Frankreich lockert wieder – die letzte Möglichkeit das Gesicht zu wahren?

Von Sean Henschel.

Wer in den letzten Wochen die deutsche Berichterstattung über Frankreich über sich ergehen ließ, kam wohl aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Berichterstattung reichte von schlecht gedrehten Dokumentationen (siehe „Die Pandemie-Polizei: Kontaktsperre-Kontrollen in Frankreich“) bis hin zu zahlreichen „Updates“ über die katastrophale Lage der wahnsinnig einschränkenden Maßnahmen in Frankreich. Die Ereignisse in Frankreich wurden der deutschen Öffentlichkeit wohlwollend als Gesellschaftskollaps verkauft. Leider ist das nur die halbe Wahrheit, besser ausgedrückt ein ziemlich verzerrtes Bild der Wirklichkeit vor Ort. Es ist zwar richtig, dass die bürgerlichen Freiheiten massiv eingeschränkt wurden und bis heute Ausgangssperren gelten. Was aber gerne verschwiegen wird oder möglicherweise auch nur unwissentlich nicht erwähnt wird, ist der tatsächliche Umgang der französischen Bevölkerung mit den in Kraft getretenen Regelungen.

Ja es gibt und gab strenge Regelungen in Frankreich und insbesondere in Paris. Eine Frage müsste aber hinzugefügt werden: halten sich die Franzosen auch tatsächlich alle immer daran? Antwort: es kommt drauf an.

Besonders hier werden die Mentalitätsunterschiede zwischen der deutschen und der französischen Gesellschaft deutlich. Man könnte es in pauschaler und plakativer Weise in einem Satz beschreiben. Wenn der Staat neue freiheitseinschränkende Maßnahmen erlässt fragt der eine wie, wann und wo man sie zu befolgen hat und der andere wie man sie umgehen kann. Es herrscht eine ganz andere Rechtskultur in beiden Ländern (siehe Begriff „Legal culture“).

Dies erklärt auch die fehlende Anwesenheit einer Hochkonjunktur von Besserwissern und Denunzianten, die bei jeder möglichen Gelegenheit ihre Bürgerpflicht wahrzunehmen versuchen und die Polizei oder das Gesundheitsamt bei Regelverstößen in vernünftiger Manier benachrichtigen.

In Deutschland wird dieses Denunziantentum teilweise kritisiert, verpönt, bis hin zum Fremdschämen verurteilt und als Wiederaufkeimen vergessener Preußischer Tugenden gewertet, ganz nach dem Sprichwort : „Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen“. Es bleibt aber doch anzuerkennen dass das offizielle „Melden“ von Regelverstößen, sei es auch nur die kleinste Bagatelle, in der deutschen Kultur seinen Platz an der „richtigen“ Stelle wohlgemerkt wiederfindet.

Wer kann von sich behauptet noch nie erlebt oder zumindest davon gehört zu haben, dass die Nachbarn die Polizei gerufen haben, weil bei einer Party zu laute Musik gespielt wurde oder weil die nicht vorher angemeldete Party wohl doch bis 4:00 morgens ging? Und wenn Regelverstöße nicht „offiziell“ gemeldet werden, dann bleiben sie unter allen erdenklichen Umständen kommentierungsbedürftig. Ein flüchtiges oder versehentliches Wechseln auf die falsche Fahrbahnseite als Radfahrer oder Fußgänger löst die unmittelbare Gefahr grimmiger Kommentare hervor. Im Land der Fahrradhelme, Reflektorenwesten und Reflektorenbänder wird man immerhin in Ruhe gelassen, wenn man nicht in voller Sicherheitsmontur unterwegs ist.

Die Beschreibung klingt zugegebenermaßen etwas abwertend, sollte aber mit einem gewissen Humor betrachtet werden und als Stütze zur Gegenüberstellung gewisser Kulturunterschiede dienen. Genauso könnte man die lästigen und oftmals anstrengenden Gewohnheiten der französischen Bürger beschreiben und sich darüber lustig machen. Vielleicht gehört es zu den Vorzügen der Mehrstaatlichkeit dazu, sich nicht gänzlich mit einer Kultur oder einer Mentalität identifizieren zu müssen und zwischen den Positionen wechseln zu können. Eine Art Rosinenpicken also.

Diese Mentalitätsunterschiede sollten bei der Berichterstattung deutscher Medien über die Lage in Frankreich berücksichtigt werden, sodass es verfrüht und unangemessen wäre, sofort auf eine vorsätzliche Lückenpresse zu schließen.

In Frankreich waren im Jahre 2020 die Maßnahmen zweifellos in den Anfängen von besonderer Härte geprägt. Was das Jahr 2021 anbetrifft, blieben Bar- und Restaurantbesuche weitgehend unmöglich, auch wenn man durchaus an vielen Ecken ein Bier kaufen kann und es dann draußen mit einem Abstand von 5 Meter trinken darf – oder vielleicht auch eigentlich nicht darf. Genau hat das wohl niemand wirklich gewusst und interessieren tut es auch die wenigsten. Was die Straßen in Paris anbelangt, sind diese voll wie immer, der tägliche Humor und das Witzeln über die Regierenden sind geblieben. Der Staat wird wohl sehr ungern Statistiken über die privaten Verhaltensweisen der eigenen Funktionäre in Auftrag geben wollen. Wie viele der jungen Menschen, die im französischen Staatsapparat arbeiten, hielten die strengen Haushaltsregelungen wohl tatsächlich ein? Und wenn sie doch zu der einen oder anderen Party eingeladen wurden: wie viele trugen dort wohl wirklich eine Maske? Generell tragen viele ihre Masken nur, wenn die Polizei auf der Straße vorbeifährt, obwohl diese die Regeln ohnehin nur nach ganz eigenen „Maßstäben“ durchsetzen. Wenn überhaupt kontrolliert wird, dann nimmt das racial profilling die erste Stelle ein.

