“Manöverfrühling” und “Völkerkunde”

Zwei Gedichte von Wolfgang Bittner.

 

Manöverfrühling

Wenn der Frühling kommt,
ziehen die Soldaten ins Manöver
und die Panzer schießen ins Kraut.
Ganze Kompanien graben sich ein,
jeder Soldat schaufelt sich ein Loch,
ein kleines Grab.
Dann kommen Schwärme von Panzern,
fahren über die Löcher,
drehen kettenrasselnd auf der Stelle,
bis nur noch
ein blutiger Brei übrig bleibt.
Wer wegläuft,
wird standrechtlich erschossen oder
an einem Telegrafenmast aufgehängt.
Aber wenn das Manöver aus ist,
gehen die Soldaten
wieder in die Kaserne.

***

Völkerkunde

Die ganze Welt
ein blühender Paradiesgarten
auf allen Kontinenten,
jedenfalls im Prinzip.
Hier wurde gesät und geerntet,
gesungen und getanzt,
gespielt und gelacht
später sagte man:
Freiheit, Gleichheit, Mitmenschlichkeit.

Die ganze Welt
ein stinkender Misthaufen
durch alle Jahrhunderte,
jedenfalls in der Realität.
Krieg und Vertreibung,
Piraterie, Sklaverei, Vergewaltigung,
Unterdrückung und Ausbeutung.
Jeder sich selbst der Nächste,
einer der Feind des andern.

Es wird wieder Krieg geben,
so heißt es,
Irgendwo oder bei uns.

 

 

(Aus: Wolfgang Bittner, „Südlich von mir“, Gedichte, Lyrikedition 2000/ Allitera Verlag, München 2014)

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung der Gedichte.

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