Niveauregulierung – eine Kolumne (26)

von Bernhard Loyen.

Parallelwelten. Republic of Pineland, Island of Aragon, Attica, Republic of Krasnovia und Atropia. Schon mal davon gehört bzw. wen oder was stellen diese Namen da?

Alle fünf genannten Namen sind US-amerikanische Truppenübungsplätzte, außerhalb der USA. Benannt werden fiktionale Länder, um Kriseninterventionen zu simulieren und zu trainieren. Etwas direkter formuliert – man übt Krieg.

In Deutschland kämpfen US Soldaten für das Land Atropia. Wo liegt Atropia? Es liegt in der schönen Oberpfalz, nahe dem Örtchen Hohenfels[1]. Im angefügten Artikel aus dem Jahre 2014, geht es dann auch gleich zur Sache. Hohenfels.Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit findet derzeit auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels ein großangelegtes Manöver statt. 6034 Soldaten aus 16 Nationen beteiligen sich an der Übung „Saber Junction 2014“, die auch in Verbindung mit dem zeitgleich in vier Ländern abgehaltenen Nato-Manöver Steadfast Javelin II steht. Saber Junction biete eine Reihe von dynamischen Abläufen, die die Teilnehmer bei Luftlandeoperationen, konventionellen Kriegsszenarien, Stabilitäts- und Abwehroperationen sowie bei der Unterstützung von Zivilbehörden auf die Probe stellen.

Weitgehend unbemerkt= Parallelwelten. Weiter geht’s. Und das Übungsszenario auf dem Truppenübungsplatz hat es in sich: Vor dem Hintergrund eines Angriffs des fiktiven Staats Atropia auf sein Nachbarland Ariana greifen die von der UN mandatierten Koalitionskräfte in den Konflikt ein, um die Souveränität Atropias wiederherzustellen.

Nun gibt es die kriegerische Seite = Armee, soll heißen die Soldaten. Die werden von der US Army gestellt. Zu einem Krieg, gehören natürlich auch Kämpfe in und um Städte und Dörfer. Wie soll das aber simuliert werden? Der Krieger braucht Häuser, in unserem Falle die fiktive Ortschaft Avsar  und das Übungsdorf Enswang  und die dazu gehörige Zivilbevölkerung zum Todschießen. Nein, das war jetzt unsachlich. Sie brauchen die Zivilbevölkerung, um eine humane Intervention zu üben. Dabei könnte es natürlich, wenn gar nicht vermeidbar, im Ernstfall zu Kollateralschäden kommen.

Das Wort Kollateralschaden, war Unwort des Jahres 1999[2]. Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit; NATO-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg. Ins Leben gerufen, wurde dieser Begriff, von dem britischen NATO – Pressesprecher Jamie Shea[3]. Nun zurück zur benötigten Zivilbevölkerung. Haben sie gerade viel Zeit und haben genug in ihrer sozialen Hängematte geruht? Suchen sie Abwechslung von ihrer 70 Std. Woche und brauchen eine kleine Auszeit. Dann bewerben sie sich heute noch als – CIVILIAN ON THE BATTEFIELD

 Parallelwelten? Die Firma SST (Supply and Service Team) sucht Statisten für den Krieg, also den Übungskrieg[4]. Was sind COBs? Wie erfahren – Civilians On The Battlefield (COBs)
steht für Zivilisten auf dem Gefechtsfeld.
Auf verschiedenen Truppenübungsgeländen europaweit finden regelmäßig militärische Übungseinsätze der NATO-Streitkräfte statt. Um die Übungen so realitätsnah wie möglich zu gestalten, werden zahlreiche Statisten (COBs) benötigt.

Achtung! Die Sicherheit unserer Teilnehmer steht dabei an vorderster Stelle. Für die Soldaten gelten strenge Regeln und Auflagen für den Umgang mit den COBs. Kollateralschäden, also Tote, ich meine zivile Opfer, bzw. Ziele und Opfer, werden dann im realen Krieg unter anderen Regeln bespielt. Gibt es da eigentlich auch strenge Regeln, also im offiziellen Nahkampf? Sollte die Firma SST momentan keinen Bedarf haben, gibt es noch die Firma Optronic[5]. Seit dem 19.Dezember 2016 begrüßt den Besucher ihrer online Seite folgender Text – Wir wünschen all unseren Mitarbeitern und unseren Kunden frohe Weihnachten und ein gutes und erfolgreiches neues Jahr.

Nennt man das Zynismus, oder Business-Talk. Die Zivilbevölkerung im Irak, Libyen, Afghanistan, Jemen und Syrien, wird sich “bedanken”.

