Schöne neue Welt: Von A-Z anders

Von Dirk C. Fleck.

Wir leben in einer Welt, in der Mediziner die Gesundheit zerstören, Juristen die Gerechtigkeit zerstören, Universitäten das Wissen zerstören, Regierungen die Freiheit zerstören, die Presse die Informationen zerstören, Religionen die Moral zerstören und unsere Banken die Wirtschaft zerstören, welche wiederum die Umwelt zerstört. Dieser Satz des US-amerikanischen Journalisten und Pulitzerpreisträgers Chris Hedges trifft den Nagel auf den Kopf. Angesichts solcher Verhältnisse bleibt uns nur noch die Wahl zwischen träumen und alpträumen. Verschlafen sollten wir den Zusammenbruch unserer Zivilisation allerdings nicht. Obwohl ich glaube, dass genau das passieren wird.

Die meisten Menschen werden den Kollaps  nicht bemerken, weil sie die Indizien, die darauf schon jetzt so zahlreich hinweisen, nicht zu deuten wissen. Sie können sich nicht einmal vorstellen, welche Verhältnisse uns der politische Notwehrreflex, den die zusammenbrechenden Natur- und Wirtschaftssysteme auslösen werden, bescheren wird. Da diese Gesellschaft um der eigenen Bequemlichkeit willen das Ziehen der Notbremse in einem nicht mehr zu kontrollierenden Zug kategorisch ablehnt und sie die Fakten lieber schönredet als sie anzuerkennen, dürfen wir uns über die Maßnahmen, die uns in nicht allzu ferner Zeit  von staatswegen erwarten, nicht wundern – wir befördern sie geradezu.

Natürlich wird die Zahl derer, die den Wahnsinn durchschauen, mit dem Politik und Wirtschaft auf diesem Planeten herum fuhrwerken, immer größer – eine effektive Gegenwehr ist jedoch nicht möglich. Es sind nicht die Herausforderungen, die uns ohnmächtig werden lassen, sondern das verbreitete Gefühl, nicht an der praktischen Umsetzung von Lösungsansätzen teilnehmen zu können. Das Problem ist nicht die Krise! Das wirkliche Problem ist das Gefühl der Machtlosigkeit, dieser Eindruck, mit gebundenen Händen dazustehen und nichts anderes tun zu können. Wir sind in einer Spirale des Machtentzugs gefangen, die uns immer machtloser werden lässt. Unsere Kinder und Enkelkinder werden deshalb in einer Welt leben müssen, die für die Tätergeneration schwer vorstellbar ist und die in dieser lexikalischen Erfassung nur sehr unzureichend beschrieben werden kann. Eine Ahnung dieser „schönen neuen Welt“ vermittelt das „Lexikon der Zukunft“ aber dennoch.

Afrika: Durch Seuchen und Dürre unbewohnbar gewordener Kontinent. Hunderttausende von Umwelt- und Armutsflüchtlingen ziehen in einer Völkerwanderung ohne Beispiel Richtung Mittelmeer, wo sie von den Grenztruppen der Europäischen Allianz (EA) mit Waffengewalt am Übertritt nach Europa gehindert werden.

Agressor-Chip: Ein Implantat, das jedem Soldaten der europäischen Schutztruppen unter die Haut gepflanzt wird. Auf einen elektrischen Impuls hin weckt es Aggressionen, die auf Knopfdruck wieder zurückgenommen werden können.

Altensiedlung: Wohnkolonien für Menschen ab 55 Jahren. In ihnen sind die ehemaligen gesellschaftlichen Eliten konzentriert: Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Werbefachleute. Jede Altensiedlung verfügt über eine >Sterbeklinik.

Altforsten: Abgestorbene Wälder. 95 Prozent der gesamten Waldfläche Europas sind tot.

Altlasten: Ökologische Hypothek aus der Zeit vor der Revolution. Sie finden sich in der Luft, im Boden und im Wasser. Ein besonderes Problem ist der Atommüll, der Jahrzehnte lang illegal entsorgt worden ist. Vor allem im Nordmeer und in der Adria.

Alt-Logos: Firmenlogos aus der spätkapitalistischen Epoche. Beliebte Sammelobjekte in der Bevölkerung.

Asylanten: Aus Afrika importierte Arbeitssklaven, die hauptsächlich bei der Demontage von Atomkraftwerken und auf gefährlichen Mülldeponien eingesetzt werden.

