Unternehmen Barbarossa gegen die Sowjetunion vor achtzig Jahren | Von Hermann Ploppa (Podcast)

Der Angriff der Hitler-Wehrmacht gegen die Sowjetunion fand am 22. Juni 1941 statt. Damit begann ein furchtbarer Vernichtungskrieg. Heute stehen wir erneut an der Schwelle zu einem Angriffskrieg gegen Russland.

Ein Kommentar von Hermann Ploppa.

Am 22. Juni 1941 begann das Unternehmen Barbarossa. Über die Grenzlinie zur Sowjetunion ergossen sich Völkerscharen von Soldaten der Achsenmächte auf das Territorium der Sowjetunion. Zum Pulk gehörten drei Millionen Soldaten in 150 Divisionen, mit 600.000 Kraftfahrzeugen und 625.000 Pferden. Den sowjetischen Truppen blieb zunächst nichts anderes übrig als der geordnete Rückzug nach Osten. Der sowjetische Diktator Stalin war eine ganze Woche von den Ereignissen paralysiert.

Der Krieg, dessen Beginn sich gerade zum achtzigsten Mal jährt, war kein gewöhnlicher Krieg wie gegen Hitlers Gegner im Westen. Der Krieg gegen die Völker der Sowjetunion war ein Vernichtungskrieg. Wie Adolf Hitler bereits in seinem einzigen Buch Mein Kampf klarmachte, sollte die Sowjetunion entvölkert und von „rassereinen“ germanischen Bauern neu kolonisiert werden. Ganz so wie der Deutsche Orden im dreizehnten Jahrhundert das Volk der Prussen ausgelöscht hatte, um in Ostpreußen zu siedeln.

Der so genannte „Kommissar-Befehl“ legte zudem fest, dass alle gefangenen politischen Ausbilder der Roten Armee sofort zu erschießen seien. Dasselbe galt für jüdische Mitmenschen. Die Pogrome gegen Juden begannen bereits am 23. Juni 1941. Weite Landstriche im Westen der Sowjetunion wandelte die deutsche Wehrmacht in Mondlandschaften um. Städte wie Minsk in Weißrussland verschwanden ganz von der Bildfläche. Sogar Moskau wurde von deutschen Fliegerverbänden bombardiert.

Als Rechtfertigung für die konsequente Missachtung aller international anerkannten Kriegsrechtskonventionen durch die Wehrmacht diente Hitlers nationalsozialistisches Weltbild. Hitler sah die Sowjetunion als das Zentrum einer jüdischen Weltverschwörung an. In diesem Punkt folgte Hitler den in sich widersprüchlichen Gedankenkonstrukten des amerikanischen Autobauers Henry Ford. Für Henry Ford hatte der ehemalige zaristische Geheimdienstagent Boris Brasol die Aufsatzsammlung „Der Internationale Jude“ geschrieben und lektoriert (1).

Ob Hitler diesen Verschwörungstheorien tatsächlich anhing oder nicht: im Angesicht der konstruierten globalen Bedrohung sah Hitler den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion als gerechtfertigt an. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird immer wieder kontrovers diskutiert, ob nicht vielleicht Hitler einen Präventivkrieg geführt habe. Immer wieder traten ehemalige Wehrmachtsoffiziere oder rechte Historiker mit solchen Hypothesen an die Öffentlichkeit. Demzufolge sei Hitler einem lange geplanten Angriffsplan Stalins gegen Deutschland zuvorgekommen. 1985 trat der ehemalige Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes GRU, Wladimir Bogdanowitsch Resun unter dem Pseudonym Viktor Suworow an die Öffentlichkeit.

In mehreren Artikeln in einer britischen Militärzeitschrift behauptete Suworow, Stalin habe für den Juli 1941 eine Großoffensive gegen Deutschland geplant. Hitler sei dieser Offensive lediglich zuvorgekommen (2). In ähnlicher Weise hatte Hitler im Sommer 1942 gegenüber dem finnischen Marschall Mannerheim die Motive für seine Attacke gegen die Sowjetunion begründet (3). Der israelische Historiker Gabriel Gorodetsky konnte jedoch anhand penibler Quellenforschungen Suworows Thesen Stück für Stück widerlegen (4).

