Muttertag? Nein Danke!

Ein historisch kontaminierter Feiertag gehört abgeschafft. Und die Sonderrolle der Mutter auch. Denn: der Mensch wird kein besserer Mensch nur dadurch, dass er Kinder hat. Mütter sind Menschen wie andere auch. Ihre Glorifizierung ist nicht mehr zeitgemäß. Und setzt sie überdies selbst unter den Druck des Leistenmüssens. Der Plan stattdessen: Mütter zu entlasten. Dafür muss auch die Alleinherrschaft der Kleinfamilie über die eigenen Kinder aufgegeben werden. Kinder sind keine Untertanen. Und sie gehören niemandem. Wir alle, ob Eltern oder nicht, sind verantwortlich, mit unserer Kraft und unserem Bewusstsein so zu haushalten, dass Kinder zu sich selbst kommen dürfen und sich nicht verleugnen müssen. Was auch bedeutet, dass wir uns, wo notwendig, einmischen müssen. Im Vertrauen darauf, dass Mütter, die in sich selbst sicher stehen, das verkraften. Und das gelingt umso besser, wenn sie ihren Thron endlich verlassen können. Und Mensch sein dürfen. Wie ihre Kinder eben auch.

Von Sylvie-Sophie Schindler.

Medea ist natürlich ein ganz schlechtes Beispiel. Sie hat ihre beiden Söhne getötet. Keine Pralinen, keine Blumen, für Medea fällt der Muttertag aus. Die besten Mamas der Welt sind anderswo. Statt große Tragödinnen der griechischen Mythologie sind sie wahre Heldinnen des Alltags. Alleine der Berliner Prenzlberg, der, sorry, mal wieder herhalten muss, ist voll von Lara Crofts mit Still-BHs unter den Bio-Shirts, die mit Kampfkinderwägen von Spielplatz zu Spielplatz donnern und notfalls über zwei, drei Passanten. Gibt´s Verletzte, regelt das die windelverpackte Leonore-Chiara oder der schnullerwerfende Elias-Torben, die mit ihren knapp achtzehn Monaten im dritten Semester Jura studieren. Mamas ganzer Stolz darf freilich kein Loser sein. Nein, das ist kein Mama-Bashing, sondern ein Mama-Test über die Befähigung zur Selbstironie. Mama-Bashing wäre nämlich keine gute Idee, sondern parasuizidal. Das Motto bei Beerdigungen heißt: De mortuis nil nisi bene -über Tote soll man nur Gutes reden. Für Mütter gilt das bereits vor dem Exitus. Gemäß den nur leicht abgewandelten Gedichtzeilen von Friedrich von Schiller: „Ehret die Mütter! Sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.“ Manche gehen sogar so weit, sie mit religiösem Impetus zu einer Mater dolorosa zu verklären, eine, die sich gnadenlos aufopfert für ihre Nachkommen. Was heutzutage keine Heim-und-Herd-Verpflichtung mehr bedeutet, aber wochenlanges, nervenaufreibendes Mutter-Kind-Pauken, damit es der Spross aufs Gymnasium schafft. Bei so viel oxytocingesteuertem Engagement ist der Muttertag ja wohl das Mindeste. Tatsächlich?

Die Nationalsozialisten haben den Muttertag zwar nicht erfunden, er stammt ursprünglich aus den USA und lässt sich sogar bis ins antike Griechenland zurückverfolgen, aber sie haben ihn ab 1933 zum offiziellen Feiertag erklärt, um ihre Mutter-Propaganda zackig voranzutreiben. Zwei Tage vor dem Muttertag bekam ich eine E-Mail: „Rezepte mit Herz.“ Propaganda light oder einfach nur eine „endnice“ Geste zum Muttertag? Natürlich geht es nicht in jeder Familie so abgründig zu wie in Thomas Vinterbergs Dogma-Film „Das Fest“, Muttertage können sicher ganz hübsch sein, dennoch, sie bleiben historisch kontaminiert. Eine weitere Instrumentalisierung nicht ausgeschlossen. Die Glorifizierung der Mutterrolle, hervorgehoben durch den Feiertag, spielt weiterhin Parteien in die Hände, die reaktionäre Frauenbilder vertreten und die Produktion von, und das bitte zahlreich, deutschstämmigen Nachwuchs vorantreiben wollen; das Mutterkreuz lässt grüßen. Ein anderes Argument ist der Exklusionsgedanke: Lebensmodelle außerhalb der traditionellen Mutter-Vater-Kind-Konstellation werden entwertet. Und das ist ebenso wenig zeitgemäß wie etwa das Fliegen. 

