Kapitalismus in der Krise

Wenn die Produktivkräfte den Produktionsverhältnissen vorauseilen, kommt eine neue Wirtschaftsordnung so oder so. Die Frage ist nur: Wie und zu wessen Gunsten?

von Susan Bonath.

Kriege überziehen die Welt. Allerorts toben Kämpfe um Neuaufteilung globaler Ressourcen. Das Elend in der imperialistischen Peripherie nimmt zu. Unaufhaltsam rückt es vor in die westlichen Zentren der »Zivilisation«. Während wenige so reich sind, dass sie ihre Vermögen in hundert Generationen nicht verprassen könnten, füllen sich die Straßen zusehends mit Obdachlosen, Bettlern und Flaschensammlern. Mit schwindenden Perspektiven für eine immer größere Anzahl von Menschen wächst die Kriminalität. Warum ist das so?

Der Kapitalismus steckt tief in der Krise. Das hat Gründe: Längst sind die Produktivkräfte den Produktionsverhältnissen vorausgeeilt. Das heißt: Kapitalbesitz auf der einen und Lohnabhängigkeit auf der anderen Seite erzeugen wachsende Widersprüche. Die kapitalistische Art zu produzieren, sorgte zwar in der Phase der Industrialisierung für Massenproduktion und ungeheuren Fortschritt. Mit immer modernerer Technologie führt sie jedoch dazu, dass soziale Verwerfungen sich mehren.

Das ist normal, wenn sich eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung überlebt. In der Geschichte kam es entweder zu einer Revolution von unten, wenn die Widersprüche zu groß geworden waren. Dadurch setzte sich in relativ kurzer Zeit zwar nicht immer die gewünschte, aber eine neue Produktionsweise durch. Zuweilen aber war die revolutionäre Klasse nicht stark genug. Eine neue Ordnung kam trotzdem, wie beim Wechsel vom Feudalismus zum Kapitalismus. Historisch gesehen war eine solche »Evolution« ein sehr viel langwieriger und blutigerer Prozess als eine Revolution, der jahrhundertelang für extremes Elend sorgte.

Man kann konstatieren: Eine wirtschaftlich notwendig gewordene »Evolution« dauerte länger und forderte weit mehr Opfer als Revolutionen von unten. Doch für letzteres braucht es eine zur Revolution bereite Klasse. Die ist heute, wo schon ein dreitägiger Streik im Rahmen einer sogenannten »Sozialpartnerschaft« zwischen Kapitalbesitzenden und den von ihnen abhängigen Arbeitskraftverkäufern als Ultimo Ratio des Klassenkampfes gilt, weit und breit nicht in Sicht. Doch so oder so stehen wir vor der Frage: Was wird wie den Kapitalismus ablösen? Dass dieser sich überlebt hat, ist an etlichen Faktoren zu erkennen:

1. Der Widerspruch zwischen Lohnabhängigkeit und Kapitalbesitz spitzt sich zu. 

Mit Beginn der Industrialisierung mussten die Kapitalbesitzer möglichst Viele in die Lohnabhängigkeit zwingen. Nur so konnte sich die Massenproduktion durchsetzen. Gleichwohl konnten die Besitzenden ihre Profite steigern und der Konkurrenz standhalten. Zunehmend ersetzen aber Roboter und Computer die menschliche Arbeitskraft. Immer weniger Arbeiter produzieren einen immer größeren Mehrwert, den sich der Kapitalist aneignet. So benötigt letzterer auch immer weniger Arbeiter. Will man die Outgesourcten nicht verhungern lassen und keine sozialen Kämpfe heraufbeschwören, muss der Staatsapparat sie alimentieren. Denn seine Aufgabe ist es, die Widersprüche zum Wohle der Besitzenden zu managen. Wir erleben es: Er tut die ganze Zeit nichts anderes.

So managt der Staat für die Besitzer der Produktionsmittel alles mögliche: Er stellt Infrastruktur bereit. Er sorgt für Nachschub an Billiglöhnern. Er schickt seine Armee los, um Ressourcen und Märkte zu erobern. Wenn aber immer weniger Menschen genügend Lohn erhalten, um die produzieren Waren kaufen zu können, führt das zu einer wachsenden

1.1. Überproduktion

Die Wachstumslogik, basierend auf fortwährendem Konkurrenzkampf – beschworen als Wettbewerb – und der technologische Fortschritt lassen immer weniger Arbeiter immer mehr Güter herstellen. Der Markt ist überschwemmt, die Warensammlung wächst. Zugleich steigt die Zahl der vom Arbeitsprozess Outgesourcten. Abgespeist mit Hungerhilfen, fallen sie als weitgehend als Konsumenten aus. Die Kapitalbesitzer werden ihre Waren nicht mehr los zu einem Preis, der ihnen Profite bringt. Immer ausgefeiltere Werbestrategien, immer mehr und immer billigere Produkte beheben die Misere langfristig natürlich nicht. Im Gegenteil:

