Lehren aus den “Pentagon-Panama-Papieren”

Von Bernhard Trautvetter.

Die Panama Papers erinnern in ihrem Namen an die Pentagon Papers, die Snowdens Vorreiter Daniel Elsberg zum Vietnamkrieg vor über vier Jahrzehnten verbreitete. Darin legte Elsberg die Verlogenheit der Legitimation des Krieges der Supermacht USA gegen das damals kleine und kommunistisch orientierte Nordvietnam bloß. Die Pentagon-Papiere veranschaulichten am Beispiel dieses Krieges, einmal mehr die alte Erkenntnis, „dass es den gerechten Krieg nicht gibt …, dass die Völker von den kriegsführenden Regierungen selbst missbraucht werden,“ (Ulrike Meinhof, Konkret 3/1965).

Elsberg sagte später, es sei so, dass die Menschen die Informationen, die „wir“ ihnen zugänglich machen, aufnehmen, verstehen und dann über kurz oder lang wieder vergessen. Das ist dann am ehesten der Fall, wenn die Informationen dem Kampagnen-Charakter der Presse unserer Kultur folgen, lediglich Ereignisse ausschnitthaft veröffentlichen, keine Zusammenhänge und historische Bögen oder gar Bezüge zum Gesellschaftssystem beinhalten, sodass die Menschen nicht begreifen, sondern nur Bäume sehen, aber nicht den Wald.

Das Problem existiert auch im Bereich des Militärischen:
Die NATO verkauft sich in der Öffentlichkeit trotz der vielen kritischen Veröffentlichungen über ihre Führungsmacht und über die Völkerrechtsverstöße ihrer Mitgliedsstaaten sowie des Bündnisses als Gesamtheit (Libyen, Jugoslawien, Afghanistan und Operation Enduring Freedom,…) als Wertegemeinschaft im Sinne der Demokratie und der Menschenrechte. Weil man das Gute verkörpert, kann man auch ohne Rücksicht auf das Recht handeln, nach dem Motto, man kann die Demokratie nur verteidigen, wenn man auch bereit ist, sie zu verletzen.

Mark Laity, Chief of Communications bei der NATO, hielt 2012 einen Vortrag zur “Strategic Communication“, in dem er Einblicke in derartige Denkweisen gab: Die neue Frontlinie sei das Informations-Schlachtfeld. Jede Aktion sende eine Botschaft, aber Aktionen müssen „geformt werden“. Die NATO müsse Information genauso als Waffe benutzen wie Artillerie und Luftwaffe.

Kriege könnten heute nicht ohne Medien gewonnen werden. Es gehe dabei um die Herausforderung, schnell und flexibel zu sein, Personalisierung sei wichtig, und damit der Zugang zu sozialen Medien, um die Menschen direkt ansprechen zu können. Ich ergänze, dass die Personalisierung hilft, von der Systemkritik abzulenken.

Die Ummünzung der Information wandte Laity am Beispiel des Fiaskos an, das die USA im Vietnamkrieg selbst in den Jahren nach den Pentagon-Papieren erlebt hatten: „Wir kämpften den Vietnamkrieg nicht neun Jahre, sondern wir kämpften das Gleiche ein Jahr lang neun Mal.“

Sie haben gelernt, dass sie den Vietnamkrieg nach den Pentagon-Papieren auch wegen der öffentlichen Empörung gegen das Massaker von My Lai, der Napalm-Angriffe auf wehrlose Dörfer und der Lüge in der Affäre von Tonking verloren haben. Die Affäre von Tonking: Die US-Navy ließ ein eigenes Schiff angreifen, schob den Angriff den Kommunisten zu und legitimierte damit den danach einsetzenden Bombenkrieg gegen Nordvietnam.

Die USA haben gelernt, wie Mark Laity zusammenfasst: “Das Schlachtfeld ist nicht mehr notwendigerweise ein Feld. Es ist in den Köpfen der Menschen. Was zählt, ist, was sie für wahr halten.”

Man kann die Gegenseite, heute russische Profiteure von Panama, dämonisieren. Wenn die Öffentlichkeit diese Manipulation schluckt, dann kann man sich so darstellen, dass jedes von den eigenen Kräften eingesetzte Mittel durch den vermeintlich guten Zweck geheiligt wird. Das geht bis zur Drohung mit dem Atomkrieg, wie es Pentagon-Chef Carter am 8.11.2015 unter Verweis auf die Kriegsspannung an der Westgrenze Russlands tat, wo sich die NATO breitmacht und einrichtet, um die Menschen und Staaten vor Ort vor der an die Wand gemalten russischen Aggression mittels atomarer Abschreckung zu schützen.

Die Schlussfolgerung aus den Pentagon-Papieren und den Panama-Papieren kann nur sein: Den Meinungsmachern und den Kräften, die sie bezahlen, ist nichts ungeprüft abzunehmen. Sobald offenbar ist, wo sie nun schon wieder heucheln, lügen und manipulieren, haben wir neue Grundlagen dafür, eine allgemeine Skepsis gegen ihre Meinungsmache als Grundhaltung zu begünstigen.

Dieses Plädoyer wendet sich nicht gegen die sogenannte Lügenpresse. Denn diese Vokabel wenden vor allem Rechtsextreme an, deren Medien um ein Vielfaches krasser das Eigene beschönigen, alles andere anklagen, die Öffentlichkeit manipulieren und durch halbe oder komplett erfundene „Wahrheiten“ Meinung machen… Ihr Hass ist dann die erste Stufe eines neuen Weges zu immer neuen Verbrechen.

Es geht vor allem darum, den Dingen auf den Grund zu gehen. In anderen Worten: …radikal zu denken: Das Übel an der Wurzel packen (das ist die Bedeutung des Wortes) heißt: Über Personen hinweg in die systemische Tiefe zu blicken, seine Analyse nicht auf Verschwörungen reduzieren, sondern auf die Überwindung des Systems hinarbeiten, das solche Strukturen hervorbringt, wie wir sie beklagen. Paul Sethe sagte im Spiegel am 5. Mai 1965: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Sie werden jetzt ein oberflächliches, rein auf Personen und Verschwörer reduziertes Bild der Panama-Papiere produzieren. Dann hat diese Aufklärung ihre aufklärende Wirkung verfehlt.

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Textes.

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