Einheitsfront im deutschen Gottesstaat

von Susan Bonath.

Evangelischer Kirchentag auf Seiten der Imperialisten: Militär, Staat und protestantische Kirchenführer verteidigen Hand in Hand die NATO-Kriege

Beim Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg geht es so politisch wie militärisch zu. Unter dem Deckmantel der »frohen Botschaft« demonstrierte die Kirche vor allem ihre Einheit mit dem politischen Apparat und der Bundeswehr. Von der im Grundgesetz manifestierten »Trennung von Staat und Kirche« war ebenso wenig erkennbar wie vom christlichen Gebot »Du sollst nicht töten«. Gemeinsam rechtfertigten »Thron und Altar« die Kriegseinsätze der NATO.

Zum Auftakt des Kirchentages am Mittwochabend spielte die Big Band der Bundeswehr auf. Tags darauf verteidigte Ex-US-(Kriegs-)Präsident Barack Obama die Drohnenmorde im Zuge seines »War on Terror«. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) neben ihm trat vehement für Massenabschiebungen ins zerstörte, weiterhin kriegsgeschüttelte Afghanistan ein. Am Freitag hielt Militärbischof Sigurd Rink einen Gottesdienst vor ausgewählten Vertretern aus Politik, Bundeswehr und Kirche ab. Ganz vorne mit dabei waren Kriegsministerin Ursula von der Leyen, Innenminister Thomas de Maizière und der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Erstere gebärdete sich höchstselbst als Laienpredigerin vor der elitären Runde.

Das alles erscheint wie eine clevere Werbekampagne zum beiderseitigen Vorteil: Der deutschen Kirche entschwinden nicht nur die Akzeptanz, sondern immer mehr Beitragszahler. Eine Verflechtung mit dem Militär und damit dem Staatsapparat verschafft ihr politisches Gewicht und materielle Vorteile. Der Bundeswehr fehlt es zwar nicht an neofaschistischen Netzwerken in ihren eigenen Reihen, deren Auffliegen die Medien aktuell beklagen, aber an Rekruten und Offizieren. Je enger ihr Verbund mit der Kirche, hofft die Truppe vermutlich, desto mehr wachse ihr moralisches Ansehen in der »Mitte der Gesellschaft«.

Überraschend kommt die öffentlich demonstrierte Kollaboration nicht. Seit Jahrzehnten kümmern sich sowohl die evangelische als auch die Katholische Kirche Deutschlands um Soldaten. Beide betreiben insgesamt je rund 200 Militärpfarrämter in der Bundesrepublik. Die Katholiken sind zudem im Ausland militärseelsorgerisch aktiv, so in Italien, Belgien, Frankreich, Portugal, Spanien, der Türkei und den USA. Kirchenmänner begleiten Truppenteile außerdem zu Kriegseinsätzen. Zum Beispiel ist der evangelische Pfarrer Johannes Waedt in Mali mit dabei, wie der Deutschlandfunk im April berichtete.

»Die Kirche wirkt systemstabilisierend«, sagte der Hamburger Ex-Pastor Christian Arndt am 15. April in einem Interview mit der Tageszeitung »junge Welt«. Im vergangenen Jahr sei Militärbischof Rink etwa in einer Stellungnahme zum Weißbuch der Bundeswehr mit keinem Wort darauf eingegangen, »dass die Bundeswehr in Fortschreibung mit der Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992 zur Abschottung Europas gegen Flüchtlinge eingesetzt wird, zur Sicherung der Energie- und Rohstoffversorgung und der Absatzmärkte – kurz: zur Durchsetzung deutscher Kapitalinteressen«.

»Das, was allen christlichen Werten widerspricht, wird einfach akzeptiert«, mahnte Arndt. Darum sei die Kirche, auch wenn sie so anmute, keineswegs unpolitisch. Im Gegenteil: »Stellungnahmen des leitenden Kirchenpersonals unterscheiden sich oft nicht von denen der politischen Elite.« Die meisten evangelischen Pastoren fühlten sich dem Staatsinteresse verpflichtet, ist Christian Arndt überzeugt.

Dass dies schon lange Tradition ist, untermauerte der 73-jährige mit einem Zitat von Adolf Hitler: »Ob protestantischer Pastor oder katholischer Pfarrer, sie tragen beide gemeinsam im Kriege unendlich bei zum so langen Erhalt unserer Widerstandskraft.« Nach 1945 hätten beide Kirchen den neuen Aufbau Militärseelsorge verschwiegen. Führende Geistliche seien damals Parteigänger der Nazis gewesen, erklärte er. Nach Kriegsende hätten diese »ganz unverfroren in der evangelischen Kirche das Ruder übernommen«. »Aus der großen Menge nenne ich mal Hans Lilje, Otto Dibelius und Hermann Kunst«, personifizierte Arndt seine Vorwürfe. Bis heute würden jene jedoch als »bedeutende Persönlichkeiten des Protestantismus im 20. Jahrhundert« gefeiert. »Das kommt einer Verhöhnung der Opfer des Faschismus gleich«, kritisierte er.

Auch aktuell, betonte der Ex-Pastor, segne die Kirche alle deutschen Kriegseinsätze ab. Unter anderem zum Afghanistaneinsatz habe sie sich mehrfach fürsprechend positioniert, selbst nach dem Massaker bei Kundus. »Es fehlt der Kirche mehrheitlich an jedem Bewusstsein für die weltweit katastrophalen Auswirkungen des Neoliberalismus.« Denn alles werde dem Markt unterworfen, auch biblische Traditionen vom Widerstand gegen menschenverachtende Strukturen.

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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