1.2. Müllberge wachsen, die Umwelt wird zerstört

Ein Kapitalbesitzer muss Profite erwirtschaften. Tut er das nicht, wartet der Konkurrent, der es tut, bereits auf dessen Untergang. Er wird die Marktlücke füllen, um noch mehr Profite zu generieren. Bei zunehmender Mehrung des Reichtums in seinen Händen und wachsender Verarmung in der Bevölkerung bekommt er Probleme. Mit Lohnsenkungen und dem Abwandern in arme Länder dreht er die Spirale weiter. Immer rabiater wird die Umwelt ausgeplündert. Alles, was noch irgendwie geht, muss vermarktet werden. Rohstoffe werden bis zum letzten Stück ausgebuddelt, obwohl es längst Alternativen gibt. Um die Profite zu steigern, verzichten Unternehmen auf derlei Innovation, solange es anders geht. Aus Billigproduktion kommt Billigware, die schon bald wieder ersetzt werden muss. Die noch etwas haben, sollen schneller nachkaufen. Um den Profit sprudeln zu lassen, gilt es zudem, fremde Märkte zu erobern.

1.3. Kriege

ob mit oder ohne Waffengewalt, werden darum immer notwendiger, um an fremde Rohstoffe zu kommen, Konkurrenten auszuschalten und die Waren irgendwo loszuwerden. Das wiederum führt zur

1.4. Monopolbildung,

die den viel beschworenen Wettbewerb ad absurdum führt. Schon jetzt regieren in einigen Branchen globale Kartelle den Markt. Das vereinfacht den Zugriff auf Ressourcen und billigste Arbeiter. Letztere sind kaum kaufkräftig und werden zudem zunehmend weniger benötigt. Der Trend geht hin zu einer überschaubaren privilegierten Gehaltsempfängerkaste, die im Auftrag der Kapitalbesitzer forscht, entwickelt und komplizierte Technik baud und einer wachsenden verelendeten Schicht. Hand in Hand damit wächst das Absatzproblem.

2. Der Kapitalismus beginnt den Fortschritt zu hemmen

Die Theorie lautet, dass ein Kapitalist immer nach neuerer Technologie sinnt, um seine Produktion zu steigern und einen Vorteil gegenüber Konkurrenten zu erlangen. So weit, so gut. Da er zugleich Profite erwirtschaften und wachsen muss, wird er dafür alles verwerten, was zu verwerten irgend möglich ist.

Beispiele sind die Kohle und die Kernenergie. Beides wurde – und wird – zwar auch für Wirtschaftskriege benutzt, sorgte aber zunächst auch für massive technologische Fortschritte. Doch die Umweltschäden, die damit entstanden sind und entstehen, sind inzwischen kaum mehr reparabel. Um die Katastrophe nicht weiter zu verschärfen, ist kein Zurück in die Steinzeit nötig. Längst hat die Wissenschaft modernere Methoden erfunden, um Energie zu gewinnen. Doch die von der Überproduktions- und Absatzkrise gebeutelte Privatwirtschaft scheut Ausgaben. Die dringend notwendige Umstellung scheitert am systemischen Profitzwang. Warum umrüsten, wenn man auch einfacher Geld verdienen kann?

3. Das Kapital kann immer weniger in der Produktion verwertet werden. Die Besitzer weichen aus auf faule Finanzgeschäfte mit Spekulationen, Derivaten und ähnliches

Alle Waren entstehen durch den Einsatz menschlicher Arbeitskraft, egal, ob von Hand ein Haus gebaut wird oder ob Arbeiter Roboter herstellen und warten, die dann Arbeitsschritte übernehmen können. Das heißt: Der Kapitalbesitzer kauft sich Arbeitskräfte und bezahlt ihnen weit weniger als den Gegenwert, den sie schaffen. Was sie nicht erhalten, ist der Mehrwert. Diesen steckt der Kapitalist sich ein. Um der Konkurrenz stand zu halten, müssen Unternehmen wachsen, in dem sie den Mehrwert investieren, was wiederum weiteren Profit gebiert. Das heißt: Sie müssen immer mehr produzieren. Mit zunehmender Überproduktion wird das Kapital aber immer schwerer durch weitere Produktion verwertbar. Die Besitzer tragen es auf den Finanzmarkt.

So sammelt sich immer größere Kaufkraft in den Händen weniger – weit oberhalb der realen Warenproduktion. Im Gegenzug verarmen und verelenden immer mehr Menschen. Kriege und Hunger treiben Betroffene in die Flucht, die Zahl der Opfer, verursacht durch den Kapitalismus, wächst. Die andere Folge: Um den Kapitalbesitzern weitere Verwertungsmöglichkeiten zu eröffnen, privatisieren die Staaten immer mehr Gemeingüter, wie Krankenhäuser, Autobahnen, Telefonnetze, Wasser und den öffentlichen Nahverkehr. Das verschärft wiederum die Lage der völlig Besitzlosen, die immer mehr werden.

Man kann das mit einem Wort beschreiben: Überakkumulation. Jeder Kapitalbesitzer muss stete Akkumulation von Kapital in seinen Händen anstreben, alleine wegen der harten Konkurrenz. Doch bereits jetzt ist das Kapital derart überakkumuliert, dass etwa acht Personen so viel besitzen, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Gebieten wir dem kein Einhalt, in dem wir die Wirtschaft weiterhin Privatiers überlassen, werden unsere Nachkommen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen neuen Horror der Massenverelendung erleben. Und zwar so global, wie der Kapitalismus seit langem agiert.

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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