HIStory: Bismarck oder Wilhelm II. – Wer hat Schuld am Niedergang Deutschlands?

Der Buchautor und Publizist Hermann Ploppa erläutert in HIStory kurz und sachlich historische Daten und Jahrestage von herausragenden geschichtlichen Ereignissen. Dabei werden in diesem Format Begebenheiten der Gegenwart, die mit einem Blick in die Vergangenheit in ihrer Bedeutung besser einzuordnen sind, künftig alle 14 Tage montags in einen geschichtlichen Kontext gebracht.

Das Thema heute: Bismarck oder Wilhelm II. – Wer hat Schuld am Niedergang Deutschlands?

Jeder sieht vor seinem geistigen Auge jene Karikatur aus der englischen Zeitschrift Punch: Bismarck steigt die Gangway von einem großen Dampfer herunter, um auf ein kleines Lotsenschiff umzusteigen. Oben steht der jugendliche Kaiser Wilhelm und schaut ihm versonnen nach. Deutsche Titelübersetzung „Der Lotse geht von Bord“. Englischer Originaltitel: „Dropping the Pilot“. Also etwa: „Man entledigt sich des Steuermanns“.

Tatsächlich nahmen dem jungen Kaiser einflussreiche Kreise in England, Frankreich oder den USA jene Entlassung des „Eisernen Kanzlers“ sehr übel. Was immer Wilhelm II. tat: er hatte in jenen Ländern nach diesem Vorfall fast immer eine außerordentlich schlechte Presse. Und die Bewunderung und Liebe für den Kanzler aus Blut und Eisen ist in den anglo-amerikanischen Eliten bis heute lebendig.

Als zum Beispiel Maggie Thatcher mit brutalen Mitteln die mageren Eckpfeiler der englischen Sozialpartnerschaft einriss, nannte die britische Presse die rüde Kämpferin in treffender Anspielung auf den eisernen Kanzler Bismarck the iron lady – die Eiserne Dame.

Otto von Bismarck hatte seine Karriere und sein Reich vornehmlich durch kriegerische Gewalt zusammengeschustert; durch „Blut und Eisen“, wie er selbst bereits bei seinem Regierungsantritt 1862 knorzig angedroht hatte. 1864 hatte Bismarck zunächst die Dänen mit Hilfe der Österreicher aus Schleswig-Holstein verjagt. Um als nächstes im Jahre 1866 die Österreicher aus dem gemeinsamen deutschen Staatenbund zu verjagen.

Um die süddeutschen Staaten den Österreichern auszuspannen und sie sodann der eigenen protestantisch-norddeutschen Allianz zu unterwerfen, lockte er die Fürsten nicht nur mit genau jenen Geldschätzen, die er den unterworfenen Welfen in Hannover sowie der freien Reichsstadt Frankfurt in mittelalterlicher Raubrittermanier gestohlen hatte. Sondern Bismarck ließ sie auch teilhaben an dem Beutegut aus dem Krieg gegen Frankreich. So und nicht anders vollzog sich die vielgepriesene Deutsche Einigung.

Der Anlass zum deutsch-französischen Krieg war absolut unbedeutend. Spanien suchte einen neuen König, und erkor zu diesem Zweck einen Spross der Hohenzollern-Dynastie, der allerdings nur entfernt mit Wilhelm I. verwandt war. Frankreich fühlte sich durch Hohenzollern in Spanien und in Preußen in die Zange genommen und protestierte auf diplomatischem Wege. Eine solche Irritation hätte sich wahrscheinlich durch Gespräche auf Diplomatenebene bereinigen lassen. Wenn nicht tatsächlich beide Seiten auf diesen Krieg hingearbeitet hätten.

Eine misslungene Kontaktanbahnung zwischen einem französischen Diplomaten und König Wilhelm I. im Kurort Bad Ems wurde Bismarck per Telegramm berichtet. Rein zufällig saß Bismarck gerade mit seinen beiden Mitstreitern, nämlich Kriegsminister Roon sowie Generalstabschef von Moltke beim Essen. Bismarck frisierte das Telegramm des Ministerialbeamten zu einem pressetauglichen Text, so dass es jetzt wirkte– so Bismarck in seinen Erinnerungen – wie ein „rotes Tuch“ auf den „gallischen Stier“.

