Gegen die doppelte Blindheit – für den analytischen Blick

Von Bernhard Trautvetter.

Der Nato-Thinktank “Joint Air Power Competence Centre” hielt 2014 in Kleve eine Konferenz ab, die die Militärs „Future Vector“ (1) nannten; sie sprachen darin laut Tagungsmanuskript von einem dritten großen Krieg in Europa, der wohl angesichts der nuklearen Potentiale, darunter die Atomkraftwerke, der letzte werden würde. Es ging nicht darum. Dieses Inferno zu verhindern, sondern es auszufechten. Der Raubbau des Kapitalismus an den Ressourcen der Erde bedroht schon jetzt nach vielen Studien das Leben der Menschheit (2); dieser Raubbau ist nicht nur ein Krieg gegen die Lebensgrundlagen der Menschheit, sondern auch ein Wirtschaftskrieg kapitalistischer Konkurrenten um die Vorherrschaft, der die Erde mit Narben rücksichtslos leer-gefegter Lager von Schätzen einstiger natürlicher Mineralien und anderer Ressourcen durchzieht (2); Klimawandel und Umweltzerstörung verursachen nach vielen Studien ein nie da gewesenes Artensterben, eine Ausdehnung der Wüsten und ein Versinken riesiger Gebiete in Fluten nach katastrophalen Wetterlagen (2); Depression wird mit über 10% der Bevölkerung zunehmend zur Volksseuche.(3)

Diese aktuellen Prozesse haben einen Systemhintergrund, da der Kapitalismus ein System der Konkurrenz um Markt-Anteile, Ressourcen-Zugänge und Handelswege ist. Ein Betrieb, der in diesem gnadenlosen Wettkampf auf dem Weltmarkt zurückfällt, droht geschluckt zu werden oder ganz aus dem Markt zu verschwinden.

Die Welt befindet sich heute zugleich immer näher am Abgrund für die Menschheit, schon alleine aufgrund der ökologischen Katastrophe, verschärft durch die gesteigerte Atomkriegsgefahr, sodass die kritischen Atomwissenschaftler sich veranlasst sahen, die Alarm-uhr im Januar 2015 von fünf auf drei vor zwölf vorzustellen.(4)

Sind diese globalen Bedrohungen für die Existenz der Menschheit das Werk von korrupten Egoisten, die vielleicht der Geister nicht mehr Herr werden, die sie gerufen haben? Müssen wir die Verschwörer samt ihrer mafiösen Strukturen durch integere, kompetente Menschen an der Spitze ersetzen und die anderen zum Teufel jagen? Die Erfahrung lehrt: der Austausch von Personen ändert für sich genommen rein gar nichts an bestehenden Strukturen.(5)

The WHO haben eine solche Erfahrung mit einer schief gelaufenen Revolution in ‘Won’t Get Fooled Again’ beschrieben:

“I’ll tip my hat to the new constitution
Take a bow for the new revolution
Smile and grin at the change all around me…
Change it had to come
We knew it all along…
Meet the new boss
Same as the old boss” (WHO’s next, 1971)

Der Song-Titel drückt die Hoffnung aus, eine solche Veränderung, die nichts ändert, ist nicht zwingend. Sich nicht zum Narren halten zu lassen bedeutet, der Blick muss in die Tiefe gehen, hinter die Fassaden des schnell Erfassbaren. Dieser Blick geht über die Kritik an handelnden Personen hinaus in die Tiefe der Ursachen für Strukturen, in deren Rahmen Akteure handeln: Über systembedingte Zusammenhänge sagte der Psychologe Donald Laing 1967 auf einem internationalen Kongress der Studentenbewegung in London, das System des Kapitalismus produziere nicht nur eine Unwissenheit über das System als letzte Ursache der Katastrophen, die wir beklagen, sondern zugleich auch eine Unwissenheit über diese Unwissenheit selbst, da diejenigen, die Scheuklappen haben, diese an sich selbst nicht sehen können.(6)

Der kritische Soziologe Max Horkheimer brachte am Vorabend des zweiten Weltkrieges das System des Kapitalismus als grundlegenden Rahmen für das Aufkommen des Faschismus in seine Analyse ein: >> Als eine Reaktion auf die Krise des Kapitalismus versuche der Faschismus, den Kapitalismus mit despotischen Mitteln aufrechtzuerhalten. ‘Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen'<< (7)

Wenn Horkheimer Recht hat, dann ist das ursächliche Kernproblem weder unser Geldsystem, noch die FED, genauso wenig Finanzzentren wie das in London, auf den Kayman Islands oder in Jersey, sondern es ist das System des Kapitalismus selbst. Ökologen weisen zu recht, darauf hin, dass Kapitalismus Krebs für die Erde ist (8). Das ist schon alleine deshalb der Fall, weil er jährlich ein Mindestwachstum von circa drei Prozent braucht, um die Massenarbeitslosigkeit, die sich aufgrund der Rationalisierungswirkung des technischen Fortschritts ergibt, nicht weiter ansteigen zu lassen. Ohne Wachstum würden sich die systembedingten Krisenprozesse unabhängig von Konjunkturverläufen immer weiter verschärfen. In anderen Worten: Im begrenzten System Erde prägt derzeit ein Wirtschaftssystem das Geschehen, das auf unbegrenztes, also letztlich für die Gesellschaften, Staaten und dann in der Logik eines Bumerangs auch wieder für die Konzerne selbst selbstmörderisches Wachstum ausgerichtet ist. Der Kapitalismus funktioniert in seinen Entscheidungen betriebswirtschaftlich, wirkt aber volks- und globalwirtschaftlich.

