Tagesdosis 18.6.2019 – Im persischen Golf von Tonkin

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Mitten im Kalten Krieg – am 4. August 1964 –  fuhr der US-Zerstörer Maddox vor der nordvietnamesischen Stadt Haiphong in den Golf von Tonkin. Er sollte, so schrieb der Geheimdienst-Historiker James Bradford, “als Provokateur zur See seinen scharfen, grauen Bug und die amerikanische Flagge so nahe wie möglich in den Bauch Nordvietnams stecken”. Und wurde dann auch prompt von nordvietnamesischen Schnellbooten mit Torpedos beschossen – so jedenfalls meldete es der Kommandeur der pazifischen Flotte und der  Militärgeheimdienst. Daraufhin schickte Präsident Johnson umgehend Bomber zu einem Vergeltungsschlag und erhielt zwei Tage später vom Kongress den Blankoscheck für weitere Bombardements. In der Folge eskalierte der Vietnamkrieg dann zu einem Desaster mit Millionen Toten auf vietnamesischer Seite und 60.000 getöteten US-Soldaten.

Den Torpedobeschuss im Golf von Tonkin aber hatte es nie gegeben, als  Beweis für den Angriff des kommunistischen Feindes, diente ein Foto mit drei unidentifizierbaren Schiffen (Foto: Wikipedia). Mit derartigen Wackelbildern kommt man aber heute nicht mehr ohne weiteres durch – wie die Reaktionen auf das von den USA veröffentlichte Video, auf dem sich ein angebliches Boot angeblicher iranischer Revolutionsgarden angeblich an dem in Brand geratenen Tanker zu schaffen machen und eine angeblich nicht gezündete Mine entfernen. Selbst die “Tagesschau”, eigentlich stets Seit an Seit mit Nato und Pentagon, äußerte deutliche Zweifel an der Beweiskraft der Bilder und an der eindeutigen Zuschreibung durch die USA. Auch andere Medien fühlten sich durchaus an die falschen Massenvernichtungswaffen des Irak, die falschen Brutkastenbabys des Kuweit-Feldzugs und an den Fake des Tonkin-Zwischenfalls erinnert.

Was genau vor der iranischen Küste geschah und wer für die Brände auf den beiden Tankern verantwortlich war, darüber kann nur spekuliert werden.  Gehen wir die üblichen Verdächtigen einmal durch:

1. Donald Trump

In Vietnam war 1964 ein Angriff  lange geplant und vorbereitet worden, der Tonkin-Zwischenfall wurde erfunden, um einen plausiblen Grund für seine Durchführung vorzuweisen. Dazu taugen die beiden aktuellen Attacken nicht, zumal kein Eigentum der USA, sondern einer japanischen und einer deutschen Reederei angegriffen wurde. Zudem haben einflussreiche Militärs und Generäle umgehend vor einem Krieg mit dem Iran gewarnt, der keinesfalls ein “cakewalk” werden würde. Bei einem Planspiel des Pentagon, das vor einigen Jahren einen Angriff auf Iran simulierte, waren in kürzester Zeit acht US-Kriegsschiffe und ein Flugzeugträger von iranischen Torpedos versenkt worden, mit etlichen Toten auf amerikanischer Seite – worauf man den simulierten Angriff abbrach. Dem US-Militär ist also ziemlich klar, dass ein Krieg mit einem Bombenhagel auf Teheran nicht schnell gewonnen werden kann, zumal Russland und China den Iran heute noch stärker unterstützen als es in dem “Millenial Challenge” genannten Planspiel vorgesehen war. Und ihr Commander in Chief Donald Trump, der gerade den Wahlkampf 2020 startet, kann aktuell allenfalls ein wenig Säbelrasseln gebrauchen – das macht sich immer gut –  ein langwieriger, desaströser Krieg allerdings wäre jetzt Gift für seinen Wahlkampf.

2. Iran

Dass sich die Eliteeinheiten der iranischen Revolutionsgarde – von den USA unlängst als Terrororganisation eingestuft – mit billigen Schlauchbooten an japanischen Tankern just an dem Tag zu schaffen machen, an dem der japanische Präsident Abe zum Staatsbesuch in Teheran weilt – das scheint dann doch eher wie ein plumper Versuch, diplomatische Gespräche zu unterminieren. Wollte der Iran die Straße von Hormus vor seiner Haustür – die wichtigste Tanker-Autobahn des globalen Ölhandels – wirklich blockieren, hätte er dazu ganz andere Mittel. Zudem steht die iranische Regierung nach der Kündigung der Nuklearvereinbarungen durch die USA und der weiteren Verschärfung der internationalen Sanktionen unter starkem Druck und sollte wenig Interesse daran haben, diesen Konflikt jetzt mit solchen Anschlägen weiter anzuheizen. Immerhin hatte Teheran aber gedroht, dass bei einer Blockade iranischer Exporte auf diesem Weg niemand mehr Öl exportieren wird

3. Das “B-Team”

Mit Trumps Sicherheitsberater Bolton, Israels Bibi Netanyahu, Bin Salman aus Saudi Arabien und Bin Zayed aus den Emiraten wäre das “B-Team” der führenden Kriegstreiber im Mittleren Osten benannt. Dieser unheiligen Allianz, der ihr Debakel im Syrienkrieg noch nicht genug ist und die weiter gegen Iran marschieren wollen, wären Aktionen wie diese Angriffe auf die Tanker am ehesten zuzutrauen. Sie können immer dem Iran in die Schuhe geschoben werden und wenn sie weiter gehen und alsbald dann auch einmal richtige Schäden bis hin zum Versenken eines Schiffs angerichtet werden, kann der eher kriegsunwillige US-Präsident immer weiter unter Druck gesetzt werden. Zudem wird der Ölpreis sofort in die Höhe schießen und wenn sich dann bis zum nächsten Sommer die Benzinpreise verdoppeln, dürfte es schwer werden für den Wahlkämpfer Trump. Die jüngsten Veröffentlichungen der New York Times über geplante Cyberattacken auf das russische Stromnetz um Putin von der Unterstützung des Iran abzuhalten, wurden von Trump umgehend zurückgewiesen und als unwahr bezeichnet. Sie zeigen aber, dass auch  die führende Zeitung auf Seiten des “B-Teams” steht und den Konflikt weiter anheizen möchte.

Wer nun für diese Zwischenfälle im Golf von Oman konkret verantwortlich war, lässt sich aufgrund der derzeitigen Faktenlage nicht sagen. Dass Trump aber am allerwenigsten von einem Krieg mit Iran profitieren würde scheint ziemlich sicher. Die Lage aber bleibt weiter brenzlig: schon haben die Saudis amerikanischen Begleitschutz für ihre Öltanker angefordert. Wenn dann ein US-Schiff attackiert wird, könnte ganz schnell die Hölle los sein…

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Mathias Bröckers schrieb zuletzt „Newtons Gespenst und Goethes Polaroid – Über die Natur“ . Am 2. Juli erscheint „Don’t Kill The Messenger – Freiheit für Julian Assange“ im Westendverlag.  Er bloggt auf broeckers.com

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:  Jarretera /Shutterstock.com

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