Und Bismarck enthüllt in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ genau jenes Muster, nach dem alle modernen Angriffskriege den Menschen draußen im Lande verkauft werden:

„ es ist wichtig, dass wir die Angegriffenen seien, und die gallische Überhebung und Reizbarkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit europäischer Öffentlichkeit, soweit es uns ohne das Sprachrohr des Reichstags möglich ist, verkünden, dass wir den öffentlichen Drohungen furchtlos entgegentreten.“.

Das „furchtlose Entgegentreten“ kostet sage und schreibe 183.652 Kombattanten beider Seiten das Leben. Und für immerhin 232.732 verwundete und verstümmelte junge Männer auf beiden Seiten war das Leben nach diesem Trauma nicht mehr das gleiche wie zuvor. Die französische Regierung wiederum ist sich auch nach der demütigenden Niederlage gegen Deutschland keineswegs zu schade, mit deutscher Munition die Pariser Kommune zu exekutieren und dabei eine stattliche Strecke von weiteren 30.000 Toten zu verursachen. Der Deutsch-Französische Krieg von 1871 war ein bestialisches Gemetzel. Bismarcks Reichsgründung stand auf immensen Leichenbergen.

Diese Geschichte ist für uns von Belang, weil in den nachfolgenden harten Forderungen des Siegers Preußen gegen den Verlierer Frankreich der Grundstein gelegt ist für die noch viel härteren Bedingungen des Vertrages von Versailles im Jahre 1920.

Frankreich musste nämlich 1871 tatsächlich fünf Milliarden Silbermark Reparation zahlen. Frankreich musste sich zudem von Elsass-Lothringen trennen. Die deutschen Geschichtsbücher lehren indes heute wieder, dass die Franzosen die Reparationen bereits nach drei Jahren zurückgezahlt und sich schnell erholt hätten. Frankreich war allerdings wichtiger wirtschaftlicher Potenzen beraubt. Die Erzvorkommen in Elsass-Lothringen standen mit einem Schlag nicht mehr zur Verfügung.

Der Ökonom John Maynard Keynes stellte fest, dass Frankreich in der Bevölkerungsentwicklung und in der Wirtschaftskraft seitdem immer weiter hinter Deutschland zurückgefallen sei, was den unstillbaren Rachedurst vergreister französischer Generäle in Versailles erregt habe.

Bismarck ist nach dieser Eisen und Blut-Kur für annähernd zwanzig Jahre der unumstrittene Herr der deutschen Politik, und Kaiser Wilhelm I. sein ergebenes Sprachrohr.

Als Kaiser Wilhelm I. 1888 im Alter von 91 Jahren stirbt, folgt ihm für 99 Tage sein Sohn Kaiser Friedrich III., der jedoch an einem Krebsleiden verstirbt. So ist der mittlerweile dreiundsiebzigjährige Bismarck einem dramatischen Generationenwechsel ausgesetzt. Denn sein neuer Vorgesetzter Kaiser Wilhelm II. ist gerade mal 26 Jahre alt. Zunächst glaubt Bismarck, er könne mit dem Neuling auf der politischen Bühne gerade so umspringen wie mit dessen Großvater.

Doch der junge Kaiser hat seine ganz eigenen politischen und sozialen Pläne für die Zukunft. Die lassen sich nicht so schnell aus der Welt schaffen, wie Bismarck mit Schaudern feststellt. So bringt das Jahr 1889 eine Welle von Arbeitskämpfen von bislang ungekannter Intensität. Betroffen ist besonders der Bergbau im Ruhrgebiet, im Saarland und in Oberschlesien. Wilhelm II., der ab 1877 an der Universität Bonn Rechts- und Staatswissenschaften studiert hatte, erkennt, dass die Bedeutung der Arbeiterschaft unweigerlich immer weiter anwachsen wird.

Der Kaiser eilt am 12. Mai unangemeldet in den Ministerrat. Also in die Regierung des Reichs. Was Wilhelm dem Kabinett zu sagen hat, fasst Bismarck in seinem Buch „Gedanken und Erinnerungen“ wie folgt zusammen:

„Die Unternehmer und Aktionäre müßten nachgeben, die Arbeiter seien seine Untertanen, für die er zu sorgen habe; wollten die industriellen Millionäre ihm nicht zu willen sein, so würde er seine Truppen zurückziehen; wenn dann die Villen der reichsten Besitzer und Direktoren in Brand gesteckt, ihre Gärten zertreten würden, so würden sie schon klein werden.“

Tatsache ist, dass Wilhelm II. am 14. Mai eine Delegation der streikenden Kumpels in seinem Palais empfängt. Hierbei polemisiert Wilhelm gegen die Sozialdemokratie: „für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit einem Reichs- und Vaterlandsfeind.“ Am nächsten Tag empfängt er eine Abordnung der Grubenherren. Wilhelm moderiert Verhandlungen zwischen Arbeitern und Unternehmern, aus denen am gleichen Tage das Berliner Protokoll, eine Kompromissvereinbarung, hervorgeht.

