Der Erschießung von Basil al-Araj bringt die Autonomiebehörde in Bedrängnis

Der Erschießung von Basil al-Araj, einer Symbolfigur des neuen palästinensischen Widerstands durch die israelische Armee, bringt die Autonomiebehörde in Bedrängnis.

„Stirb nicht, bevor Du zu Tau geworden bist.“

Am 17. März 2017 wurde der 31-jährige Basil al-Araj im Dorf al-Walaja bei Bethlehem zu Grabe getragen. Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Palästinenser/innen nahmen am Trauerzug und der Beerdigung teil.

Basil al-Araj war in der Nacht von 5. auf den 6. März in einer Wohnung in der nahe Ramallah gelegenen Stadt al-Bireh in der Westbank von der israelischen Armee erschossen worden. Israel hatte nach wochenlanger Suche den Aufenthaltsort eines der meistgesuchten Palästinenser ausfindig gemacht und wollte ihn verhaften. Doch Basil al-Araj ergab sich nicht kampflos, sondern lieferte sich ein zweistündiges Gefecht mit der israelischen Armee. Schließlich gingen ihm die Patronen aus und die Soldaten erschossen ihn. 21 Kugeln durchsiebten seinen Körper.

Der 31-jährige Basil war ein bekannter Aktivist und ein Vertreter des neuen palästinensischen Widerstandes. Geboren wurde er in al-Walaja, in Kairo studierte er Pharmazie. Nach seiner Rückkehr arbeitete er kurzzeitig in einer Apotheke im Flüchtlingslager Shu’fat bei Jerusalem, bevor er sich politischen und historischen Studien zuwandte. Sein Schwerpunkt war die Geschichte des palästinensischen Widerstandes, angefangen beim Guerillakampf von 1936-1939 bis zur bewaffneten Intifada von 2000-2003. Um die palästinensische Jugend mit dieser Geschichte vertraut zu machen, organisierte er Touren zu den Schauplätzen des palästinensischen Widerstandes. Parallel dazu veröffentlichte er unter Pseudonym zahlreiche Artikel. Er wandte sich kategorisch gegen jede Normalisierung des zionistischen Siedlerkolonialismus und trat für die Widerstandsoption und den bewaffneten Kampf ein.

Basil al-Araj war die beispielhafte Verkörperung eines neuen Typus von Widerstandskämpfer. Er war ein Intellektueller und Militanter zugleich. Während eines Vortrages im Jahr 2015 erklärte er: „Wenn Du ein Intellektueller sein willst, mußt Du ein militanter Intellektueller sein, sonst ist Dein Intellekt nutzlos.“ Basil wurde von seinen Freunden „Fanon“ genannt, weil er sich vor allem von den Schriften des Theoretikers des algerischen Befreiungskampfes Frantz Fanon – Verfasser von „Die Verdammten dieser Erde“ –  inspirieren ließ. Sein Zuhause waren die Barrikaden und das Rednerpult zugleich. Während er sich einerseits mit den theoretischen Grundlagen des anti-kolonialen Befreiungskampfes beschäftigte, setzte er seine Erkenntnisse direkt in die Praxis um. Seine Aktivitäten waren vielfältig. Neben Führungen zu den Schauplätzen der Geschichte des palästinensischen Widerstands seit den 1930er Jahren, beteiligte er sich auch an der BDS-Kampagne sowie Demonstrationen und Straßenschlachten mit der israelischen Armee/Polizei.

Im Frühjahr 2016 wurde Basil mit fünf seiner Gefährten auf Anweisung Israels von der Autonomiebehörde verhaftet, gefoltert und ohne Anklage über ein halbes Jahr in Haft gehalten. Israelische Medien berichteten, die Gruppe habe Angriffe auf israelische Ziele geplant. Entlassen wurden die sechs jungen Männer nur, weil sie in den Hungerstreik traten und es große Solidarität mit ihnen gab. Doch nicht lange nach ihrer Entlassung aus den Gefängnissen der Autonomiebehörde wurde vier der sechs Männer erneut verhaftet, diesmal von Israel. Basil ging in den Untergrund. Unter falscher Identität mietete er in al-Bireh bei Ramallah eine Wohnung an, wo er einige Monate unentdeckt zu bleiben vermochte. Dass die israelische Armee seinen Aufenthaltsort schließlich herausfand, wird von vielen Palästinenser/innen auf die  Kollaboration des Repressionsapparates der Palästinensischen Autonomiebehörde mit Israel zurückgeführt. Der Zorn über die Ermordung Basils trifft daher nicht nur Israel, sondern auch die Autonomiebehörde.

Seit der Ermordung Basils haben mehrere Demonstrationen stattgefunden, die die Beendigung der Kollaboration mit Israel, die Aufkündigung der Oslo-Abkommen und den Rücktritt der Autonomiebehörde fordern. Die Familie von Basil al-Araj verkörpert die zunehmende Ablehnung der  Autonomiebehörde sehr deutlich. Deren Vertretern wurde der Zugang zum Trauerzelt für Basil verweigert und die Familie lehnte es ab, mit der Autonomiebehörde nahe stehenden Medien zu sprechen.