Atom: Der Ausstieg aus der Kernenergie ist vollzogen. Die stillgelegten Atomkraftwerke sind unter Sarkophagen aus Beton begraben. In Infohäusern aus Granit können zukünftige Generationen den Bauplan des Schreckens einsehen. Außerdem ist ein Relief angebracht, das in Comic-Manier die örtlichen Besonderheiten erklärt: Wer die Gruft aufbricht, so die Bilderfolge, den ereilt Übelkeit, dann Haarausfall und Erbrechen, schließlich der Tod. Aktuelle Strahlenbelastungen gibt der >Wetterdienst bekannt.

Autofahrer: Schimpfwort für ältere Menschen.

Berlin: Ummauertes >Stadtlager.

Bevölkerungszahlen: Die Bevölkerungszahl in Europa ist um 40 Prozent niedriger als um die Jahrtausendwende. Ursache ist die seit zwanzig Jahren geltende Geburtenkontrolle sowie zahlreiche Umweltkrankheiten. Es steht weit mehr Wohnraum zur Verfügung, als benötigt wird. Der Wohnungsbau ist eingestellt.

Computer: Es gibt nur noch das Standardmodell des >Homecomputers, der als eine Art Volksempfänger funktioniert. Home-Computer werden mit Solar und Fruchtbatterien betrieben Die Computer-Elite der vorrevolutionären Zeit ist eliminiert worden.

Demokratie: Brutales kapitalistisches System der Vergangenheit. Hinweise auf dieses System sind aus dem Staatsarchiv weitgehend verbannt. Schimpfwort.

Denunzianten: Anonyme Zuträger der Grünhelme. Wer einen Gesetzesbrecher meldet, erhält zusätzliche Kilowattstunden Strom. Die Denunziation erfolgt über den >Home-Computer.

Die schöne Quälerin: Beiname für >Xenia

Energie: Strom ist rationiert und wird ausschließlich aus Sonne, Wasserkraft und Wind gewonnen.

Ernährung: Vegetarische Grundnahrungsmittel stellt der Staat. Fleischliche Kost ist verboten. Hauptnahrungsmittel im Ökologischen Arbeitsdienst ist ein fabrikmäßig hergestelltes Eiweiß-Plasma. Importe von Lebensmitteln sind eingestellt.

Erziehungs-Razzia: Die Grünhelme haben das Recht, jeden Bürger jederzeit zu verhaften und einer „Erziehungs-Lesson“ zuzuführen, in denen anhand von Videoinstallationen die Öko-Verbrechen der Vergangenheit demonstriert werden. Orte solcher Lessons sind ehemalige Schlachthöfe, Zoos und Versuchslabore.

Festung Europa: Umfasst die europäischen Staaten bis zur Ukraine. Die Ostgrenzen sind mit einer Laser-Mauer von Finnland bis zur Türkei gesichert. Das Mittelmeer wird von Grenztruppen kontrolliert.

Frischwald: Aufgeforstetes Areal. Zumeist auf ehemaligen Autobahntrassen und stillgelegten Industriegeländen.

Gaze: Wird zur Herstellung von Schleiern benutzt, die vor ultravioletter Strahlung schützen.

Gebärgutschein: Berechtigt zur Geburt eines Kindes, sofern bei der Frau keine Verseuchung vorliegt. Frauen, die keine Kinder haben wollen, können ihren Gutschein auf andere Frauen übertragen.

Gehirnwäsche: Ein in der offiziellen Öko-Propaganda positiv besetzter Begriff. („Wir räumen auf mit dem Gedankenschmutz von Jahrhunderten…“)

Geld: Geld ist als Zahlungsmittel abgeschafft. Die alten Scheine kursieren als Ersatzwährung auf den Schwarzmärkten. Ihr Besitz ist strafbar.

Grüne Garden: Marodierende Jugendbanden, die als „ökologische Racheengel“ ihre eigene Kulturrevolution veranstalten. Ihre Aktionen richten sich vor allen Dingen gegen >Altensiedlungen.

Grünhelme: Schutztruppe mit Polizeigewalt. Benutzt das Militärequipment der Vergangenheit und ist somit der größte aktuelle Umweltsünder. Mannschaftsstärke allein in Deutschland: 5 Millionen. Die Grünhelme unterteilen sich in verschiedene Divisionen: Energie-Polizei, Pflanzen- und Tierschutzeinheit, Verhaftungs-Service, Sicherheitspolizei. Zur letzteren gehört auch die >Computer-Unit. Der Einsatz der Grünhelme wird über eine Computerzentrale gesteuert. Jedes Fahrzeug ist beständiger Online-Partner des Schutztruppenministeriums.

