Mahnung 1. Weltkrieg

Von Bernhard Trautvetter.

Im Juli 1916 – also exakt vor 100 Jahren – begann die vielleicht verlustreichste Schlacht des 1. Weltkriegs. Die Zahlen sind nicht verifizierbar, da die Feinde unklare Angaben machten.

Sie brachte – wie die berühmtere Monate lange Schlacht von Verdun – niemandem einen militärischen Gewinn, aber Hunderttausenden den Tod. Die “Schlacht an der Somme” hat vermutlich einen größeren Blutzoll als Verdun verzeichnet. Der erste Weltkrieg begann in einer schrittweisen Dynamik, in die Deutschland u.a. damit eintrat, dass es wie blind der Habsburgmonarchie in Österreich-Ungarn einen Blanco-Scheck der Unterstützung aller seiner Handlungen ausstellte. Habsburg griff Serbien in einer Kollektivstrafe in Reaktion auf den Terrorangriff in Sarajewo an. Es gibt besorgniserregende Ähnlichkeiten mit Gefahren, die heute bei genauem Hinsehen sichtbar sind. Überall da, wo Militaristen Öl ins Feuer gießen, statt zu deeskalieren, setzen sie die Existenz der Zivilisation auf Spiel.

Nicht nur in der Ukraine, im Baltikum oder in Afghanistan/Irak/Libyen/Syrien… . Über Tony Blairs und G.W. Bushs kriegsverbrecherischem Angriffskrieg gegen den Irak liest man dieser Tage, die Verantwortlichen hatten sich zu wenig Gedanken über die Folgen des völkerrechtswidrigen Krieges gemacht. Dem entspricht heute die von Außenminister Steinmeier kritisierte Stimmung in der Nato, die er „Säbelrasseln“ nennt.

Zu den Auswirkungen der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gehört das politische Vakuum zu Beginn der Weimarer Zeit dadurch, dass die Staatsführung durch Kaiser Wilhelms Flucht nach  Holland in Deutschland erst einmal ein Vakuum hinterließ. Der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch Militaristen der sog. ‚Freikorps‘ tat ein Übriges.

Zu den Folgen zählen auch der Faschismus und der Zweite Weltkrieg, der im Einsatz der Atombombe mündete, einem ersten Aufflackern des Kalten Krieges, da Truman damit die Sowjetunion von japanischer Kriegsbeute abhalten wollte, wie sein Enkel am Hiroshima-Gedenktag 2012 in der Tokioter Universität berichtete.

Die Gedankenlosigkeit der Militaristen führt bis in unsere Tage: Militarismus besagt erst einmal, dass jemand im Militär eine Lösung und nicht die Ursache, nicht das Problem sieht. Die für diesen Realitätsverlust notwendige Wahrnehmungsverschiebung und Blindheit führen uns bis in die Gegenwart. Heute brechen die Militärs den Atomwaffensperrvertrag, indem sie nicht alles tun, eine nukleare Abrüstung herbeizuführen, obwohl sie dies vor fast einem halben Jahrhundert übernommen haben. Die Nuklearstrategie der Nato mit der Weiterentwicklung statt Abrüstung spielt mit dem Feuer, was die Herren wissen müssen, haben sie doch vor zwei Jahren die damals illegale Kiewer Jatsenjuk-Regierung mit Experten im Umgang mit Atomanlagen im Krieg ‚beraten‘, wie Nato-Generalsekretär Rasmussen am Rande einer Pressekonferenz eingestand. Ein nukleares Inferno in Europa ist das Damoklesschwert, das die Militaristen billigend in Kauf nehmen – sie wissen, dass das sich nicht mit den Interessen des Lebens vereinbart, aber sie bleiben im Hamsterrad der Eskalation.

