Land Grabbing – Die globale Enteignungswelle von Grund und Boden

„Kaufen Sie Land, es wächst keines nach!“

 von Laurent Stein.

„Welches Land war in den 90er Jahren der größte Exporteur von Weizen?“ Die Antwort auf diese Frage würde wohl in jeder Trivial Pursuit Runde für größtes Erstaunen sorgen. Sie lautet: Saudi Arabien. Ja, richtig gelesen, die Rede ist tatsächlich vom Königreich auf der arabischen Halbinsel. Jener Wüstenstaat, der sich klimatisch vor allem durch durchschnittliche Regenfälle von 6 cm im Jahr und Temperaturspitzen um die 50 Grad Celsius auszeichnet und sich auch geographisch nicht mit einer überdurchschnittlichen Anzahl an Süßwasserflüssen gesegnet weiß. Doch gegen die Macht der Petrodollars schien logischerweise gerade in der Wüste kein Kraut gewachsen zu sein. Einige Aufbaujahre und 85 Milliarden Dollar später spielten die landwirtschaftlich „eher ungünstigen“ Gegebenheiten nur noch eine untergeordnete Rolle. Auf Farmen, deren Ausdehnung teilweise der Stadtfläche Münchens entsprach, wurde nunmehr Weizen für die Weltmärkte angebaut. Das hierfür notwendige Wasser holte man sich wahlweise mittels Bewässerungspumpen aus tiefsten Sandschichten oder unter Zuhilfenahme modernster Entsalzungsanlagen direkt aus dem Meer. Und da es den saudischen Herrschern nun wirklich nicht an Geld mangelte, zahlten sie den Bauern für ihre Erzeugnisse  nicht nur das Fünffache des Weltmarktpreises, sondern nahmen auch bewusst einen den klimatischen Bedingungen zugrunde liegenden erhöhten Wasserbedarf von 3000 bis 6000 Litern pro Tonne in Kauf. Zum Vergleich: In Deutschland benötigt man für die Herstellung einer Tonne Weizen etwa 780 Liter.

Okay, zweite Frage: „In welchem Land befindet sich die aktuell größte Molkerei der Welt?“ Wahrscheinlich haben Sie schon einen Verdacht. Tatsächlich ist auch in diesem Fall Saudi Arabien die richtige Lösung. In der Al Safi Farm, etwa 100 km von der Hauptstadt Riad entfernt, produzieren 50.000 holsteinische Kühe in zugegebenermaßen eher ungewohnter Umgebung 800.000 Liter Milch pro Tag. Aber keine Sorge, für das Wohl der Tiere ist gesorgt! Um einem Hitzeschlag vorzubeugen, werden die Tiere in regelmäßigen Abständen mit kühlem Wasser besprüht.

An dieser Stelle sei nun die Frage erlaubt: Wozu der ganze Wahnsinn? Um das heraus zu finden, bedarf es eines Sprungs in das Jahr 1973. Es ist das Jahr der Ölkrise, in dem die arabischen Mitglieder der OPEC insbesondere westlichen Regierungen, durch eine künstliche Verknappung des verfügbaren Erdöls unter Druck setzten. Im Gegenzug drohten die Vereinigten Staaten die Lebensmittelimporte in die Region zu kappen. Obgleich sich die OPEC Staaten durchsetzen konnten und der Ölpreis in der Folge einen starken Anstieg verzeichnete, nahmen sich die Saudis die Drohung zu Herzen. Das Land setzte sich das Ziel der Lebensmittelautarkie und die eingangs beschriebenen Megafarmen stellen das Ergebnis dieser Bemühungen dar.

Zu ihrem Leidwesen mussten die Saudis jedoch im Laufe der Jahre lernen, dass es neben dem höchst bedrohlichen „Peak Oil“ zu allem Überfluss auch noch einen „Peak Tiefenwasser“ gibt.  Ihr zweifellos gigantisches, aus der letzten Eiszeit stammendes Unterwasserreservoir, ist Schätzungen von Hydrologen zufolge bereits zu 80 Prozent aufgebraucht. Zwar ist man immer noch nicht gänzlich zu der Einsicht gekommen, dass der Umgang mit den Wasserressourcen, in einer Region in der sich 5% der Weltbevölkerung 1% der globalen Niederschläge teilen, doch recht verschwenderisch ist (die Molkereien bestehen ja weiter), aber zumindest ist man um Alternativen zur Lebensmittelsicherung bemüht. So wurde im Jahr 2008 von König Abdullah ein unter dem etwas sperrigen Namen „King Abdullah Initiative for Saudi Agricultural Investment Abroad“ laufendes Programm ins Leben gerufen. Seither beteiligen sich regierungsnahe Geschäftsleute an subventionierten Landnahmen in aller Welt. 215.000 Hektar für den Weizenanbau in Ägypten, 78.000 Hektar für Obst-und Gemüseanbau auf den Philippinen, 400.000 Hektar für den Reisanbau im Senegal. Einige dieser Pläne sind bereits umgesetzt, andere scheitern (noch) am Protest der lokalen Bevölkerung.

