Es geht uns um das Leben

Zuspitzung der Lage im Hambacher Forst

Eine Redebeitrag [vom 8.9.2018] von Bernhard Trautvetter.

Unser Protest gegen die profitorientierte und von der Stadt Essen finanziell mitverantwortete Naturzerstörung richtet sich nicht alleine dagegen, dass in den letzten 40 Jahren ein einzigartiges Waldgebiet mit teils über tausend Jahre alten Bäumen weiter dahingerafft wird. Der Hambacher Forst mit seinen einzigartigen  Hainbuchen ist von 4100 HA auf jetzt wenige hundert zusammen gestutzt.

Es geht nicht nur um die circa einhundert Hektar, die RWE als Besitzer des Gebietes abholzen will, in dem einige Dutzend Baumhäuser von Umweltschützern den Wald gegen die von RWE betriebene Rodung verteidigen wollen. Es geht auch nicht nur um Nachrichten und Ministeräußerungen, die die Naturschützer als gewaltbereit kriminalisieren, um damit ihr Vorgehen gegen sie zu legitimieren. Die ungefähr 200 meist jungen Aktivisten setzen ihre Körper für den zivilen und friedlichen Ungehorsam ein, um das Leben der Natur vor der Rendite-Fixiertheit des Großkonzerns RWE zu schützen. RWE will dort insgesamt zwei Mrd. Tonnen Braunkohle abbauen. Das ist in der Tat hilfreich für die Gewinnerwartung. Dabei stört die Kohlekommission. Deshalb erhöht RWE den Druck, bevor deren Beschlüsse ihre Profitaussichten schmälern könnten. Nicht einmal das Argument des Konzerns, Arbeitsplätze mit der Rodung schützen zu wollen, ist haltbar, denn in den bisher gerodeten Bereichen des Tagebaugebietes gibt es noch andere Bereiche für die Förderung.

Mit unserem Widerstand gegen die Braunkohle und den RWE-Konzern leisten wir zudem auch einen Beitrag zum Versuch, das Überleben der Menschheit wahrscheinlicher zu machen.

Wir wollen die Menschen aufwecken, dass das Schlafwandeln in den Abgrund des Weiter-So aufhört. Der Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose, RWE-Kraftwerke erbringen Strommengen, die über dem Verbrauch vieler Staaten liegen. Wir handeln aus Verantwortung für unser Leben und das der Menschheit.

Wenn die Weltgemeinschaft die Zukunftsgefährdungen abwenden kann, dann muss eine sehr rasche Transformation der Energienutzung erfolgen, weg von der Verbrennung fossiler Stoffe, hin zu nachhaltigen Energieformen.

Die Stadt Essen beispielsweise darf nicht länger Anteil an der Zukunftsgefährdung durch RWE haben. Sie hat die Verantwortung, Schlimmeres im Interesse von uns Lebenden und erst recht im Interesse unserer Kinder und deren Kindeskindern, von denen wir die Welt nur geborgt haben, zu verhindern.

Die Menschheit emittiert in die Atmosphäre nicht nur Gase, die unter dringendem Verdacht stehen, zur immer bedrohlicheren Erwärmung der Erdatmosphäre beizutragen. Es kommt auch zu riesengroßen Einbringungen an Energie in die Erdatmosphäre, die im Vergleich zu den Ausmaßen der Erde so hauchdünn ist, wie eine Lackschicht auf einer Kugel. Nach einer Rechnung der Wissenschaftsredaktion des Deutschlandfunks bräuchte man circa 23 Bäume, um die CO2-Emissionen zu kompensieren, die alleine von Googles Suchmaschinen in nur einer Sekunde ihres Betriebes verursacht werden.(1) Schon in unseren Tagen sind die Auswirkungen der Klimakatastrophe weltweit für alle spürbar und dramatisch. Über Japan tobte dieser Tage der stärkste Hurrikan seit 25 Jahren.(2) Einige Regionen Europas erfuhren dieses Jahr den wärmsten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen vor knapp zweieinhalb Jahrhunderten.(3)

