Mudita Sanctuary – Hoffnung für die Beziehung zwischen Mensch und Tier?

Ein Kommentar von Sean Henschel.

„Mudita“ ist ein zentraler Begriff der buddhistischen Ethik und beschreibt eine Art „Mitfreude“, die man über das Wohlergehen anderer Lebewesen empfindet. „Mudita“ ist der Gegensatz dessen was man Schadenfreude nennt und bildet die Essenz des Mudita Sanctuary, einem Lebenshof in der wunderschönen Dordogne, auf dem mehr als 60 Tiere eine Zuflucht gefunden haben.

Egal ob „Nutztier“ oder „Haustier“, groß oder klein, alt oder jung, das Mudita Sanctuary bietet den verschiedensten Tieren ein neues Zuhause. Eines haben sie aber fast alle gemeinsam: sie waren nicht mehr gewollt und in vielen Fällen war Mudita die letzte Alternative zum Schlachthof oder zur Einschläferung beim Tierarzt. Auf Mudita angekommen können die Tiere den Rest ihres Lebens in Ruhe und Frieden verbringen. Sie verbringen ihre Zeit mit ihren Artgenossen auf großen Weiden und erhalten die beste Versorgung inklusive Streicheleinheiten.

Gegründet wurde das Mudita Sanctuary von Ariane von Rothkirch, einer belgischen Innenarchitektin, die vor einigen Jahren entschied, ihr Leben gänzlich der Rettung und Pflege von missbrauchten Tieren zu widmen. Unterstützt wird Ariane von ihren drei Töchtern, die sich aus Belgien um den Internetauftritt des Hofes kümmern. Hinzu kommen freiwillige Helfer, die für einen gewissen Zeitraum auf dem Hof leben und bei der Betreuung der Tiere anpacken.

Einer der Mudita-Bewohner ist Chronos, ein sechsjähriger Holstein-Stier. Ariane fand ihn als ca. 3-wöchiges Kälbchen mit einem Dutzend anderer Kälber im Stall einer ihrer Nachbarn, einem Milchbauern. Die Kälber waren einzeln mit Ketten an der Wand festgebunden und lagen auf mit Kot und Urin verdrecktem Stroh. Bei einigen waren schon Hautirritationen und Verätzungen aufgrund des ständigen Kontakts mit den eigenen Fäkalien sichtbar. Auf die Frage, was mit diesen Kälbern passiert, gab der Nachbar zur Antwort, dass die Männlichen unter ihnen am nächsten Tag nach Spanien transportiert würden, um für die Schlachtung gemästet zu werden.

Holstein-Rinder sind eine typische Milchkuhrasse. Deren männliche Kälber sind so dünn, dass sie für den französischen Fleischmarkt nicht von Interesse sind. Aus diesem Grund werden sie entweder direkt als Abfallprodukt entsorgt oder in ein anderes Land transportiert, um gemästet und dort als Kalbfleisch verkauft zu werden. Weibliche Kälbchen erwartet das gleiche Schicksal wie ihre Mütter, sie werden Milchkühe. Um Milch zu geben muss eine Kuh, wie jedes Säugetier, zunächst Nachkommen zur Welt bringen. Sie wird also künstlich befruchtet, bekommt nach 9 Monaten Schwangerschaft ein Baby, das ihr meist innerhalb der ersten 24 Stunden weggenommen wird, damit es nicht die Milch wegtrinkt, die für den menschlichen Konsum vorbehalten ist. Dieser Zyklus wiederholt sich, bis nach circa 5 Jahren die Milchleistung nachlässt. Infolgedessen wird die Kuh zum Schlachthof geschickt und zu Hackfleisch verarbeiten.

Ohne zu zögern kaufte Ariane dem Milchbauern die drei männlichen Kälber ab und brachte sie zum Mudita Sanctuary, wo sie sie mit der Flasche aufzog und sich um sie kümmerte. Unterstützt wurde sie dabei von Pluche, einer bereits auf dem Sanctuary wohnenden älteren Kuh, die die Kälber unter ihre Fittiche nahm.