Leider feiert diese „Theorie“ heute wieder ihre Renaissance. Hitler propagierte allerdings den Angriffskrieg gegen die Sowjetunion schon seit Mitte der 1920er Jahre. In seinem Buch „Mein Kampf“ optiert Hitler für ein enges Bündnis Deutschlands mit Großbritannien und dem faschistischen Italien. Deutschland solle aufhören, Großbritannien auf dem Weltmarkt Konkurrenz zu machen. Stattdessen sollten die Deutschen den eurasischen Raum kolonisieren und sich darauf beschränken, Großbritannien mit Agrarprodukten zu versorgen. Das enge Bündnis des Nazireichs mit Großbritannien in den 1930er Jahren hielt unverbrüchlich bis zum Sommer 1939.

Ein Brief des Vorstandes der Reichsbank unter Hjalmar Schacht machte im Januar 1939 Hitler darauf aufmerksam, dass das Nazireich pleite war und eine weitere Finanzierung der Aufrüstung mithilfe der Kryptowährung Mefofonds nicht weiter möglich war. Nachdem Hilfskredite westlicher Banken, akquiriert vom US-Botschafter in London, Joseph Kennedy, aufgrund des energischen Vetos des US-Präsidenten Roosevelt nicht zustande kamen, musste Hitler eine Zwischenlösung finden (5).

Sein Außenminister Ribbentrop schmiedete den Nichtangriffspakt zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Und obwohl Großbritannien und Frankreich Deutschland nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärten, passierte zunächst gar nichts. Auch der Sitzkrieg schließlich doch in einen sehr blutigen Krieg mutierte, signalisierte Hitler den Briten immer wieder, dass er zu der gemeinsamen Agenda des Überfalls auf die Sowjetunion zurückkehren werde. Als in Dünkirchen 330.000 britische und französische Soldaten von der Wehrmacht eingekesselt waren, befahl Hitler, die eingekesselten Soldaten ungehindert über den Ärmelkanal abziehen zu lassen. Später schickte er sogar seinen Stellvertreter Rudolf Hess nach Großbritannien, um die Beziehungskrise zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien wieder in Ordnung zu bringen. Doch mittlerweile war zu viel Porzellan zerschlagen worden. Die Beziehung war nicht mehr zu kitten.

Und obwohl das Deutsche Reich 1939 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion geschlossen hatte, weihte Hitler das Oberste Kommando der Wehrmacht bereits im Juli 1940 in seine Angriffspläne gegen die Sowjets ein und bekräftigte diese Absicht auch im darauf folgenden Dezember mit seiner Weisung Nummer 21. Die Sowjetunion wiederum war denkbar schlecht auf einen Waffengang vorbereitet. Stalin hatte Tausende seiner besten Offiziere und Generäle im Zuge seiner berüchtigten „Säuberungen“ exekutieren lassen. Unter vielen anderen den genialen Feldherren Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski, der auf die grausamste Art vor seiner Ermordung gefoltert wurde. Im Krieg gegen die Wehrmacht wurden die Erkenntnisse Tuchatschewskis wieder hervorgeholt und erfolgreich angewandt, allerdings ohne zu erwähnen, dass die Strategien von Tuchatschewski stammten.

Im Finnisch-Sowjetischen Krieg hatte die Rote Armee folglich denkbar schlecht ausgesehen. Und während die Sowjets noch gewissenhaft das Deutsche Reich mit Waren, darunter auch mit kriegswichtigen Materialien, versorgten, musste Stalin hilflos zusehen, wie die Deutschen die zukünftige Front gegen die Sowjetunion begradigten und stabilisierten. Konsequent wurden Ungarn, die Slowakei, Rumänien und sogar das russlandfreundliche Bulgarien in die deutsche Einflusszone einverleibt. Mit der Annexion Bessarabiens hatte Stalin dem nicht viel entgegenzusetzen.

