Veranstaltungshinweis: Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie vom 23. bis 25.11.2023 in Berlin

Kongress – Neue Normalität

mit: Wolfgang Bittner, Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel, Christian Dewanger, Mark Galliker, Magda von Garrel, Uli Gellermann, Hannes Hofbauer, Annemarie Jost, Andrea Komlosy, Benjamin Lemke, Klaus Linder, Werner Meixner, Thomas Oysmüller, Michael Schneider, Tove Soiland, Conny Stahmer-Weinandy, Jonas Tögel, und die Künstler Malte Griese, Arnulf Rating und die Musiker und Akteure des Musicals „Die Neue Normalität“.

Veranstaltungsort:
Xelor Kesselhaus
Mittelbuschweg 10
12055 Berlin

Neue Normalität

Wir haben nun inzwischen fast drei Jahre Coronapolitik, über ein Jahr Krieg in der Ukraine mit entsprechender Kriegspropaganda, Sanktionspolitik, Militarisierung; ökonomische Zusammenbrüche und Inflation weltweit.

Alle diese Großereignisse und Krisen haben bereits jetzt desaströse Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft und in besonderem Maß natürlich auf den sozial schwachen Teil der Gesellschaft.

Das, was Klaus Schwab 2020 bereits vorausgesagt hatte, was auch zu den Intentionen der inszenierten Krisen gehört, scheint sich immer deutlicher plötzlich oder schrittweise abzuzeichnen: die Neue Normalität. Diese zeigt sich in allen Dimensionen ökonomisch, politisch, sozial und sozialpsychologisch und psychologisch.

Vorträge und Diskussion

Donnerstag, 23.11.2023

Ab 14:30 Uhr am Info-Tisch im Foyer: Einschreibung zum Kongress

15:30 Michael Schneider Die „Neue Normalität“ als Einstieg in ein Orwell‘sches Szenario 

16:30 Werner Meixner Kulturbruch: Das permanente Verbrechen als „Neue Normalität”

17:30 Jonas Tögel Kognitive Kriegsführung – modernste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO
&
17:55 Klaus-Jürgen Bruder Die Psychotechnik der „Neuen Normalität“ – Vorhersage und Kontrolle von Verhalten

18:35 Pause

19:30 Musical Neue Normalität

20:30 Uhr Empfang

 

Freitag, 24.11.2023

10:00 Conny Stahmer-Weinandy & Benjamin Lemke
Eröffnung: Zur Neuen Normalität

11:00 Klaus Linder Wider den imperialistischen „Antifaschismus“

12:00 Tove Soiland Der postideologische Totalitarismus und die Linke

12:45 Pause

15:00 Wolfgang Bittner Die Teilung der Gesellschaft in Gut und Böse
&
15:25 Mark Galliker Sind Soldaten Mörder, Opfer oder Helden? Eine koexistenzanalytische Recherche der FAZ und der NZZ

16:30 Annemarie Jost Perspektiven des Wandels – der Blick auf die Kinder
&
16:55 Magda v. Garrel Schulische Digitalisierung: Künstlich erzeugte Entwicklungsstörungen

19:00 Arnulf Rating Kabarett

 

Samstag, 25.11.2023

10:00 Hannes Hofbauer Folgen der westlichen Sanktionspolitik

11:00 Andrea Komlosy Digitalisierung im Überwachungskapitalismus

12:00 Uli Gellermann Rechts schwenkt Marsch! Deutschlands Militarisierung gegen die Demokraten

12:45 Pause

15:00 Almuth Bruder-Bezzel Drei Jahre Protestbewegung

16:00 Christian Dewanger Über die Rolle der Identität in der propagandistischen Massensteuerung

17:00 Thomas Oysmüller Die WHO als Zentrale der Neuen Normalität

18:00 Konzert von Malte Griese (angefragt) Geselliger Abend

 

Sonntag 26.11.2023

12:00 Mitgliederversammlung

 

Eintragung der Preiskategorie:
Gruppe I: Regulärer Preis: 150€
Gruppe II: Mitglieder der NGfP: 100€
Gruppe III: Personen mit niedrigem Einkommen, Studierende und Psychotherapieausbildungs-kandidat*innen: 40/80 €

Partner*innen von Teilnehmer* innen der Gruppen I und II können uns hinsichtlich reduzierter Teilnahmegebühren per E‑Mail anschreiben. In besonderen Anfragen wenden Sie sich bitte per E‑Mail an uns: (vorstand@ngfp.de).

Verpflegungsoption (wahlweise vegetarisch/nicht-vegetarisch):
3 x Abendessen (Do, Fr, Sa) und 2 x Mittagessen (Fr, Sa): 50 Euro

Hier der Link zu weiteren Informationen und zur Anmeldung: https://www.ngfp.de/

 

Abstracts der Vorträge mit Angaben zur Person in der Reihenfolge der Vorträge

Michael Schneider: Die „Neue Normalität“ als Einstieg in ein Orwell‘sches Szenario 

Hanna Arendt beschrieb in ihren Werken die Unterdrückung der freien Debatte als eine der Grundvoraussetzungen des Totalitarismus, die sich oft schleichend entwickelt. Über ihren ersten Besuch in Deutschland nach 1945 schrieb sie: „Die größte Gefahr der Moderne geht nicht von der Anziehungskraft nationaler und rassistischer Ideologien aus, sondern von dem Verlust der Wirklichkeit. Wenn der Widerstand durch Wirklichkeit fehlt, dann wird prinzipiell alles möglich.“

Bis heute verleugnen und streiten die Regierungen, die Mehrheit der Parlamente, die obersten Gerichte, die etablierten Medien, die Funktionseliten der Gesellschaft inklusive Wissenschaftsverbände, Kirchen und diverse Ethikkommissionen die Wirklichkeit in der Corona-Krise vehement ab. Ja, sie bekämpfen sie regelrecht, indem sie versuchen, die freie öffentliche Debatte darüber zu verhindern – bis hin zur offenen Zensur und Verleumdung der kritischen Stimmen. Sogar vor politisch motivierter strafrechtlicher Verfolgung schrecken sie nicht zurück. Mit dem neuen juristischen Wortungetüm „Delegitimierung des Staates“ fordern Minister und der Chef des Verfassungsschutzes nun sogar, Kritiker der offiziellen Regierungswahrheiten vom Verfassungs-schutz beobachten zu lassen.

