommunikationssystem ausgestattet ist. Entwickeln wir Respekt für unsere Mitbewohner auf der Erde. Öffnen wir unsere Herzen für das Mysterium der Schöpfung, dem wir auf kurze Zeit beiwohnen dürfen und von dem die Betreiber des seelenlosen Killer-Systems nicht die geringste Ahnung haben. Verschwenden wir unsere Energien nicht in einem aussichtslosen Kampf gegen sie, in dem die Gewalt die einzige Option zu sein scheint. Auf diese Weise werden wir nie gewinnen. Arbeiten wir an uns selbst, seien wir uns wichtig, jeder für sich, und sehen wir zu, dass wir die Personen in unserem unmittelbaren Umfeld aus ihrer Bewusstlosigkeit reißen. Machen wir sie vertraut mit sensiblen, mitfühlenden Menschen. Das ist die einzige Chance, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Eine andere haben wir nicht.

Diese Einsicht scheint sich bei immer mehr Menschen allmählich durchzusetzen. Eines der eindrucksvollsten Appelle für einen entsprechenden Bewusstseinswandel hat der französische Schriftsteller, Landwirt und Umweltschützer Piere Rabhi formuliert. Sein „Manifest für Mensch und Erde“ plädiert für einen Aufstand des Gewissens, das sich angesichts des schändlichen Umgangs mit der Schöpfung, den die globale Zivilgesellschaft unter der Knute weniger ausschließlich am Profit interessierter Konzerne pflegt, in vielen von uns zu regen beginnt. 

„Piere Rabhi,“ so heißt es im Vorwort, „begreift das Leben auf Erden als einen unverhofften Schatz. Er fühlt sich in jeder Sekunde an das Dasein gebunden, an alles was ist, an alles was vibriert, pocht und sich stetig verändert. Doch obwohl er das Leben als Glück begreift, so zeigt er sich inzwischen tief besorgt, dass der Lebensfaden reißen könnte.“ 

Er wird vermutlich reißen, weil in dieser Gesellschaft Worte wie Solidarität, Mitgefühl und Zivilcourage ihre Bedeutung verloren haben, was von den meisten unter uns nicht einmal mehr als Verlust empfunden wird. Falls dies bei dem einen oder anderen doch ein Gefühl des Verlustes bewirkt, landen diese mutigen Kandidaten früher oder später in der Welt der Ausgestoßenen, wo ein täglicher Schmerzcocktail aus  Entsetzen, Einsamkeit und Tieftrauer verabreicht wird. Schwer auszuhalten. Nicht wenige kehren zurück in die Matrix, wo sie als verdienstvolle Invaliden des Lebens wieder in Unwissenheit verharren. Zusammen mit der milliardenfachen Schar der …. wie drücke ich es aus, der Manipulierten, der in die Irre geleiteten. Dieser Schritt zurück ist fatal, weil er die Tatsache ignoriert, dass wir uns in einer Epoche des Wandels befinden, wie sie die Welt bisher noch nicht erlebt hat. 

Ein chinesisches Sprichwort könnte den Verzweifelten als Wegweiser dienen:

Wenn der Wind des Wandels weht,

bauen die einen Schutzmauern,

und die anderen bauen Windmühlen. 

Der Biologe Andreas Weber (51) formuliert in einem Interview mit dem Journalisten und Buchautoren Geseko v. Lüpke (Politik des Herzens, Zukunft entsteht aus Krise) recht deutlich, worauf es heute in erster Linie ankommt, wenn wir auf den Trümmern eines zusammenbrechenden Giersystems eine bessere Welt bauen wollen: „Wir haben die Verpflichtung zur Verbundenheit“. Die Natur ist ein unendlicher geteilter Gott, hat Friedrich Schiller gesagt und Weber erinnert uns daran – es muss uns wieder bewusst werden, in welchem Kontext unser Leben stattfindet. Der Mensch ist eingebunden in ein filigranes Netzwerk des Lebens, das durch seinen Eigennutz aber erheblich aus der Balance geraten ist. Die entscheidende Frage heute ist, ob wir uns Wirtschaften als eine Form von Produktivität innerhalb lebender Ökosysteme denken können.