Die Firma bleibt im Ton freundlich und informiert.  Gesucht werden Statisten (Civilians on the Battlefield) für Rollenspiele bei Trainingseinsätzen der U.S. Army. Durch die Statisten wird die Zivilbevölkerung in Krisengebieten dargestellt. Dadurch wird ein realitätsnahes Übungsszenario für die Soldaten und somit eine optimale [sic!] Vorbereitung für deren Auslandsmissionen erreicht.

Wir lernen ein anderes Wort für Krieg – “Auslandsmission”. Wie es so aussieht und abläuft im Ausland, weiß natürlich die Armeezuarbeiter Firma. Die Teilnehmer (Civilians on the Battlefield) spielen kleine Statistenrollen wie z. B. ein Viehzüchter, Ladenbesitzer oder auch der Bürgermeister eines Dorfes in Afghanistan der hin und wieder auch mit den anwesenden U.S. Streitkräften vermittelt und verhandelt. Auf dem Übungsgeläne sind bis zu 10 Dörfer künstlich angelegt die jeweils aus 10 bis 30 Häusern bestehen. Die Statisten – sogenannte COBs = Civilians On the Battlefield (dt.: Zivilisten auf dem Gefechtsfeld) werden benötigt um eine möglichst realitätsnahe Umgebung für die Übungen der NATO/ISAF Truppen zu ermöglichen. Die Zivilisten werden dazu auch mit Infrarot-Detektoren (M.I.L.E.S.) ausgestattet. Über Sender auf den Gewehren der Soldaten kann so festgestellt werden ob in der Realität Zivilisten zu Schaden gekommen wären.

So parallel sind diese Welten doch nicht. Die Sendung Galileo auf Pro7, fand die Existenz so spannend für ihr Infotainment Segment, das es zu einem Besuch im Jahre 2015 in Atropia kam.

Anmoderation: Es gibt einen seltsamen Ort, mitten in Deutschland, und an dem herrscht Krieg. Das kling doch spannend, befand Pro7 und fabulierte weiter… da mussten wir natürlich hin, also seien sie dabei[6]. Es folgen 12.43 Minuten Parallelwelten Irrsinn. Aus Infotainment wird Militainment der übelsten Sorte. Schauen sie sich es an, wenn sie staunen wollen, wie unreflektiert erwachsene Menschen dort mitmachen und ein kriegerisches System unterstützen. Es stört alle Teilnehmer anscheinend nicht, Gesichts (eye scan)- und Fingerabdruckerkennungen durchführen lassen zu müssen. Was passiert mit diesen Daten? Für 85,- € Komparsen Gage am Tag macht man das dann eben mit und schaltet das Gehirn komplett ab. Es wird viel gelacht in diesem Beitrag, weil das anscheinend alles sehr lustig und aufregend ist. Dazu läuft im Hintergrund Tritratrullala-Musik. Es soll mutwillig suggeriert werden, hier wird nur gespielt, geübt = ungefährlich. Man ist fassungslos, wenn die 12.43Min um sind. Die Millionen Angehörigen, der Millionen Toten weltweiter US-Intervention würden in den Bildschirm speien und treten, würden sie diesen Beitrag sehen. Der Hauptprotagonist Hauke ist von so unfassbarer Naivität und schon aggressiver Dummheit, dass…..Zum Ende des Beitrags, es geht um einen Hinterhalt in dem US Soldaten zu Tode kommen, wird der Soldat, der den einheimischen Terroristen gespielt hat, gefragt – wie war das Gefühl, als du die zwei erschießen musstest? Er antwortet mit einem kleinen Schmunzler – daily work, tägliche Arbeit, dafür bin ich da, um sie zu trainieren. 

Soldaten sind im Kriegseinsatz potentielle Mörder. Der Kabarettist Dieter Hildebrand fragte 1989 – Was wäre, wenn alle Soldaten nicht potentielle …sondern potentielle Deserteure wären? Was würde Bonn (heute Berlin, B.L.) denn wohl dazu sagen?“

Diese Parallelwelten sind tägliche Realität. Mögen sie ins Bewusstsein vieler Menschen gebracht werden. Am 18. Und 19. Februar 2017 findet die Münchner Sicherheitskonferenz statt. Eine andere Parallelwelt, die eigentlich Unsicherheitskonferenz genannt werden müsste. Auch 2017 kann es nur heißen, weltweite Kriege zu vermeiden, zu verhindern. Edwin Starr formulierte das  1970 in dem Lied “War” so:

Ooh war, I despise
‘Cause it means destruction of innocent lives
War means tears, to thousands of mother’s eyes
When their sons go off to fight and lose their lives
I said, war (h’uh)
Good God, y’all!
(What is it good for?)

Absolutely (nothin’) ‘gin
Say it again[7]

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

 

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