KenFM im Gespräch: mit Rolf Verleger (“Hundert Jahre Heimatland?”) (Podcast)

Prof. Rolf Verleger kommt aus einer jüdischen Familie, studierte Psychologe, lehrte an der Universität Lübeck und war vier Jahre lang Mitglied im Zentralrat der Juden.

Seine Eltern überlebten den Holocaust und lehrten ihrem Sohn, dass Judentum und Zionismus nicht ein und dasselbe sind. Der Zionismus hat das Judentum gekapert, so Rolf Verleger, und dadurch die jüdische Tradition der Nächstenliebe durch Nationalismus und Rassismus ersetzt.

Der Staat Israel hat sich zum Albtraum, nicht nur für die Palästinenser, sondern eben auch für die Israelis entwickelt. Das erklärt, warum immer mehr Bürger ihre Koffer packen und das Land für immer verlassen. Sie sind frustriert. Zurecht.

Von einem tatsächlichen Friedensprozess kann schon lange nicht mehr die Rede sein, denn unter den zionistischen Hardlinern wird es kein Ende der Besatzung geben. Sie argumentieren mit der Floskel, dass die Bibel ihr Grundbuch sei und sie nicht bereit wären, sich einer weltlichen Instanz wie der UNO zu unterwerfen. Das seit 1967 okkupierte Land der Palästinenser werden die Zionisten nicht zurückgeben. Im Gegenteil. Die Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung hält an. Mit dem aktuellen Griff nach dem Ostteil der Stadt Jerusalem, gedeckt durch die Trump-Administration, zeigt die Netanjahu-Regierung erneut, dass sie sich über internationales Recht hinwegsetzt.

Wer als Europäer jetzt glaubt, dass alles hätte mit uns nichts zu tun, irrt gewaltig. Auf das Jahr genau jährt sich 2017 zum hundertsten Mal die Balfour-Erklärung, benannt nach dem britischen Außenminister Arthur Balfour.

Großbritannien, das damals, im Ersten Weltkrieg, das Osmanische Reich erobern und zerlegen wollte (und damit auch das heutige Palästina), unter anderem um den Handelsweg durch den Sueskanal in seine Kolonie Indien zu sichern, fürchtete sich vor einer erneuten Flüchtlingswelle von Juden aus dem russischen Reich. Schon bei der ersten Revolution gegen den Zaren 1905 und den darauffolgenden Bürgerkriegsunruhen hatte es zahlreiche Pogrome gegeben; denn zum antisemitischen Vorurteil war dazugekommen, dass Juden von den Anhängern des Zaren als sozialistische Gegner von Gott, Kaiser, Vaterland identifiziert wurden.

Da Großbritanniens Politiker bereits 1905 einen Einwanderungsstopp für jüdische Flüchtlinge erlassen hatten und sich nun zusätzlich über sozialistische Infiltration Sorgen machten, versuchte London zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. England verschenkte einfach fremdes Land, konkret Palästina, an die aus Europa flüchtenden Juden und erhoffte sich im Gegenzug die Loyalität der Zionisten.

Dass sich mit der Gründung des Staates Israel 1948 das Land zu einer Dauerprovokation für alle arabischen Nachbarn entwickeln würde, hätte man spätestens 1946 mit dem Terror-Anschlag auf das britische King-David Hotel ahnen können. Dahinter steckte Irgun, eine zionistische Terrororganisation, unter der Leitung von Menachem Begin. Die Zahl der Toten damals wird mit mindestens 90 angegeben. Begin wurde niemals strafrechtlich verfolgt und wurde 1977 nach dem Wahlsieg seiner Cherut-Partei (Vorgänger des jetzt regierenden Likud) Premierminister.

Zuvor jedoch begannen die Zionisten unter Führung Ben-Gurions im Jahre 1948, rund 800.000 Palästinenser zu vertreiben, zum Teil mit brutaler Gewalt. Traurige Berühmtheit erreichte das Massaker der Begin-Leute in der friedlichen arabischen Vorstadt Jerusalems Deir Jassin 1948. Es blieb nicht das einzige. Im Ergebnis war das israelische Staatsgebiet weitgehend von seinen arabischen Einwohnern ethnisch gesäubert.

Diese dunkle Seite der Staatsgründung Israels war über Jahrzehnte dann kein Thema, sie war regelrecht tabu. Doch dann begannen immer mehr israelische Historiker sich der Geschichte des eigenen Landes zu stellen. Ähnlich wie in Deutschland der 60iger Jahre gilt man in weiten Teilen der israelischen Gesellschaft aber bis heute als Nestbeschmutzer, wenn man es wagt, sich der Wahrheit und damit dem Unrecht zu stellen, das bis heute an den Opfern dieser Staatsgründung, den Palästinensern, begangen wird.

Deutschland, so der Autor Rolf Verleger, hat gegenüber den Juden in Israel eine historische Verantwortung, diese beinhaltet aber eben auch, Menschenrechtsverletzungen offen und ehrlich auszusprechen. Genau das muss die Lehre aus den Verbrechen des Hitler-Faschismus sein, gerade für Juden, deren Vorfahren doch die Opfer eines monströsen Verbrechens waren.

Der Zionismus spricht nicht für das Judentum, dessen wichtigster Wert die Nächstenliebe war, gerade – aber nicht nur – im ab 1933 vernichteten deutschen Judentum, so das ehemalige Mitglied des Zentralrats der Juden. Prof. Rolf Verleger geht es darum, dass das Land, in dem heute seine Geschwister leben, endlich zur Ruhe kommt und den unfairen Kampf gegen das palästinensische Volk beendet. Ein Grund zur Hoffnung sei, dass die Palästinenser zunehmend vom gewaltsamen zum gewaltfreien Widerstand finden. Darüber in Deutschland offen zu diskutieren sei wesentlicher Ausdruck der demokratischen Meinungsfreiheit. Das israelische Volk brauche offenbar Orientierung und Struktur, und damit Druck von außen, so wie das die EU bereits mit ihren Regelungen zu Waren aus den besetzten Gebieten praktiziert und in Deutschland nur unzureichend umgesetzt wird.

Rolf Verleger war dabei, als im November 2015 fünf Leute an Rupert Neudecks Küchentisch die Gründung eines “Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung” beschlossen. Heute ist er Vorsitzender des Vereins. www.bib-jetzt.de

Anlass des Gespräches mit KenFM ist das aktuelle Buch des Professors für Psychologie: „Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus”

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