Hanf: Nutzpflanze Nummer Eins. Dient auch zur Herstellung der Standardkleidung.

Industrie: Die Produktion ist auf ein Minimum beschränkt: Kleidung, Nahrung, Umwelttechnik. Alle klassischen Altindustrien sind zerschlagen, allen voran die Autoindustrie.

Kirche: Das Christentum spielt nur noch eine Nebenrolle, seitdem die >Ökosophie zur Staatsreligion erklärt worden ist. Eine weitere Konkurrenz sind die Meditationskommunen, in denen das alte Wissen der Naturvölker gelehrt wird. Schamanismus hat Hochkonjunktur.

Landwirtschaft: Die chemischen Altlasten in den Böden erlauben nur eine dezentrale Bewirtschaftung. Angebaut wird nur, was vor Ort wächst.

Medien: Private Print- und Elektronik-Medien sind verboten. Als Informationsquelle dient das >Staatsarchiv.

Meditationskommunen: Jeder Bürger kann ohne Angaben von Gründen Mitglied einer Meditationskommune werden. Die Kommunen sind autark, der Staat regiert nicht hinein. Meditationskommunen sind die Geburtsstätten des „neuen Menschen“. Ihre Gebietsansprüche werden berücksichtigt.

Naturvölker: Dienen in der Ökodiktatur als Vorbild.

Ökologischer Arbeitsdienst: Jeder Bürger zwischen 18 und 55 hat seine Arbeitskraft in den ökologischen Neuaufbau zu investieren. Es gibt die Abteilungen Renaturierung, Entsorgung und Stilllegung. Über die Arbeitsplätze entscheidet der Staat. Der Transport der Arbeitsbrigaden findet in sogenannten >Werkzügen statt, die einzige Bewegung, die vom >Reisen übrig geblieben ist.

Öko-Rat: Der Öko-Rat setzt sich größtenteils aus jenen Wissenschaftlern zusammen, die dem revolutionärem Geheimbund angehörten, der mit einer erfolgreichen Virenattacke auf die computergesteuerte Logistik der internationalen Top-Konzerne, der Militärs und des Gesundheitswesens das kapitalistische System mit einem Schlag zum Erliegen brachte. Jeder  der zwölf Räte steht einem Ministerium vor. Sein Name ist der Öffentlichkeit nicht bekannt.

Ökosophie: Staatsreligion. Ihr Motto: „Erst die Erde, dann der Mensch!“ Konglomerat aus altem Menschheitswissen, mit einem theatralischen Schuss Demut zur Herzensphilosophie verklärt. Ihr Prophet: der deutsche Romantiker Novalis.

Pflanzen: Stehen unter Schutz. Pflanzenfrevel wird hart bestraft. Der Begriff „Unkraut“ ist aus dem Sprachschatz getilgt, der Mensch darf dem Wachstum der Natur nicht länger im Weg stehen. Mit fortschreitendem Wildwuchs entwickelt sich eine andere Ästhetik. Was früher „überwuchert“ war, wird jetzt als Triumph der Natur gefeiert. Städte wetteifern miteinander um die üppigste Begrünung.

Reisen: Es besteht Reiseverbot. Die einzigen Züge, die noch verkehren, sind die „Werkzüge“ des >Ökologischen Arbeitsdienstes. Autoverkehr existiert nicht mehr, Flugreisen sind allein wichtigen Würdenträgern vorbehalten.

Schauprozess: Findet einmal pro Woche an wechselnden Orten statt und wird live in die >Home-Computer gespeist. In den Öko-Tribunalen führt der Staat jene Menschen vor, die im kapitalistischen Vernichtungsrausch Verantwortung trugen: Politiker, Wirtschaftsbosse, Wissenschaftler, Journalisten, Werber. Schauprozesse sind öffentlich und enden stets mit einem Todesurteil.

Schnellrichter: Schnellrichter verurteilen zu >Stadtlager, Arbeitsdienst oder zum Tode. Sie sind die einzige Gerichtsbarkeit im Land. Ordentliche Gerichte existieren nicht.