Dieser Wirklichkeitsverlust hat sich in bestürzender Weise auch bei jenen gezeigt, zu deren geschichtlicher Tradition und politischen Identität bislang die Kritik der bestehenden Verhältnisse gehörte: bei der politischen Linken und den linken Intellektuellen – ein Trauerspiel!

Unter dem Corona-Regime, nicht erst mit dem Ukraine-Krieg, haben die von Orwell in 1984 beschriebenen Herrschaftstechniken Doublethink (Doppeldenk) und Newspeak (Neusprech) zum ersten Mal richtig die Oberhand gewonnen. Der Werte-Westen im Ukraine-Kriegstaumel: Diese Geschichte lässt sich nicht erzählen, ohne auf ihre Abkunft von der Wahnidee der Pandemie zu verweisen: Ganzen Bevölkerungen wurde eingetrichtert, man müsse „Krieg führen gegen einen Killervirus“, den es einzig und allein in den abstrakten Modellierungen einflussreicher Virologen und Instituten gab, die von Big Pharma gesponsert wurden. „Solidarisch“ zu sein, hieß, menschliche Kontakte möglichst zu vermeiden, vereinzelt zu leben (und zu sterben), „krank“ konnte man sein, ohne etwas davon zu spüren, als Geimpfter und Geboosteter war man trotzdem ansteckend und konnte angesteckt werden. Wesentlich war auch hier der Totalausfall jeglicher Realitätsprüfung als Grundlage der Durchsetzung von nie dagewesenen Einschnitten in Bürger- und Grundrechte. „Die Impfung“ sagte die österreichische Justizministerin öffentlich, „ist der einzige Weg raus aus der Demokratie“ -„raus aus der Pandemie“, wollte sie eigentlich sagen. Und ahnte wohl nicht, wie sehr ihr „Freud’scher Versprecher“ den Nagel auf den Kopf traf.

Das heutige Äquivalent dieser Antilogik ist, dass selbst der Begriff des Friedens nicht mehr unschuldig in den Mund genommen werden kann, weil noch die kriegslüsterne Ukraine-Solidarität als „Friedensfacilität“ verkauft wird: „Mit Waffen Frieden schaffen“ oder im Baerbockschen Doublespeech: „Durch Waffen Menschenleben retten“.

Wo Wörter innerhalb kürzester Zeit ihre Bedeutung verlieren und die genau umgekehrte annehmen, wo die Dinge gleichsam über Nacht einen anderen Namen bekommen und ihnen nichts Sinnlich-Greifbares mehr in der Erfahrung korreliert, da ist, wie in Orwells dystopischem Roman „1984“, die unvermeidliche Folge die Zerstörung von Denken und Sprache – und letztlich die Zerstörung der Demokratie, mag diese als entkernte und leere Institutionen-Hülle auch weiterhin existieren. 

Michael Schneider ist Essayist, Theater- und Romanautor. Er studierte Biologie, Philosophie und Religionswissenschaften und lehrte viele Jahre als Professor für Dramaturgie und Stoffentwicklung an der Filmakademie Baden-Württemberg. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Neurose und Klassenkampf“(1973), die Zaubernovelle „Das Spiegelkabinett“(1980)  und die historischen Romane „Der Traum der Vernunft. Roman eines deutschen Jakobiners“(2001) und „Das Geheimnis des Cagliostro“, ein Schelmenroman (2007). Er ist Mitglied des Deutschen PEN- Zentrums, des Willy Brandt-Kreises e.V., und des Magischen Zirkels von Deutschland.

Werner Meixner: Kulturbruch: Das permanente Verbrechen als „Neue Normalität”. 

Die Ursünde der Informatik ist wesentlich die ideologische Reduzierung des Geistes auf mechanistische Berechenbarkeit, die ja nichts anderes ist als eine Instrumentalisierung der Macht. Entsprechend ist die Vorstellung von Yuval Harari, Geist mit Daten gleichzusetzen, ein grotesker kategorialer Fehler, der exemplarisch den Kulturbruch des angloamerikanischen Transhumanismus gegenüber der ursprünglichen europäischen Kultur beweist. Dieser Kulturbruch ist essentiell für ein Weltbild der totalitären Machtausübung in der „Neuen Normalität” des WEF. Die Fehleinschätzungen der technischen Möglichkeiten für die Ausübung totaler Herrschaft ergeben sich zwangsläufig aus der ideologischen Ignoranz gegenüber der wahren Natur des Menschen und des Lebens überhaupt. Von da aus gesehen muß eine menschenwürdige Zukunft schrittweise insbesondere mit völlig neuer Technik gestaltet werden, auf der Basis weitgehender Dezentralisierung und vollständiger Beachtung der Privatsphäre des Individuums. Zu beginnen ist mit der Selbstermächtigung zu Freiheit und Souveränität des Individuums.

Werner Meixner, Dr. rer. nat. ist Akademischer Oberrat i. R. an der Fakultät für Informatik der TU München. Er studierte dort Physik, Mathematik und Informatik, ab 1972 Forschung und Lehre am Institut, sowie an der Hochschule der Bundeswehr mit den Schwerpunkten: Theoretische Informatik, Wahrscheinlichkeitstheorie, Numerische Mathematik, Multimodale Mensch-Maschine-Kommunikation, Wissenschaftsethik; Promotion Juli 1977. Seit 2015 Publikationen und Vorträge. Themen: Rückkehr der Informatik zu einer humanen Sinnorientierung, Gesellschaftliche Gefahren der digitalen Vernetzung. 