Mittlerweile ist Chronos zu einem stattlichen Stier von 1,2 Tonnen herangewachsen und verbringt sein Leben mit den anderen Tieren auf der Weide. In der Regel findet man ihn immer neben Hermes, einem Stier, mit dem er zusammen gerettet wurde.

 Bildquelle: Instagram Muditasanctuary

Eine weitere Bewohnerin von Mudita ist Roxy, ein Kune-Kune-Schwein. Sie ist erst vor wenigen Monaten zum Lebenshof gekommen, bildete aber schnell einen festen Bestandteil des Hofes und verfügt über einen kleinen Fankreis. Wie die meisten ihrer Artgenossen wurde auch sie gekauft um gemästet und anschließend geschlachtet zu werden. Die Familie, die sie gekauft hatte, gewann sie aber zu lieb um sie zu essen und suchte nach einem Zuhause für Roxy.

Auf Mudita teilt sie sich die Weide mit drei Schafen und hat sich – auch wenn sie erst mal auf Diät gesetzt wurde – sehr schnell eingelebt und fühlt sich sichtlich wohl. Wenn die Fütterungszeit naht, kann man Roxy schon von weitem grunzen hören, wenige Minuten bevor sie leidenschaftlich anfängt zu schmatzen. Da Schweine nicht nur sehr intelligente, sondern auch sehr soziale Wesen sind, genießt sie jede Minute, die die Helfer mit ihr verbringen, insbesondere, wenn ihr dabei der Bauch gekrault wird. Dafür wirft sie sich geradezu auf den Rücken und kann garnicht genug bekommen. Eins der nächsten Projekte ist es, Roxy einen Schlammpool zu bauen, damit sie noch besser wühlen, sich im Sommer abkühlen und vor der Sonne schützen kann. Sie ist so eine begeisterte in-der-Sonne-Liegerin, dass sie sich im Frühling bereits den ersten Sonnenbrand eingefangen hat.

Bildquelle: Instagram Muditasanctuary

Mudita ist auch die Heimat von Vali, einem rumänischen Straßenhund, der über eine Tierrettungsorganisation nach Frankreich kam. In Rumänien wurde 2014 ein Gesetz eingeführt, nach dem Straßenhunde eingefangen, in ein Tierheim gebracht und nach einer Frist von zwei Wochen getötet werden dürfen. Sowohl das Einfangen als auch das Töten der Hunde geschieht oft auf grausame Art und Weise. Traumatisiert durch seine gewaltvolle Vergangenheit, versuchte Vali mehrmals, Menschen zu beißen. Die Familie, die ihn ursprünglich aufnehmen wollte, brachte ihn daher wieder ins Tierheim, bis er schließlich zu Mudita kam. Auch hier brauchte Vali Zeit, um sich einzuleben, Vertrauen aufzubauen und ein Heimatgefühl zu entwickeln. Er verstand sich nicht gut mit anderen Hunden und hatte große Angst vor Männern, vor allem dann, wenn diese eine Kopfbedeckung trugen. Auch wenn Vali uns seine Geschichte nicht erzählen kann, lässt sein Verhalten einige Rückschlüsse auf seine gewaltvolle Vergangenheit schließen.

Wer Vali heute kennen lernt, kann kaum glauben, dass er mal als „Problemhund“ gesehen wurde. Man trifft auf einen glücklichen, lieben und sehr sozialen Hund, der Spaziergänge auf dem Hof unternimmt und sich sowohl mit den meisten Menschen, als auch mit den anderen Tieren gut versteht. Seit der (überraschenden) Geburt eines Lammes findet man ihn zum Beispiel oft neben oder in der Schafweide. Er scheint entweder seinen Hütehund-Instinkt entdeckt oder einfach nur großes Interesse zu haben. Vali ist ebenfalls ein großer Fan von Streicheleinheiten. Wer ein anderes Tier streichelt, kann sicher sein, dass sich wenige Sekunden später Valis Kopf unter die streichelnde Hand schiebt, um seine Portion Liebe und Aufmerksamkeit einzufordern. Auch wenn er vor manchen Menschen immer noch Angst hat, hat er doch riesige Fortschritte gemacht und zeigt, dass auch sogenannte „Problemhunde“ mit viel Zeit und Zuneigung Vertrauen und Lebensfreude wiederfinden können.