Der Trend des Schämens könnte also von der Flugscham weiterführen zur, nennen wir es mal ungelenk so, Muttertags-Scham. Oder mindestens dazu, dass, wie es mehrere mitteljunge Mütter mir gegenüber formulierten, dieser Tag „sowas von egal“ ist. Bravo. Das nämlich ist der nächste Schritt. Er könnte beitragen zur Befreiung aus der Etikettierung „gute Mutter/schlechte Mutter“. Wer maßt sich überhaupt an, sich solcher Prädikate zu bedienen? Ontologisch betrachtet ist der Mensch schlicht ein Seiender im Sein. Bewertungen entwerten. Friedrich Nietzsche folgend sind wir alle jenseits von Gut und Böse ohnehin am besten aufgehoben. Mit Rumi, einem persischen Mystiker, poetisch formuliert: „Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.“  

Daher: Mütter sind Menschen wie jeder andere auch. Wer ihr Danke sagen will, kann das jederzeit tun. Sie brauchen keine Sonderrolle. Der Mensch wird ja nicht mehr Mensch nur dadurch, dass er Kinder hat. Sein Lebensentwurf steht gleichwertig neben anderen. Wenn überhaupt, dann liegt bereits im Menschsein die Anstrengung. Elternschaft als besondere Leistung hervorheben zu wollen, zeigt nur die fehlende Abnabelung von kapitalistischen Denkmustern, und erweist Müttern und Vätern noch dazu einen Bärendienst. Denn wer leistet, muss noch mehr leisten. Wer kennt nicht Eltern, die sich müde, erschöpft und ausgelaugt fühlen. Parentales Burnout. Mit einem Plädoyer für die Abschaffung des Muttertags wird die Mutter also mitnichten entwertet, sondern entlastet. Auch so kann gesundheitliche Prophylaxe aussehen. Aber damit wären wir noch nicht durch. Die Abschaffung genügt mir nicht. Vielleicht, und dazu will ich anregen, kann es gelingen, stattdessen mehr Bewusstsein zu schaffen für die, die eine Mutter erst zu einer Mutter machen. Für die Kinder. Ein Anliegen, das mich nicht loslässt. Kurz zu meinem Hintergrund: Ich bin nicht nur seit 18 Jahren Journalistin, sondern auch ausgebildete Erzieherin und hatte mit weit mehr als tausend Kindern und Eltern zu tun.

Auf Anfang. Vor dem Muttersein steht das Mutterwerden. Auch hier: wie außergewöhnlich ist es eigentlich, sich fortzupflanzen? Der Vorgang ist trotz Komplexitätserweiterung durch die Reproduktionsmedizin durchschaubar: eine Frau und ein Mann hatten Geschlechtsverkehr, der, was sich spätestens neun Monate später zeigt, nicht folgenlos blieb. Väter dürfen sich übrigens genauso angesprochen fühlen. Auch mit der Frage, warum sie überhaupt Kinder wollen. Lassen wir dem Kinderrechtler Ekkehard von Braunmühl den Vorrang, präziser zu werden. In seinem antipädagogischen (!) – nicht: antiautoritären-  Plädoyer „Zeit für Kinder“, das sich für alle zu lesen lohnt, die an Kinderfreundlichkeit interessiert sind, schreibt er: „Wer sich ein Kind wünscht, hat noch die Chance, sich rechtzeitig darüber klar zu werden, ob er sich wirklich einen Sklaven wünscht, ein Spielzeug, ein lebendiges Schmusetier, einen Blitzableiter für den Alltagsstress, ein Objekt für seinen Ehrgeiz und Stolz oder gar einen Sinn für sein Leben.“ Und weiter: „Solche Gefühle und Ideen wären die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für ein Kind.“ Wäre noch zu klären, wie das biologische Bedürfnis, sich fortpflanzen zu wollen, einzuordnen ist. Nochmal von Braunmühl: „Weder für eine Frau noch für einen Mann „gehört es dazu“, ein Kind zu haben. Wir leben nicht mehr im Urwald.“