Und wie geht’s weiter? Kaum sind die Grubenherren wieder zuhause, die Arbeit ist wieder aufgenommen, da widerrufen sie auch schon die Abmachungen.

Doch die Politiker sind auf Seiten der Arbeiter, wie Friedrich Engels berichtet. Der Militärgouverneur des Bezirks, Emil von Albedyll macht den Grubenherren klar, dass das nun gar nicht geht. Der Düsseldorfer Regierungspräsident Hans Hermann von Berlepsch redet den Unternehmern ins Gewissen. Innenminister Ernst Ludwig Herrfurth reist extra aus Berlin an und versucht die Grubenbarone zur Vernunft zu bringen. Bismarck dazu:

„und alles wurde versucht, um die Zechenbesitzer zu bewegen, Konzessionen zu machen. Der Kaiser selbst riet ihnen, ihre Taschen zu öffnen.“

Bismarck will nicht begreifen, dass er isoliert ist. Eine völlig neue, ungewohnte Erfahrung. Er wähnt sich von Intriganten und Verschwörern umzingelt. Bismarck will Wilhelm in den Schwitzkasten nehmen, indem er ihn zu überreden versucht, die 1890 auslaufenden Sozialistengesetze in radikal verschärfter Form neu aufzulegen. Eine bislang ungekannte Aufrüstung soll zudem die nationale Anspannung verschärfen. Wenn Wilhelm da mitzieht, ist er von seinen Leuten isoliert und vollständig Bismarck ausgeliefert. Doch der Machtpolitiker im fortgeschrittenen Rentenalter hat sich verrechnet. Wilhelm durchschaut, dass der alte Intrigant nichts mehr in der Hand hat.

Als der Kaiser zum Kronrat am 24. Januar 1890 lädt, präsentieren „Autoritäten“ – Bismarck schüttelt sich vor Ekel – zwei „ausführliche Elaborate … beide sozialistischen Forderungen Erfüllung verheißend.“ Das ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Denn die Reformvorschläge nehmen tatsächlich Bezug auf Forderungen der Sozialistischen Internationale, die sich im Sommer 1889 in Paris versammelt hatte. Der deutsche Staat soll nach den Vorstellungen der kaiserlichen Sozialreformer Sonntagsarbeit und Kinderarbeit verbieten, Frauenarbeit einschränken, und schließlich die Arbeitszeit begrenzen, je nach Schwere der Arbeit auf acht bis zehn Stunden.

Bismarcks Meinung dazu: „Es widerstrebte meiner Überzeugung und Erfahrung, in die Unabhängigkeit der Arbeiter, in sein Erwerbsleben und in seine Rechte als Familienhaupt so tief einzugreifen wie durch ein gesetzliches Verbot, seine und der Seinigen Arbeitskräfte nach eigenem Ermessen zu verwerten.“

Bismarck gibt zu bedenken: wenn man den Arbeitern jetzt für sechs Tage denselben Lohn gibt wie vorher für sieben Tage, dann werden die deutschen Waren auf dem Exportmarkt teurer, verlieren also Marktanteile. Gut, sagt Wilhelm, dann müssen eben die anderen Länder auch mitziehen. Ich berufe eine internationale Arbeiterschutzkonferenz ein. Ändern Sie bitte den Text entsprechend ab. Bismarck überarbeitet den Text.

Bei der Sitzung im Staatsministerium gelingt es Bismarck nicht, ein Votum gegen die Sozialreformen zusammenzubekommen. Er deutet das als Feigheit vor dem Feind. Am 31. Januar 1890 wird Hans Hermann Berlepsch auf Weisung des Kaisers zum Handelsminister ernannt.