Jonas Tögel: Kognitive Kriegsführung – modernste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO

Die Frage, warum es bis heute möglich ist, Menschen in Kriege zu führen, ist aktueller denn je. Aus psychologischer Perspektive ist festzuhalten, dass Kriege auch deshalb geführt werden können, weil durch Kriegspropaganda mit Hilfe sogenannter Soft-Power-Techniken immer wieder die Zustimmung der Bevölkerung gewonnen wird. Soft Power wird in Abgrenzung zu militärischer Gewalt (oder Hard Power) von dem amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph Nye definiert als „die Fähigkeit, andere zu überzeugen das zu tun, was du willst, ohne dass du Gewalt oder Zwang anwendest.“ (2004).

Derzeit erleben wir eine Bedeutungsverschiebung, welche weg von Hard Power hin zu der unmerklichen Beeinflussung durch Soft Power verläuft, auch und gerade auf dem Gebiet der Kriegspropaganda.

Die immer zentralere Bedeutung der gezielten Manipulation der Gedanken, Gefühle und des Verhaltens von Menschen während der letzten 100 Jahre gipfelte in der sogenannten „Kognitiven Kriegsführung“ der NATO, einem hochmodernen Programm, welches die „fortschrittlichste Form der Manipulation, die es heute gibt“ (Cole & Le Guyader 2020) darstellt.

Die Kognitive Kriegsführung oder „Cognitive Warfare“ hat verschiedene Facetten und zeichnet sich durch das erklärte Ziel aus, den Menschen selbst als sechsten Kriegsschauplatz der NATO ins Zentrum der Kriegsführung zu stellen. Dabei werden unter anderem die Psychologie und Sozialwissenschaften als Wissenschaftsdisziplinen zur Entwicklung immer effizienterer Soft-Power-Techniken herangezogen. Darüber hinaus plant die NATO eine „Militarisierung der Neurowissenschaften“ (Le Guyader 2020).

Es ist davon auszugehen, dass auch die modernsten Manipulationswaffen nicht zu mehr Frieden führen werden, sondern dass sie stattdessen auch im 21. Jahrhundert Kriege weiterhin dadurch möglich machen, dass sie die öffentliche Meinung immer effizienter steuern. Es braucht daher eine bewusste Aufklärung über die Kognitive Kriegsführung der NATO, sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch innerhalb der Gesellschaft, denn letztlich steht jeder Mensch und seine individuelle Psyche in ihrem Visier.

Jonas Tögel, Dr. phil. ist Amerikanist und Propagandaforscher. Er hat zum Thema Soft Power und Motivation promoviert und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Regensburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Motivation, der Einsatz von Soft-Power-Techniken, Nudging, Propaganda sowie epochale Herausforderungen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Klaus-Jürgen Bruder: Die Psychotechnik der „Neuen Normalität“ – Vorhersage und Kontrolle von Verhalten 

Als „Psychotechnik“ kann man die Verfahren bezeichnen, mit deren Hilfe die „Neue Normalität“ im Bewusstsein und Verhalten der Bevölkerung etabliert werden soll. „Die neuen Machtverfahren arbeiten nicht mit dem Recht, sondern mit der Technik, nicht mit dem Gesetz, sondern mit der Normalisierung, nicht mit der Strafe, sondern mit der Kontrolle.“ (Foucault)

Die Rolle der Psychologie in diesen neuen Machtformen ist überwältigend, einer Psychologie, deren Anfänge in die Zeit des 1. Weltkriegs zurückreichen und die sich die „Vorhersage und Kontrolle von Verhalten“ zum Ziel gesetzt hat, wie deren Propagandist, John Broadus Watson in seinem „Behavioristischen Manifest“ von 1913 verkündet hat.

Die „Neue Normalität“ wäre auch ihr Sieg. Ihr Wunsch, dass auch wir das „normal“ finden, ist noch unerfüllt.

Klaus-Jürgen Bruder, ist Psychoanalytiker und Hochschullehrer i.R., Studium der Psychologie in Würzburg und Heidelberg, Promotion und Habilitation in Hannover, lehrte zuletzt an der FU Berlin. Bis März 2023 Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP). Arbeiten zur Kritik der bürgerlichen Psychologie („Kritik der bürgerlichen Psychologie“, 1973 im Fischer Verlag; „Psychologie ohne Bewusstsein“, 1982 im Suhrkamp-Verlag, „Subjektivität und Postmoderne“ 1993 im Suhrkamp Verlag), zur Jugendkultur („Jugend – Psychologie einer Kultur“, mit Almuth Bruder-Bezzel, 1984 im Verlag Urban & Schwarzenberg), und zum Diskurs der Macht („Lüge und Selbsttäuschung“, 2009 mit Friedrich Voßkühler im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, und in den Jahresbänden der Kongresse der Neuen Gesellschaft für Psychologie seit 2012)

Benjamin Lemke und Conny Stahmer-Weinandy: Eröffnung: Zur Neuen Normalität

Klaus Schwab, das Sprachrohr des Davoser Weltwirtschaftsforums verkündet im Januar 2021 das Ende der alten Normalität: „Nichts wird wieder zu dem kaputten Gefühl von Normalität zurückkehren, das vor der (Corona-)Krise geherrscht hat.“ Die „Corona-Pandemie“ stelle einen Wendepunkt dar und ermögliche einen fantastischen Neustart. Ein großer Umbruch werde für „den Einklang unseres Denkens und Verhaltens mit der Natur“ sorgen, den Wohlstand der Menschen garantieren und somit die Zukunft sichern.

Auf der Hinterbühne dieses „Glücksversprechens“ an die Bevölkerung, dieser Verführung, finden maßgeblich forciert durch die Medien weiterhin der Abbau von demokratischer Rechten, Militarisierung, Kriegshetze und die fortgesetzte Verelendung der Bevölkerung in allen Lebensbereichen statt. Die Inszenierung der Corona-Krise als erfolgreicher Schub für die Installierung der „Neuen Normalität”, die lange vorbereitet, findet hier ihre Fortsetzung.

Indem die Herrschenden zum Beispiel Technologien der Überwachung, der Kontrolle und Verhaltenssteuerung einsetzen, schaffen sie die notwendigen Rahmenbedingungen für die Durchsetzung ihrer Interessen. Sie zielen dabei auf Normierung und Normalisierung, „das homogene Medium“ und versuchen damit der Zivilcourage die Atemluft zu nehmen (Brückner).