Israel weigerte sich fast zwei Wochen, den Leichnam Basils herauszugeben. Es machte strenge Vorgaben, auf welche Weise er beerdigt werden solle. Doch die Familie und die Bewohner von Basils Dorf lehnten ab. Als Israel vorschrieb, dass bei der Beerdigung keine palästinensischen Fahnen gezeigt werden dürfen, wurde die ganze Straße, in der das Haus der Familie liegt, mit palästinensischen Flaggen geschmückt. Am Ende gab Israel nach, und die Beerdigung fand so statt, wie die Familie es wünschte. Unzählige Palästinenser/innen kamen, um der Familie zu kondolieren. Auf einer Demonstration am 6. März in Ramallah wurde gerufen: „Basil ist nicht tot. Basil ist die Kerze, die den Weg erleuchtet.“

Basil al-Araj gehörte zu der neuen Generation von Palästinenser/innen, die begonnen haben, den palästinensischen Befreiungskampf zu reorganisieren. Da sie um die Zeit der Unterzeichnung  der Oslo-Abkommen herum geboren wurden, werden sie die Oslo-Generation genannt. Diese jungen Palästinenser/innen glauben nicht mehr an die falschen Friedensversprechungen und auch nicht an die falschen Verheißungen des Neoliberalismus.

Im Zuge der arabischen Aufstände von 2011 bildete sich auch in allen Teilen des historischen Palästinas eine unabhängige Jugendbewegung, die sich gegen den zionistischen Siedlerkolonialismus, die Oslo-Abkommen und die Palästinensische Autonomiebehörde  gleichermaßen richtet. Die jungen Palästinenser fühlen sich durch die traditionellen PLO-Organisationen nicht mehr vertreten, die allesamt Teil des Oslo-Systems sind, auch wenn einige sich bisweilen verbal dagegen stellen. Auch die islamistischen Organisationen entsprechen nicht ihren Wünschen und Vorstellungen. Diese Jugendbewegung war die Trägerin der Mini-Intifada, die im Oktober 2015 begann und bis etwa Frühjahr 2016 anhielt. Diese markierte den Beginn eines neuen Kampfzykluses unter der Führung der jungen Palästinenser/innen. Neben täglichen heftigen Konfrontationen mit der israelischen Armee oder Polizei an Checkpoints, Militärstützpunkten und Siedlungen, unternahmen die jungen Palästinenser mit Messern, Autos und Schußwaffen hunderte von Angriffen auf zionistische Soldaten und Siedler.

Die Messer- und Autoattacken sind seither sehr stark zurückgegangen, dafür haben die Angriffe mit Schußwaffen zugenommen. So wurde im Januar 2017 in der Hafenstadt Haifa im Norden Israels ein israelischer Siedlerkolonialist erschossen und mehrere verletzt. Am Tag von Basils Beerdigung lieferten sich Palästinenser im Flüchtlingslager Jalazoun bei Ramallah ein Gefecht mit der israelischen Armee, bei Jenin im Norden der Westbank wurde ein israelischer Militärcheckpoint von Militanten beschossen.

Die jungen Palästinenser/innen sprechen wieder von Befreiung und der Wiedererlangung aller palästinensischen Rechte, einschließlich des von der UNO garantierten Rechte auf Rückkehr und Selbstbestimmung. Ihr Horizont ist das ganze historische Palästina. Die Jugendbewegung organisiert sich nicht nur in der Westbank und im Gaza-Streifen, sondern auch innerhalb der Grünen Linie. Damit wird die seit 1948 bestehende politische Trennung zwischen den Palästinenser/innen innerhalb des Kernstaates Israel und denen in den 1967 besetzten Gebieten erstmals überwunden. Die Militanz der neuen Generation ist kein Ausdruck von Frustration oder Verzweiflung, wie es Linkszionisten meist sehen, sondern entspringt dem klaren politischen Bewußtsein aller anti-kolonialen Befreiungsbewegungen, dass noch keine Kolonialmacht, ihren (Siedler-) Kolonialismus freiwillig aufgegeben hat. Die jungen Palästinenser/innen haben aus der Beschäftigung mit der Geschichte anti-kolonialer Kämpfe gelernt, dass eine Kolonialmacht der einheimischen Bevölkerung ihre Rechte erst dann zugesteht, wenn der Preis, den sie für ihre fortgesetzte Kolonialpolitik zahlt, zu hoch wird.

Da Basil ein so bekannter, geschätzter und beliebter Kämpfer und Intellektueller war, wird sein Tod bedeutende Folgen haben. Auf Demonstration wurde bereits gerufen: „Ihr Hunde vom Schabak (israelischer Inlandsgeheimdienst): Die Konfrontation kommt“ und „Wir wollen keine Gewaltfreiheit und keine Melonen. Wir wollen Gewehrkugeln und Raketen“ (auf Arabisch reimt sich das). Die ersten Basil-T-Shirts sind bereits im Umlauf, Wandbilder und Zitate von Basil zieren die Wände vieler Flüchtlingslager in Palästina und dem Libanon sowie der Städte der Westbank und des Gaza-Streifens.

Die Erfahrung anderer Befreiungskämpfe zugrunde gelegt, würde es nicht wundern, wenn demnächst eine bewaffnete Gruppe auftaucht, die den Namen Basil al-Araj trägt.

Petra Wild ist Islamwissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten Palästina-Frage sowie Widerstand und Revolution in der arabischen Welt. Sie ist Autorin der Bücher „Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat“ (Wien 2013) und  „Die Krise des Zionismus und die Ein-Staat-Lösung. Zur Zukunft eines demokratischen Palästinas“ (Wien 2015).

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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