Wer nun denkt das saudische Königshaus stehe mit dieser Idee alleine da, muss sich allerdings getäuscht sehen. Spätestens seit der Finanzkrise 2008 ist ein globaler Wettlauf um Ackerland entbrannt. Banken, Pensions- und Investmentfonds und Großkonzerne eignen sich im großen Stil Ländereien auf fremdem Territorium an. Vor allem Europas Finanzelite mischt kräftig mit und ist laut OECD mit 44% aller Finanzmittel, die in Bodenwerte fließen, beteiligt.

Eine Entwicklung, die bei genauerer Betrachtung nur allzu logisch erscheint. Ackerland ist ein begrenzt verfügbares Gut, welches zudem immer rarer wird. Drei Millionen Hektar werden jährlich zubetoniert, 10 Millionen fallen der Erosion zum Opfer. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung und somit die Nachfrage nach Agrarprodukten stetig an. Um hier mögliche Wertsteigerungen hineinzuinterpretieren bedarf es keiner jahrzehntelangen Börsenerfahrung. Das von Natur aus eigentlich immobile Gut Land bekommt auf diese Weise Beine und bewegt sich zusehends in die Arme des internationalen Finanzkapitals. Eine Entwicklung, die nicht ohne soziale und ökologische Folgeerscheinungen bleibt.

Wo Investoren ihre Fahne in den Boden rammen, müssen Bauern und indigene Völker von der Stelle weichen. Statt Nahrung für die Region wird dann Nahrung für die Welt produziert, wobei für die Region nicht mehr allzu viel übrig bleibt. Laut Oxfam verlieren Kleinbauern weltweit auf diese Weise täglich 7000 Hektar Land (also ca. 10.000 Fußballfelder) an die Agrarindustrie. Für die wehrlosen Landwirte bleibt oftmals keine andere Wahl als die Flucht in die entstehenden Megapole, wo sie schließlich mit Millionen von Eidgenossen in Konkurrenz um eine sehr begrenze Anzahl an Arbeitsplätzen treten. Die industrielle Landwirtschaft, der es nun „endlich“ gelingt die Welt von ineffizienten kleinbäuerlichen Strukturen zu befreien, rühmt sich in diesem Zusammenhang gerne mit Verweis auf den gesteigerten Ertrag pro Flächeneinheit. Sehr geschickt kaschiert sie so die eigene nur als „mangelhaft“ zu bewertende Ökobilanz. Denn während Kleinbauern zehn Mal so viel Energie produzieren (in Kalorien), wie sie selbst verbrauchen, ist in der modernen Agrarindustrie das Verhältnis gerade andersrum.

Die vollkommene Absurdität dieses globalisierten Irrsinnes spiegelt sich in einem aktuellen Beispiel im Südsudan. Dort handelten im Jahr 2008 zwei amerikanische Geschäftsleute mit lokalen Organisationen einen Pachtvertrag für 600.000 Hektar Land im Verwaltungsbezirk Lainya aus. Problematisch daran ist in erster Linie, dass der gesamte Bezirk nur eine Fläche von 340.000 Hektar aufweist. Als wäre das nicht genug, überschneiden sich die Ansprüche der Geschäftsmänner noch mit einer weiteren Konzession, die der Plantagefirma Central Equatorian Teak zugeteilt wurde. Auch sie erhebt Anspruch auf 50.000 Hektar Ackerland in Lainya. Folglich beanspruchen also zwei Akteure insgesamt 650.000 Hektar Land auf einer Gesamtfläche von 340.000 Hektar. Es stellt sich doch Frage was die 90.000 Einwohner des Bezirks, die größtenteils vom Ackerbau leben, von diesen Streitigkeiten halten.

Wie sollte diesen Entwicklungen begegnet werden? Der Titel von Felix Löwensteins neuem Buch liefert einen Fingerzeig: „Es ist genug da. Für alle. Wenn wir den Hunger bekämpfen und nicht die Natur“. Kleinbauern sind nicht das Problem, sondern die Lösung! Sie gehen behutsam mit den Böden um, produzieren äußerst Energieeffizient und sichern die Ernährung der lokalen Bevölkerung. Demnach sollte man die Kleinbauern fördern anstatt sie zu vertreiben. Durch gezielte Investitionen könnten die traditionellen Anbaumethoden weiterentwickelt werden um so höhere Ertragsraten zu ermöglichen, ohne dabei ganze Gemeinschaften oder Naturreservate zu zerstören. Damit wäre ein erster Schritt getan auf dem Weg zu globaler Ernährungssouveränität.

Quellen

  • Kurt Langbein: Landraub
  • Fred Pierce: Land Grabbing
  • ARD Mittagsmagazin – Milch aus der Wüste

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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