Die Skeptiker gegenüber den Klima-Warnungen müssen genauso wie alle Menschen damit rechnen, dass das eintritt, wovor die meisten Meteorologen warnen: Selbst wenn die Menschheit das Ziel der Umweltkonferenz von Paris wirklich realisieren sollte und die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad in diesem Jahrhundert begrenzt, dann besteht immer noch die Gefahr, dass sich die Klima-Entwicklung zur Katastrophe auswächst, bei der bestimmte Folgeprozesse sich gegenseitig so verstärken, dass alles außer Kontrolle geraten kann: Alleine das Abrutschen des Grönlandeises, das auf einer rutschigen Schicht aus Schmelzwasser und Schmierschlamm Halt verlieren kann, kann den Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen lassen.(4) An Meeresküsten leben nicht nur viele Millionen Menschen, nicht nur in den Niederlanden und Bangladesch; dort befinden sich weltweit auch Atomreaktoren wie zum Beispiel die von Fukushima. Atomreaktorkerne bedürfen ständiger Kühlung, um nicht außer Kontrolle zu geraten. Alleine die durch den Anstieg des Meerwasserspiegels drohenden Gefahren können eine unvorstellbare Katastrophe auslösen. Das Klima verhält sich nicht wie eine Batterie, die langsam Spannung verliert. Es gibt Rückkoppelungseffekte, die zu Kipp-Punkten führen, sprunghaften Einschnitten, nach denen vieles unwiederbringlich nicht mehr so wie vorher ist: Das derzeit gleichzeitige Abschmelzen der Polkappen, der Rückgang der Gletscher, die Zunahme ungewöhnlicher Wetter- und Klima-Ereignisse, Dürren und in anderen Gebieten Sintflutregen mit Monsterstürmen dieses gleichzeitige Auftreten vieler solcher Abweichungen vom Gewohnten, das alles ist wohl eine Alarmleuchte nach und neben der anderen zu verstehen, mit der der Planet uns zur Umkehr aufruft. Nehmen wir nur einmal die Problematik der Eisschmelze: Wenn die Eisregionen der Erde nicht mehr wie gewohnt vorhanden sind, dann droht weltweit Wassermangel. Nur circa ein Viertel der Wasserreserven der Erde sind Grundwasser und Binnengewässer.(5) Alles weitere Süßwasser befindet sich in den Eisregionen. Noch. Wenn sich das ändert, dann endet auch Europas Reichtum und Fruchtbarkeit, weil Strömen wie Rhein und Donau der Nachschub versiegt.

Heute ist der weltweite Tag für Nukleare Abrüstung und globales Überleben. Der Aufruf zur gleichzeitigen Aktion in San Franzisco fordert ‚Keine Nukes, keine Kriege, keine Klimakatstrophe!‘.(6) Beide Gefahren, die der Klimakatastrophe und die der Atomrüstung gefährden die Menschheit.

Es ist sonnenklar: So, wie bisher, darf es nicht weitergehen. Wir brauchen regenerative Energien, eine Abkehr von der Ressourcenvergeudung und Abrüstung, wenn wir als die Zukunft unserer Gattung nicht im Keim ersticken wollen.

Es reicht uns nicht, dass RWE die Räumung des Hambacher Forstes und das weitere Abholzen bis zu einer Gerichtsentscheidung Mitte Oktober aussetzt.

Wir verlangen von Kommunen wie der Stadt Essen, dass sie keine RWE-Aktien mehr besitzen.

Wir protestieren gegen den Braukohle-Abbau des Stromriesen RWE, und wir fordern den Ausbau alternativer Energien und Energieeinsparung durch sparsameren Verbrauch.

Und wir verbinden unser Engagement mit der weltweiten Bewegung. Die Mit-Engagierten in San Franzisco enden ihren Aufruf für den heutigen Samstag (8.9.18) mit der Erklärung: ‚Wir greifen heute zur Aktion und an jedem nun folgenden Tag, um das Leben gegen die Gefahr des Nuklearkriegs und des Klima-Kollapses zu retten. Wir stehen heute in Solidarität auf, um eine ökologisch nachhaltige und nuklearfreie Welt morgen zu erreichen.‘(7)

In diesen Rahmen betten sich all unsere Forderungen auch an unsere Kommune hier und heute ein.

Die Solidarität ist die Kraft, die uns nicht aufgeben lässt. Der lange Atem der Umwelt- und Friedensbewegung, unser langer Atem entspringt unserem unbedingten Wunsch, in einer Welt leben zu wollen, die fruchtbar und zukunftsfähig ist. Aus Liebe zu uns, zu einander, zu unseren Kindern und so weiter. Unser Engagement hört so schnell nicht auf. Leider werden wir noch viele Anlässe für unseren Protest finden. Wir werden nicht nachlassen, denn es geht uns ums Ganze, um das Leben.

(1) https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/co2-abdruck-jede-sekunde-googeln-verbraucht-23-baeume

(2) http://www.spiegel.de/panorama/japan-mindestens-elf-menschen-sterben-bei-taifun-jebi-a-1226641.html

(3) https://www.greenpeace-magazin.de/ticker/waermster-sommer-seit-240-jahren-prag

(4) http://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Kipppunkte_im_Klimasystem

(5) https://www.planet-wissen.de/natur/klima/gletscher/pwiegletscherschmelze100.html#Wasserknappheit

(6) http://www.wslfweb.org/docs/climatemarch918.pdf

(7) ebenda

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Bildhinweis: Brown coal open pit, earth layers with excavator in the picture. Forest in the background.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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