Mein Monopoly oder Ich kaufe eine Straße

Eine Satire von Wolfgang Bittner.

Kürzlich wurden Planungen des Bundesfinanzministers bekannt, die deutschen Autobahnen teilweise zu privatisieren, um seinen Etat aufzubessern. Wie aus ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, ist ferner geplant, in absehbarer Zeit sämtliche Straßen in Privathand zu überführen und die Erhebung einer Maut für deren Benutzung gesetzlich zu verankern. Dem Vernehmen nach soll dann die Mauterhebung auch auf Fußgänger und Radfahrer ausgedehnt werden.

Aber das wird lediglich der Anfang einer erheblich weitergehenden Privatisierungskampagne in Bund und Ländern sein. Denn bekanntlich sind die Kassen leer – warum auch immer. Schon jetzt werden von einzelnen Stadtverwaltungen unter der Hand ganze Straßenzüge zum Kauf angeboten, nachdem bereits Wasserwerke, Müllentsorgung, Kanalisation, Krankenhäuser oder einzelne Bereiche der Verwaltung in private Hand gegeben wurden.

Ich muss gestehen, dass ich die Chance, durch Eigeninitiative Nutzen aus dem öffentlichen Verkehr zu ziehen, außerordentlich attraktiv finde. Schon seit Längerem spiele ich mit dem Gedanken, eine Ich-AG zu gründen. Deswegen habe ich mich entschlossen, der Stadt die Straße, in der ich wohne, abzukaufen. Über den Preis ist noch zu verhandeln.

Also: Ich stelle mir vor, dass ich an beiden Straßenenden Kassenhäuschen und Schranken installieren lasse – selbstverständlich so dezent wie möglich und so effektiv wie nötig. Dort wird dann die Maut kassiert, und zwar je nach Umfang der Benutzung meiner Straße. Finden diese Maßnahmen demnächst in Zigtausenden von Straßen statt – wovon auszugehen ist –, wäre das ein durchschlagender Erfolg auch für die Arbeitsbeschaffung und damit für eine rapide Senkung der Arbeitslosenzahlen. Es geht doch nichts über Politiker mit Visionen.

Eigentlich wollte ich ja eine Straße in der Innenstadt erwerben, möglichst in der Fußgängerzone. Leider waren jedoch sämtliche Einkaufsmeilen, Durchgangs- und Schnellstraßen vorab schon für Interessenten reserviert worden, die früher als ich von den zu erwartenden Privatisierungsmaßnahmen erfahren haben. Immerhin blieb mir noch die Straße, in der ich wohne, die schließlich auch nicht zu verachten ist.

Natürlich würden sämtliche an meine Straße angrenzenden Parkplätze ebenfalls in meinen Besitz übergehen – eine nicht unerhebliche Einnahmequelle. Und auch die Post wird für ihre Zusteller zu zahlen haben, die tagaus tagein die Straße in Anspruch nehmen. Da die Deutsche Post inzwischen ein gewinnorientiertes Börsenunternehmen ist, werden diese Gebühren selbstverständlich ein wenig höher ausfallen als bei meinen zukünftigen Privatkunden.

Außerdem habe ich vor, ganz in der Nähe einen Kinderspielplatz zu kaufen, der allerdings für die Öffentlichkeit gesperrt und eingezäunt werden soll. Ich möchte ihn meinen eigenen Kindern und deren Freunden vorbehalten. Wenn alles erwartungsgemäß verläuft, werden wir uns das ohne Weiteres leisten können. Sie merken schon: alles ist von mir bestens durchdacht und die Planungen laufen bereits zu meiner vollen Zufriedenheit.

Zurzeit überlege ich noch, zusammen mit anderen Interessenten eine Vereinigung für Privatstraßenbesitzer zu gründen. Eventuell könnten wir uns dann auch am nächsten Wahlkampf beteiligen und eigene Kandidaten aufstellen. Ich habe da so meine Vorstellungen und warte nur noch auf den gesetzlichen Startschuss.

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