Niveauregulierung – eine Kolumne (36)

von Bernhard Loyen.

Szenario. Sie sitzen als gläubiger Bürger in der Kirche und möchten dem Klingelbeutel ein wenig Kleingeld zuführen. Da spricht der Kirchenangestellte: Gott verzeih, aber wir akzeptieren leider nur noch Kreditkartenzahlung über unsere App. Blödsinn?

Ein Obdachloser möchte ihnen seine Zeitung offerieren, z.B. den Strassenfeger. Er spricht: Sollten Sie kein Bargeld dabei haben, können Sie auch gerne mein Kartenlesegerät nutzen. Blödsinn?

Beide Szenarien gehören inzwischen zum Alltag der schwedischen Gesellschaft. Gesehen habe ich dies, in einer sehr aufschlussreichen Dokumentation auf dem Sender 3Sat[1]. Der Titel der Sendung lautet: Bye Bye Bargeld.

Schweden gilt als Vorreiter zum Thema Bargeldabschaffung. Die Mehrheit der Bürger, dieses eigentlich sehr sympathischen Landes, können bzw. wollen in dieser Entwicklung kaum Negatives erkennen. In meiner Generation, sprich der Kirchgänger Mitte 30, hat man kein Bargeld mehr dabei. Nur noch Karten und das Mobilgerät. Es ist so einfach mit dem Handy, erklärt ein anderer Mann. Warum Bargeld nutzen?, fragt er in die Kamera.

Kenneth Rogoff[2], US-Ökonom und bekennender Bargeldkritiker, behauptet in der Dokumentation, dass in den USA ca. 1,3 Billionen Dollar Bargeld im Umlauf seien. Dies entspräche 6000 Dollar über die jeder Bürger – theoretisch – verfüge. Ja, das sind diese schönen Statistiken, die oft so weit entfernt sind von nüchterner Realität. Warum soll nun das Bargeld schleichend abgeschafft werden?

Rogoff sinniert: Wozu braucht man den 500-Euro-Schein? Für wen wurde er gedruckt? Für Eliten?, fragt er. Ja, bestimmt nicht für das normale Fußvolk. Die darauf folgende Umfrage auf der Straße bestätigt dies. Viele Bürger kennen den Schein nicht bzw. haben ihn noch nie in der Hand gehalten. Rogoffs Theorie lautet, diesen Schein brauchen wir nicht, also brauchen wir dann den 200er und den 100er Schein eigentlich auch nicht, lautet sein Theorievorstoß. Wer bezahle denn schon im täglichen Leben in diesen Scheingrößen? Da hat er mal Recht.

Eine weitere steile These von ihm lautet, dass die Banken Geld drucken, aber – Achtung – die Leute es nun nicht ausgeben, denn dafür sei es doch gedruckt worden. Es läge auf der Bank und sei ineffektiv.

Aha, also weil der Normalbürger keine großen Scheine nutzt, weil er zudem, lt. Rogoff, vermeintlich zu wenig Geld ausgibt, hat Bargeld generell keine Daseinsberechtigung mehr? Dass er etwaig schlicht über wenig Geld verfügt, gehört anscheinend nicht in die Gedankenwelt von Kenneth Rogoff.

Die Länder, die diese vermeintliche Problematik nun schon erkannt hätten, werden genannt: Schweden, Dänemark und (!) der Iran.

Schwedens Bänker erläutern die Gründe für die Abschaffung des Bargelds in ihrem Land schon sehr skurril. Hauptverantwortlich bzw. ausschlaggebend für die Umgestaltung der Gesellschaft, sei die in den 2000er Jahren forcierte Anhäufung von Banküberfällen gewesen. Nach Rückbau von Bankautomaten und Einrichtung von bargeldlosen Filialen sei die Zahl von 110 Banküberfällen in ganz Schweden im Jahre 2008, auf sieben im Jahre 2015 zurück gegangen. Wow. Da hat man natürlich kaum noch Gegenargumente, oder doch? Dazu später mehr.