Dafür wird von staatlicher Seite immer rücksichtsloser gegen regierungskritische Menschen vorgegangen: Diffamierung, Ausgrenzung und die Kriminalisierung werden bedenkenlos zur „normalen Praxis“. Unter „Neuer Normalität“ verstehen wir somit eine dystopische Perspektive. Sie ist eine Schreckensvision, die vor unseren Augen bereits politisch umgesetzt und durchgesetzt wird.

Unser Wunsch und Anliegen ist es, die Hinterbühne der „Neuen Normalität“ zu beleuchten.

Wir sind der Auffassung, dass ein gemeinsamer Erkenntnisprozess die Voraussetzung ist, um den Verantwortlichen der skizzierten gesellschaftlichen Entwicklung ein „Nein“ entgegensetzen zu können.

Benjamin Lemke, Diplom-Psychologe und Politikwissenschaftler (B.A.), arbeitet seit 2013 in der digitalen Gesundheitswirtschaft. Als Bundessprecher der Psychotherapeuten in Ausbildung kämpfte er von 2013 bis 2015 für bessere Ausbildungsbedingungen. 2017 wurde er Gründungsvorstand der pan-europäischen Linksbewegung DiEM25 in Deutschland, um die europäische Solidarität zu retten und die EU demokratischer zu machen. Seit 2023 ist er erster Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie.

Conny Stahmer-Weinandy studierte Sozialpädagogik und Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt materialistische Behindertenpädagogik, Weiterbildung zur Psychodramaleiterin am Institut Dr. Ella Mae Shearon in Köln. Sie hat in Institutionen der Behindertenhilfe, sowie im Bereich von Aus- und Weiterbildung von ErzieherInnen und Sozialpädagoginnen gearbeitet. Seit 2021 ist sie zweite Vorsitzende der Neuen Gesellschaft für Psychologie.

Klaus Linder: Wider den imperialistischen „Antifaschismus“  

Mit der „Zeitenwende“, die die „Ampel“ zum Einstieg in den NATO-Krieg verkündete, wurden sämtliche faschistischen Tendenzen weiter gebündelt. Zugleich sind die Herrschenden gezwungen, die Maske fallen zu lassen: Trotz aller Bemühungen, das Wesen der Sache zu kaschieren, erscheint an der antirussischen Front der Inhalt dieses Angriffs unmaskiert unter den „alten“ nazistischen Symbolen. Es ist dringlich, sich dem Aufbau einer Front antifaschistischer Aktionseinheit zu widmen. Faschismusalarm geht heute einher mit merkwürdiger Faschismusblindheit, sobald die Erscheinungen konkret zu bennen sind. Deshalb ist geboten, den Wölfen der Faschisierung die pseudo-antifaschistischen Schafspelze vom Leib zu reißen, unter denen sie auftreten.

Klaus Linder, geboren 1961 zwischen Düsseldorf und Wuppertal, freischaffender Musiker. Studierte Komposition in Essen und Slawistik in Bochum. Wichtigstes biographisches Vorkommnis: Hat begriffen, auf welcher Seite der Barrikade er im Kampf gegen Imperialismus und Faschismus steht.

Tove Soiland: Der postideologische Totalitarismus und die Linke

Die Erfahrung, dass weite Teile der Linken sich in der Corona-Krise völlig unkritisch hinter den Staat und damit – vermutlich unverstandener Maßen – auch in den Dienst des Kapitals stellten, verlangt nach einer adäquaten Beschreibung dieser neuen ideologischen Konstellation.

Der Vortrag reflektiert dieses Phänomen vor dem Hintergrund des Lacan-Marxismus mit seiner Zeitdiagnose einer postödipalen Gesellschaft. Darin hat Herrschaft nicht länger die Form von „Repression“. Vielmehr verdankt sich der neuartige Rigorismus paradoxerweise den Sackgassen einer Liberalisierung, die die symbolische Kastration verwirft und sich schlussendlich in einem gefräßigen, da unstillbaren und Über-Ich-haften Moralismus manifestiert.

Die Dimension einer verworfenen Negativität, die im Zentrum der Diagnose der postödipalen Gesellschaft steht und deren Affinität zum Kapitalismus erklärt, kann den monströsen Umstand erhellen, warum der Linken heute eine Funktion zukommt, die historisch gesehen bisher der Rechten vorbehalten blieb. Dabei ist die These leitend, dass wir es mit einer vollständig neuen Form des Totalitären zu tun haben, die sich problemlos in das Gewand linker Werthaltungen kleiden kann.

Tove Soiland studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Zürich. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Innsbruck und hat an zahlreichen Universitäten Lehraufträge inne. Ihre heutigen Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Feministische Theorie, französische Psychoanalyse und Marxismus und Ideologietheorien des Totalitarismus.
2008 promovierte sie an der Universität Zürich zu Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz. Im WS 2016/17 hatte sie die Klara-Marie-Faßbinder Gastprofessur an der Hochschule Ludwigshafen inne.

Wolfgang Bittner: Die Teilung der Welt und der Gesellschaft in Gut und Böse

Seit einigen Jahren erleben wir zunehmend eine Teilung der Welt und der Gesellschaft in die angeblich Guten und die angeblich Bösen. Damit einher geht eine Emotionalisierung der Bevölkerung und eine erschreckende Militarisierung. Die Militärausgaben für das Jahr 2022 betrugen weltweit 2,2 Billionen Dollar, wovon etwa 40 Prozent auf die USA entfallen. Inzwischen ist offensichtlich, dass sie auf einen Regime Change in Moskau, aber auch in China, hinarbeiten. Diesseits des Atlantiks wird Deutschland als Speerspitze gegen Russland eingesetzt, jenseits des Pazifiks stehen Japan und Südkorea als Vorhut gegen China.

