Tagesdosis 25.7.2017 – Sag mir wo die Fliegen sind

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Unlängst fuhren mein Bruder und  ich mit dem Auto bei hochsommerlichem Wetter von Frankfurt am Main  nach Bad Godesberg am Rhein. Auf dem Hinweg hatten wir die Autobahn genommen und waren in kaum zwei Stunden da,  auf dem Rückweg  fuhren wir gemütlich die Landstraßen am Rhein entlang und nur das letzte Stück auf der Autobahn. Bei der Ankunft zeigte ich auf die Windschutzscheibe: “Fällt dir was auf ?” fragte ich. “Erinnerst du dich, wie wir früher im Sommer bei jedem Stopp die Scheibe sauber machen mußten, weil sie voll war mit den Resten von Insekten. Die harten Schwämme dafür gab es an jeder Tankstelle.” Mein Bruder nickte. Die Scheibe war bis auf drei oder vier winzige schwarze Punkte, die vielleicht einmal Fruchtfliegen gewesen waren, absolut sauber – nach 400 Kilometern, ohne dass wir ein einziges Mal den Scheibenwischer bedient hatten. Mir war das Fehlen von Insektenleichen auf der Windschutzscheibe schon aufgefallen, als ich ein paar Wochen zuvor im Umland von Berlin unterwegs war, ebenfalls bei herrlichem Sommerwetter – und jetzt bei der Fahrt am Rhein, durch den Westerwald und den Taunus dasselbe. Wo sind all die Fliegen, Mücken, Schnaken, Wespen, Hummeln, Käfer geblieben? Ich wusste zwar, dass ein großes Bienensterben im Gange ist, aber dass diese Vernichtung offenbar auch all die anderen Insekten betrifft, die seit Jahrzehnten an Windschutzscheiben verunfallten,  war mir neu.

Als ich dann die FAZ-Meldung las ”Schleichende Katatstrophe: Bis zu 80% weniger Insekten in Deutschland” fand ich zwar meine Befürchtungen bestätigt – denn nach den Insekten sterben auch die Vögel und damit wären wir einmal mehr bei Rachel Carsons “Silent Spring”, dem Buch das 1962 erstmals auf die katastrophalen Folgen von DDT und anderen Pestiziden aufmerksam machte –  doch wurde dann gleich wieder beruhigt: “Deutsche Leitmedien fallen auf weitgehend grundlagenlose Wahlkampfbehauptung der Grünen herein” schrieb Telepolis und behauptete, dass die Zahl von 80% weniger Insekten zweifelhaft sei, weil ihre keine bundesweite Studie zugrunde läge, sondern nur eine Erhebung von “Freizeitforschern” aus dem Krefelder Raum.
Tatsächlich hatte es deren Forschung, die seit Jahrzehnten die Insektenbestände ermittelt,  im Mai 2017 in das renommierte Fachblatt “Science” gebracht, dem sich nur schwerlich “Wahlkampfbehauptungen” nachsagen lassen. Doch das wird in dem Telepolis-Artikel nicht erwähnt. Stattdessen wird ein “Agrarbiologe” zitiert, der die makellosen Windschutzscheiben im Sommer mit der “besseren Aerodynamik” heutiger Autos erklärt. Ja sauber. Ein zehn Jahre alte VW-Golf ist also so viel aerodynamischer als seine Vorgänger, dass er keiner Fliege mehr etwas zu Leide tut – das ist in  Zeiten des Dieselbetrugs ja endlich mal eine positive Nachricht aus der Autobranche!

Ich halte sie aber für Fake News, denn die Ergebnisse meiner Freizeitforschung im Rheinhessischen und Brandenburgischen sprechen eine eindeutige Sprache – und die hat mit Sicherheit sehr wenig mit “Aerodynamik” und sehr viel mit “Terrakontamination” zu tun.

Das zeigt auch die erschreckende Bilanz, die  das Bundesamt für Naturschutz in seinem jüngsten Agrareport zieht: nicht nur Insekten, sondern nahezu alle Tier- und Pflanzenarten in den Agrarlandschaften sind im Schwinden begriffen. Die Zahl der Wildkräuter im Inneren von Ackerflächen sind  bereits um mehr als 70 Prozent geschrumpft – Bienen, Hummeln & Co. finden nichts mehr zu fressen und gehen ein. Und nach den Insekten, die fast alle unserer Obst-und Gemüsepflanzen bestäuben müssen, folgen die Vögel…und dann bald auch die Menschen. Und selbst eine um 100% optimierte „Aerodynamik“ wird daran nichts ändern.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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