Tag der deutschen Zwietracht?

Von Hermann Ploppa.

Zum Feiertag am 3. Oktober einige unbequeme Wahrheiten.

Ein Auszug aus dem Buch von Hermann Ploppa: „Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern“.

Ein kluges Wort vorangestellt:
„Im Rahmen der Transformationsprozesse, im Zuge derer sich überkommene, insbesondere staatliche Strukturen und daran geknüpfte Gewissheiten auflösen, sehen wir uns mit einem altbekannten Phänomen konfrontiert – dem Bandenwesen.“ Oliver Schöller

Der Mauerfall vom November 1989 war zugleich ein Dammbruch. Politisch. Sozial. Wirtschaftlich. Moralisch-Ethisch. Kein Stein blieb mehr auf dem anderen, nicht nur bei der Graffiti-beschmierten Zonengrenzen-Mauer.
Das war die Stunde einer neuen Kaste: nämlich der Kaste der Unternehmensberater und Privatisierungsgewinner.

Und der Mauerfall traf die Bürger in Ost und West gleichermaßen überraschend, in der Art eines Schocks. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl setzte sich mit dem Führer der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, zusammen. Gorbatschow brauchte Geld. Viel Geld. Wie er Kohl unmissverständlich deutlich machte, war die Sowjetunion pleite. Die Preise für Gas und Rohöl, nach wie vor die wichtigste Exporteinnahme des Sowjetreichs, waren weltweit in den Keller gerutscht. Der Afghanistan-Krieg, in den Zbigniew Brzezinski Gorbatschows Amtsvorgänger Breschnew gelockt hatte, war zu einem Fass ohne Boden geworden; das Reaktorunglück von Tschernobyl verbrannte unglaubliche Summen. Und schließlich belief sich der volkswirtschaftliche Schaden durch die weit verbreitete Trunksucht im Arbeiter- und Bauernparadies jährlich schätzungsweise auf 10 Milliarden Dollar.

Gorbatschow ließ durchblicken, er könne sich von der DDR trennen, wenn Kohl und die deutschen Banken der siechen Sowjetunion mit einer größeren Geldsumme aushelfen würden. Die Amerikaner waren den Sowjets diesmal nämlich nicht, wie so viele Male zuvor, zu Hilfe geeilt mit Geld und Management-Know How. Ganz offensichtlich brauchten die US-Oligarchen die Sowjetunion nicht länger, sondern wollten die Bodenschätze des Sowjetreichs jetzt lieber in eigener Regie ausbeuten. Kohl und die deutschen Banken halfen dem klammen Gorbatschow, und die DDR ging nun in den Besitz der westlichen Geldgeber über.
Die Ostdeutschen durften einen kurzen Sommer der Anarchie feiern, bevor sich die West-Luxuswagen frech auf die Fußgängerzonen des Alexanderplatzes stellten, womit auch dem letzten DDR-Bürger deutlich gemacht wurde, wer ab jetzt Herr im Hause ist. Doch noch heute gibt es Mitmenschen in der ehemaligen DDR, die glauben, sie hätten durch den Druck der Straße die SED-Nomenklatura verjagt.

Dabei stand das Volksvermögen der DDR schon lange auf dem Speiseplan westlicher Konjunkturritter. Während man nun durch die einschlägigen Medien Wessis gegen Ossis hetzte, und zudem die Bürger der Ex-DDR gegeneinander ausspielte und verunsicherte durch den Pauschalverdacht, Stasispitzel gewesen zu sein, konnten die westdeutschen und die amerikanischen Spekulanten ungestört das Vermögen des nach der Schweiz zweitgrößten Genossenschaftsstaates Europas filetieren. Dabei war natürlich auch unerlässlich, das in der DDR vom Volk angehäufte Vermögen für schrottreif zu erklären und sich in die Pose des selbstlosen Retters von eigentlich nicht zu rettenden Sachwerten zu schmeißen. Die neuen Eroberer aus dem Westen hatten meistens noch weniger Ahnung von den Eigenheiten der ostdeutschen Regionen als die verschüchterten bettelarmen sowjetischen Besatzungssoldaten aus Kirgisien. Aber dafür wussten sie alles besser und führten sich auf wie sturzbesoffene Gutsherren.

