Tagesdosis 10.9.2019 – Der Öko-Konsens

Ein Kommentar von Florian Kirner.

Seit gut einem Jahr tobt eine eskalierende Debatte um die Frage des Klimawandels, der Umweltzerstörung und ihrer Ursachen. Man ist versucht, von einem „Glaubenskrieg“ zu sprechen.

Aber genau darin liegt schon ein Problem. Der inflationäre Einsatz von religiösen Vokabeln, vor allem auf Seiten der Skeptiker einer menschengemachten Klimakatastrophe schwer in Mode – „Klimakirche“, “CO2-Papst”, “Klima-Religion” – ist nicht sehr gut geeignet, eine sachliche Debatte zu ermöglichen, die den Namen verdient.

Auch diejenigen, die von einem entscheidenden Beitrag der Menschheit und einen daraus resultierenden Klimakollaps überzeugt sind, befinden sich allerdings in einem hochemotionalisierten Zustand. Sie rechtfertigen das mit der objektiven Dringlichkeit, umgehend und radikal umzusteuern, wenn wir die Ökokatastrophe noch irgendwie abbiegen oder wenigstens einbremsen wollen.

Der Konflikt hat längst auch KenFM erreicht. Vor allem hier, im Format Tagesdosis, prallen die Meinungen aufeinander.

Bevor ich nun versuchen werde, einige Leitplanken einzuziehen, auf die wir uns vielleicht alle miteinander einigen können, will ich zunächst meine eigene Position deutlich machen.

Ich bin das, was Rainer Rupp vermutlich einen „Klimahysteriker“ nennen würde. Meine eigene Beobachtung der Natur, des Wetters und des Klimas, mein Blick auf die Geschichte des Wirkens der menschlichen Zivilisation, sowie die Ergebnisse meiner Recherchen sind eindeutig: der Mensch ist dabei, das Ökosystem des Planeten nicht nur irreparabl zu beschädigen – das tun wir schon sehr lange. Sondern wir sind dabei, das Gleichgewicht des Klimas zu zerstören und sehen in den immer extremeren Wetterereignissen der letzten Jahre lediglich die Vorboten einer kommenden Katastrophe.

Für mich, um auch diese Kuh vom schmelzenden Eis zu holen, ist auch evident, dass klimaschädliche Gase, vor allem CO2 und Methan, bei diesem Prozess eine zentrale, verheerende Rolle spielen.

So. Und nun zu meinem Konsensvorschlag!

Ich denke, wir sind uns quer durch alle Lager, die sich hier gebildet haben, über Folgendes einig:

Die menschliche Zivilisation hat das Gesicht dieses Planeten entscheidend verändert. Durch eine seit der Bronzezeit ununterbrochene Entwaldung des Planeten. Durch Flächenversiegelung, Luftverschmutzung, die Begradigung von Flüssen, durch den flächendeckenden Einsatz von Pestiziden, durch gigantische Erdarbeiten, durch Staudämme, Kohlegruben, gigantische Metropolen, Industrieabwässer, Plastikwahnsinn, den Abbau von Koltan oder Lithium, die Förderung von Öl, gentechnische Eingriffe in Saatgut, die Ausrottung zahlreicher Arten und so weiter und so fort – haben wir als Spezies kaum einen Stein auf dem anderen gelassen.

Wirklich niemand, der seine fünf Sinne beieinander hat, wird diese Tatsachen bestreiten wollen. Wer allerdings der Meinung ist, es gehe der Natur glänzend und die Rolle unserer Spezies mit ihren 7,6 Milliarden Prachtexemplaren, sei ökolgisch ganz unbedenklich, der sollte aus dem Kreis der ernstzunehmenden Diskussionspartner in der Tat verabschiedet werden.

Wenn ich es aber richtig verstehe, sagen ja auch die Skeptiker eines menschlichen Beitrags zur Klimaveränderung, dass man Klimaschutz und Umweltschutz trennen müsse und letzteres natürlich schon sinnvoll sei.

Schön. Da sind wir dann doch schon in einer ganze Reihe entscheidender Fragen zusammen. Das sofortige Verbot von Glyphosat etwa dürfte demnach Konsens sein oder dass wir den Plastikwahnsinn beenden und eine Verkehrswende organisieren müssen.