Das Blatt wendet sich vollständig gegen Bismarck, als der Kaiser am 4. Februar seinen festen Willen zur Sozialreform durch Veröffentlichung zweier Erlasse im Reichsblatt bekundet. Der erste Erlass betrifft die Einberufung einer internationalen Arbeiterschutzkonferenz. Bei Erlass zwei handelt es sich um eine Handlungsanweisung an den Reichskanzler. Der Erlass lautet:

„Neben dem weiteren Ausbau der Arbeiter-Versicherungsgesetzgebung sind die bestehenden Vorschriften der Gewerbeordnung über die Verhältnisse der Fabrikarbeiter einer Prüfung zu unterziehen, um den auf diesem Gebiet laut gewordenen Klagen und Wünschen, soweit sie berechtigt sind, gerecht zu werden. Diese Prüfung hat davon auszugehen, dass es eine der Aufgaben der Staatsgewalt ist, die Zeit, die Dauer und die Art der Arbeit so zu regeln, dass die Erhaltung der Gesundheit, die Gebote der Sittlichkeit, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und ihr Anspruch auf gesetzliche Gleichberechtigung gewahrt bleiben … Die staatlichen Bergwerke wünsche ich bezüglich der Fürsorge für die Arbeiter zu Musteranstalten entwickelt zu sehen.“

Die privat betriebenen Bergwerke sollen also strenger staatlicher Aufsicht unterworfen werden.

Im nunmehr letzten Gefecht Bismarcks stellt sich ihm eine Koalition der Vernunft entgegen; eine Koalition, die begreift, dass die neuen sozialen Bewegungen in die Politik integriert werden müssen. Innenminister Herrfurth entwickelt eine Verwaltungsreform für die Gemeinden, die mehr Effizienz und Demokratie bringen soll.

Die Reichstagswahlen am 20. Februar 1890 unterstützen die Reformbestrebungen des jungen Kaisers. Denn es vollzieht sich ein Linksruck. Zentrum und Linksliberale gewinnen deutlich dazu; Konservative und Nationalliberale müssen empfindliche Einbußen hinnehmen. Die Lage zwingt Bismarck, jetzt deutlicher seine eigentlichen Ziele zu formulieren, als es ihm lieb sein kann. Die Sozialistengesetze, also das Verbot sozialistischer Parteien, müssen 1890 entweder erneuert werden, oder sie werden ungültig. Bismarck möchte aber neue, radikal verschärfte Sozialistengesetze durchpauken. Zum anderen will er ein gigantisches Aufrüstungsprogramm durchziehen. Gegen wen diese Aufrüstung gerichtet sein soll, lässt sich leider nicht ermitteln. Aber ohne einen anvisierten Gegner rüstet man nicht so extrem auf.

In einem Vier-Augen-Gespräch beim Kaiser am 25. Februar meint Bismarck den Kaiser für seine harte Linie gewonnen zu haben, und sie hätten sich zum Abschied mannhaft die Hände geschüttelt: „No Surrender!“ So gestärkt marschiert Bismarck in die nächste Regierungssitzung am 2. März und verkündet nassforsch, der Kaiser „wolle fechten“. Da müssten jetzt erstmal ein paar Köpfe rollen. Dann hätte Bismarck ein „homogenes, zum Kampfe gegen die soziale Revolution bereites Ministerium.“ Die Minister schauen sich verdutzt an, wie selbst Bismarck in seinen Memoiren zugibt:

„Der Eindruck, den diese Eröffnung machte, war nicht bei allen Kollegen ein gemütlicher; der Ausdruck homogen wurde so verstanden, dass ein aggressives Vorgehen gegen den Sozialismus Charakter-Eigenschaften erforderten, welche nicht Alle besaßen.“

Bei der nächsten Ministersitzung am 12. März 1890 präsentieren Bismarcks Finanzexperten eine Modellrechnung, aus der hervorgeht, dass eine Etataufstockung des Reichshaushaltes im Bereich Rüstung um 100 Millionen Mark pro Jahr (!) zu schultern sei. Allerdings nicht sofort, sondern von jetzt ab in Etappen innerhalb von zehn Jahren auf den gewünschten Betrag zu steigern. Und wie akut Bismarcks Kriegspläne waren, belegt der Tatbestand, dass er sich auf Veranlassung seines Bankiers Gerson Bleichröder noch am selben Tage mit seinem parlamentarischen Lieblingsfeind, dem einflussreichen ZentrumsAbgeordneten Ludwig Windthorst, zu einem wichtigen Gespräch trifft.