Dazu, so Weber, sind zwei wichtige Schritte nötig. Der eine besteht darin, dass wir begreifen müssen, dass unser seelisches Gleichgewicht und unsere Zufriedenheit eben nicht in einem bloßen Mehrhaben oder Mehrsein oder Mehrwerden bestehen, sondern in einer Form von Aufgehobenheit in Freiheit in einer Gemeinschaft von Lebewesen. Bisher ist es so, dass sich der Markt völlig unabhängig von der Natur definiert. „Das ist ein gewaltiger Irrtum,“ sagt Andreas Weber, „Leben kann immer nur in symbiotischen Zusammenhängen mit anderem Leben gesund gedeihen. Insofern muss unsere Wirtschaft auch ein symbolisches Untersystem der Biosphäre sein“. 

Aus dieser Form von schöpferischer Ökologie könnte tatsächlich eine Politik des Lebens werden. „Die gibt es noch nicht,“ sagt Weber, „aber es ist immerhin wieder ein politisches Ziel – und zwar eines, das man mit Nachhaltigkeit vertreten kann. In meinen Augen ist die Vision einer Politik des Lebens durchaus ein Kulminationspunkt, den man geradezu mehrheitsfähig machen muss, weil das jeden betrifft.“

Um diese Mehrheit herzustellen, braucht es ein wachsendes Bewusstsein darüber, an welchen Abgrund sich die Menschheit inzwischen manövriert hat. Anders als noch vor wenigen Jahren bin ich inzwischen ziemlich optimistisch was das angeht. Da halte ich es mit dem Kulturforscher Marco Bischof (71), der sagt, dass irgendwann eine Schwelle überschritten wird, mit der ein bislang verborgener Wandlungsprozess plötzlich sichtbar wird. „Ich glaube,“ so Bischof, „wir sind jetzt an einem solchen Punkt. Dieser Umbruch ist heute nicht mehr die Angelegenheit einer Minorität, sondern betrifft schon ziemlich breite Kreise in der Gesellschaft“.

Wie kam es zu dieser Umbruchsituation, in der wir vielleicht noch in der Lage sind, den drohenden Ökozid abzuwenden, der durch Dummheit, Ignoranz und Maßlosigkeit und nicht zuletzt durch das Diktat weniger Global Player herauf beschworen wurde? „Die Menschen mussten realisieren, dass die bislang vorgegebenen Strukturen, Institutionen und Werte nicht mehr verwendbar waren“, sagt Marco Bischof dazu. „Der Mensch ist heute kritisch, autonom und reflektiert genug geworden, um zu erkennen, dass jeder seine eigenen Werte selber suchen muss. Die Grundhaltung lautet: `Ich baue mir auf der Basis meiner Lebenserfahrung ein individuelles und ganz neues Weltbild, das für mich stimmt`“.

Dabei lassen sich viele Menschen von anderen Kulturen inspirieren, um eine neue Beziehung zum Göttlichen, zum Spirituellen, zur Ganzheit zu kreieren. Das Wiederaufleben der Religion in der säkularisierten Postmoderne, davon ist Bischof überzeugt, erfolgt in  einer völlig neuen Form. „Dieser Glaube ist kritisch und unabhängig, nicht autoritätsgläubig, er sucht nach dem gemeinsamen Kern aller Regionen. Religion wird heute nicht mehr als ein System von verpflichtenden Glaubenssätzen verstanden, sondern als ein Instrument zum Verstehen der Welt, zur Selbstverwirklichung“.

Wir haben nur dieses eine Leben. Wir haben nur uns selbst. Unsere Sinne und unser Herz sind es, die uns die Welt erklären, die uns demütig und ehrfürchtig werden lassen. Was für ein süßes Gefühl es doch ist, wenn man sich zur Verbundenheit mit allem Lebendigen verpflichtet und sich nicht mehr unter das Joch jener stellt, die die Welt beherrschen wollen. Denn man kann nur etwas beherrschen wollen, von dem man sich grundsätzlich getrennt fühlt. Und genau das wollen wir nun nicht mehr.

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