Wenn das also auch die Klimaskeptiker so sehen, würde ich vorschlagen: sagt es mindestens so laut, wie Ihr Eure Ablehnung eines menschengemachten Klimawandels herausschreit. Attackiert Bayer-Monsanto mit der gleichen ätzenden Verve mit der Ihr seit Monaten auf ein sechszehnjähriges Mädchen aus Schweden losgeht.

Umgekehrt müssten diejenigen, die den Anteil des Menschen an einem bereits stattfindenden Klimakollaps für evident halten, sich weitaus deutlicher zu den selbstverständlich stattfindenden Strategien der Herrschenden verhalten, die Klimadebatte für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sie könnten sich etwa klipp und klar dazu äußern, was sie von einer CO2-Steuer halten.

Ich denke, wir, die Ökos, sollten, bei den gegenwärtigen Modellen, eindeutig gegen eine solche Steuer sein. Wer Geld für Umweltschutz auftreiben will, hat viel bessere Möglichkeiten als sich einmal mehr von unseren Regierenden verarschen zu lassen.

Der Umweltetat ist zum Beispiel der kleinste von allen im Bundeshaushalt. Lächerliche 2,29 Milliarden Euro gibt der Bund für die Umwelt aus – wobei in diesem Betrag auch noch die Ausgaben für „Nukleare Reaktorsicherheit“ versteckt sind. Der Rüstungsetat steht dagegen bei 43,23 Milliarden. Das ist fast das 19-fache.

57 Milliarden Euro staatlicher Subventionen sind direkt umweltschädlich – hat das Bundesumweltamt errechnet. Warum werden diese 57 Milliarden nicht umgelenkt in Umweltschutzmaßnahmen? Das ergäbe einen unmittelbaren ökologischen Gesamteffekt von 114 Milliarden Euro.

Stattdessen wird in den Medien großartig über die „Steuerungsfunktion“ einer CO2-Steuer philosophiert. Die ist ganz einfach, sofern es sich um eine Verbrauchssteuer handelt: die Armen werden durch eine neue Steuer stark eingeschränkt. Die Wohlhabenden können sich leisten, so weiterzumachen wie bisher.

Dabei verbrauchen die reichsten 10% mit ihrem Lebensstil weitaus mehr Ressourcen als die ärmeren Teile der Weltbevölkerung. Für 72% der weltweiten CO2-Emissionen sind übrigens 100 Konzerne im Alleingang verantwortlich. Den scharfen Anstieg des Methan-Ausstoßes verursacht in der Hauptsache das ebenfalls von einer Handvoll Konzerne betriebene Fracking.

Wie wäre es also, wenn man zur Abwechslung einmal da zulangt? Bei den reichsten 10%, bei den 100 größten Konzernen und bei den übelsten Umweltschweinen? Verursacherprinzip und so…

Diese Haltung sollten also im Gegenzug alle, die ihre Auffassung eines menschengemachten Klimakollapes lautstark vertreten, ebenfalls lautstark einnehmen. Sie sollten sich somit absichern, nicht zum Spielball der üblichen Tricksereien unserer geliebten Elite zu werden.

Die Debatte über die Rolle der Klima-Gase, der Kohleförderung usw. wäre dadurch nicht beendet. Niemand wird ihr letztlich ausweichen können. Wir müssen sie führen. Aber es wäre doch ein Fortschritt, wenn wir vielleicht diese zwei Punkte als Konsenslinie festhalten könnten:
  • Alle gemeinsam treten lagerübergreifend für Umwelt- und Naturschutzmaßnahmen ein und machen Druck, dass ein ökologisch nachhaltiges Wirtschaften und Konsumieren den bisherigen Ressourcenwahnsinn mitsamt seinen Kriegen und seinem Elend ersetzt.
  • Zweitens streiten ab sofort alle gemeinsam dafür, dass diese Maßnahmen nicht durch eine Verbrauchssteuer finanziert werden. Das Geld für die Rettung der Umwelt muss aus dem Kriegshaushalt und von den Superreichen und Konzernen kommen.

Konsens?

Ökokonsens?

Wow.

Vielleicht kommen wir so ja wenigstens einmal zwei Schritte weiter. Denn das schlimmste an dieser ganzen eskalierenden Debatte ist doch: es wird wieder nur geredet, gestritten und gelabert. Effektiv getan wird weiterhin sehr wenig. Und das ist schlimmer als schade.

Um es mit Brecht zu sagen: „Ändere die Welt, sie braucht es!

Oder mit Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildhinweis: paulaphoto / Shutterstock

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