Wir wissen nicht, was die beiden gemeinsam alt gewordenen Kampfhähne zu besprechen hatten. Kaiser Wilhelm ist nicht begeistert. Er zitiert den Kanzler am 15. März zu sich. Bismarcks Geheimniskrämerei macht ihn jetzt ernstlich wütend. Warum hat er nichts von dem Bleichröder-Treffen erfahren? Und überhaupt. Bismarck hat seinen Ministern verboten, ihm, dem Kaiser, auf Anfrage direkt Bericht zu erstatten. Was soll das denn?!

Bismarck verweist auf eine Ordre von 1852, die dem Kanzler dieses Vorrecht garantiert. Der Kaiser: na gut, dann muss diese Ordre so schnell wie möglich außer Kraft gesetzt werden. Bismarck: nur über meine politische Leiche. Und Bismarck hat schon eine kleine Garstigkeit vorbereitet. Demonstrativ in Griffweite des Kaisers hält er einen diplomatischen Bericht, der unfeine Bemerkungen des russischen Zaren Alexander III. über seinen deutschen Kollegen Wilhelm enthält. Bismarck tut so, als wollte er die Depesche dem Kaiser nicht aushändigen. Wilhelm entreißt ihm den Bericht. Liest ihn. Und ist erstmal still.

Am 18. März erklärt Wilhelm seinen Generälen den Grund, warum er Bismarck fristlos entlassen habe. Bismarck hat das so in Erinnerung: dem „Chef des Generalstabes Waldersee gegenüber seien Beschwerden zum Ausdruck gekommen über meine Eigenmächtigkeit und Heimlichkeit im Verkehr mit Rußland.“ Am darauffolgenden Tage wird Bismarcks Entlassung offiziell verkündet.

Außer der Stahlindustrie und den Bankenkonsortien sowie den Oligarchen in England, USA, Russland und Frankreich ist zu diesem Zeitpunkt niemand traurig über Bismarcks Entlassung. Im Gegenteil.

Der Historiker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen feiert Bismarcks Entlassung als „wahre Erlösung“ und bezeichnet Bismarck mit den Worten Goethes als „Spottgeburt von Dreck und Feuer“. Theodor Fontane schreibt: „Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind.“ Es herrscht allgemeine Erleichterung. Plötzlich ist Raum da für Aufbruchstimmung.

Es ist eine rasch fabrizierte Legende, die Entlassung Bismarcks sei der Dummejungenstreich eines eitlen, machtversessenen Gecken-Kaisers gewesen. Wilhelm vollzog lediglich einen längst überfälligen Richtungswechsel in der deutschen Politik. Seine Trennung von Bismarck trug dem Wunsch einer breiten Mehrheit der Bevölkerung und der verantwortlichen – und verantwortungsbewussten – Verwalter des Staates Rechnung. Die Gesetze, die jetzt ohne die Obstruktion Bismarcks auf den Weg gebracht wurden, passierten allesamt mühelos die Parlamente. Sowohl im Reich wie in Preußen.

Zu nennen ist das Gesetz über Gewerbegerichte, das am 29. Juli 1890 in Kraft trat. Im Juni 1891 folgte die Novellierung der Reichsgewerbeordnung. Und nach den kaiserlichen Vorgaben am 24. Juni 1892 das preußische Berggesetz. Der Kaiser berief Johannes von Miquel zum neuen Finanzminister. Miquel setzte ein modernes Steuersystem durch, das in Grundzügen bis heute gültig ist. Auch Herrfurths Landgemeindeordnung passierte endlich mühelos beide Häuser des preußischen Parlaments. In dieses Nach-Bismarck-Jahrzehnt fällt zudem die Vollendung des Bürgerlichen Gesetzbuches, das 1901 in Kraft trat, und das ein verwirrendes Nebeneinander unterschiedlichster Rechtsnormen beendete und Rechtssicherheit stiftete. Ein gewaltiger Schritt in Richtung Demokratie und Rechtsstaat.

Wir haben diese Vorgänge um Bismarcks Entlassung dokumentiert, weil die meisten Geschichtswerke vollkommen kritiklos Bismarcks Perspektive aus seinem Memoirenbuch übernehmen; zum anderen bilden die Ereignisse von 1889 und 1890 die Grundlage der späteren deutschen Tragödie.

Und zwar keineswegs, weil der Kaiser den eisernen Kanzler seiner Macht beraubt hat. Sondern vielmehr deswegen, weil Kaiser Wilhelm nicht bei dieser Gelegenheit auch gleich die Netzwerke mit entmachtet hat, deren prominentester Vertreter Bismarck gewesen ist.