Er wirkt auf die Erde genauso, wie ungebremster Krebs den Menschen, in dem er wächst, tötet. Und das Wachstum als unausweichliche Wirkrichtung aller Konkurrenten auf dem Markt bringt immer wieder Spannungen bis hin zu Konflikten und Kriegen zwischen Konkurrenten mit sich, wenn diese sich Segmenten des Weltmarktes betätigen wollen, wo Interessen gegeneinander prallen.

Hinzu kommt: Der Kapitalismus setzt die Menschen durch eine Struktur zueinander in Beziehung, die sie zugleich trennt: das ist das Geld. Durch diese widersprüchliche Grundstruktur in den ökonomischen Verhältnissen zwischen den Menschen sehen ökonomisch Tätige und politisch Mächtige Mitmenschen teils als Hilfsmittel ihrer Macht-Reichtumsvermehrung an. Arbeit erfolgt nicht wie in früheren Jahrtausenden für den direkten Zweck, ein Etwas herzustellen, das Menschen für einen bestimmten Zweck direkt brauchen, sondern Arbeit erfolgt in der kapitalistischen Ökonomie als Mittel zum ihr gegenüber zweckentfremdeten Zweck der Anhäufung von Reichtum in den Händen weniger Kapitaleigner durch den Verkauf der hergestellten Ware. Eine Ware ist ein Etwas, das einen Gebrauchswert hat, der für einen Käufer wichtig ist, einen Zweck, für den man es gebrauchen mag; und es hat einen Tauschwert, der alleine für den Kapitaleigner, der das Produkt verkauft, von Interesse ist. Und im Kampf um möglichst hohe Marktanteile für den Zweck eines möglichst hohen Ertrags, den Marx ‘Profit’ nannte, heiligt der Zweck so manches Mittel. Marx zitiert im Kapital J. Dunning aus dem ‚Quarterly Reviewer‘ wie folgt: „Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.”(9)

Da der Kapitalismus im Verlauf der Konkurrenz um Profitquellen anarchisch dahin drängt, wo am meisten zu holen ist, führt er immer wieder zu einem Überangebot an Produkten, die sich schließlich nicht mehr am Markt verkaufen lassen. Da Krisen den Kapitalismus seit seiner Entstehung vor circa 250 Jahren dem entsprechend zyklisch und strukturell begleiten, steigert das System immer wieder in besonderem Maße die Spannungen zwischen Menschen, Menschengruppen, Staaten und ganzen Erdregionen/Staatenbündnissen… So ergibt sich die Erkenntnis des französischen Sozialisten Jean Jaurès, dass der Kapitalismus den Krieg wie die Wolke den Regen in sich trägt.(10)

Diese analytisch tiefere Sicht hinter die Erscheinungsebenen des leichter Sichtbaren ist nicht nur genauer als der oberflächliche Blick auf die Fassaden. Er ist nicht nur hilfreich auf dem Weg zu wirklicher Politikfähigkeit, die sich nicht nur kurzfristig mit Verhältnissen arrangiert, die sich nicht an das an sich Intolerierbare scheinbar realpolitisch annähert und die das scheinbar alleine Machbare nicht als die einzig alternativlose Vorgehensweise zu verkaufen versucht.

Diese Sicht impft Menschen auch gegen die Gefahr, Rassisten, Militaristen und Rechtsextremisten mit vermeintlich einfachen Lösungen auf den Leim zu gehen. Nazis bezeichnen sich immer wieder auch als Antikapitalisten, die z.B. gegen den US-Imperialismus auftreten… Sie sind auch aus nationalistischen Gründen gegen Waffenexport und Auslandseinsätze im Nato-Bündnis. Sie sehen (oft vermeintlich jüdische) Verschwörer und andere Personengruppen als Volksfeinde an und wollen sich selbst an deren Stellen in der Spitze der Gesellschaft setzen. Militaristen gehen so weit, die Gefahr des nuklearen Infernos klein zu reden, oder gar in Abrede zu stellen und sie so zugleich indirekt zu legitimieren. So schrieb der britisch-US- amerikanische Militärstratege Colin S. Gray 1983 unter dem Titel ‚Victory is possible‘ (11), es sei „unwahrscheinlich, dass ein Atomkrieg ein sich sinnloses und fatales Ereignis darstellt.“(12)