Dennoch sollte der Schwung des deutschen Angriffs bereits im Dezember 1941 an Fahrt verlieren. Hitler hatte gedacht, der Krieg sei vor Weihnachten bereits gewonnen. Deswegen froren die deutschen Soldaten im russischen Eis erbärmlich. Die deutsche Zivilbevölkerung musste mit eigenen Wintermänteln aushelfen. Hitler beklagte sich mit zittriger Stimme beim finnischen General von Mannerheim: „Wer konnte denn auch ahnen, dass die Russen derart große Panzerfabriken unterhalten?“ (6).

Der Kraftstoffverbrauch der deutschen Militärfahrzeuge war zudem doppelt so hoch wie geplant. Der Ausbruch zu den rettenden Ölfeldern in Baku am Kaspischen Meer scheiterte kläglich. Mit gigantischen Menschenverlusten – etwa 300.000 Rotarmisten starben allein bei der Eroberung von Berlin – konnte General Schukow schließlich die Tore des „Führerbunkers“ in Berlin erreichen und dem braunen Terror ein Ende bereiten. Der „Große Vaterländische Krieg“ fand schließlich ein Ende.

Die Verluste in diesem wahnsinnigen Angriffskrieg waren gigantisch. Allein auf sowjetischer Seite fanden über 28 Millionen Menschen den Tod. Dass heute wieder ein Militärbündnis, in diesem Falle die NATO, ernsthaft einen Krieg gegen Russland plant, ist obszön und unerträglich. Wir stehen schon wieder vor einem Waffengang zwischen dem Nachfolgestaat der Sowjetunion, nämlich Russland und dem aggressiven Militärbündnis NATO, dem auch der Rechtsnachfolger des Nazireichs, die Bundesrepublik Deutschland, angehört. Die Konfrontation zwischen einem britischen Kriegsschiff und der russischen Luftwaffe stellt die erste kriegerische Auseinandersetzung Russlands mit westlichen Mächten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dar.

Der Auseinandersetzung ging ein militärisches Kooperationsabkommen zwischen Großbritannien und der faschistischen Junta in der Ukraine voraus. Auch wird immer deutlicher, dass trotz aller Dementis die Eingliederung der Ukraine in die NATO auf der Agendaliste steht. Das zweiwöchige Manöver „Sea Breeze“ (Seebrise) der NATO im Schwarzen Meer wird die Konfrontation weiter anheizen. 5.000 Soldaten aus 32 Ländern sollen mit 32 Schiffen, 40 Flugzeugen mit 18 Spezialoperationen und Tauchteams den Russen Angst einjagen. Man möge sich einmal vergegenwärtigen, welche Wirkung Manöver chinesischer und russischer Marineeinheiten im Golf von Mexiko ausüben würden.

Vollkommen ungeniert denken US-amerikanische Militärs heute schon wieder über einen möglichen Angriffskrieg gegen China im Jahre 2024 oder 2026 nach.

Angesichts solcher wahnwitzigen Entwicklungen sollte eigentlich der nackte Überlebenswillen dem Kriegstreiben ein Ende setzen, oder?

Quellen und Anmerkungen:

  1. Hermann Ploppa: Hitlers amerikanische Lehrer. Marburg 2016
  2. Viktor Suworow: Der Eisbrecher: Hitler in Stalins Kalkül. Stuttgart 1989
  3. Hitler bei Mannerheim
    https://www.youtube.com/watch?v=TrZNMPRhrT8&t=542s
  4. Gabriel Gorodetsky: Die große Täuschung. Stalin, Hitler und das „Unternehmen Barbarossa“. Berlin 2001
  5. Hermann Ploppa: Der Griff nach Eurasien – Die Hintergründe des ewigen Krieges gegen Russland. Marburg 2019
  6. siehe Quelle –  (3)

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:©https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-2007-_0127,_Russland,_Gebirgs-J%C3%A4ger_beim_Vormarsch.jpg – gemeinfrei

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