Die USA wollen ihre Kriege mit fremden Soldaten auf fremdem Territorium führen. Dabei beschreiten Vasallen wie Deutschland einen höchst problematischen Weg. Dass führende Berliner Politiker und Journalisten diese Interventionspolitik unterstützen sowie an den Lügen- und Hetzkampagnen teilnehmen, zeugt von der Verkommenheit in der politischen und medialen Szene.

Zu befürchten ist, dass nicht wenige der führenden Persönlichkeiten in Politik, Wirtschaft und Journalismus unter einer „dissozialen Persönlichkeitsstörung“ leiden. Hinzu kommt, dass die US-amerikanische Gesellschaft in weiten Teilen und bis in den Kongress hinein religiös-fundamentalistisch fanatisiert ist. Bis in die Gegenwart ist hier die Wahlverwandtschaft zwischen Puritanismus und Kapitalismus, eine »ökonomische Prädestinationslehre«, tief verwurzelt. Darüber hinaus sind viele der Hardliner offensichtlich der Ansicht, dass alles, was den USA nützt, letztlich der ganzen Welt zugutekommt, woraus sich ihr Anspruch auf globale Vorherrschaft ergibt.

Abgesehen von der akuten atomaren Bedrohung sind die Folgen der von den USA provozierten Auseinandersetzung gravierend. Russland hat schon länger damit begonnen, sich vom Westen abzukoppeln und sich gegen die Aggressionspolitik der USA zur Wehr zu setzen. Damit ist Russland nicht allein. Mehr als die Hälfte der Menschheit will sich die Zumutungen durch die USA nicht mehr gefallen lassen. Der Übergang von einer monopolaren zu einer multilateralen Weltordnung hat schon lange begonnen.

Wolfgang Bittner, Dr. jur., lebt als Schriftsteller und Publizist in Göttingen. Er war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen und hat mehr als 70 Bücher veröffentlicht, u.a.: Der neue West-Ost-Konflikt“, „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“(Roman), „Deutschland – verraten und verkauft“ sowie „Ausnahmezustand – Geopolitische Einsichten und Analysen unter Berücksichtigung des Ukraine-Konflikts“.

Mark Galliker: Sind Soldaten Mörder, Opfer oder Helden? Eine koexistenzanalytische Recherche der FAZ und der NZZ

In deutschsprachigen Printmedien werden gemeinsame Thematisierungen von „Soldaten“ mit „Mörder“, „Opfer“ und „Helden“ untersucht. Die Auszählung der kategorialen Koexistenzen erfolgt  i.S. expliziter und impliziter Prädikationen. Es stellt sich u.a. die Frage, ob sich mit dem Anwachsen des militärisch-industriellen Komplexes (MIK) sowie dem Krieg in der Ukraine Verschiebungen in den Häufigkeiten der genannten Wortkategorien hinsichtlich Russland und der Ukraine ergeben. Die Analyse erfolgt in den drei letzten Jahrzehnten in der FAZ im Vergleich mit der NZZ. Die Daten werden i.S. der (v.a. US-)Monopolisierung der Wirtschaft interpretiert, mit der nicht nur der Warenaustausch der „freien Marktwirtschaft“ limitiert, sondern auch die selektive Wahrnehmung und Projektion zu ungunsten eines ausgewogenen Meinungsaustausch forciert wird.  

Mark Galliker, Prof. Dr. phil em., Institut für Pschologie der Universität Bern. Eidg. anerkannter Psychotherapeut pca.acp/FSP. Mitherausgeber der Internationalen Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung PERSON. Forschungsarbeiten in den Bereichen Medienpsychologie, Psychotherapie und Philosophie. Letzte Veröffentlichungen: Menschenbild und Lebensform (Psychosozial-Verlag, 2018) und Sozioökonomie und Psychotherapie (Pabst, 2022). 

Annemarie Jost: Perspektiven des Wandels – der Blick auf die Kinder

Mit meinem Input möchte ich eine Diskussion anregen zu den Herausforderungen im Erziehungs- und Bildungsbereich, an Stelle einer „Neuen Normalität“ einen echten Wandel herbeizuführen: Im Fokus stehen dabei die Beziehungsgestaltung mit ihren Rahmenbedingungen und die Auseinandersetzung mit exemplarischen Aspekten der Digitalisierung und mit Strukturen im Bildungswesen.

Annemarie Jost, Prof. Dr., Psychiaterin, Psychotherapeutin, marte meo Supervisorin, Brandenburgische Technische Universität Cottbus – Senftenberg, 1984 – 1993 Tätigkeit als Ärztin und Psychiaterin am St. Martinus Hospital Olpe und an der Rheinischen Landesklinik Bonn, Seit 1994 Professorin für Sozialpsychiatrie incl. Suchterkrankungen am Fachbereich Sozialwesen der (Fach)-Hochschule Lausitz, seit 2013 am Institut für Soziale Arbeit der BTU Cottbus-Senftenberg; Ausgewählte Publikation: Jost, A. (2022) Die Rettung unserer psychischen Gesundheit – Wie wir jetzt die Kurve kriegen. Frank & Timme: Berlin

Magda von Garrel: Schulische Digitalisierung: Künstlich erzeugte Entwicklungsstörungen  

Hinsichtlich der schulischen Digitalisierung haben die in den „Corona-Jahren“ gesammelten Erfahrungen gezeigt, dass ein digital gestalteter Unterricht der bisherigen Art der Wissensvermittlung keinesfalls überlegen ist. Das größte Problem bestand allerdings nicht in dem höchst unterschiedlichen technischen Ausstattungsgrad, sondern in dem monatelangen Wegfall persönlicher Beziehungen.

Dabei ist vielfach schon vor Eintritt dieser besonderen Situation auf die negativen Folgen eines zu frühen Einsatzes digitaler Medien hingewiesen worden. Dessen ungeachtet sieht es nicht nach einem Zurückfahren der schulischen Digitalisierung aus. Ganz im Gegenteil steht zu befürchten, dass es mit der massenhaften Verbreitung KI-gestützter Text‑, Sprach- und Bildgeneratoren zu weiteren Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen kommen wird: Welche schöpferischen Leistungen können sie noch bewundern, wenn Programme ab jetzt in der Lage sind, „menschenähnliche“ Produkte zu erschaffen und wie steht es um die Vertrauenswürdigkeit der fachlich  anzueignenden Informationen, wenn sich deren Wahrheitsgehalt angesichts der raffiniert gewordenen technischen Manipulationsmöglichkeiten immer schwerer überprüfen lässt?

