KenFM im Gespräch mit: Reiner Braun

Wo stünde ICH in der Stunde der Bewährung?

Diese Frage stellt sich quasi zwangsläufig jedem Menschen, wenn er sich mit Geschichte beschäftigt. Geschichte, wie sie an unseren Schulen gelehrt wird, macht einen entscheidenden Fehler bei der Vermittlung: Sie versäumt es, den Schülern klar zu machen, das Geschichte eben nicht endet. Sie geht immer weiter. Jeder von uns ist ein Teil von ihr.

Der Mensch ist ein Egoist. Er bezieht alles auf sich. Auch Geschichte. Vergangenheit ist für die meisten alles, was vor der eigenen Geburt stattfand. Die Gegenwart, die Zeit, in der er selber lebt, und die Zukunft interessieren ihn nur in sofern, wenn er davon ausgehen muss, diese selber noch zu erleben. Alles, was nach seinem Tod stattfinden wird, interessiert die meisten von uns überhaupt nicht. „Nach mir die Sintflut”, meint für die meisten meistens ebenso: „Vor mir die Sintflut”. Sie könnten diese Sintflut also verhindern, doch dafür fehlt ihnen das entscheidende Motiv: Selbstlosigkeit. Verkraftbar ist die Sintflut nur deshalb, weil jeder, der sie billigend in Kauf nimmt, davon ausgeht, schon tot zu sein, wenn sie sich ereignet.

Viel Zeit muss nicht investieren, wer in der Geschichte nach Personen sucht, die bereit waren, der „nach mir die Sintflut”-Haltung zu trotzen, sprich, ihre persönliche Zukunft zu verkürzen, den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, da sie in ihrer Gegenwart erkennen mussten, dass sie Teil einer Geschichte wurden, die im Desaster für alle enden würde.

Mut ist sehr selten in der Geschichte. Selbstlosigkeit kommt kaum vor.
Menschen, die man im Anschluss entweder zu Verrätern oder Helden hochstilisiert oder in den Staub tritt, zeigen in der Stunde der Bewährung vor allem Courage. Sie wissen nicht, was auf sie zukommen wird, wenn sie in ihrem System rebellieren, aber sie stellen sich ihrer Angst und treten aus der Masse heraus, um den Massen zu helfen.

Das macht diese Menschen angreifbar, und meistens müssen diese Personen für ihr Tun mit ihrem Leben bezahlen, denn die Massen sind in der Regel unfähig, Solidarität und Gegenwart zu kombinieren. Massen zeigen Anerkennung meist posthum. Sprich für Menschen, die erst sterben mussten, um bei den Massen Anerkennung zu finden.

Wo stünde ICH in der Stunde der Bewährung?

Wäre ich beispielsweise zwischen 1933 und 1945 eher wie die Geschwister Scholl gewesen?
http://de.wikipedia.org/wiki/Geschwister_Scholl

Oder aber Hitlers Sekretärin?

Heute nennt man Menschen, die ein persönliches Risiko eingehen, um die Gesellschaft vor größerem Schaden zu bewahren, oft Whistleblower.
http://de.wikipedia.org/wiki/Whistleblower

Whistleblower sind Menschen, die Staatsgeheimnisse verraten, wenn sie nicht nur glauben, erkannt zu haben, sondern wissen, dass der Staat seine Bürger massiv belügt und die Grundrechte des Staates selber mit Füßen tritt.

Vor der Erfindung des Internets war ein Whistleblower auf ein großes Medienhaus angewiesen. Eine Zeitung, eine TV- oder Radiostation, einen Verlag, um die Geheimnisse zu veröffentlichen. Daniel Ellsberg wäre in den 60ern ohne die Washington Post oder die New York Times für immer im Gefängnis verschwunden.
http://www.youtube.com/watch?v=eEKGZk3OjHM

Heute ist das anders. Menschen wie Julian Assange, Bradley Chelsea Manning oder ganz aktuell Edward Snowden, haben erst durch die Digitalisierung der Medien ihre Durchschlagskraft erhalten. Sie können auch aus der völligen Deckung heraus weiter publizieren und die Menschen aufklären.

Dennoch bezahlen Whistleblower für ihr Tun einen extrem hohen, persönlichen Preis. Alles was WIR, die Gesellschaft, ihnen zurückgeben können, ist unsere Solidarität. Unsere Unterstützung. In der Gegenwart.

Am 30. August 2013 verlieh die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, gegründet 1959 u.a. durch Carl Friedrich von Weizsäcker, in Berlin an Edward Snowden den Whistleblower-Preis 2013. Natürlich ohne, dass Snowden persönlich erscheinen konnte. Er ist der aktuelle Staatsfeind Nr.1 der USA. Diese Preisverleihung muss für die USA mehr als ein Schlag ins Gesicht sein. Der VDW hat mit diesem Preis die Vereinigten Staaten provoziert.

http://www.vdw-ev.de/index.php/de-DE/

KenFM sprach mit Reiner Braun, Geschäftsführer beim VDW, über das Motiv, den Preis an Snowden zu verleihen, den Amerikaner mit jetzt russischem Pass.

Ein Gespräch, das aufrütteln muss, da es jeden von uns mit der Frage konfrontiert, wohin diese Gesellschaft eigentlich driftet, und ob wir es uns als Gemeinschaft eigentlich leisten können, den herrschenden Imperialismus weiter werkeln zu lassen, immer in der Hoffnung, ab Punkt X würden die Verantwortlichen schon selber einlenken.

Die Verantwortlichen sind WIR.

www.vdw-ev.de


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