Das Katz-und-Maus-Spiel auf, vor und neben den weitläufigen Treppen des Sacré-Coeur in Montmartre zwischen Polizeibeamten und Bürgern geht schon seit mehreren Monaten. Jede Stunde kommen Polizeibeamten vorbei und jagen die Bürger von den Treppen und bemängeln halbherzig die fehlenden Sicherheitsabstände. Laut Gesetz muss im Freien eine Maske getragen werden. Ein Verstoß dagegen wird von der Polizei oftmals ignoriert oder wenn dann nur halbherzig gerügt. Solche Szenen spielen sich auch an den beliebten Ufern der Pariser Kanäle und den großen Plätzen ab. Die Polizei ist immer irgendwo dabei, aber was die den ganzen Tag genau machen, weiß keiner wirklich so recht. Ansonsten herrscht keine nennenswerte Polizeipräsenz auf den Straßen. Die seit den Terroranschlägen 2015 patrouillierenden Polizisten und Fremdenlegionäre an den Bahnhöfen sind aber geblieben.

Die französischen Lockerungen in vier Schritten, die der französische Präsident Emmanuel Macron der französischen Öffentlichkeit vorgestellt hat, kommen zu einer Zeit, in der das ganze System der freiheitseinschränkenden Corona-Maßnahmen jegliche Wirksamkeit offensichtlich verfehlt hat. Es fehlte schlicht und ergreifend an der tatsächliche Möglichkeit der Durchsetzbarkeit der Corona-Maßnahmen seitens des Staates. Ein konsequentes Durchsetzen hätte massivste Staatsgewalt vorausgesetzt und zum Aufbau eines signifikanten gesellschaftlichen Drucks geführt. Dafür war und ist die französische Gesellschaft nicht genügend zugänglich, wie dies beispielsweise in Deutschland der Fall ist. Man kann Barbesuche verbieten und der französischen Gesellschaft zwei Monate soziale Kontaktminimierung aufzwingen. Wenn aber nach zwei Monaten noch weitere Abstinenz von der französischen Lebenskultur abverlangt wird, muss man mit besonders überzeugenden Argumenten nachziehen. Augenscheinlich haben tägliche Inzidenzzahlen, R-werte und Krankenhausaufenthalte nicht gereicht. Eine schwierige Angelegenheit für ein politisches System, was nicht erst seit der Gelbwestenbewegung den Stempel aufgedrückt bekommen hat, lediglich eine politische Kaste elitärer Schmarotzer zu sein.

Der französische Präsident kämpft um seinen Wahlkamp und versucht einen Weg zu finden um irgendwie zurückzurudern. Die letzten Verschärfungen waren clever geregelt, sie enthielten auf dem Papier „Verschärfungen“ waren aber in der Praxis eigentlich als Lockerungen zu verstehen. Es war eine Möglichkeit in der europäischen Staatengemeinschaft nicht stärker unter Druck zu geraten und dabei seinen Imageschaden nicht weiter voranzutreiben. Eine Verpflichtung Formulare auszufüllen um auf die Straße zu gehen klingt besonders freiheitseinschränkend, doch was ist wenn keiner kontrolliert? Und was ist, wenn man innerhalb von 2 Minuten immer wieder ein neues Formular auf dem Handy runterladen kann mit neuer Uhrzeit, falls doch kontrolliert wird? Solche Beispiele könnten ewig ausgeführt werden und sprechen nicht für besonders effektive und heftige Maßnahmen.

Trotz des Chaos und der Schäden die entstanden sind, gibt es in Frankreich einen Weg der Versöhnung zwischen den Menschen mit Meinungsverschiedenheiten, ein wieder zusammenkommen, ein wieder gemeinsames Erleben. Das Leben in Frankreich nimmt wieder Fahrt auf, die freundschaftlichen Wunden, die es auch geben wird, werden verheilen. Ob dies auch für Deutschland gilt, wo Tag für Tag die Bevölkerung ideologisch über eine ungeheuerlichen Vielzahl von Stigmas gespalten wird? Die abwertenden Begrifflichkeiten mit denen herumgeworfen wird, hat eine beträchtliche Länge gewonnen: Corona-Leugner, Corona-Skeptiker, Corona-Verharmloser, Coronaschwurbler, Coronarebellen, Covidiot, Schwurbler, Verschwörungstheoretiker, Verschwörungsideologen, Verschwörungsmystiker…

Die Corona-Krise in Frankreich sollte also aus ganz verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Fehleranfällig bleiben insbesondere Beschreibungen ausländischer Medien, die offensichtlich die Rechtskultur des Landes keineswegs verstanden haben. Da bietet es sich nur an, das Land selbst zu bereisen, wenn da bloß nicht die eigene Regelkonformität im Wege stünde und die Angst vielleicht ein „Corona-Reisespreader“ genannt zu werden?

Quellen:

  1. https://www.youtube.com/watch?v=2JO4ReMvwb4
  2. https://en.wikipedia.org/wiki/Legal_culture
  3. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/coronavirus-frankreich-lockerungen-101.html

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: privat: Basilika vom Heiligsten Herzen in Montmartre

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