Mit anderen Worten ist abzusehen, dass den Kindern und Jugendlichen neben den bereits erwiesenen digital bedingten Entwicklungsstörungen auch noch eine künstlich erzeugte Orientierungslosigkeit aufgebürdet werden soll. Kleiner zusätzlicher Hinweis: Die beschriebenen Irritationen betreffen selbstverständlich auch die Erwachsenen, weshalb in der Diskussion zu diesem Thema der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang mitbedacht werden sollte. 

Magda von Garrel: Als Sonderpädagogin und Diplom-Politologin hat Magda von Garrel in sehr unterschiedlichen Berufsfeldern gearbeitet. Auf diese Weise erhielt sie schon früh Einblicke in die Fragwürdigkeit (bildungs-)politischer Weichenstellungen, mit denen sie sich in zahlreichen Artikeln und Buchbeiträgen auseinandergesetzt hat. Dabei haben sich im Laufe der Jahre einige Schwerpunkte herauskristallisiert: neoliberale Überformung des Schul- und Bildungswesens, faktische Uneinlösbarkeit des Aufstiegsversprechens für arme Schülerinnen und Schüler, öffentlich-privat betriebene Schulfinanzierung am Beispiel der BSO (Berliner Schulbauoffensive), coronabedingte Verheerungen sowie KI-forcierte Entmündigungstendenzen. Magda von Garrel lebt und arbeitet in Berlin. Website: www.magda-von-garrel.de

Hannes Hofbauer: Folgen der westlichen Sanktionspolitik

Im August 2012 trat Russland, nach 18 Jahren Verhandlungen, der Welthandelsorganisation (WTO) bei und unterstrich damit seinen Willen zur Teilnahme am kapitalistischen Weltsystem. Nicht einmal zwei Jahre später war der postulierte Freihandel für Russland nur mehr Makulatur. Seit April 2014 stehen russische Unternehmen und ganze Branchen auf US- und EU-Sanktionslisten. Im Februar 2023 wurde daraus ein regelrechter Wirtschaftskrieg. Das transatlantische Sanktionsregime gegen Russland ist ebenso völkerrechtswidrig wie der russische Einmarsch in der Ukraine.

Hannes Hofbauer erklärt in seinem Referat die Eckpunkte der EU-Sanktionspolitik gegen Russland, die von der Beschlagnahme und möglicher zukünftiger Aneignung von 200 Mrd. Dollar russischen Zentralbankgeldes über hunderte Fälle von Vermögenseinfrierungen und Enteignungen russischer Personen, dem ersten Fall eines sanktionierten EU-Bürgers bis zu den extraterritorialen Sanktionen (Sekundärsanktionen) im 11. Sanktionspaket gegen Länder und Unternehmen reichen, die sich dem EU-Regime nicht anschließen.

Im zweiten Teil seines Referates beschäftigt sich Hofbauer mit den weitreichenden und vielfältigen Folgen des Sanktionsregimes. Diese umfassen neben der Zielvorgabe der Schwächung der russischen Wirtschaft die ökonomischen und vor allem sozialen Schäden für die Länder der EU, die De-Dollarisierung des internationalen Handels und die Entwestlichung des eurasischen Raumes sowie des Globalen Südens. Der von Brüssel (und Berlin) erklärte Wille zur Aufrechterhaltung der Sanktionen auch während möglicher Friedensverhandlungen unterstreicht den geopolitischen Stellenwert des Wirtschaftskrieges und deutet für die Zukunft eine tiefgehende Spaltung der Welt an. 

Hannes Hofbauer, geboren 1955 in Wien, studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien. Journalist und Verleger. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Europa. Ein Nachruf“ und (als Co-Herausgeber zusammen mit Stefan Kraft) „Herrschaft der Angst. Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand“, beides im Wiener Promedia-Verlag. 

Andrea Komlosy: Digitalisierung im Überwachungskapitalismus

Wie wohl in keinem anderen Bereich zeitigten die Unterbrechungen im Corona-Ausnahmezustand ihre Wirkungen im Bereich der personalisierten Überwachung. Digitale Anwendungen haben Lockdowns und Kontaktverbote kompensiert, bestehende Bedenken und Widerstände überwunden und Home Office, virtuelles Lernen, den digitalen Ausweis und alle möglichen Online-Dienste eingeübt. Der geschäftliche Höhenflug von IT-Konzernen und digitalen Plattformen zeugt davon, dass die „neue Normalität“ mit den Corona-Maßnahmen einen gewaltigen Anschub erlebt hat.

Den zentralen Input für den digitalen Kapitalismus liefern die Daten, mit denen User den Unternehmen per Click kostenlos Informationen über ihre Gewohnheiten, Verhalten und Wünsche übermitteln. In Waren verwandelt, werden diese Daten gehandelt und dazu verwendet, jene Produkte und Prozesse zu entwickeln, die den Kapitalismus aus der Krise des Industriesystems in ein kybernetisches Zeitalter katapultieren. Kybernetik bedeutet hier, dass über Daten ein stetiger Austausch zwischen Konsumenten und Produzenten, ebenso wie mit den am Produktionsprozess beteiligten Arbeitskräften stattfindet, der Produkte spezifisch anpasst und Abläufe optimiert. Unter den Bedingungen von Akkumulations- und Wachstumslogik geht es darum, neue Vermarktungsbereiche zu schaffen, Kosten einzusparen und Kundenklassen mit unterschiedlicher Kaufkraft gezielt zu bedienen. Es erfordert ein ständiges Monitoring der User, das – aufgrund der engen Zusammenarbeit von IT- und Pharma-Unternehmen, internationalen Organisationen und Staatssicherheit – auch der Steuerung der Überwachungs- und Krisenkommunikation dient.