Laut Statistik der deutschen Bundesbank erfolgen weiterhin 80% der Einkäufe in Deutschland in bar. Nur noch 33% der Bürger zahlen nur bar. Es gäbe jedoch inzwischen 60 Millionen Kartenzahlungen jeden Tag. Statistisch soll jeder Bundesbürger 103 Euro Bargeld mit sich rumtragen. Wodurch diese Zahl analysiert wurde, wird nicht erklärt.

Gegenüber dem Bargeld müssen also andere Anreize geschaffen werden. Was zieht immer beim Bürger? Angebote, Schnäppchen, Prozente, Aufmerksamkeit. Zusammengefasst nennt sich das Bonus oder Payback Cards, in Verbindung mit der immer forcierteren App. Technik. Sehr beliebt inzwischen, u.a. bei Lebensmittel-Discountern. Früher wurde geklebt, heute Bonuspunkte nur noch in der Kombination Smartphone und Karte.

Die Sprecherin von der Netto AG versichert freundlich lächelnd, sie hätten natürlich keinerlei Bedarf an den Daten der Kunden. Dem Bewegungsprofil, der Auswertung von Kaufverhalten. Wann, wo, was und aus welchem Preissegment. Eine schlichte Lüge.

Ist ja auch wirklich blöd. Das kleingedruckte wird auf dem Display des Smartphones noch kleingedruckter. Egal, der Bonuspunkt, die Belohnung winkt und leuchtet. Der Dokumentarfilmer recherchiert folgendes Einverständnis nach download der Netto App: Der Kunde erkläre sich mit der Erstellung eines personenbezogenen Nutzerprofils durch Netto einverstanden. Kein Bedarf an Kundendaten?

Die österreichische Spaßcombo Erste Allgemeine Verunsicherung hatte 1985 ihren großen Hit Ba-Ba-Banküberfall[3]. Nachfolgende Generationen könnten nun bald fragen, was die Bedeutung des Wortes sei. Gibt es zukünftig keine Probleme mehr für die Geldhäuser? Weit gefehlt. Ein Mitarbeiter von Europol spricht in der Dokumentation von annähernd 600.000 Schadprogrammen, die in der Bankenwelt weltweit in den letzten Jahren für Falten auf der Stirn sorgen. Über die Jahre kam es zu diversen Hackerangriffen, die nur ein Ziel hatten. Geld und zwar Millionen. Nur nicht eben mehr in Form von Banknoten, sondern von virtuellen Transkationen von Kontenplünderung. Banküberfall 2.0.

Der Europol Mann erklärt: Die Öffentlichkeit erfahre davon nicht so viel, da es den Banken weniger um die verlorenen Millionen Euros und Dollars geht. Der Schaden sei, wortwörtlich, nicht so wichtig. Es gehe um Vertrauensverlust bei Kunden und dem Profil, dem Standing eines Bankhauses in dieser umkämpften Branche.

Die Bindung, die Verpflichtung, wenn nicht sogar früher oder später die Nötigung der Bürger an die Kartenzahlung, ist gefährlich. Ein weiteres Mosaik zur Totalkontrolle über Menschen durch die Speicherung von Daten, reduziert auf ein handtellergroßes Multifunktionsgerät.

Die Bereitschaft dazu ist anscheinend, bei einem weltweiten Anteil dieser Gesellschaft über gezielte Manipulation, schon erfolgt. Welche Faktoren gibt es noch? Naivität, Bequemlichkeit? Die Besitzerin einer Bowlingbahn in Stockholm erklärt die Gründe für die Umstellung des Unternehmens auf reine Kartenzahlung: Man habe sich so oft bei der Abrechnung verzählt und es hätte auch immer so viel Zeit in Anspruch genommen. Bye-Bye Bargeld, oder Bye-Bye Brain? Eines jeden persönliche Entscheidung.

In der Jungen Welt las ich die Tage sehr treffende Zeilen: “Nichts auf der Welt ist so gut, dass sein falscher Gebrauch nicht schädlich wäre, und nichts ist so schlecht, das die Menschen nicht doch einen Nutzen daraus zögen.” Standhaftigkeit wird zusehends zu einer wirklichen Herausforderung.

[1] – http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=57628

[2] – https://de.wikipedia.org/wiki/Kenneth_S._Rogoff

[3] – https://www.youtube.com/watch?v=mpSGqBayE_Q

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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