Der dabei zu befürchtende Kontrolleverlust kann verdammt schnell eintreten. Die Übergänge zu dieser Gefahr sind fließend. Sie beginnen mit ähnlichen Fehleinschätzungen, Irrtümern und Selbstüberschätzungen wie in den Kriegen des 20. Jahrhunderts – Beispiel:

Die Bedenkenlosigkeit beim Überfall auf den Irak gegenüber der Gefahr eröffnete das Tor zur Destabilisierung bis hin zum Zerfall ganzer Staaten im Gebiet zwischen dem Golf und Nordafrika. ISIS ist eins der ‚Kinder‘ dieses Wahnsinns, der zeigt, dass Krieg selber bereits Terror ist. Der Donaukurier schreibt über diese unverantwortliche Bedenkenlosigkeit auch der britischen Regierung an der Seite der USA zum Beginn des Irak-Krieges 2003: „Der damaligen Regierung unter Premierminister Tony Blair stellte der Bericht am Mittwoch ein verheerendes Zeugnis aus: Sie sei den USA blind gefolgt und habe das Land in einen schlecht geplanten und nicht gerechtfertigten Einsatz geführt. Untersuchungskommission stuft britische Irak-Invasion als voreilig ein.“

(http://www.donaukurier.de/nachrichten/topnews/Grossbritannien-Irak-Konflikte-Regierung-Untersuchungskommission-stuft-britische-Irak-Invasion-als-voreilig-ein;art154776,3239592#plx1780520776)

Ein solcher Wahnsinn findet am 8. und 9. seine neue Form, wenn Militärs und PolitikerInnen auf dem Nato-Gipfel über einen möglichen Krieg mit der Atommacht Russland sinnieren und der polnischen Regierung mit ihrer antirussischen kriegsvorbereitenden Propaganda Schützenhilfe leisten. Das Märchen, dass die Krim initial an allen westlichen Eskalationsschritten Schuld sei macht all die Völkerrechtsbrüche der Nato-Staaten vergessen.

Am 08.07.1996 erklärte der Internationale Gerichtshof die Drohung mit und Anwendung von Nuklearwaffen für völkerrechtswidrig. Demgegenüber schreibt die Bundesakademie für Sicherheitspolitik zum Warschauer Gipfel: „Es erfordert allerdings einen neuen nuklearstrategischen Konsens in Bündnis. Dieser wird schwer zu finden sein, trifft derzeit das Drängen der osteuropäischen Mitgliedstaaten auf eine glaubwürdige nukleare Abschreckung als Mittel zur Kriegsverhinderung doch auf die traditionell nuklearkritischen Stimmungen in Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden. Darüber hinaus gibt es weitere Probleme….“

Es gibt Hoffnung: Die Friedensbewegung trifft im Westen auf eine Stimmung, die der Nato-Strategie gegenüber kritisch ist. Dieses Problem für die Militaristen in Berlin, Brüssel, Warschau, usw. … werden wir weiter entwickeln: Auf den Gedenktagen gegen die Atomwaffe, auf den Antikriegstagen, im Oktober in Kalkar/Essen und in Berlin…

Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der erste Weltkrieg, sei uns eine warnende Mahnung für „Nie wieder Krieg!“

Dazu dieses Gedicht:

 

Sonnen Untergang

Sonnen Aufgang
hinter dem Wald am Horizont
Gras über Schützengräben,
Spuren von Gas Phenol für den Sieg
immer noch in der Luft von Verdun in alle Welt.
Füße stolpern über Macheten, Knochen eiserne Kreuze
behelfsmäßig mit Erde bedeckt.
Diese unendlich friedliche Schönheit
soweit das Auge reicht
Roter Klatschmohn selbst wieder ein paar Rosen
das Schlachtfeld erglüht
bedrohlich schön.
Mit Stumpf und Stil
Schreie Verwundeter im Überlebenskampf
der Wind trägt sie immer auch jetzt gen Himmel in Herz.
Feld und Wald sterben nicht,
die Hoffnung träumt ganz ohne Schmerz.
Die ungeheure Vernichtung ungezählter Feinde,
die sich fürchteten nicht hassten,
im Dienst für Verbrecher, die die Lüge genannt Vaterland
über das Leben stellten,
der Schoß ist furchtbar noch
Befehl ist Befehl.
Asche zu Asche.
in Gottes Namen.
Des Kaisers General
der große Rückzug
Friedenseichen an Massen Gräbern
Kein Zweck heiligt den Mord
am Leben
damals nicht
heute
nie.
Wir wollen anders leben.
Leben
Dafür bäumen wir uns auf
Zwischen all den Wäldern
Von Horizont zu Horizont
Solange der Atem uns trägt…

 

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