Der Vortrag konzentriert sich auf die Daten, die über Clicks, Sensoren im Raum, im und am Körper über die physischen und mentalen Zustände der Menschen gesammelt werden und im Gesundheits‑, Reproduktions‑, Ästhetik- und Fitnesssektor unter dem Vorwand von Heilung, Perfektion und Langlebigkeit ein Absatzfeld für Optimierungs- und Überwachungsprodukte schaffen. Gleichzeitig bietet die Verdatung die Gelegenheit, die Arzt-Therapeuten-Patienten-Beziehung der digitalen Steuerbarkeit zu unterwerfen, im öffentlichen Gesundheitssystem einzusparen und Selbstheilungskräfte sowie das Wissen um ein gutes Leben zu unterlaufen. 

Andrea Komlosy, Wien, Prof. i.R. für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien. Sie konzentriert sich auf Fragen ungleicher regionaler Entwicklung im kleinräumigen und globalen Maßstab, mit Fokus auf kapitalistische Durchdringung und Zurichtung, Industrialisierung und Deindustrialisierung, nachholende Entwicklung, Arbeitsformen und Ausbeutung, Grenze und Migration. Die Erfahrung des Corona-Regimes veranlassten sie zur Auseinandersetzung mit der aktuellen Transformation des Kapitalismus vom industriellen zum kybernetischen Prinzip, dazu zuletzt das Buch: „Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft“ (Promedia 2022). 

Uli Gellermann: Rechts schwenkt Marsch! Deutschlands Militarisierung gegen die Demokraten

Die tägliche Frontberichterstattung aus der Ukraine kommt über alle deutsche Medien in die deutschen Hirne. Was als scheinbar neutrale Berichterstattung daherkommt, ist meist einseitige Reklame für die Ukraine-Truppen und Verurteilung des russischen Handelns. Über die Ursachen des Kriegs, über die Einkreisung Russlands durch die NATO und den Versuch, den Donbass von Russen zu „säubern“, erfährt der deutsche Medienkonsument wenig bis nichts. Die Ausblendung der Kriegsursachen finden in einer Atmosphäre der Gleichschaltung statt: Abweichende Meinungen zum Krieg werden entweder nicht öffentlich verbreitet oder skandalisiert. Diese Art des Medieneinsatzes gemahnt an totalitäre Systeme und schadet der bürgerlichen Demokratie erheblich.

Die Software der Kriegspropaganda wird von massiver Hardware begleitet. Die Mittel für die sogenannte „Ertüchtigungsinitiative“ belaufen sich auf insgesamt 2,2 Milliarden Euro für das Jahr 2023 (nach 2 Milliarden Euro im Jahr 2022). Der Ertüchtigungs-Begriff dient nur der Verschleierung der aktiven und erheblichen Beteiligung Deutschlands an einem Krieg. Der verfassungswidrige Rüstungsexport findet scheinbar nicht statt.

Auch der Begriff des „Sondervermögens“ für die Bundeswehr soll nichts anderes bezwecken, als Milliarden für Aufrüstung durch Sprachakrobatik zu verkleinern. Als ob es nicht um die Verschärfung der gefährlichen Kriegslage in Mitteleuropa ginge, sondern um Finanztechnik und allgemeine Haushaltspolitik. 

Uli Gellermann ist Journalist und Filmemacher. Er hat eine Reihe von Dokumentarfilmen für öffentlich-rechtliche Sender gemacht, als Creative Director in der Werbung gearbeitet und auch für den Berliner Senat. Seit 2005 existiert seine Website, die Rationalgalerie (www.rationalgalerie.de). Er ist der Autor einer Videoserie, die den Namen die-Macht-um-acht trägt. Sie war lange Zeit ein YouTube-Quotenbringer, bis sie von der Google-Tochter aus ideologischen Gründen gelöscht wurde. Heute sind alle Folgen der Serie über das Archiv von „apolut“ zu erreichen.

Almuth Bruder-Bezzel: Drei Jahre Protestbewegung  

Der Vortrag ist einem Rückblick auf die Protestbewegung gewidmet, die bald nach dem Epochenbruch der Pandemie – Ausrufung eingesetzt hat und nun bereits über dreieinhalb Jahre anhält – dies gegen die massivsten Unterdrückungen der Staatsgewalt und Diffamierungen auch von solchen Kräften, die bisher selbst staatskritisch waren. Aus dem Protest gegen die Coronapolitik als Demokratiebewegung ist inzwischen auch ein Protest gegen die Kriegspolitik als Teil der Friedensbewegung geworden. Diese Protestbewegung soll befragt werden nach ihrer Zusammensetzung und ihren Eigentümlichkeiten, ihren Instrumenten, ihren Zielen und ihren Erfolgen und Grenzen. Was bedeutet es, dass diese Bewegung in verschiedener Hinsicht ganz heterogen ist? konnte das im Laufe der 3 Jahre vereinheitlicht werden? Sind wir bisher in der Gefahr hängen geblieben, nur die Wiederherstellung der alten Normalität zu fordern? Wird es weitergehen, als Aufstand gegen die zunehmende Kontrolle der Bürger und zunehmende menschliche, politische und ökonomische Verelendung?

Almuth Bruder-Bezzel, Dr. phil., Dipl.-Psych., Psychoanalytikerin (DGIP, DGPT) in eigener Praxis, Lehranalytikerin, Supervisorin am Alfred Adler Institut (AAI) Berlin, Mitbegründerin des AAI.  Wissenschaftliche Arbeiten, Aufsätze, Vorträge und Buchveröffentlichungen seit ca. 1983 vor allem zur Geschichte und Theorie der Individualpsychologie Alfred Adlers. Seit etwa 10 Jahren zusätzlich immer wieder Vorträge und Aufsätze zum Themenbereich „Psychoanalyse und gesellschaftliche Probleme“ wie Arbeitslosigkeit, Prekariat, neoliberale Identität, Rechtspopulismus.

