The Wolff of Wall Street: Helikoptergeld

Geld regiert die Welt. Nur, wer regiert das Geld?

Wirtschaftsjournalist Ernst Wolff erklärt jeden Freitagmittag, um 12.00 Uhr, Begriffe, Mechanismen und Gesetze aus der Finanzbranche, die uns täglich als alternativlos verkauft werden, aber nur Wenige verstehen. Das soll sich ändern! THE WOLFF OF WALL STREET erklärt uns heute: „Helikoptergeld“.

2007/08 haben verschiedene Regierungen das globale Finanzsystem mit Hilfe von Steuergeldern vor dem Zusammenbruch gerettet. Da ihre Mittel aber bald erschöpft waren, sind anschließend die Zentralbanken eingesprungen, um das System in Gang zu halten. Zu diesem Zweck haben sie riesige Geldmengen aus dem Nichts geschaffen und sie zu immer niedrigeren Zinssätzen vergeben.

Wie wir alle in der Schule gelernt haben, hätte eine solche Ausdehnung der Geldmenge doch eigentlich zu einer Inflation führen müssen. Die aber ist trotz der massiven Geldschöpfung ausgeblieben. Wieso? Aus folgendem Grund:

Das frisch geschaffene Geld ist nicht in die produzierende Wirtschaft, sondern fast ausschließlich in den Finanzsektor geflossen, wo es tatsächlich zu einer Inflation geführt hat – und zwar an den Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkten. Dort aber bezeichnet man das Phänomen der Preisexplosion nicht als Inflation, sondern als „Blase“.

Im Alltag dagegen ist nur eine geringe Inflation angekommen. Das liegt vor allem daran, dass die arbeitenden Menschen von den riesigen Geldmengen so gut wie nichts gesehen haben – im Gegenteil: Ihre Kaufkraft hat wegen der Austeritäts- oder Sparpolitik entweder stagniert oder ist sogar zurückgegangen – mit der Folge, dass die Industrie keine nennenswerten Preiserhöhungen vornehmen und daher keine Inflation in Gang setzen konnte.

Das aber bereitet der Finanzindustrie große Sorgen. Warum?

Unser Wirtschafts- und Finanzsystem ist kreditgetrieben. Der globale Schuldenberg ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter angewachsen und hat inzwischen ein historisches Rekordniveau erreicht. Diese Schulden müssen ständig bedient werden – und genau da hilft die Inflation:

Sie treibt nämlich das allgemeine Preis-Niveau in die Höhe, während die Schulden unverändert bleiben, so dass sie relativ gesehen – abnehmen. Das Gegenteil dieses Prozesses wäre eine Deflation. In ihr sinkt das allgemeine Preisniveau, so dass die Schulden – relativ gesehen – zunehmen.

Wer immer Schulden hat, ist also daran interessiert, eine Deflation zu vermeiden und eine Inflation in Gang zu setzen. Da die aber nicht eintritt, wenn frisch geschaffenes Geld fast ausschließlich in die Finanzmärkte fließt, sind in der Vergangenheit alle möglichen Überlegungen angestellt worden, wie man das Problem lösen könnte – und dabei ist unter anderem die Idee des Helikoptergeldes entstanden:

Ihr zufolge sollen die Zentralbanken das aus dem Nichts geschöpfte Geld direkt an die Bevölkerung ausgeben – und zwar flächendeckend, ohne Gegenleistung, aber mit der Vorgabe, es in den Konsum zu stecken. Auf diese Weise soll durch die Anhebung der Massenkaufkraft die Inflation angeschoben werden.

Das Ganze klingt fast zu schön, um wahr zu sein, denn die Maßnahme würde ja sowohl hochverschuldeten Investoren als auch arbeitslosen Sozialhilfeempfängern zugute kommen.

Leider aber hat das Ganze einen Haken. Zwar würde der Einsatz von Helikoptergeld kurzfristig tatsächlich zu einer Belebung der Konjunktur führen und vor allem bei den unteren Einkommensschichten mit Sicherheit auf großen Zuspruch treffen, aber die Begeisterung würde schon bald verfliegen: Die einsetzende Inflation würde die erhöhte Kaufkraft nämlich schnell neutralisieren und den Effekt schon bald verpuffen lassen.

Das aber würde bedeuten, dass man es nicht bei einer Runde Helikoptergeld belassen könnte, sondern das Ganze wiederholen und natürlich – wegen der gestiegenen Preise – ausweiten müsste. Damit aber würde eine nicht mehr zu stoppende Spirale in Gang gesetzt, an deren Ende immer größere Summen verteilt werden müssten – und wohin das führt, haben wir in Deutschland vor etwa 100 Jahren schon einmal erlebt, als es in der Weimarer Republik zu einer Hyperinflation gekommen ist.

Warum aber wird dann immer noch ernsthaft über Helikoptergeld diskutiert? Ein Grund dürfte sein, dass opportunistische Politiker versuchen, ihren Wählern das Helikoptergeld als „bedingungsloses Grundeinkommen“ zu verkaufen – was es natürlich nicht ist, da es immer an die Bedingung geknüpft sein wird, umgehend ausgegeben zu werden und keinesfalls auf einem Sparkonto zu landen.

Der andere – weitaus wichtigere – Grund dürfte sein, dass den Zentralbanken nach den riesigen Geldinjektionen und den vielen Zinssenkungen die Mittel ausgegangen sind, um dieses System noch länger am Leben zu erhalten – und sie daher einfach nicht weiter wissen.

Beim Einsatz von Helikoptergeld handelt es sich um nichts anderes als den verzweifelten Versuch, ein System, das aus sich selbst heraus nicht mehr lebensfähig ist, noch eine Weile über Wasser zu halten – durch Maßnahmen, von denen man vorher weiß, dass sie den endgültigen Zusammenbruch nicht verhindern, sondern nur zeitlich weiter hinausschieben werden.

Die Zeit ist reif für ein demokratisches Geldsystem!

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse: 18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK


Austeritätspolitik Bedingungsloses Grundeinkommen Blase Finanzindustrie Finanzsektor Finanzsystem Geldmenge geldschöpfung Hyperinflation Immobilienmärkte inflation Investoren Kaufkraft Konjunktur Preisexplosion Sozialhilfeempfänger Sparpolitik Steuergelder weimarer republik Zinssenkung 

Auch interessant...

Kommentare (15)

Hinterlassen Sie eine Antwort