KenFM am Set: Democracy Rising in Athen – Interview mit Azfar Hussain

Die Wirkung des Internets wird oft mit der Einführung des Buchdrucks verglichen. Die Organisation des Wissens, die Art und Weise wie wir kommunizieren, die Sphäre der Produktion, die Sphäre der Zirkulation – kein gesellschaftlicher Vorgang wird ausgespart von einer fundamentalen Umwälzung, die auf eine zunächst rein technologische Innovation folgt.

Allerdings wissen wir heute: Man kann mit der Technologie des Druckens revolutionäre Flugblätter ebenso drucken wie Hochglanzillustrierte. Die Technologie alleine sagt noch nichts darüber aus, in welche Richtung sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse verschieben.

Auch das Internet überrascht nicht nur positiv. Dieses weltweite Netz ist im Alltag seiner Benutzung schockierend provinziell. Jeder Kegelverein hat inzwischen seine Facebookseite. Aber was wissen wir wirklich von den Menschen in Bangladesch, Indien oder Peru? Was wissen wir von ihren Träumen und Nöten, von ihren Kämpfen, Konflikten und Allianzen? Und haben wir, Aktivisten in Deutschland, mit den Unterdrückten anderer Erdteile wirklich eine Allianz gebildet?
„Eurozentrismus“ heißt die Krankheit der geistigen Provinzialität, die besonders deutsche Aktivisten befallen hat. Italien, Frankreich, Holland … schön und gut. Aber schon bei den Griechen hören Durchblick, Verständnis und oftmals auch unsere Solidarität schon auf.

Umso überraschender, wenn Azfar Hussain in diesem Interview mit Pedram Shahyar berichtet, mit welcher glühenden Anteilnahme die streikenden Textilarbeiter in Bangladesch die Kämpfe der griechischen Menschen verfolgen, wie sie leiden und jubeln mit den Niederlagen und Siegen der Griechen in ihrem titanischen Ringen gegen den Moloch des europäischen Finanzkapitals.

„Eurozentrismus“ – das ist nicht nur der auf Europa verengte Blick, der zum Beispiel 80 Millionen Deutsche für den Dreh- und Angelpunkt der Welt hält, aber von der Realität der 1,4 Milliarden Chinesen oder 1 Milliarde Inder wenig weiß und wissen will.
„Eurozentrismus“ – das ist auch der Weg zu einer komplett falschen Analyse der globalen Kräfteverhältnisse, die das ewige deutsche Jammertal absolut setzt und die wilden, mutigen Massenbewegungen in anderen Ländern kaum wahr nimmt.
„Eurozentrismus“ – das ist schließlich eine Krankheit, die unsere globale Solidarität blockiert und uns abhält, den Widerstand der beherrschten Klasse so zu organisieren, wie die Herrschenden ihre andauernden Angriffe schon längst organisiert haben: Global nämlich!

Bangladesch ist dann auch nicht zufällig so solidarisch mit den Griechinnen und Griechen. Denn die Bangladeschis haben bereits erlebt, was von einem Land übrig bleibt, wenn die Finanzterroristen damit fertig sind.

Höchste Zeit, dass auch Aktivisten in Deutschland in die Arena der globalen Kämpfe eintreten.

Azfar Hussain ist Vizepräsident des “Global Center for Advanced Studies” (GCAS) und Professor für Englisch, Weltliteratur und Interdisziplinäre Studien. Azfar Hussain lehrt an der Grand Valley State University in Michigan. Geboren und aufgewachsen in Bangladesch, genießt er als Theoretiker, Kritiker und Aktivist weltweite Anerkennung. KenFM traf Azfar Hussain in Athen, am Rande der von ihm federführend organisierten Konferenz “Democracy Rising”.


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