Warum Herr Drosten jetzt endlich den Mund halten muss.

Von Alexander Unzicker.

Vorweg: Christian Drosten von der Berliner Charité, Entdecker des SARS-Virus und Entwickler des Corona-Tests in Rekordzeit, ist ein internationaler Top-Virologe, dazu ein integrer, sympathischer Wissenschaftler, der im Gegensatz zu Politikern Vertrauen erweckt. Aber genau das genau ist das Problem. Das Verheerende ist, dass er aus dem Bauch heraus argumentiert, ohne mit Zahlen umgehen zu können. Und dass die Leute auf ihn hören.

Drosten orientiert sich an der Idee „Flatten the Curve“, die, wie hier gezeigt, auf dem fatalen Irrtum beruht, man könne den Ausbruch ohne ganz radikale Maßnahmen „etwas verlangsamen“. Dies wird Deutschland in eine noch schlimmere Katastrophe führen, als Sie Italien mit dem Zusammenbruch seines Gesundheitssystems gerade erlebt. Mich erreichen fast stündlich verzweifelte Lagebeschreibungen von Ärzten aus Italien, die dies bestätigen. Wer kann so verrückt sein, dies zu ignorieren, obwohl es glasklar ist, dass Deutschlands Infektionszahlen den italienischen gerade acht Tage hinterherhinken? Ganz Deutschland ist so verrückt.

Natürlich ist Drosten nicht der einzig Verantwortliche, aber er war es, der in einer Talkshow die völlig unverantwortliche Idee in die Welt gesetzt hat, man könne 70 Prozent der Bevölkerung sich infizieren lassen. Es ist bezeichnend für unserer Mediendemokratie, dass eine unbedacht dahingesagte Zahlenspielerei in einer Talkshow offizielle Linie der Bundesregierung geworden ist, und allenthalben nachgeplappert wird, sogar von der AFD. Dabei genügt ein Mausklick, um zu sehen, dass es Ländern wie China, Südkorea, Taiwan und Singapur gelungen ist, nach erheblichen Ausbrüchen die Infektionsrate im Promillebereich (!) einzudämmen, auch Russland handelt vernünftig. Das unsägliche Machwerk des ZDF frontal21 bemerkt dazu lapidar, die Seuche sei in China „zum Stillstand gekommen“. Etwa von alleine? Es ist beispiellose Ignoranz, dass Deutschland sich nicht daran orientiert, welche Maßnahmen in diesen Ländern getroffen wurden und sich von dortigen Experten beraten lässt.

Sogar einem SPIEGEL-Redakteur, der nach einem China-Besuch verschämt seine Gesichtsmaske wieder abnimmt (dumm genug), dämmert allmählich, dass Deutschland in einer Parallelwelt lebt. Befeuert wird die irrationale Coronaparty im Land durch ehemalige Experten wie Dr. Wodarg, der die Welt durch seine Brille „Böse Pharma versucht WHO Impfstoff zu verkaufen“ sieht. Faktenresistent behauptet er 10 Prozent falsch-positive Resultate, in krassem Widerspruch zu den 250.000 südkoreanischen oder 80.000 russischen Tests, (bei 59 Fällen, d.h. weniger als ein Promille überhaupt positiven) Wodargs Erfahrung mit Big Pharma mag zutreffend sein, aber sie auf die jetzige Situation zu verallgemeinern, ist nichts weniger als schizophren.

Heute erreicht mich der Rundbrief eines sonst von mir geschätzten Journalisten mit der Aufforderung, Artikel gegen die „Corona-Hysterie“ zu schreiben. Den Bericht eines Mailänder Arztes (s. 2. Absatz hier), den ich ihm zuschickte, ignoriert er, weil ein Staat, der Freiheitsrechte einschränkt, ist erst mal grundsätzlich böse. Es machen zwar alle Staaten auf der Welt, aber egal, wir in Deutschland wissen es besser. Man kann zwar zu gegebener Zeit darüber nachdenken, woher das Virus kam und ob Zeit und Ort des Auftretens Zufall waren. Aber in den jetzigen Schutzmaßnahmen schon die große Verschwörung zu sehen, ist ungefähr so klug, wie am 9.11.2001 vor den zusammenstürzenden WTC-Gebäuden nicht wegzulaufen.

Das Gegenteil von Gut ist gut gemeint

Da qualifizierter Widerspruch zum Regierungsnarrativ selten ist, erfreuen sich die gemächlichen Ratschläge von Christian Drosten im NDR großer Beliebtheit. Wer sie verfolgt, bemerkt bald, dass er meist kurze Zeit später als sinnvoll erachtet, was vorher noch unnötig war (z.B. Schulschließungen in Nr. 11 und Nr.12). In Nr. 13 sieht er den Kneipenbesuch kritisch, um es dann mit der Banalität „lieber Bier aus der Flasche als gezapft“ zu relativieren. Er vermittelt das absolut Notwendige mit einer Woche Verspätung, anstatt wenigstens zwei Tage vorauszudenken.

Deutschland ist früh dran! (nein, es hat einen Testrückstand, bzw. nicht einmal Überblick). Und das tolle deutsche Gesundheitssystem! Man wird wohl erst handeln, wenn es an die Wand fährt. Nur: wir werden damit noch mehr Tote haben. Denn besser ein schlechtes Gesundheitssystem, das um den Faktor 5 überfordert ist, als ein gutes, das um den Faktor 5 überfordert. Das ist die fatale Wirkung, die exponentielles Wachstum der Infektionen mit einer um zehn Tage zeitverzögerten Erkrankung erzeugt – wenn man erst im Moment der Überforderung gegensteuert.

Es kann leider sein, dass der Top-Wissenschaftler Drosten mit seinen verspäteten Erkenntnissen eine tragische Figur wird. Dabei muss man ihm eigentlich nur einmal aufmerksam zuhören: Es gibt Leute, die verstehen mehr von Ausbreitung, „Zahlen kenne ich dazu nicht“, „wir müssen aufhören ins Ausland zu schauen, Man muss sich nicht zu Hause einschließen“. Doch. Am besten schon. Und Drostens hier leider selbsterfüllende Prophezeiungen abschalten: wir kriegen ja sowieso in großer Zahl diese Infektion“.

Nein. Wir dürfen nur diesem Unsinn nicht länger zuhören.

Dr. Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist und Sachbuchautor. Sein Buch „Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur – Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten“ erschien 2019 im Westend-Verlag.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: screenshot YT – IP-BSZ

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