Geht das überhaupt jemanden was an, warum andere Kinder kriegen? Jahrhundertelang wurden Kinder als Besitz ihrer Eltern betrachtet. Was sie mit ihnen taten oder nicht taten, war deren Angelegenheit. Außenstehende hatten sich da nicht einzumischen. Der Reflex mag nachvollziehbar sein. Auch heutzutage verweigern sich Eltern in der Regel, wenn andere ihnen sagen wollen, wie sie es zu machen haben. Doch Meinungsdiktatur von außen ist ebenso abzulehnen wie elterliche Alleinherrschaft, die durch das Konzept der hermetisch abgeschlossenen Kleinfamilie nur noch weiter gestützt wird. Kinder sind keine Untertanen. Und sie gehören niemandem. Auch nicht den Menschen, die sie gezeugt und geboren haben. Dass der menschliche Säugling allein nicht lebensfähig ist, mag denen, die sich um ihn kümmern, Bedeutung verleihen. Impliziert aber die Gefahr, das frühkindliche Angewiesensein auszunutzen. 

Von Odysseus haben wir gelernt, bei Sirenengesang rechtzeitig vorzusorgen. In der daran angelegten Metaphorik gesprochen, gilt es, die Ohren mit Wachs zu verschließen. Nicht hinhören auf die Verführung, der Mütter durch die einstige Nabelschnurverbundenheit sehr wahrscheinlich viel stärker erliegen können. „Die meisten Mütter können von ihrem Narzissmus, der ihnen vom Kind widergespiegelt wird und der ihnen vormacht, dass sie die einzig wirklich Geliebte sind, nicht lassen“, schreibt beispielsweise Barbara Vinken in ihrem Buch „Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos“. Auch bereits verstorbene Kinderforscherin Alice Miller schilderte in ihren Reflexionen über die eigene Mutter den toxischen Mechanismus: „Dass meine Mutter zu dem einzigen Mittel der Macht griff, das die Gesellschaft ihr als Frau immer schon als die einzige „Belohnung“ für alle zugefügten Demütigungen bot. Mit der uneingeschränkten Herrschaft über den Körper und die Seele eines kleinen Kindes schenkte sie ihr ein immenses Königreich.“

Ein Königreich, das verteidigt werden will. Sag mal einer Mutter, sie soll mit ihrem Kind nicht so schreien, dann ist aber was los. Nur: es darf uns nicht egal sein. „Sind so kleine Ohren….darf man nie zerbrüllen, werden davon taub“, sang die Liedermacherin Bettina Wegner in den späten 70er-Jahren. Wenn das Kind noch nicht in der Lage ist, für sich selbst einzustehen, dann braucht es Menschen, die das für es tun, und wenn das gerade nicht die Eltern sein können, aus welchen Gründen auch immer, müssen wir uns verantwortlich fühlen. Gemäß Grundgesetz Artikel 6, Absatz 2: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Mütter, und freilich auch Väter, die sicher in sich selbst stehen, werden verkraften, und hoffentlich die meisten auch wünschen, dass auch wir anderen einen wachen Blick haben. Laut der Angaben der Berliner Rechtsmediziner Saskia Guddat und Michael Tsokos werden jeden Tag in Deutschland mehr als 500 Kinder von Erwachsenen aus ihrem familiären Umfeld misshandelt. Wir sprechen hier von den schweren Fällen. Die Dunkelziffer ist naturgemäß hoch. Doch Gewalt ist nicht immer offensichtlich. Gerade emotionale Misshandlung, ein leider noch viel zu wenig beachtetes Thema, geschieht oft en passant, so nebenbei, fast als wäre sie nicht geschehen. 

Also doch Mama-Bashing? Die Psychologie lehrt, dass nur derjenige sich angegriffen fühlt, der glaubt, ertappt worden zu sein. In der Regel geschieht das unbewusst. Eine Verteidigung ist deshalb meist auch ein Eingeständnis. Statt sich in die nächste Erregungswelle zu stürzen, will ich dazu inspirieren, und das bei allem, was schief und krumm laufen kann, dass wir alle, ob Eltern oder nicht, mit unserer Kraft und unserem Bewusstsein so haushalten, dass Kinder zu sich selbst kommen dürfen und sich nicht verleugnen müssen. Weil Alice Miller mir voraushat, in „Das Drama des begabten Kindes“ bereits formuliert zu haben, wie das aus Kindersicht aussehen kann, überlasse ich ihr die letzten Worte: „Ich darf traurig oder glücklich sein, wenn mich etwas traurig oder glücklich macht, aber ich bin niemandem eine Heiterkeit schuldig und muss nicht meinen Kummer oder Angst oder andere Gefühle je nach Bedürfnissen Anderer unterdrücken. Ich darf böse sein, und niemand stirbt daran, niemand bekommt Kopfweh davon…“ 

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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