Junge Milchbuben, gerade fertig mit dem Studium der Betriebswirtschaftslehre, spielten im Wilden Osten Unternehmensberater, ausstaffiert mit astronomischen Stundenlöhnen. Die neuen Stars der lukrativen Privatisierung volkseigener Betriebe kamen von McKinsey, KPMG oder Treuarbeit. Alleine im Jahre 1992 mussten die Steuerzahler 450 Millionen DM West für diese Beratungen der Treuhand ausgeben.

Die Treuhand. Ursprünglich sollte diese Behörde den Ost-Betrieben helfen, sanft im neuen kapitalistischen Umfeld zu landen, wobei viele Kombinate ohne weiteres Genossenschaften hätten bleiben können. Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder, den wir schon als Rivalen von Otto Wolff von Amerongen kennen, war solchen Ideen nicht abgeneigt. Damit machte er sich nicht gerade beliebt in der deutschen und amerikanischen Finanzwelt. Nach seiner Ermordung durch professionelle Killer, die bis heute nicht identifiziert worden sind, trat die marktradikale Politikerin Birgit Breuel, die teutonische Entsprechung von Maggie Thatcher, an die Spitze der Treuhand, und es folgte eine Serie von Firmenliquidationen und Privatisierungen, wie sie auf dem europäischen Kontinent bislang ohne Beispiel war. Dabei wickelte man auch viele kerngesunde Betriebe ab, die westlichen Konkurrenten schlicht im Wege standen.

Steuerzahler in Ost und West wurden gleichermaßen gemolken. Westliche Banken kauften Ost-Banken. Da gab es eine Besonderheit im DDR-System, die man sich schlau zu Nutze machte: auch die DDR zahlte nämlich Subventionen an Unternehmen. Diese Subventionen wurden über DDR-Banken als Kredite an die Kombinate überwiesen. Es war aber nicht daran gedacht, dass die Kombinate das Geld jemals zurück bezahlen sollten. Diese Beträge standen aber als „Kredite“ in den Büchern. Nun stellten sich West-Banken und West-Behörden einfach doof und taten so, als handelte es sich um Kredite, die zurückgezahlt werden müssten. West-Banken kauften Ost-Banken, nur, um über den extra eingerichteten bundeseigenen Erblastentilgungsfonds diese angeblichen Altschulden aus Steuermitteln ausgezahlt zu bekommen.

Der Journalist Lorenz Maroldt beschrieb im Berliner Tagesspiegel diesen Betrug wie folgt:

Dass die DDR-Zuweisungen in marktwirtschaftliche Schulden umgewandelt wurden, hat nicht nur die westdeutschen Banken zu Einheitsgewinnern gemacht, sondern auch große Teile der ostdeutschen Wirtschaft in Abhängigkeit gebracht, mindestens das. Für viele betroffene Unternehmen, die sich plötzlich mit astronomischen Rückzahlungsforderungen und rasant steigenden Zinsbelastungen konfrontiert sahen, bedeutete es den Ruin. Sie verfügten wegen der Zwangsabführung ihrer Gewinne über keinerlei Rücklagen, wurden von der Treuhand als nicht sanierungsfähig eingestuft und abgewickelt.

Der Fall wurde vor das höchste bundesdeutsche Gericht gebracht. Dessen Urteil: es gebe hier einen legitimen „Ermessensspielraum“ für die Bundesregierung, was ein Kredit zu DDR-Zeiten gewesen sein könnte. Thema Ende. Entweder waren die Richter ziemlich weltfremd, oder sie wollten aus uns nicht bekannten Gründen den für jeden vernünftigen Menschen offenkundigen Sachverhalt nicht sehen. Kurzum: die deutschen Steuerzahler in Ost und West mussten schätzungsweise 200 Milliarden DM auf diese Weise den westdeutschen Banken schenken! Diese Geldumleitung wurde politisch bewerkstelligt von Theo Waigels Staatssekretär im Finanzministerium. Der hieß damals Horst Köhler, und der stieg später zu einem unserer kurzlebigen Bundespräsidenten auf.

Und der Referent im Bundesfinanzministerium, der diese perfide Ausplünderung der Bevölkerung in Ostdeutschland im Detail ausgearbeitet hat, war kein Geringerer als – Thilo Sarrazin …

Auszug aus dem Buch von Hermann Ploppa: Die Macher hinter den Kulissen – wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern. Frankfurt/Main 2014. Seite 121-124. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Textes.

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Spotlight: Hermann Plopp über die Übernahme des DDR-Finanzmarktes durch Westbanken nach 1989

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