Ein solches nicht-russisches Roulette mit dem Leben auf der Erde ist keine individuelle Fehlleistung eines verrannten Gehirns, sondern nur ein wort-gewaltiger Ausdruck der Nato-Politik, die am Risiko des Auslöschens der Menschheit in einem nuklearen Inferno festhält: Der Nato-Gipfel 2010 erklärte, die sogenannte „Abschreckung soll ‚zuverlässig, sicher und effektiv‘ bleiben, solange ‚wie die NATO ein nukleares Bündnis bleibt‘, also solange es Atomwaffen gibt. Ein Verzicht auf die Atomwaffen in Europa wird nicht erwogen.“(13)

Man riskiert die Auslöschung der Menschheit, wenn die Krisenmanger einmal den Kopf verlieren sollten und sorgt nicht dafür, selbst dieses Risiko zu minimieren oder gar abzuwenden. Das erinnert an die Abschiedsrede von US-Präsident Eisenhower von 1961: „Wir in den Institutionen der Regierung müssen uns vor unbefugtem Einfluss – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – durch den militärisch-industriellen Komplex schützen. Das Potenzial für die katastrophale Zunahme fehlgeleiteter Kräfte ist vorhanden und wird weiterhin bestehen. Wir dürfen es nie zulassen, dass die Macht dieser Kombination unsere Freiheiten oder unsere demokratischen Prozesse gefährdet. Wir sollten nichts als gegeben hinnehmen. Nur wachsame und informierte Bürger können das angemessene Vernetzen der gigantischen industriellen und militärischen Verteidigungsmaschinerie mit unseren friedlichen Methoden und Zielen erzwingen, so dass Sicherheit und Freiheit zusammen wachsen und gedeihen können.“(14)

Wachsam und informiert zu sein bedeutet auch, sich nicht von den Versuchen der Mainstream-Medien in unserer Gesellschaft blenden zu lassen, nach denen Politik sich auf die Frage zuspitzt, wer die Macht hat und welche Person oder Personengruppe keine Macht hat.

Marxistische Kapitalismuskritik erweist sich als zentral für das Verständnis von Kriegsursachen und damit als unverzichtbare Hilfe bei der Entwicklung von Friedenspolitik und, demokratischer und antifaschistischer Opposition gegen die Zukunftsgefährdungen und für eine andere, überlebensfähige Welt. Ohne eine Systemanalyse fährt die Bewegung nur auf Sicht im Nebel und geht der Kriegsgefahr nicht auf den Grund.

Die Friedensbewegung bedarf der Orientierungshilfe des Antikapitalismus, ohne gleich alle Mit-Engagierten auf den Sozialismus zu orientieren. Auch z.B. Konservative wollen leben, auch ihre Kinder haben dieses Bedürfnis. Sie sind immer wieder – wie die Höhepunkte der Bewegung zeigen, aktivierbar, sei es damals gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr, sei es gegen den Vietnam- oder Irak-/ Balkan-/ Afghanistan…-Krieg oder gegen die Mittelstreckenraketen der USA im Deutschland und Europa der 1980er Jahre.

Die Solidarität mit den Opfern/Betroffenen der Kriege zählt ebenso zu den wichtigen und traurig-schönen Aufgaben der Friedensbewegung, nicht aufzugeben. Das gilt auch im Angesicht des Rassismus gegen Kriegsflüchtlinge. Die Solidarität der Engagierten nannte der Austro-Marxist Leo Kofler einst den asketischen Eros der Bewegung für eine bessere Welt.

“You may say I’m a dreamer… imagine no possession, nothing to kill or die for”, John Lennon’s Dream ist so attraktiv wie die Liebe. Er mag naiv Klingen. Doch scheint mir eins wirklich unrealistisch zu sein: Davon auszugehen, dass die Menschheit überlebt, wenn sie immer länger und immer ausgefeilter bewaffnet am Rande des Abgrunds eines Krieges entlang schliddert. So gesehen haben wir nur die Wahl, anders zu leben, oder dereinst, was sehr bald sein kann, nicht mehr zu leben.

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(1) Future Vector, http://www.japcc.org/wp-content/uploads/Future_Vector_II_web.pdf S.141
(2) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13688465.html
(3) Max Otte: “Wir befinden uns im Wirtschaftskrieg USA gegen Europa”, http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2011/12/12538/
(4) http://www.hilifeev.com/site/1037/
(5) http://thebulletin.org/three-minutes-and-counting7938
(6) vgl. Marcuse u.a., Dialektik der Befreiung, Reinbek 1967, S. 21
(7) Die Juden in Europa, in: Gesammelte Werke, Band 4, Frankfurt am Main 1988, S. 308 f. Erstveröffentlichung in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. VIII/1939, zitiert und rezitiert in: http://de.scribd.com/doc/56793699/Wuf-Book-uber-Philosophie
(8) http://www.bund-rvso.de/wachstumskritik.html
(9) Marx Engels Werke, Band 23, Berlin/DDR, 71972 S. 788)
(10) http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart-1/linke-freiheit-durch-sozialismus-1463999.html
(11) Colin S. Gray, Victory is possible, F.Duve, Aufbrüche, Reinbek 1986, S. 519-523
(12) ebenda, S. 522
(13) http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomwaffen/Aktuell27_B61_web.pdf
(14) http://www.wri-irg.org/nonviolence/br67berrigan-de.htm

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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