Christian Dewanger: Über die Rolle der Identität in der propagandistischen Massensteuerung 

Die Schaffung einer „Neuen Realität“ bedarf der Steuerung der Massen mit Hilfe von Propaganda. Diese ist im Prinzip in ihren Methoden gut aufgeschlüsselt, doch findet die Massen-Steuerung nicht mehr nur klassisch propagandistisch statt, sondern hat sich in Form von »Identitätspolitik« individualisiert. Egal, ob es um Corona, Ukraine oder das Klima geht, stellen identitätspsychologische Komponenten hoch wirksame Einfallstore für das Etablieren der „neuen Realität“ dar.

Ein genauerer Blick auf diese Form der Steuerung ist mit meiner Erhebung im Herbst 2020 zum Pandemieerleben aus einer identitätspsychologischen Perspektive heraus vorgenommen worden. Im Ergebnis (Dewanger 2021) zeigte sich, dass die nach Marcia (1966) definierten Identitätszustände stark mit der Empfänglichkeit für Propaganda und Herrschafts-Narrationen korrespondieren. Mittels Emotionalisierungen und Moralisierungen werden Identifikationen geschaffen, welche die Massen quasi von selbst in die Richtung der „neuen Realität“ bringen. Unkritisch und in voller Überzeugung, für das Gute zu sein, wird das Individuum in der Folge totalitär in seinem Wahrnehmen, Denken und Fühlen. Totalitär aber ist genau das, was die „neue Realität“ sein soll.

Mittlerweile zeigt sich, dass beim Thema Ukraine-Krieg exakt die gleichen Mechanismen und Effekte zu beobachten sind und Politik und Medien nahezu identisch fortfahren (die Spaltung der Gesellschaft ist ja kein neues Mittel zur Kontrolle derselben). Die von ihnen gewollte neue Normalität ist eben eine, in der die Steuerung der Massen einfacher und direkter erfolgen kann. Ihr Erfolg beruht dabei direkt auf identitätspsychologischen und damit individuell wirksamen Prozessen, die zugleich in der Masse identisch angelegt sind. In meinem Beitrag werden diese Prozesse dargestellt und wird so aufgezeigt, wie Herrschaftsnarrationen nicht einfach nur im Individuum ankommen, sondern gleichsam Bestandteil des Individuums und damit von diesem willig weiterverbreitet werden. Entsprechend kann daher auch dargestellt werden, welche Schritte und Prozesse notwendig wären, um dem im Sinne mündiger Bürger und selbständig-gesunder Menschen entgegenzuwirken. Es geht bei der psychologischen/pädagogischen Arbeit mit Menschen daher aktuell nicht nur um individuelle Hilfen, sondern wieder in höchst akutem Maße um die Grundlagen von Mündigkeit und Aufklärung als Grundpfeiler einer Demokratie.

Christian Dewanger, Dr. phil. ist Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Abteilung Psychologie an der Europa-Universität Flensburg. Nach dem Diplom in Erziehungswissenschaften 2003 folgte die Promotion im Fach Psychologie in 2008. Forschungsschwerpunkt ist die Identitätspsychologie, in deren Rahmen eine Erhebung zu den Pandemie-Effekten durchgeführt und in 2021 publiziert worden ist. Neben Forschung und Lehre findet sich ein Ausgleich in der Vermittlung von Taijiquan, Qigong und der daoistischen Begleitung von Lebenswegen.

Thomas Oysmüller: Die WHO als Zentrale der Neuen Normalität

Die Vereinten Nationen haben sich seit ihrer Gründung 1945 grundlegend geändert, privates Kapital haben die UNO durchdrungen. Zudem kommt seit 2020 der WHO als UN-Suborganisation plötzliche eine höchst exponierte Rolle zu.

Mit der aktuell laufenden WHO-Reform soll diese Rolle gefestigt und auf rechtlich stabile Beine gestellt werden. Dadurch kann sich zu WHO zu einem eigenständigen politischen Akteur konstituieren, der direkt in die Politik von Staaten eingreifen kann. Die Instrumente sind dafür einerseits ein neuer Pandemievertrag und andererseits eine Erneuerung der völkerrechtlich bindenden „Internationalen Gesundheitsvorschriften“. Staatliche Souveränität könnte dann durch eine UN-Organisation aufgehoben sein. 

Thomas Oysmüller lebt in Wien und studierte Philosophie und Sozialwissenschaften. Er ist seit vier Jahren als Journalist und seit 2022 als freier Journalist tätig. Dabei berichtet er vorzugsweise über geopolitische Verschiebungen, politische Bluffs von oben und die globale Transformation zum digitalen Überwachungskapitalismus.

Die NGfP

Die Neue Gesellschaft für Psychologie ist ein Zusammenschluss von PsychologInnen und Angehörigen verwandter Berufe, mit dem Ziel, ein diskursives, kritisches und reflexives Wissenschaftsverständnis der Psychologie weiterzuentwickeln, eine problemgerechte und gesellschaftlich verantwortliche Forschung und Praxis zu unterstützen und eine Erneuerung der geistes‑, kultur- und sozialwissenschaftlichen Orientierung der Psychologie zu ermöglichen.

Dazu sehen wir es als notwendig an:

  • Die Hochschulen und den Wissenschaftsbetrieb zu demokratisieren,
  • Die Gleichstellung der Geschlechter im Wissenschaftsbetrieb voranzutreiben,
  • An der Überwindung der Spaltung von Wissenschaft und Praxis mitzuarbeiten,
  • Eine gegenstandsangemessene Forschung zu fördern, welche die gesellschaftliche (kulturelle) und geschichtliche Bedingtheit des Psychischen realisiert und sich an Alltagsnähe und Praxisbezug orientiert,
  • Psychologische Praxiswissenschaftlich begleitet und reflektiert und dabei an die geistes‑, kultur-und sozial-wissenschaftlichen Traditionen anknüpft und sie erneuert,
  • die fächerübergreifende Kooperation mit anderen Disziplinen zu pflegen, und zugleich
  • die Identität des Faches trotz grundsätzlich anzustrebender Vielfalt der Diskurse zu entwickeln.

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