Bildquelle: Instagram Muditasanctuary

Nicht alle Tiere wollen menschlichen Kontakt. Manche ziehen es vor, ihr Leben mit ihren Artgenossen zu führen und auf Distanz zu gehen. Auf dem Lebenshof wird jedes Tier in seiner Individualität wahrgenommen und respektiert. Die Achtung der Individualität fängt beim Essen an, erstreckt sich aber auf die Bereiche täglicher menschlicher Interaktion bis hin zur medizinischen Versorgung.

Die Besonderheit an Mudita ist die Neudefinition der Mensch-Tier-Beziehung. Die Beziehung zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren ist mit einigen wenigen Ausnahmen eine sehr Gewaltvolle und Grausame, die zuweilen dazu führen mag, unsere eigene „Menschlichkeit“ in Frage zu stellen. Allein in deutschen Schlachthöfen werden jährlich über 750 Millionen „Nutztiere“ getötet. Nicht einbezogen in diese Zahl sind all die Tiere, die aufgrund der industriellen Aufzuchtbedingungen schon lange vor dem Schlachthof oder auf dem Weg dorthin sterben. Weltweit wird die Anzahl der jährlich geschlachteten (Land-)Tiere auf 80 Milliarden geschätzt – Tendenz steigend.

In Anbetracht dieser geradezu unvorstellbaren Zahlen und dem damit verbundenen unendlichen Leid ist man schnell geneigt, den Kopf in den Sand zu stecken und in gelähmter Apathie einfach weiter zu machen wie bisher, denn Hoffnung auf eine bessere Zukunft scheint in diesem Kontext schlichtweg naiv.

Nichtsdestotrotz gibt es vereinzelt Hoffnungsschimmer. Menschen, die ihre Beziehung zu Tieren neu überdenken, Orte, an denen Tiere in ihrer Individualität respektiert und gepflegt anstatt getötet werden. Kleine Oasen, die einen dazu verführen, vorsichtig den Kopf wieder aus dem Sand zu ziehen, um unvergessliche Momente mit Tieren zu erleben, denen wir eigentlich nur als in Plastik eingewickelte anonyme Masse im Kühlregal des Supermarkts begegnen.

Ariane von Rothkirch hat mit dem Mudita Sanctuary eindrucksvoll bewiesen, dass es mit genügend Disziplin, Ehrgeiz und Hoffnung möglich ist, scheinbar vollendete Tatsachen umzukehren und einen neuen Weg einzuschlagen. Der Lebenshof ermöglicht es die klassische Mensch-Tier-Beziehung auf einer neuen Bewusstseinsebene wahrzunehmen.

Finanziert wird der Lebenshof mit Eigenmitteln und Spenden – jede Unterstützung ist willkommen und hilft, dieses Projekt weiterzuentwickeln:

Mudita Sanctuary vzw
IBAN : BE87 0018 4949 8794
BIC : GEBABEBB

Quellen:

  1. https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/lebensmittelcheck/fakten-rund-ums-rindfleisch-100.html
  2. https://www.peta.de/themen/rumaenien-strassenhunde/
  3. https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schlachtzahlen-2020
  4. https://ourworldindata.org/meat-production#number-of-animals-slaughtered
  5. http://muditasanctuary.org

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

Bildquelle: privat: Kune-Kune-Schwein Roxy

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Abonniere jetzt den KenFM-Newsletterhttps://kenfm.de/newsletter/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

Bitcoin-Account: https://commerce.coinbase.com/checkout/1edba334-ba63-4a88-bfc3-d6a3071efcc8

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten findest Du hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

Auch interessant...

Kommentare (4)

Hinterlassen Sie eine Antwort