Sperrgebiet: Evakuierte Landstriche und Städte. Ursachen können Seuchen sein, zu starke atomare Strahlung oder Naturkatastrophen wie Dürre oder Überschwemmungen.

Staatsgeheimnisse: Die Ökodiktatur versteht ihr Regiment als groß angelegte gesellschaftliche Operation, die nicht ohne Schmerzen abgehen kann. Um die Weichen in kürzester Zeit neu zu stellen, sieht man sich zu Maßnahmen gezwungen, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Kenntnis hat nur der Öko-Rat.

Stadtlager: Ummauerte Großstädte, in denen Seuchenkranke, Gesetzesbrecher und unverbesserliche Zivilisationssüchtige sich selbst überlassen bleiben. Es gibt keine staatliche Verwaltung und keine Polizei. In den Stadtlagern wird ein Großteil der stillgelegten Altfahrzeuge entsorgt und zu „Staus“ zusammen geschoben, die als Abenteuerspielplatz dienen. Im Stadtfernsehen läuft ein Endlosband mit immer gleichen Nachrichten, Werbeblöcken und einer trivialen Serienfolge aus der spätkapitalistischen Ära. Bürgerwehren versuchen Ordnung in den anarchistischen Dschungel zu bringen, in dem allein das Recht des Stärkeren gilt.

Sterbeklinik: Bestandteil der >Altensiedlungen. Wer sterben will, darf sich ein „Todesmenü“ aus dem Cyberspace zusammenstellen. Nach einem Gifttrunk dämmert der Kandidat mit einem 3D-Film seiner Wahl aus dem Leben.

Technik: Fortschritte gibt es nur noch in der Umwelttechnik, alle anderen Entwicklungen sind angehalten. Marode Systeme wie zum Beispiel das Telefonnetz werden nicht repariert.

Tiere: Nur noch zehn Prozent der Arten, die um die Jahrtausendwende  bekannt waren, existieren noch. Der Rest steht unter Schutz. Nutztiere sind verboten, Schlachthäuser, Zoos und Versuchslabore sind geschlossen.

Umweltkrankheiten: Spitzenreiter sind die degenerativen Nervenkrankheiten, gefolgt von Krebs, vor allem Haut- und Gebärmutterkrebs. Allergien sind normal. Sie rühren von den Chemiegiften, die aus den Böden ins Grundwasser gesickert sind. Das Immunsystem der Menschen ist stark beschädigt. Lähmungen, Leberschäden, Hautverletzungen und Knochenmarkserweichungen treten massenhaft auf. Im Zuge der körperlichen Gebrechen wachsen Neurosen und Psychosen. Die Selbstmordrate ist extrem hoch, gerade unter jungen Menschen.

Waldmenschen: Systemflüchtlinge, die sich in den Altforsten verstecken.

Wetterdienst: Meldet über >Home-Computer aktuelle Umweltbedrohungen. Ein perfektes Frühwarnsystem. Funktioniert über biologische Messfühler, die im ganzen Land installiert sind. Sie reagieren auf Ozon, ultraviolette Strahlung, Chemiestäube und Radioaktivität.

Wissenschaft: Die Forschung ist stark eingeschränkt. Alle kreativen Kräfte werden auf die Umwelttechnik und die Medizin konzentriert. Einen Wissenschaftsbetrieb im klassischen Sinne gibt es nicht mehr. Fachleute werden an Staatsakademien gezielt ausgebildet.

XENIA: Eine von Tiefenpsychologen entwickelte holografische Kunstfigur, die dem Volk als „Umerzieherin“ dient. Die virtuelle XENIA-Lesson ist Pflichtprogramm im Home-Computer. In ihnen rechnet die „Schöne Quälerin“, wie sie genannt wird, mit den Ökosünden der >Vergangenheit ab. Dabei benutzt sie ausschließlich Filmmaterial aus der spätkapitalistischen Ära. Für viele Menschen sind ihre rhetorischen Holo-Strafaktionen der einzige Zugriff auf die Bilderwelt ihrer Väter. XENIA ist psychisch und physisch reizvoll und dominant gestaltet. Viele Bürger entwickeln ein sadomasochistisches Verhältnis zu der Pop-Ikone des Staates. Mit ihr ist die Anbindung der Diktatur ans Volk gelungen. Xenias Holo-Lessons werden von einem Team aus Wissenschaftlern und Textern verantwortet. Vor der Ausstrahlung bedarf es der Zustimmung des Informationsministers.

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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