Der entscheidende Fehler des jungen Kaisers liegt darin begründet, dass er nicht weit genug über den Schatten monarchischer Konventionen gesprungen ist und keine Machtkoalition mit den bereits auf seiner Seite befindlichen bürgerlichen Reformkräften aus Zentrum und SPD geschmiedet hat.

So hatte Wilhelm auf Dauer keine eigene Machtbasis vorzuweisen. Ein paternalistisches Sozialkonzept durchzuführen in Konkurrenz zu einer hocheffizienten sozialdemokratischen Infrastruktur – das konnte einfach nicht funktionieren.

Und was Bismarck nicht gelang, das gelang den Kräften, die in seinem Namen den Kampf für Militarismus und Autokratie weiterführten. Diese Kräfte haben ihre Namen: da ist der Alldeutsche Verband. Dann der Deutsche Flottenverein. Militaristische Lobbygruppen, die im Auftrag der Schwerindustrie und der international vernetzten Banken nichts Eiligeres zu tun hatten als den nächsten Eroberungskrieg vorzubereiten. Der Kaiser wurde von diesen Militaristen zunehmend isoliert. Die Bismarck-Anhänger trieben Wilhelm mit inszenierten Kampagnen vor sich her, bis das kaiserliche Prestige restlos aufgerieben war.

Dieser Zerfallsprozess war ab der Jahrhundertwende bereits in vollem Gange. Der von den Militaristen geförderte Bismarck-Kult war identisch mit jener Demokratiefeindlichkeit, die die Weimarer Republik madig gemacht hat Der Bismarck-Kult schuf die Blaupause für Hitlers Machtergreifung mit all den bekannten Folgen: dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust.

Um Bismarck in der Geschichtsschreibung zu entlasten, wurde im Einklang mit angloamerikanischen Narrativen alle Schuld am deutschen Desaster Kaiser Wilhelm II. nachträglich in die Schuhe geschoben. Das ist weder historisch korrekt noch in irgendeiner Weise anständig und fair.

Wir lernen aus der Vergangenheit, wie wir die Zukunft besser machen.

Literaturquellen und Anmerkungen:

  • Bismarck, Fürst Otto von: Gedanken und Erinnerungen. Stuttgart und Berlin 1922. 3 Bände
  • Wilhelm II, Kaiser: Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918. Wolfenbüttel 2012 (Reprint), Ersterscheinung 1922
  • Historienfilm: Bismarck. Regie: Wolfgang Liebeneiner. 1940. Obwohl bereits im Zweiten Weltkrieg veröffentlicht und unter der Kontrolle des Reichspropagandaministers Goebbels produziert, enthält der Film noch gewisse kritische Elemente gegenüber Bismarck.
  • Historienfilm: Die Entlassung. Regie: Wolfgang Liebeneiner. 1942. Dieser Film hat den in der History-Folge besprochenen Konflikt zwischen Kaiser Wilhelm II. und Bismarck zwischen 1888 und 1890 zum Thema. Diesmal wird sehr heftig am Bismarck-Mythos gewoben. Kaiser Wilhelm wird absolut negativ dargestellt, als eitler, realitätsferner Gecken-Kaiser. Wilhelm II. wird angelastet, die inoffiziellen Beziehungen des Deutschen Reiches zu Russland ruiniert zu haben. Demgegenüber stellt der – ebenfalls nicht unumstrittene – Historiker Fritz Fischer klar, dass die Zerrüttung der deutsch-russischen Beziehungen eindeutig auf das Konto Bismarcks geht: „Das Bündnisangebot an England war ein deutliches Symptom dafür, wie verfahren die außenpolitische Situation Deutschlands war. Wenn Bismarck daher nach seinem Rücktritt behauptete, unter ihm habe / auch am Ende der Achtziger Jahre noch ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland bestanden, so entsprach dies keineswegs den Tatsachen.“ Siehe: Fritz Fischer, Krieg der Illusionen. Düsseldorf 1969, S.89/90.
  • Stern, Fritz: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder. München 2008.
  • Gerwarth, Robert: Der Bismarck Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler. München 2007.
  • Willms, Johannes: Bismarck – Dämon der Deutschen. Anmerkungen zu einer Legende. München 1997.

Bildquellen:

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  24. https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1254890 – gemeinfrei

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